BGH Beschluss vom 11.10.2006 – KZR 45/05
Kartellsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
11. Oktober 2006
in dem Rechtsstreit
KZR 45/05
Nachschlagewerk: ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
ZPO §§ 263, 264 Nr. 1
Lesezirkel II
Eine Klageänderung durch Einführung eines neuen Klagegrundes liegt erst
dann vor, wenn durch den Vortrag neuer Tatsachen der Kern des in der Klage
angeführten Lebenssachverhalts verändert wird (Bestätigung von BGHZ 154,
342 – Reinigungsarbeiten; BGH, Urt. v. 19.9.1996 – I ZR 76/95, GRUR 1997,
141 – Kompetenter Fachhändler).
BGH, Beschluss vom 11. Oktober 2006 – KZR 45/05 – OLG Hamburg LG Hamburg
Der Kartellsenat des Bundesgerichtshofs hat am 11. Oktober 2006 durch
den Präsidenten des Bundesgerichtshofs Prof. Dr. Hirsch, den Vorsitzenden
Richter Ball und die Richter Prof. Dr. Bornkamm, Dr. Raum und Prof. Dr. Meier-
Beck
beschlossen:
Auf die Nichtzulassungsbeschwerde der Klägerin wird das Urteil
des 3. Zivilsenats des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg
vom 17. November 2005 aufgehoben.
Der Rechtsstreit wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung,
auch über die Kosten des Beschwerdeverfahrens, an das Beru-
fungsgericht zurückverwiesen.
Gründe
I.
Die Klägerin nimmt den beklagten Verlag Gruner + Jahr auf Belie-
ferung mit den Zeitschriften STERN, GALA und BRIGITTE zu den Lieferungs-
und Zahlungsbedingungen der Beklagten für Lesezirkel (Anlage JS 6) in An-
spruch. Sie beabsichtigt den Betrieb eines oder mehrerer Lesezirkel und ist der
Auffassung, die Beklagte dürfe als marktbeherrschendes oder jedenfalls markt-
starkes Unternehmen ihre – der Klägerin – Belieferung nicht verweigern.
Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Die Berufung der Klägerin ist
ohne Erfolg geblieben. Das Berufungsgericht hat die Revision nicht zugelassen;
hiergegen richtet sich die Beschwerde der Klägerin.
II.
Die zulässige Beschwerde hat Erfolg und führt zur Aufhebung des
angefochtenen Urteils und zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungs-
gericht, da dieses den Anspruch der Klägerin auf rechtliches Gehör in entschei-
dungserheblicher Weise verletzt hat (§ 544 Abs. 7 ZPO).
1.
Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung im Wesentlichen
wie folgt begründet:
Trotz gleich gebliebenem Klageantrag habe sich der Streitgegenstand in
der Berufungsinstanz erweitert. In erster Instanz habe die Klägerin einen Belie-
ferungsanspruch nach Maßgabe ihres Projekts "A. -Lesezirkel" geltend
gemacht, in dessen Rahmen an die A. AG gebundenen Friseuren Zeitschrif-
ten in mit A. -Werbung versehenen Mappen geliefert werden sollten, und
gemeint, die Unterschiede zu herkömmlichen Lesezirkelunternehmen fielen
nicht ins Gewicht. Nunmehr beanspruche die Klägerin, als "normales Lesezir-
kelunternehmen" beliefert zu werden, wobei sie ihr neues Projekt "B.-
Lesezirkel" – eine Kooperation mit einem Verband von Zahntechniklaboren
(B. ), der die Zeitschriftenabonnements als Instrument der Kundenbindung
gegenüber Zahnärzten einsetzen will – als darunter fallend ansehen wolle,
"letztlich nicht anders als im Falle des A. -Lesezirkel".
Ein Belieferungsanspruch nach Maßgabe des Projekts "A. -
Lesezirkel" bestehe nicht. Ob die Beklagte Normadressatin des Diskriminie-
rungs- und Behinderungsverbots sei, könne dahinstehen. Die Klägerin werde
nicht diskriminiert, weil sich der "A. -Lesezirkel" schon durch die das Cha-
rakteristische des Projekts durchaus treffende Namensgebung von dem übli-
chen Lesezirkelvertrieb unterscheide. Hierdurch werde nämlich zum Ausdruck
gebracht, dass "eigentlicher Sponsor" des Lesezirkels ein Markenartikelherstel-
ler sei und nach außen als dessen Träger bzw. Betreiber auftrete. Auch verfüge
die Klägerin nicht über eine eigene Lesezirkelvertriebsorganisation, sondern die
Abonnentenwerbung erfolge durch die Außendienstmitarbeiter von A. , die
auch die Auslieferung übernähmen, was einer prinzipiell flächendeckenden und
gleichmäßig verteilten Abonnentenakquisition mit einer entsprechenden Leser-
streuung schon nach der Lebenserfahrung entgegenstehen müsse. Daher fehle
es auch an einer unbilligen Behinderung. Es liege auf der Hand, dass die Be-
klagte ein schützenswertes Interesse daran habe, nur an solche Lesezirkelun-
ternehmen zu liefern, die das eigene Anzeigengeschäft, aber auch die Preis-
stellung ihrer Zeitschriften im normalen Abverkauf nicht nachteilig beeinflussten.
Weitere Gesichtspunkte ließen den ohnehin nicht bestehenden Belieferungsan-
spruch der Klägerin zusätzlich unbegründet erscheinen. Dazu gehörten das
kleine Titelsortiment, das die Klägerin anbieten wolle, das Fehlen von Wahl-
möglichkeiten bei der Titelauswahl und die Zweifel daran, dass die Klägerin mit
den A. -Mitarbeitern die Abholung der Mappen und die bei Lesezirkeln übli-
che Folgevermietung gewährleisten könne.
Soweit die Klageanträge auf das weitere Lesezirkelprojekt "B. -
Lesezirkel" bezogen seien, sei die Zulassung der Klageerweiterung nicht sach-
dienlich. Es werde, auch wenn er gewisse Parallelen zum Projekt "A. -
Lesezirkel" aufweisen möge, ein "ganz neuer Sachverhalt" zum Streitgegen-
stand gemacht; die Kriterien, nach denen die Klägerin diesen neuen Lesezirkel
durchführen wolle, seien nicht abgeklärt und in vielen Einzelheiten streitig.
2.
Das hält rechtlicher Nachprüfung nicht stand. Das Berufungsge-
richt hat den von der Klägerin verfolgten Belieferungsanspruch zu Unrecht in
zwei Streitgegenstände aufgegliedert, infolgedessen den geltend gemachten
Anspruch nicht für denjenigen Sachverhalt geprüft, für den ihn die Klägerin gel-
tend gemacht hat, und damit den Anspruch der Klägerin auf rechtliches Gehör
verletzt.
a) Wie die Beschwerde zu Recht rügt, hat die Klägerin bereits in ers-
ter Instanz keine Belieferung für einen "A. -Lesezirkel" beansprucht. Die
Bezeichnung ist zwar vorprozessual in Werbeunterlagen verwendet worden,
wird im Klagevorbringen selbst jedoch nicht erwähnt. Die Klägerin hat auch in
erster Instanz nicht vorgetragen, die Auslieferung der Lesemappen solle durch
den A. -Außendienst erfolgen, sondern hat bereits in ihrem – mit der Klage-
schrift überreichten – Schreiben vom 18. Mai 2004 an die Beklagte (Anlage
JS 4) die beabsichtigte Zusammenarbeit mit dem Logistikunternehmen t.
GmbH, die das Berufungsgericht als Charakteristikum des erwei-
terