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BGH Beschluss vom 18.01.2000 – KVR 23/98
Kartellsenat
BUNDESGERICHTSHOF
KVR 23/98
BESCHLUSS
Verkündet am: 18. Januar 2000 Walz Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
in der Kartellverwaltungssache
Nachschlagewerk: ja BGHZ : nein BGHR : ja
GWB § 20 Abs. 1, § 19 Abs. 2
Tariftreueerklärung II
a) Geht es um die Marktstellung eines Nachfragers von Bauleistungen, be- schränkt sich der räumlich relevante Markt nicht auf das Gebiet, in dem die nachgefragte Leistung erbracht werden soll. Zum räumlich relevanten Markt gehören auch andere Nachfrager, soweit die von ihnen nachgefragten Leistun- gen aus der Sicht der Marktgegenseite als Ausweichmöglichkeit in Betracht kommen.
b) Sind die öffentlichen Auftraggeber bei der Vergabe von Straßenbauleistungen bemüht, durch das Verlangen der Abgabe von Tariftreueerklärungen die heimi- schen Anbieter vor auswärtiger Konkurrenz zu schützen, kann dies darauf hin- deuten, daß zwischen ihnen als Nachfragern kein wesentlicher Wettbewerb be- steht.
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c) Die Praxis des Landes Berlin, nur an solche Unternehmen Straßenbauauf- träge zu vergeben, die sich zur Einhaltung der geltenden Lohntarife verpflich- ten (sog. Tariftreueerklärung), verstößt - soweit es ohne eine gültige gesetzli- che Grundlage geschieht - gegen das Diskriminierungsverbot des § 20 Abs. 1 GWB.
GG Art. 74 Abs. 1 Nr. 12, Art. 9 Abs. 3; Bln VergabeG v. 9. Juli 1999 (GVBl. S. 369) § 1 Abs. 1 Satz 2; GWB § 97 Abs. 4
Es wird eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu der Frage einge- holt, ob § 1 Abs. 1 Satz 2 des Berliner Vergabegesetzes mit Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, mit Art. 31 GG - i.V. mit § 5 TVG und i.V. mit § 20 Abs. 1 GWB - sowie mit Art. 9 Abs. 3 GG vereinbar ist.
BGH, Beschl. v. 18. Januar 2000 - KVR 23/98 - Kammergericht
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Der Kartellsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhand-
lung vom 16. November 1999 durch den Präsidenten des Bundesgerichtshofes
Geiß und die Richter Prof. Dr. Goette und Ball, die Richterin Dr. Tepperwien und
den Richter Dr. Bornkamm
beschlossen:
I. Das Verfahren über die Rechtsbeschwerde des betroffenen Landes
wird ausgesetzt.
II. Die Sache wird gemäß Art. 100 Abs. 1 GG, § 80 BVerfGG dem
Bundesverfassungsgericht zur Entscheidung über die Frage vorge-
legt, ob § 1 Abs. 1 Satz 2 des Berliner Vergabegesetzes vom 9. Juli
1999 (GVBl. S. 369) mit Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, mit Art. 31 GG -
i.V. mit § 5 TVG und i.V. mit § 20 Abs. 1 GWB - sowie mit Art. 9
Abs. 3 GG vereinbar ist.
Gründe:
A.
Das betroffene Land Berlin fordert u.a. im Rahmen der Vergabe von Stra-
ßenbauaufträgen eine sogenannte Tariftreueerklärung, mit der sich die Bieter für
den Fall der Auftragsvergabe verpflichten, ihre zur Erledigung des Auftrags einge-
setzten Mitarbeiter nicht unter den jeweils geltenden Berliner Lohntarifen zu ent-
lohnen. Diese Übung geht zurück auf ein Rundschreiben der Senatsverwaltung für
Bau- und Wohnungswesen vom 9. Februar 1995, das u.a. an alle Senatsverwal-
tungen und Bezirksämter gerichtet war und in dem es hieß:
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Im Hinblick auf die Wahrung eines geordneten Wettbewerbs insbesondere auf dem Arbeitsmarkt ist die Einhaltung tarifvertraglicher Bestimmungen von besonderer Be- deutung. Öffentliche Bauaufträge Berlins dürfen deshalb nur an Bieter vergeben wer- den, die mit dem Angebot eine Erklärung zur Tariftreue abgegeben haben. Bereits bei der Ausschreibung ist auf diese Verpflichtung hinzuweisen.
Ab sofort sind bei der Vergabe von öffentlichen Bauaufträgen Berlins folgende Ver- pflichtungen in die “Besonderen Vertragsbedingungen” (BVB) unter Nr. 9 aufzuneh- men und damit zum Vertragsbestandteil zu machen:
Die beigefügte Erklärung zur Einhaltung der geltenden Berliner Lohntarife so- wie die Tariftreueerklärung werden Vertragsbestandteil. Bei Verstoß gegen diese vertragliche Vereinbarung wird der Auftragnehmer für die Dauer von zwei Jahren, gerechnet ab dem Zeitpunkt der Feststellung, von der Vergabe öffentlicher Aufträge ausgeschlossen.
Es wird gebeten, dieses Rundschreiben bei künftigen Vergaben strikt zu beachten. Laufende Verträge bleiben unberührt.
Die von den Bietern abzugebende Tariftreueerklärung hat folgenden Wort-
laut:
Ich/Wir erkläre(n), daß bei Auftragserteilung zum o.g. Bauvorhaben die Entlohnung meiner/unserer Arbeitnehmer nicht unter den jeweils geltenden Berliner Lohntarifen erfolgen wird. Beim Einsatz von Nachunternehmern werden diese von mir/uns ent- sprechend verpflichtet.
Der Auftraggeber behält sich vor, durch Stichproben anhand von mir/uns vorzulegen- den Lohnlisten die Einhaltung zu überprüfen.
Mir/uns ist bekannt, daß bei Verstoß gegen diese vertragliche Vereinbarung mein/un- ser Unternehmen für zwei Jahre von der Vergabe öffentlicher Bauaufträge ausge- schlossen wird.
Ich/wir habe(n) dem Betriebsrat diese Erklärung zur Kenntnis gegeben.
Diese Maßnahme des betroffenen Landes richtete sich in erster Linie gegen
tarifvertraglich nicht gebundene Bieter mit Sitz in Berlin oder in den neuen Bun-
desländern, für die aufgrund der Allgemeinverbindlicherklärung des Tarifvertrags
für das Bauhauptgewerbe ein Mindestlohn von 16 DM (West) oder 15,14 DM (Ost)
galt; dieser Mindestlohn war nach dem Arbeitnehmerentsendegesetz auch für
ausländische Arbeitgeber maßgeblich. Die Berliner Tariflöhne lagen deutlich hö-
her, der Ecklohn für einen Facharbeiter etwa bei 25,26 DM.
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Das Bundeskartellamt hat diese Maßnahme mit der Begründung beanstan-
det, bei der Vergabe von Straßenbauaufträgen verstoße die beschriebene Übung
gegen das Diskriminierungs- und Behinderungsverbot nach § 26 Abs. 2 Satz 1
GWB a.F. (jetzt § 20 Abs. 1 GWB) sowie gegen das Preisbindungsverbot nach
§ 15 GWB a.F. (jetzt § 14 GWB). Mit Beschluß vom 3. November 1997 hat es dem
betroffenen Land untersagt, Straßenbauaufträge nur an Unternehmen zu verge-
ben, die eine solche Erklärung abgegeben haben, die Erklärung bei Vergabe der-
artiger Aufträge zum Vertragsbestandteil zu machen und Auftragnehmer bei einem
Verstoß von der Vergabe öffentlicher Aufträge auszuschließen. Ferner hat das
Bundeskartellamt dem betroffenen Land verboten, das in Rede stehende Rund-
schreiben in bezug auf Straßenbauarbeiten in Kraft zu lassen, seine Adressaten
über die Außerkraftsetzung in Unkenntnis zu halten und mit neuen Rundschreiben
vergleichbaren Inhalts oder auf sonstige Weise auf die Bezirke mit dem Ziel ein-
zuwirken, das untersagte Verhalten durchzusetzen (BKartA WuW/E Verg 7 =
NJWE-WettbR 1998, 68). Die gegen diese Untersagungsverfügung gerichtete Be-
schwerde des betroffenen Landes hat das Kammergericht zurückgewiesen (KG
WuW/E Verg 111 = ZIP 1998, 1600 = NJWE-WettbR 1998, 284).
Hiergegen richtet sich die (zugelassene) Rechtsbeschwerde, mit der das be-
troffene Land seinen Antrag auf Aufhebung der Untersagungsverfügung weiter-
verfolgt. Das Bundeskartellamt tritt der Rechtsbeschwerde entgegen.
Während des Rechtsbeschwerdeverfahrens ist das Berliner Vergabegesetz
(VgG Bln) vom 9. Juli 1999 (GVBl. S. 369) in Kraft getreten. § 1 dieses Gesetzes
hat folgenden Wortlaut:
1Aufträge von Berliner Vergabestellen im Sinne des § 98 GWB über Bauleistun- (1) gen sowie über Dienstleistungen bei Gebäuden und Immobilien werden an fachkundi- ge, leistungsfähige und zuverlässige Unternehmen vergeben. 2Die Vergabe von Bau- leistungen sowie von Dienstleistungen bei Gebäuden und Immobilien soll mit der Auflage erfolgen, daß die Unternehmen ihre Arbeitnehmer bei der Ausführung dieser
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Leistungen nach den jeweils in Berlin geltenden Entgelttarifen entlohnen und dies auch von ihren Nachunternehmern verlangen.
(2) Von der Teilnahme an einem Wettbewerb um einen Bauauftrag oder Dienstlei- stungsauftrag im Sinne des Absatzes 1 sollen Bewerber bis zu einer Dauer von zwei Jahren ausgeschlossen werden, die ihre Arbeitnehmer entgegen einer Auflage nach Absatz 1 Satz 2 nicht nach den jeweils in Berlin geltenden Entgelttarifen entlohnen.
B.
§ 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ist nach Auffassung des Senats mit dem Grund-
gesetz (Art. 74 Abs. 1 Nr. 12, Art. 9 Abs. 3 GG) und mit Bundesrecht (§ 5 TVG,
§ 20 Abs. 1 GWB, Art. 31 GG) nicht vereinbar. Die Entscheidung über die Rechts-
beschwerde hängt von der Wirksamkeit dieser Bestimmung ab.
I. Erheblichkeit der Vorlagefrage für die Entscheidung über die Rechtsbe-
schwerde
1. Das Kammergericht hat in der beanstandeten Praxis des betroffenen
Landes, die Auftragsvergabe im Straßenbau von der Verpflichtung zur Übernahme
der in Berlin geltenden Lohntarife abhängig zu machen, einen Verstoß gegen § 26
Abs. 2 GWB a.F. (jetzt § 20 GWB) gesehen.
Das betroffene Land sei als marktbeherrschender Nachfrager von Straßen-
bauarbeiten Normadressat dieser Bestimmung. Sachlich sei der relevante Markt
auf Straßenbauleistungen beschränkt. Der räumlich relevante Markt schließe das
Gebiet Berlins und das Umland in einem Radius von etwa 30 km (Großraum Ber-
lin) ein. Auf diesem Markt sei das betroffene Land als Nachfrager keinem wesent-
lichen Wettbewerb ausgesetzt oder habe jedenfalls eine überragende Marktstel-
lung inne. Die private Nachfrage belaufe sich auf maximal 30 %. Berücksichtige
man die Nachfrage nach Straßenbauleistungen im Umland von Berlin, so ergebe
sich für 1995 ein Marktanteil des betroffenen Landes von 57,6 %, für 1996 von
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55,9 %. Seine überragende Stellung beruhe aber nicht nur auf der absoluten Grö-
ße des Marktanteils, sondern auch darauf, daß die private Nachfrage stark zer-
splittert sei. Auch die anderweitige öffentliche Nachfrage entfalte keine machtbe-
grenzende Wirkung.
Das betroffene Land behandele diejenigen Unternehmen, die keine Tarif-
treueerklärung abgäben, in einem gleichartigen Unternehmen üblicherweise zu-
gänglichen Geschäftsverkehr ungleich, wenn es sie von der Vergabe von Stra-
ßenbauaufträgen ausschließe. Diese Ungleichbehandlung sei sachlich nicht ge-
rechtfertigt. Das Verlangen des betroffenen Landes diene dem Schutz tarifgebun-
dener Berliner Unternehmen. Damit werde das Ziel verfolgt, den Wettbewerbs-
druck von seiten tarifungebundener Unternehmen zu beseitigen oder zumindest
zu mindern. Die beanstandete Maßnahme diene nicht der Wahrung eines geord-
neten Wettbewerbs, sondern bedeute im Gegenteil eine Wettbewerbsbeschrän-
kung. Ob das damit verfolgte arbeitsmarktpolitische Interesse im Rahmen des
§ 26 Abs. 2 GWB a.F. (jetzt § 20 GWB) abwägungsfähig sei, sei zweifelhaft, und
zwar nicht allein aus dem vom Bundeskartellamt angeführten Grund, wonach es
der öffentlichen Hand verwehrt sei, im Rahmen ihrer dem Privatrecht unterliegen-
den Beschaffungstätigkeit öffentliche Zwecke zu verfolgen. Denn es begegne
durchgreifenden tarifvertrags- und verfassungsrechtlichen Bedenken, Unterneh-
men zur Zahlung von Tariflöhnen zu verpflichten, die an die Tarifverträge nicht ge-
bunden seien (§ 3 TVG).
Das Verlangen richte sich in erster Linie an die tarifvertraglich ungebundenen
Arbeitgeber, die durch Abgabe der ihnen angesonnenen Erklärung so gestellt
würden, als seien sie Mitglied einer arbeitsrechtlichen Koalition. Die ihnen abver-
langte Erklärung beeinträchtige sie daher in ihrem unter dem Schutz von Art. 9
Abs. 3 GG stehenden Recht, Koalitionen nur freiwillig beizutreten und ihnen nach
freier Entscheidung fernzubleiben. Die negative Koalitionsfreiheit sei zwar nicht
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uneingeschränkt geschützt. Die beanstandete Maßnahme verlasse aber den Be-
reich des legitimen und sozial adäquaten Drucks. Das betroffene Land sei nicht
selbst Tarifvertragspartei und verfolge kein eigenes Verbandsinteresse. Ihm gehe
es nicht um die kollektive Ausgestaltung von Arbeitsverträgen, sondern um die
Durchsetzung anderer sozial- und wirtschaftspolitischer Interessen. Wegen seiner
Marktstellung sei sein Vorgehen dabei besonderen Bedenken ausgesetzt. Viele
Unternehmen, vor allem mittlere und kleine Anbieter, würden durch das Verhalten
des betroffenen Landes genötigt, den Kostenvorteil, in dem häufig ihr entschei-
dender Wettbewerbsvorteil liege, aufzugeben oder auf öffentliche Aufträge zu ver-
zichten.
Die mit der Tariftreueerklärung verfolgten Ziele - Bekämpfung der Arbeitslo-
sigkeit in der Baubranche und Eindämmung der auf das Land zukommenden ho-
hen Folgekosten - lägen zwar im Gemeinwohlinteresse. Als Normadressat des
kartellrechtlichen Diskriminierungsverbots dürfe das betroffene Land aber nicht zu
Mitteln greifen, die wettbewerbsrechtlich nicht hinnehmbar seien. Auch das Be-
streben, die ortsansässigen Unternehmen gegenüber der Konkurrenz wirtschaft-
lich zu stützen, dürfe nicht mit wettbewerbsfeindlichen Mitteln verfolgt werden. Die
Bindung an die Tariftreueerklärung wirke sich ähnlich aus wie die Belegung von
Einfuhren mit Schutzzöllen: Das auswärtige Angebot verteuere sich zwangsläufig
und büße seinen Preisvorteil gegenüber dem örtlichen Angebot mit der Folge ein,
daß diesem ohne Verstoß gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot der Vorzug gegeben
werden könne. Entgegen der Ansicht des betroffenen Landes sei die Tariftreue im
übrigen kein verläßlicher Indikator für die Güte der zu erbringenden Leistung. Das
beanstandete Vorgehen könne daher nicht mit dem Bestreben gerechtfertigt wer-
den, nur fachkundige, leistungsfähige und zuverlässige Betriebe zu beauftragen.
2. Der Senat würde die Rechtsbeschwerde des betroffenen Landes zurück-
weisen, wenn die gesetzliche Regelung in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln - weil verfas-
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sungswidrig - außer Betracht bliebe. Das Verlangen, eine Tariftreueerklärung ab-
zugeben, stellte dann - wie das Kammergericht zutreffend ausgeführt hat - eine
unbillige Behinderung und Diskriminierung derjenigen Anbieter dar, die ihren Ar-
beitnehmern nach den für sie geltenden gesetzlichen Bestimmungen niedrigere
Löhne als die Berliner Tariflöhne zahlen könnten (§ 20 Abs. 1 GWB).
a) Die Normadressateneigenschaft des betroffenen Landes hat das Kam-
mergericht im Ergebnis mit Recht bejaht.
aa) Zwischen den Parteien besteht kein Streit darüber, daß der sachlich re-
levante Markt der Markt für Straßenbauleistungen ist. Damit sind der Unterbau,
der Oberbau und die Straßeneinfassungen erfaßt, nicht dagegen der Brücken-
und Tunnelbau (sog. Ingenieurbau).
bb) Daß das Kammergericht den räumlich relevanten Markt in der Weise be-
stimmt hat, daß es zu dem Land Berlin einen bestimmten Umkreis hinzugeschla-
gen hat, ist aus Rechtsgründen nicht zu beanstanden. Dabei kann aber offenblei-
ben, ob ein Radius von 30 km, wie ihn das Kammergericht seiner Beurteilung zu-
grunde gelegt hat, oder ein größerer Radius den räumlich relevanten Markt zu-
treffend umschreibt.
(1) Der relevante Markt, hier der räumlich relevante Markt, muß stets aus
der Sicht der Marktgegenseite bestimmt werden. Geht es - wie im Streitfall - um
die Marktstellung eines Nachfragers, beschränkt sich der räumlich relevante Markt
nicht auf das Gebiet, in dem die nachgefragte Leistung erbracht werden soll (dies
wäre im Streitfall das Land Berlin). Vielmehr gehören zum räumlich relevanten
Markt auch Nachfrager außerhalb Berlins, soweit die von ihnen nachgefragten
Straßenbauleistungen aus der Sicht des durchschnittlichen Anbieters als Aus-
weichmöglichkeit in Betracht kommen (KG WuW/E OLG 3577, 3588 - Hussel/
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Mara; Paschke/Kersten in Frankfurter Kommentar zum GWB, 3. Aufl., § 22
Rdn. 92; Möschel in Immenga/Mestmäcker, GWB, 2. Aufl., § 22 Rdn. 43). Danach
ist darauf abzustellen, in welchem Umkreis sich Berliner Straßenbauunternehmen
an Ausschreibungen außerhalb Berlins beteiligen und inwieweit Straßenbauunter-
nehmen aus dem Umland sich an der Ausschreibung von Straßenbauarbeiten in
Berlin beteiligen. Da im allgemeinen der Transportaufwand mit zunehmender Ent-
fernung zwischen dem Sitz oder der Niederlassung des Unternehmens und der
Baustelle zunimmt, wird der räumlich relevante Markt jedenfalls dort, wo Überka-
pazitäten herrschen, in erster Linie durch den Kostenfaktor bestimmt (vgl. BGH,
Urt. v. 23.2.1988 - KZR 17/86, WuW/E 2483, 2488 - Sonderungsverfahren).
Das Kammergericht ist von der zutreffenden Erwägung ausgegangen, daß
im Streitfall die Marktgegenseite aus tarifvertraglich gebundenen und ungebunde-
nen Anbietern besteht, die ihren Sitz oder ihre Niederlassung in Berlin oder
- wenn außerhalb Berlins - in einer Entfernung von Berlin haben, die aus der Sicht
des durchschnittlichen Anbieters noch ohne größere Kostennachteile im Verhältnis
zu den in Berlin ansässigen Wettbewerbern überwunden werden kann. Dabei ist
zu berücksichtigen, daß die Bereitschaft, Aufträge in größerer Entfernung vom ei-
genen Sitz auszuführen, im allgemeinen auch von der Größe des Anbieters, dem
Volumen des Auftrags und von einer Reihe weiterer, im einzelnen nicht meßbarer
Faktoren abhängen wird. Die Bestimmung des räumlich relevanten Marktes kann
unter diesen Umständen nur eine mehr oder weniger präzise Schätzung darstel-
len, die sich auf in der Vergangenheit gesammelte Erfahrungen stützt. Die Be-
stimmung eines festen Radius schließt es naturgemäß nicht aus, daß einerseits
einzelne größere Unternehmen auch von außen als Anbieter in Betracht kommen
werden und daß sich andererseits ein kleiner Anbieter, der innerhalb, aber eher
am Rande des Marktgebietes liegt, wegen der aus seiner Sicht zu großen Entfer-
nung zu den Berliner Baustellen nicht um Berliner Aufträge bemüht. Hieraus wird
auch deutlich, daß die Anbieter, die in dem auf die beschriebene Weise bestimm-
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ten räumlichen Markt Straßenbauleistungen erbringen, in unterschiedlicher Weise
von dem beanstandeten Verhalten betroffen sind: Während der im Kernbereich
des räumlich relevanten Marktes ansässige Anbieter nur über wenig Ausweich-
möglichkeiten verfügt, ist der am Rande oder außerhalb angesiedelte Anbieter in
geringerem Maße betroffen, weil er sich auch außerhalb des Marktgebietes um
Aufträge bemühen kann.
(2) Das Kammergericht hat, um der Bedeutung des sich unmittelbar an das
Land Berlin anschließenden Umlandes - des sogenannten Speckgürtels - Rech-
nung zu tragen, darauf abgestellt, daß die im Lande Brandenburg vergebenen
Straßenbauleistungen zu einem erheblichen Anteil auf dieses Gebiet entfielen.
Hierbei hat sich das Kammergericht irrtümlich - wie die Rechtsbeschwerde rügt -
auf Zahlen gestützt, die nicht das Land Brandenburg, sondern allein den Bezirk
des Straßenbauamtes Potsdam betreffen und die daher für die hier in Rede ste-
hende Frage für sich genommen nur wenig ergiebig sind.
Die Rechtsbeschwerde sieht hierin allerdings zu Unrecht einen Verstoß ge-
gen Denkgesetze. Ein solcher Verstoß liegt nicht vor, weil die vom Kammergericht
getroffenen Feststellungen für sich genommen nicht widersprüchlich sind. Auch
hat das Kammergericht - entgegen der Ansicht der Rechtsbeschwerde - nicht das
Gebot verletzt, den Sachverhalt von Amts wegen zu erforschen (§ 70 Abs. 1
GWB); denn der Anteil der Straßenbauarbeiten, die im Lande Brandenburg auf
das unmittelbar an Berlin angrenzende Umland entfällt, zählt nicht zu den rechts-
erheblichen Umständen, auf die sich die Aufklärung von Amts wegen in jedem Fall
erstrecken muß. Vielmehr liegt in dem Versehen des Beschwerdegerichts ein Ver-
stoß gegen § 71 Abs. 1 Satz 1 GWB, also gegen das dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung zu entnehmende Gebot, sich mit dem Prozeßstoff umfassend
und widerspruchsfrei auseinanderzusetzen. Es ist fraglich, ob die Rechtsbe-
schwerde diesen Verstoß in zulässiger Weise gerügt hat (§ 76 GWB, § 554 Abs. 3
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Nr. 3 ZPO, § 139 Abs. 3 Satz 4 VwGO; vgl. BGHZ 50, 357, 361 f. - ZVN I; Karsten
Schmidt in Immenga/Mestmäcker aaO § 75 Rdn. 4; Kollmorgen in Langen/Bunte,
Kartellrecht, 8. Aufl., § 75 GWB Rdn. 7; v. Gamm, Kartellrecht, 2. Aufl., § 75 GWB
Rdn. 5). Dies kann indessen offenbleiben; denn auf die vom Kammergericht fest-
gestellten Umsätze im Umland von Berlin - im vorliegenden Zusammenhang als
Prozentsätze, im Zusammenhang mit der Bestimmung des Marktanteils (dazu
unten B.I.2.a)cc)) als absolute Zahlen - kommt es im Ergebnis nicht an, so daß die
Entscheidung nicht auf dem Verfahrensmangel beruht.
Denn auch wenn der räumlich relevante Markt weiter gezogen würde und
beispielsweise das gesamte Land Brandenburg mit einschlösse, ergäben sich
daraus keine wesentlichen Veränderungen für die Frage, ob dem betroffenen
Land insofern eine marktbeherrschende Stellung zukommt. Zwar stiege mit einer
Ausdehnung des räumlich relevanten Marktes das Umsatzvolumen, so daß der
Anteil des betroffenen Landes als Nachfrager von Straßenbauleistungen zurück-
ginge. Dies wäre indessen nur dann von Bedeutung für die Frage der Marktbe-
herrschung, wenn es den betroffenen Anbietern auf dem größeren Markt eher
möglich wäre, mit Nachfragern von Straßenbauleistungen zu kontrahieren, die
keine Tariftreueerklärung verlangen. Dies ist indessen nicht der Fall. Denn auch in
Brandenburg verlangen öffentliche Auftraggeber eine Tariftreueerklärung ver-
gleichbaren Inhalts, wenn auch der in Brandenburg zu zahlende Tariflohn nicht die
Höhe der Berliner Tariflöhne erreicht (Beschl. des BKartA S. 15). Ferner ist fol-
gender Umstand zu berücksichtigen: Die Tariftreueerklärung dient nach dem Vor-
bringen des betroffenen Landes dem erklärten Zweck, die Arbeitslosigkeit im eige-
nen Land zu bekämpfen; dies setzt voraus, daß die Aufträge einheimischen An-
bietern erteilt werden. Eine entsprechende Wirkung geht davon aus, daß in Bran-
denburg ebenfalls Tariftreueerklärungen verlangt werden. Das betroffene Land ist
daher ebenso wie das benachbarte Land Brandenburg an auswärtigen Anbietern
nicht interessiert. Dies rechtfertigt die Annahme des Bundeskartellamtes, daß zwi-
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schen den in Rede stehenden öffentlichen Auftraggebern auch in einem weiter ge-
zogenen räumlich relevanten Nachfragemarkt kein wesentlicher Wettbewerb
herrscht.
(3) Ohne Erfolg rügt die Rechtsbeschwerde, das Kammergericht habe bei
der Bestimmung des räumlich relevanten Marktes nicht hinreichend beachtet, daß
das beim betroffenen Land geführte Unternehmer- und Lieferantenverzeichnis für
Bauaufträge (ULV) auch eine nicht unerhebliche Zahl von Anbietern aufweise, die
ihren Sitz nicht in Berlin oder seiner unmittelbaren Umgebung hätten. Entgegen
der Rechtsbeschwerde läßt sich den Feststellungen zu diesem Verzeichnis nichts
Maßgebliches für einen deutlich weiteren räumlichen Markt entnehmen.
Zum einen ist zu berücksichtigen, daß - wie dargelegt - öffentliche Auftrag-
geber auch außerhalb Berlins Tariftreueerklärungen verlangen, so daß auch bei
einem größer gezogenen Kreis um Berlin für die Anbieter keine Möglichkeit be-
steht, in größerem Umfang auf Nachfrager auszuweichen, die keine Tariftreueer-
klärung verlangen. Zum anderen sagt der Bestand des Verzeichnisses, in das
- wie die Rechtsbeschwerde geltend macht - Unternehmen eingetragen werden,
die regelmäßig in Berlin anbieten wollen, nichts darüber aus, ob die Unternehmen,
deren Sitz von Berlin verhältnismäßig weit entfernt liegt, mit ihren Angeboten in
Berlin wettbewerbsfähig sind. Das betroffene Land hat auch nicht vorgetragen,
daß an die 26 (von 220) Unternehmen, die ihren Sitz weder in Berlin noch in ei-
nem der angrenzenden Postleitzahlbezirke 14, 15 und 16 haben, in nennenswer-
tem Umfang Aufträge vergeben worden wären. Dabei ist zu berücksichtigen, daß
die Marktabgrenzung die beschränkte Beweglichkeit kleinerer Anbieter berück-
sichtigen muß und daß es keinen Widerspruch darstellt, wenn größere Anbieter,
die ihren Sitz außerhalb des als räumlich relevant bestimmten Marktes haben, ihre
Leistungen zuweilen mit Erfolg in Berlin anbieten können. Schließlich sagt das in
Rede stehende Verzeichnis nichts darüber aus, ob die Unternehmen, die ihren
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Sitz in größerer Entfernung von Berlin haben, in Berlin oder Umgebung über eine
Niederlassung verfügen. Wäre dies der Fall, wäre der Rüge ohnehin der Boden
entzogen, weil die Aktivitäten dieser Unternehmen in Berlin und Umgebung keinen
Beleg für eine bundesweite räumliche Flexibilität der Anbieter von Straßenbaulei-
stungen darstellte.
Unter den gegebenen Umständen bestand für das Kammergericht - auch mit
Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes - zu einer weiteren Aufklärung
des Sachverhalts von Amts wegen keine Veranlassung.
cc) Wie bereits dargelegt, beruhen die Feststellungen zu dem genauen
Marktanteil des betroffenen Landes (1995: 57,6 %, 1996: 55,9 %) auf der verfah-
rensfehlerhaften Annahme, die vom Brandenburgischen Straßenbauamt Potsdam
mitgeteilten Umsätze bezögen sich auf ganz Brandenburg und nicht nur auf den
Bezirk dieses Amtes. Ungeachtet dessen vermitteln derartige Zahlen den Eindruck
einer Genauigkeit der Feststellung, die im Widerspruch zu den pauschalen Schät-
zungen steht, auf denen diese Annahmen notwendigerweise beruhen.
Die Annahme des Kammergerichts, das betroffene Land sei auf dem rele-
vanten Markt aufgrund seiner überragenden Stellung marktbeherrschend (§ 19
Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 GWB), ist gleichwohl aus Rechtsgründen nicht zu beanstan-
den. Unabhängig davon, in welchem Umfang das Berliner Umland in den rele-
vanten Markt einzubeziehen ist, und unabhängig von dem auf das Land Branden-
burg entfallenden Auftragsvolumen kommen für nicht tarifgebundene Anbieter, die
keine Tariftreueerklärung abgeben wollen, letztlich nur die privaten Nachfrager und
möglicherweise die im Wege der Bundesauftragsverwaltung vergebenen Straßen-
bauaufträge in Betracht. Darin spiegelt sich der Umstand wider, daß zwischen
dem betroffenen Land und dem benachbarten Land Brandenburg bei der Nachfra-
ge nach Straßenbauleistungen kein wesentlicher Wettbewerb besteht (§ 19 Abs. 2
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Satz 2 GWB). Auf die verbleibende private Nachfrage entfällt nach den verfah-
rensfehlerfrei getroffenen Feststellungen des Kammergerichts ein Anteil von max.
30 % (Berlin) bzw. 40 % (Umland). Wird unterstellt, daß die tarifvertraglich nicht-
gebundenen Anbieter auch Zugang zu den - allerdings ebenfalls vom betroffenen
Land Berlin bzw. im Umland vom Land Brandenburg disponierten - Aufträgen für
Bundesautobahnen und Bundesstraßen haben, erhöht sich dieser Anteil bei Zu-
grundelegung der für Berlin festgestellten Zahlen noch einmal um etwa 10 bis ma-
ximal 15 %. Dem nichttarifgebundenen Anbieter ist damit - ungeachtet des genau-
en Marktanteils des betroffenen Landes - die Hälfte des Marktes von vornherein
verschlossen. Das Kammergericht hat ferner rechtsfehlerfrei festgestellt, daß die
private Nachfrage stark zersplittert ist, daß von der anderweitigen öffentlichen
Nachfrage nur eine geringe machtbegrenzende Wirkung ausgeht und daß das be-
troffene Land aufgrund seiner starken Marktposition in der Lage ist, seine Bedin-
gungen, insbesondere also das beanstandete Verlangen nach Abgabe einer Tarif-
treueerklärung, nach Belieben durchzusetzen. Der weitere vom Kammergericht
angeführte Gesichtspunkt, daß Marktbeherrschung auf der Nachfrageseite in der
Regel schon bei geringeren Marktanteilen erreicht wird als auf der Angebotsseite
(vgl. BGH WuW/E 2483, 2489 - Sonderungsverfahren, zu § 26 Abs. 2 Satz 2 GWB
a.F.), geht darauf zurück, daß sich die restliche Nachfrage im allgemeinen stärker
verteilt (vgl. Paschke/Kersten in Frankfurter Kommentar aaO § 22 Rdn. 253,
m.w.N.; ferner Möschel in Immenga/Mestmäcker aaO § 22 Rdn. 75), und ist damit
bereits mit der starken Zersplitterung der privaten Nachfrage angesprochen.
b) Ebenfalls zutreffend und von der Rechtsbeschwerde unbeanstandet hat
das Kammergericht angenommen, das betroffene Land behandele die nichttarif-
gebundenen Anbieter, die keine Tariftreueerklärung abgeben, in einem gleicharti-
gen Unternehmen üblicherweise zugänglichen Geschäftsverkehr ungleich, wenn
es sie von der Vergabe von Straßenbauaufträgen ausschließe. Darüber hinaus
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liegt in dem Verlangen nach Abgabe einer Tariftreueerklärung gegenüber diesen
Anbietern eine erhebliche Behinderung.
c) Unter der Voraussetzung, daß die neue Regelung in § 1 Abs. 1 Satz 2
VgG Bln als ungültig außer Betracht bleibt, ist schließlich auch die Annahme des
Kammergerichts nicht zu beanstanden, daß die Ungleichbehandlung sachlich nicht
gerechtfertigt und - wie zu ergänzen ist - die Behinderung der nichttarifgebunde-
nen Anbieter unbillig ist. Dies ergibt die Abwägung der Interessen der Beteiligten
unter Berücksichtigung der auf die Freiheit des Wettbewerbs gerichteten Zielset-
zung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen.
aa) Im Streitfall geht es nicht darum, die Anbieter durch eine Verpflichtungs-
erklärung zu einem Verhalten zu bewegen, zu dem sie tarifvertraglich ohnehin
verpflichtet wären. Zur Einhaltung der Berliner Tariflöhne verpflichtet sind zum ei-
nen diejenigen Arbeitgeber, die unmittelbar oder über eine Arbeitgebervereinigung
an die Berliner Tarifverträge gebunden sind, sowie ferner andere Arbeitgeber, für
die ein anderer, an sich niedrigere Löhne vorsehender Tarifvertrag des Bauhaupt-
gewerbes gilt; sie sind nach der für allgemeinverbindlich erklärten Bestimmung
des § 5 Nr. 6 BRTV-Bau verpflichtet, auf einer Berliner Baustelle beschäftigten Ar-
beitnehmern den höheren Lohn der Baustelle zu zahlen (vgl. BAGE 75, 66 = NZA
1994, 622). Es geht dem betroffenen Land auch nicht darum sicherzustellen, daß
sich seine Vertragspartner an den für allgemeinverbindlich erklärten Tarifvertrag
zur Regelung eines Mindestlohns vom 17. Juli 1997 (TV-Mindestlohn) halten, der
auch für bisher nicht tarifgebundene Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie nach § 1
ArbeitnehmerentsendeG (AEntG) auch für Arbeitgeber mit Sitz im Ausland gilt
(vgl. Wank in Wiedemann, Tarifvertragsgesetz, 6. Aufl., § 5 Rdn. 142 ff.). Ziel der
Tariftreueerklärung ist es vielmehr, den tarifvertraglich nicht gebundenen Arbeit-
gebern, die sich uneingeschränkt rechtmäßig verhalten, wenn sie ihren Arbeit-
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nehmern zwar den Mindestlohn, nicht aber die Berliner Tariflöhne zahlen, über die
Regelungen des TV-Mindestlohn hinaus die Berliner Tariflöhne vorzuschreiben.
bb) Zutreffend ist daher der Hinweis des Kammergerichts, die beanstandete
Maßnahme ziele darauf ab, die tarifvertraglich gebundenen Berliner Anbieter ge-
genüber tarifungebundener auswärtiger, aber auch gegenüber tarifungebundener
Berliner Konkurrenz zu schützen. Die beanstandete Maßnahme führt zu einer Ab-
schottung des Berliner Marktes vor rechtmäßiger Konkurrenz; diese wird genötigt,
den bestehenden Preisvorteil aufzugeben, der aufgrund niedriger Löhne bestehen
würde. Auf diese Weise soll - ohne das im Tarifvertragsgesetz (§ 5) vorgesehene
Instrument der Allgemeinverbindlicherklärung einsetzen zu müssen - verhindert
werden, daß die Berliner Tariflöhne aufgrund des bestehenden Wettbewerbs-
drucks gesenkt werden müßten.
cc) Ebenfalls mit Recht hat das Kammergericht angenommen, daß mit dem
Verlangen nach Abgabe einer Tariftreueerklärung die negative Koalitionsfreiheit
der tarifvertraglich nicht gebundenen Arbeitgeber beeinträchtigt wird. Das Gesetz
läßt es zwar zu, daß tarifvertragliche Normen auch für tarifungebundene Arbeitge-
ber gelten, macht aber eine solche Geltung von einem besonderen staatlichen
Akt, der Allgemeinverbindlicherklärung nach § 5 TVG, abhängig (vgl. BVerfGE 44,
322). Fehlt es an einem solchen Akt, wird die negative Koalitionsfreiheit verletzt,
wenn das betroffene Land die tarifungebundenen Anbieter zwingt, sich an die Be-
stimmungen des Berliner Tarifvertrages zu halten (vgl. Scholz in Maunz/Dürig/
Herzog, Grundgesetz, Lfg. 35, Feb. 1999, Art. 9 Rdn. 238).
dd) Das Interesse des betroffenen Landes, die Arbeitslosigkeit in Berlin zu
bekämpfen und die heimischen Anbieter zu stärken, rechtfertigt sein Verhalten
nicht. Das Kammergericht hat zutreffend darauf hingewiesen, daß auch der im
Gemeinwohl liegende Zweck der Vermeidung weiterer Arbeitslosigkeit nicht mit ei-
– 18 –
nem Mittel verfolgt werden darf, das mit der auf die Freiheit des Wettbewerbs ge-
richteten Zielrichtung des Gesetzes unvereinbar ist. Denn es stellt - wie das Kam-
mergericht ebenfalls zutreffend ausgeführt hat - eine klassische protektionistische
Maßnahme dar, wenn das betroffene Land die tarifgebundenen Berliner Straßen-
bauunternehmen dadurch vor dem Wettbewerb meist auswärtiger tarifungebunde-
ner Wettbewerber schützt, daß es diese zwingt,
ihren bestehenden
- rechtmäßig erzielten - Kostenvorteil aufzugeben, den sie aufgrund niedrigerer
Löhne genießen. Der Einwand der Rechtsbeschwerde, mit der Tariftreueerklärung
sollten umgekehrt gerade Wettbewerbsverzerrungen vermieden und gleiche Wett-
bewerbsbedingungen erreicht werden, läßt unberücksichtigt, daß es hierfür den
Weg der Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen gibt (zur sozialpoliti-
schen Bedeutung der Allgemeinverbindlicherklärung Wank in Wiedemann aaO § 5
Rdn. 2 f. u. 179 f.; Löwisch/Rieble, Tarifvertragsgesetz, § 5 Rdn. 2). Dieser Weg
ist hier nicht beschritten worden. Dort, wo eine solche Allgemeinverbindlichkeit
nicht besteht, müssen sich die tarifgebundenen Anbieter dem Wettbewerb der
nichtgebundenen Konkurrenten stellen.
ee) Schließlich kann sich das betroffene Land nicht darauf berufen, es ver-
folge mit der Tariftreueerklärung das Ziel, daß sich allein fachkundige, leistungsfä-
hige und zuverlässige Anbieter an der Ausschreibung beteiligten. Denn dieses Ziel
kann - wie das Kammergericht zutreffend dargelegt hat - auf andere Weise er-
reicht werden.
d) Die Rechtsbeschwerde könnte auch mit dem Einwand keinen Erfolg ha-
ben, das vom Bundeskartellamt beanstandete Verhalten des betroffenen Landes
habe durch das am 1. Januar 1999 in Kraft getretene Vergaberechtsänderungsge-
setz (VgRÄG) eine gesetzliche Grundlage erhalten.
– 19 –
aa) Die Gesetzesänderungen sind bei der Entscheidung des Streitfalles zu
berücksichtigen. Denn Maßstab für die rechtliche Beurteilung der in die Zukunft
wirkenden Untersagungsverfügung ist im Rechtsbeschwerdeverfahren ebenso wie
im Revisionsverfahren das im Zeitpunkt der Entscheidung geltende Recht (vgl.
BGH, Beschl. v. 28.9.1999 - KVR 29/96, WuW/E DE-R 399, 401 - Verbundnetz,
m.w.N.; ferner BGH, Urt. v. 29.9.1998 - KZR 3/97, WuW/E DE-R 197, 198 - Rönt-
genbilder).
bb) Kernbestimmungen des neuen Vergaberechts sind die Regelungen in
§ 97 Abs. 4 und 5 GWB. Während § 97 Abs. 5 GWB bestimmt, daß “der Zuschlag
... auf das wirtschaftlichste Angebot erteilt (wird)”, sieht § 97 Abs. 4 GWB vor, daß
“Aufträge ... an fachkundige, leistungsfähige und zuverlässige Unternehmen ver-
geben (werden); andere oder weitergehende Anforderungen dürfen an Auftrag-
nehmer nur gestellt werden, wenn dies durch Bundes- oder Landesgesetz vorge-
sehen ist.” Als Übergangsregelung ist hierzu in Art. 3 Nr. 5 VgRÄG bestimmt, daß
bereits “bestehende Regelungen, die andere oder weitergehende Anforderungen
im Sinne des § 97 Abs. 4 GWB an Auftragnehmer stellen, ... bis zum 30. Juni
2000 fort(bestehen), auch wenn sie nicht Bundes- oder Landesgesetze sind.”
Die Rechtsbeschwerde sieht in der durch die Untersagungsverfügung des
Bundeskartellamts beanstandeten Anordnung vom 9. Februar 1995 eine derartige
Regelung, die durch die Übergangsvorschrift eine gesetzliche Grundlage erhalten
habe. Sie verkennt dabei, daß Art. 3 Nr. 5 VgRÄG lediglich den - neu eingeführ-
ten - Gesetzesvorbehalt in § 97 Abs. 4 GWB für eine Übergangszeit aussetzt, oh-
ne damit auch Maßnahmen zu legalisieren, die, wie die in Rede stehende Anord-
nung vom 9. Februar 1995, dem Land als marktbeherrschendem Nachfrager be-
reits vor dem Inkrafttreten der Neuregelung kartellrechtlich verboten waren (so be-
reits BGH, Beschl. v. 8.12.1998 - KVR 23/98, WuW/E Verg 175, 177 - Tarif-
treueerklärung I).
– 20 –
3. Müßte hingegen von der Gültigkeit der Regelung in § 1 Abs. 1 Satz 2
VgG Bln ausgegangen werden, so wäre die Untersagungsverfügung des Bundes-
kartellamtes aufzuheben.
a) Da es auf die Rechtslage zum Zeitpunkt der Entscheidung ankommt (da-
zu oben unter B.I.2.d)aa)), ist auch diese am 17. Juli 1999 in Kraft getretene lan-
desrechtliche Bestimmung für die Beurteilung des dem betroffenen Land unter-
sagten Verhaltens heranzuziehen.
b) § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln schreibt den Vergabestellen die Forderung ei-
ner Tariftreueerklärung vor, ohne danach zu unterscheiden, ob das Land als
Nachfrager nach Bauleistungen eine marktbeherrschende Stellung innehat und
deswegen Normadressat des § 20 Abs. 1 GWB ist. Sind die Vergabestellen aber
zu dem fraglichen Verhalten durch ein (gültiges) Gesetz verpflichtet, kann hierin
kein Verstoß gegen das kartellrechtliche Diskriminierungsverbot liegen. Denn ei-
nem Verhalten, das gesetzlich geboten ist, fehlt es niemals am sachlich gerecht-
fertigten Grund.
aa) Ein solches Handlungsgebot besteht, obwohl es sich bei der fraglichen
Bestimmung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln nur um eine Soll-Vorschrift handelt.
Denn solche Normen sind im Regelfall für die Behörden, an die sie sich richten,
als rechtlich zwingend anzusehen; sie verpflichten sie, grundsätzlich so zu verfah-
ren, wie es im Gesetz bestimmt ist. Im Regelfall bedeutet das “Soll” daher ein
“Muß” (vgl. nur BVerwG, Urt. v. 10.9.1992 - 5 C 39/88, NZA 1993, 76, 78).
bb) Es kann auch nicht davon ausgegangen werden, das Berliner Vergabe-
gesetz nehme die Vergabestellen immer dann von dem Gebot aus, wenn dem
Land als Normadressat des § 20 Abs. 1 GWB die Forderung einer Tariftreueerklä-
rung kartellrechtlich untersagt ist.
– 21 –
Das Gesetz sieht eine solche Ausnahme nicht vor. Es gebietet die Forderung
von Tariftreueerklärungen ungeachtet der Marktstellung des die Bauleistungen
nachfragenden Landes. Auch das betroffene Land geht davon aus, daß das neue
Gesetz generelle Geltung beansprucht (vgl. auch die Äußerung des Vertreters des
betroffenen Landes in der mündlichen Verhandlung vor dem Senat). Die Bemer-
kung in der Begründung des Gesetzentwurfs, die Ausgestaltung als Sollvorschrift
meine eine Bindung an die in Berlin geltenden Lohn- und Gehaltstarife, “nur in
Ausnahmefällen (etwa auf seiten Berlins Marktbeherrschung)” dürfe “von dem
Verlangen nach Einhalten der Tarife abgesehen werden” (Vorlage an das Abge-
ordnetenhaus von Berlin, Drucks. 13/3726, S. 2), hat im Gesetz keinen hinrei-
chenden Ausdruck gefunden. Eine solche Regelung, nach der die Vergabestellen
nur dann eine Tariftreueerklärung zu fordern verpflichtet wären, wenn das Land
nicht als Nachfrager marktbeherrschend ist, wäre auch nicht praktikabel. Denn die
Anwendung des gesetzlichen Gebots hinge dann in jedem Einzelfall von der Klä-
rung der Frage ab, ob das Land als Auftraggeber der fraglichen Leistung über eine
beherrschende Stellung auf dem - jeweils zu ermittelnden - relevanten Markt ver-
fügt. Die Vergabestellen sind nicht in der Lage, diese Frage zuverlässig zu beur-
teilen. Ob ein Bieter, der sich unter Berufung auf die Normadressateneigenschaft
des Landes weigert, die geforderte Tariftreueerklärung abzugeben, zur Ausschrei-
bung zuzulassen ist oder nicht, müßte abschließend in dem Vergabeverfahren be-
antwortet werden. Dieses unter einem besonderen Beschleunigungsgebot
(§§ 113, 117 Abs. 2, § 118 Abs. 1 Satz 2, § 121 Abs. 3 GWB) stehende Verfahren
ist zur Klärung komplexer Fragen der Marktabgrenzung und der Bewertung der
Stellung des nachfragenden Landes in diesem Markt nicht geeignet. Es verbietet
sich daher eine Auslegung der Bestimmung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln, nach
der das dort aufgestellte Handlungsgebot und das Unterlassungsgebot aus § 20
Abs. 1 GWB nahtlos nebeneinanderstünden mit der Folge, daß die Zulassung zur
Ausschreibung von der Beantwortung schwieriger kartellrechtlicher Vorfragen ab-
hängig wäre.
– 22 –
4. Auf die Vereinbarkeit von § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln mit dem Grundge-
setz oder mit Bundesrecht käme es nur dann nicht an, wenn die Regelung ohne-
hin mit Blick auf vorrangige gemeinschaftsrechtliche Bestimmungen keine Anwen-
dung finden könnte. Hiervon kann indessen nicht ausgegangen werden - zumin-
dest nicht, ohne zunächst ein Vorabentscheidungsersuchen an den Gerichtshof
der Europäischen Gemeinschaften zu richten.
a) Die Frage, ob § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln mit Art. 49 EG (früher Art. 59
EGV) vereinbar ist, könnte der Senat nicht abschließend entscheiden. Zum einen
läßt sich den getroffenen Feststellungen nicht entnehmen, ob und gegebenenfalls
in welchem Umfang auch Anbieter aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen
Union an Ausschreibungen für Straßenbauarbeiten in Berlin beteiligt und daher
von der Forderung nach Tariftreue betroffen sind. Die Frage der Vereinbarkeit mit
Art. 49 EV stellt sich aber nur, wenn durch die Forderung nach Tariftreue der freie
Dienstleistungsverkehr innerhalb der Gemeinschaft beschränkt wird.
Zum anderen müßte die Frage eines möglichen Verstoßes gegen Art. 49 EG
zunächst zum Gegenstand eines Vorabentscheidungsersuchens nach Art. 234 EG
an den Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften gemacht werden. In dem
Gebot der Tariftreue kann eine mittelbare Diskriminierung der Anbieter aus ande-
ren Mitgliedstaaten liegen, weil ihnen durch die Verpflichtung, ihre ins Inland ent-
sandten Arbeitnehmer nach einem bestimmten inländischen Tarif zu entlohnen,
der mit einem niedrigeren Lohnniveau in ihrem Heimatstaat verbundene Vorteil
genommen wird. Anerkannt ist, daß Art. 49 EG es den Mitgliedstaaten nicht ver-
wehrt, die Tarifverträge der Sozialpartner über die Mindestlöhne unabhängig da-
von, in welchem Land der Arbeitgeber ansässig ist, auf alle Personen auszudeh-
nen, die in ihrem Hoheitsgebiet, und sei es auch nur vorübergehend, eine unselb-
ständige Erwerbstätigkeit ausüben (EuGH, Urt. v. 27.3.1990 - C-113/89, Slg.
1990, I-1417, 1445 Tz. 18 = EuZW 1990, 256 - Rush Portuguesa; Urt. v. 9.8.1994
– 23 –
- C-43/93, Slg. 1994, I-3803, 3826 Tz. 23 = EuZW 1994, 600 - Vander Elst). Eine
solche Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen kennt das deutsche
Recht ebenfalls (§ 5 TVG). Die Regelung des Berliner Vergabegesetzes stellt zwar
keine solche Allgemeinverbindlicherklärung dar. Durch ein Vorabentscheidungs-
ersuchen müßte aber geklärt werden, ob eine solche Regelung gemeinschafts-
rechtlich ebenso zu behandeln ist wie eine Mindestlohnregelung. Hierzu besteht
jedoch im Hinblick darauf keine Veranlassung, daß die fragliche Bestimmung des
§ 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln nach Auffassung des Senats ohnehin nicht gültig ist
(dazu sogleich unter II.).
b) Ebenfalls fraglich ist, ob die Regelung über die Tariftreueerklärung im
Berliner Vergabegesetz mit den gemeinschaftsrechtlichen Vergaberichtlinien, ins-
besondere mit der Baukoordinierungsrichtlinie 93/37/EWG (ABl. Nr. L 199 v.
9.8.1993, S. 54) in Einklang steht (dazu Pietzcker, ZHR 162 (1998), 427 ff.;
Martin-Ehlers, WuW 1999, 685, 687 ff.; Knipper, WuW 1999, 677, 682 ff.; ferner
Dreher, VergabeR 6/1997, 40, 42, vor allem zu Tariftreueerlassen, durch die die
Beachtung allgemeinverbindlicher Tarifverträge erreicht werden soll). Doch auch
diese Frage bedarf keiner abschließenden Klärung. Denn die Richtlinie stellt kein
unmittelbar geltendes Recht dar. Zwar ist sie zur Auslegung der nationalen
Rechtsvorschriften heranzuziehen und kann - im Falle der Nichtumsetzung - unter
Umständen auch unmittelbare Wirkungen entfalten. Enthält das nationale Recht
jedoch eine Bestimmung, die der Richtlinie zuwiderläuft und die nicht in einem
Sinne ausgelegt werden kann, daß sie im Einklang mit der Richtlinie steht, ist der
nationale Richter an diese Bestimmung gebunden. Die gegen die Richtlinie ver-
stoßende Bestimmung kann dann allerdings Anlaß für ein Vertragsverletzungs-
verfahren nach Art. 226 EG (früher Art. 169 EGV) geben.
– 24 –
II. Vereinbarkeit von § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln mit Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, mit Art. 31 GG (i.V. mit § 5 TVG und i.V. mit § 20 Abs. 1 GWB) so- wie mit Art. 9 Abs. 3 GG
1. Dem Land Berlin fehlt für eine Regelung, die der Sache nach auf eine
teilweise Allgemeinverbindlicherklärung bestimmter Tarifverträge hinausläuft, die
Gesetzgebungszuständigkeit.
Bei der Bestimmung in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln handelt es sich um eine ta-
rifrechtliche Regelung. Denn sie bewirkt, daß bestimmte für Berlin geltende Tarif-
verträge auch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern eingehalten werden müssen,
die nicht an diese Tarifverträge gebunden sind. Geht es um Bereiche wie den hier
in Rede stehenden Straßenbau, in denen das Land als Nachfrager eine beherr-
schende Stellung einnimmt, führt die gesetzliche Regelung dazu, daß dort für den
Großteil der ausgeführten Baumaßnahmen eine Bindung an Berliner Tarife erfolgt,
die auf diese Weise für diesen Teilbereich allgemeinverbindlich werden.
Das Tarifrecht fällt unter die allgemeine Kompetenzzuweisung für das Ar-
beitsrecht in Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG; es zählt damit zur konkurrierenden Gesetz-
gebung. Der Bund hat, was das Tarifrecht angeht, von seiner konkurrierenden Zu-
ständigkeit aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG mit der Verabschiedung des Tarifver-
tragsgesetzes abschließend Gebrauch gemacht (vgl. Löwisch/Rieble, TVG,
Grundlagen Rdn. 48). Dieses Gesetz enthält in § 5 gerade auch eine umfassende
Regelung über die Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen.
Aus der Bestimmung des § 97 Abs. 4 2. Halbs. GWB läßt sich eine über die
Bestimmungen des Grundgesetzes hinausgehende Gesetzgebungskompetenz
des Landes für das fragliche Gesetz nicht ableiten. Die Möglichkeit, neben den
klassischen Kriterien der Fachkunde, Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit weite-
re - vergabefremde - Kriterien einzuführen, sollte nach dem Regierungsentwurf ei-
– 25 –
nes Vergaberechtsänderungsgesetzes dem Bundesgesetzgeber vorbehalten blei-
ben (§ 106 Abs. 3 RegE-VgRÄG). Der Bundesrat schlug sodann vor, solche Krite-
rien auch durch “Rechts- und Verwaltungsvorschriften des Bundes und der Län-
der” zu ermöglichen. Dadurch sollte erklärtermaßen vermieden werden, daß in
den Ländern eingeführte Regelungen, insbesondere das Verlangen nach Abgabe
einer Tariftreueerklärung, als unzulässig anzusehen seien (BT-Drucks. 13/9340,
S. 35 f.). Die Bundesregierung trat diesem Vorschlag mit Nachdruck entgegen
(BT-Drucks. 13/9340, S. 48):
Die Bundesregierung widerspricht diesem Vorschlag. § 106 Abs. 3 [§ 97 Abs. 4] ist die grundlegende und wichtigste Vorschrift des gesamten Entwurfs und enthält den mate- riellen Extrakt aller Bemühungen der EG und ihrer Mitgliedstaaten um einen diskrimi- nierungsfreien Wettbewerb und um mehr Wirtschaftlichkeit bei der Vergabe öffentli- cher Aufträge. Alle anderen Vorschriften ... dienen allein dem Zweck, eine Vergabe nach Fachkunde, Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Bewerber zu verwirkli- chen. Keinesfalls darf die gesetzliche Regelung durch bloße Verwaltungsvorschriften des Bundes oder jedes Landes außer Kraft gesetzt werden, weil sonst das zentrale Gebot unseres Vergaberechts faktisch unverbindlich wäre.
Die Beschlußempfehlung des Vermittlungsausschusses enthielt schließlich
als Kompromiß die Gesetz gewordene Regelung, wonach vergabefremde Kriterien
“durch Bundes- oder Landesgesetz” vorgesehen werden können (BT-Drucks.
13/10876). Damit blieb offen, unter welchen Voraussetzungen die Vergabe öffent-
licher Aufträge von vergabefremden Kriterien abhängig gemacht werden durfte.
Denn die Gesetz gewordene Kompromißformel bezog sich allein auf die Form, die
für eine derartige Regelung einzuhalten war. Im Hinblick auf die gemeinschafts-
rechtlichen Vorgaben und unter Berücksichtigung der im Gesetzgebungsverfahren
zutage getretenen Unterschiede in der materiell-rechtlichen Bewertung ist auszu-
schließen, daß den Ländern für die Festlegung vergabefremder Kriterien eine
umfassende Gesetzgebungskompetenz zugebilligt werden sollte.
2. Sollte entgegen der vertretenen Ansicht das Land Berlin für die Regelung
in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln über eine Gesetzgebungskompetenz verfügen, be-
– 26 –
stehen im Hinblick auf entgegenstehende bundesrechtliche Bestimmungen durch-
greifende Bedenken gegen die Gültigkeit (Art. 31 GG).
a) Wie bereits dargelegt, führt § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln zu einer weitge-
henden Allgemeinverbindlichkeit der Berliner Tariflöhne auf bestimmten Märkten,
auf denen die meisten Aufträge von der öffentlichen Hand vergeben werden. Nach
den getroffenen Feststellungen liegt der Anteil der privaten Nachfrage nach Stra-
ßenbauleistungen in Berlin bei maximal 30 %. Dies bedeutet, daß in weiten Berei-
chen die Berliner Tariflöhne auch für Anbieter verbindlich werden, die tarifvertrag-
lich nicht gebunden sind. Eine derartige Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträ-
gen ist nach § 5 TVG an ganz bestimmte Voraussetzungen materieller und for-
meller Art geknüpft; insbesondere kann die entsprechende, einen Akt der Rechts-
setzung darstellende Erklärung (vgl. BVerfGE 44, 322; 55, 7, 20; BVerwGE 80,
355; ferner Löwisch/Rieble aaO § 5 Rdn. 53 ff.) vom Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung oder aufgrund einer entsprechenden Übertragung auch von der
obersten Arbeitsbehörde eines Landes nur im Einvernehmen mit dem Tarifaus-
schuß und nach Anhörung der betroffenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer abge-
geben werden (§ 5 Abs. 1 und 2 TVG). Ein Landesgesetz, durch das ein be-
stimmter Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt wird, verstößt gegen diese
bindende bundesrechtliche Regelung.
b) Die Regelung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln verstößt darüber hinaus in-
soweit, als sie Geltung auch für den Fall beansprucht, daß das nachfragende Land
eine marktbeherrschende Stellung einnimmt (dazu oben unter B.I.3.b)), gegen
kartellrechtliche Bestimmungen, die marktbeherrschenden Unternehmen bestimm-
te diskriminierende oder behindernde Verhaltensweisen untersagen. Auch wenn
die Länder nach § 97 Abs. 4 2. Halbs. GWB weitergehende (vergabefremde) An-
forderungen vorsehen dürfen, sind sie doch gehindert, ein Verhalten zu legalisie-
ren, das ansonsten als kartellrechtswidrig anzusehen wäre.
– 27 –
Aus der Gesetzgebungsgeschichte (dazu oben II.1. a.E.) wird zwar deutlich,
daß eine landesrechtliche Regelung, wie sie in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln vorge-
sehen ist, nicht ausgeschlossen werden sollte. Ebenfalls deutlich wird aber, daß
nicht daran gedacht war, die Länder in irgendeiner Weise zu ermächtigen, verga-
befremde Kriterien auch im Rahmen der Prüfung kartellrechtlicher Tatbestände
vorzugeben und abschließend darüber zu befinden, welche Maßstäbe bei der
kartellrechtlichen Prüfung des Verhaltens eines Normadressaten anzulegen seien.
3. Schließlich begegnet die Regelung in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln insofern
durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken, als durch das Gebot der Ta-
riftreue in die verfassungsrechtlich geschützte negative Koalitionsfreiheit einge-
griffen wird (Art. 9 Abs. 3 GG).
Durch das im Berliner Vergabegesetz ausgesprochene Gebot, Aufträge der
öffentlichen Hand nur an Unternehmen zu vergeben, die ihre Arbeitnehmer nach
den in Berlin geltenden Tarifen entlohnen, werden die Wirkungen tarifvertraglicher
Regelungen auch für Außenseiter verbindlich, die sich um entsprechende Aufträge
bemühen. Dem läßt sich jedenfalls für den Bereich, in dem die öffentliche Hand
als Nachfrager eine marktbeherrschende Stellung einnimmt, nicht entgegenhalten,
§ 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln zwinge keinen Anbieter, sich an Ausschreibungen des
betroffenen Landes zu beteiligen. Denn die Marktmacht des Straßenbauleistungen
nachfragenden Landes ergibt sich gerade daraus, daß die Marktgegenseite nicht
über hinreichende Möglichkeiten verfügt, auf andere Nachfrager der angebotenen
Leistungen auszuweichen.
Damit greift § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln in den durch Art. 9 Abs. 3 GG ge-
schützten Bereich ein. Denn das Gesetz nötigt die tarifungebundenen Anbieter,
sich in einem ihre Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich beeinflussenden Punkt den
tarifvertraglichen Bestimmungen zu unterwerfen. Die Koalitionsfreiheit als indivi-
– 28 –
duelles Freiheitsrecht umfaßt auch die negative Koalitionsfreiheit, also das Recht
des einzelnen, einer Koalition fernzubleiben (vgl. BVerfGE 50, 290, 367; 57, 220,
245; 64, 208, 213; 73, 261, 270; 93, 352, 357 f.). Die durch Art. 9 Abs. 3 GG ge-
währleisteten Befugnisse der Koalitionen erstrecken sich grundsätzlich nur auf die
Mitglieder der tarifvertragschließenden Parteien (BVerfGE 44, 322). Werden tarif-
vertragliche Bestimmungen für Außenseiter verbindlich, handelt es sich um einen
Rechtssetzungsakt. Indem das Tarifvertragsgesetz die Tarifgebundenheit grund-
sätzlich auf die Mitglieder der Tarifparteien beschränkt (§ 3 Abs. 1 TVG), trägt es
dem Grundsatz Rechnung, daß der Staat seine Normsetzungsbefugnis nicht in
beliebigem Umfang außerstaatlichen Stellen überlassen und den Bürger nicht
schrankenlos der normsetzenden Gewalt autonomer Gremien ausliefern darf, die
ihm gegenüber nicht demokratisch bzw. mitgliedschaftlich legitimiert sind (vgl.
BVerfGE 33, 125, 158; 44, 322, 348; 64, 208, 214).
Allerdings steht Art. 9 Abs. 3 GG der Ausdehnung tarifvertraglicher Bestim-
mungen auf Außenseiter nicht in jedem Fall entgegen. So hat das Bundesverfas-
sungsgericht die Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen nach § 5 TVG
als mit Art. 9 Abs. 3 GG vereinbar angesehen (BVerfGE 44, 322, 344 ff.; 55, 7,
20 ff.). Maßgeblich hierfür war indessen u.a. die ausgewogene Regelung in § 5
TVG, die Gewähr dafür bietet, daß die Interessen der betroffenen Außenseiter be-
rücksichtigt werden und daß von der Möglichkeit der Allgemeinverbindlicherklä-
rung zurückhaltend und verhältnismäßig, also nur bei entsprechend unabweisba-
ren Interessengeboten i.S. des § 5 TVG, Gebrauch gemacht wird (vgl. Scholz in
Maunz/Dürig/Herzog aaO Art. 9 Rdn. 238; ferner Kannengießer in Schmidt-Bleib-
treu/Klein, Kommentar zum Grundgesetz, 9. Aufl., Art. 9 Rdn. 16).
Die Regelung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln macht die Ausdehnung der
Verbindlichkeit tarifvertraglicher Bestimmungen auf ungebundene Dritte von kei-
nen sachlichen Voraussetzungen abhängig. Auch das Verfahren bietet keine Ge-
– 29 –
währ dafür, daß die Interessen der Außenseiter berücksichtigt werden. Nach Auf-
fassung des Senats ist damit den strengen Anforderungen, die nach Art. 9 Abs. 3
GG an die Erstreckung tarifvertraglicher Bestimmungen auf unbeteiligte Dritte zu
stellen sind, nicht genügt.
Geiß
Goette
Ball
Tepperwien
Bornkamm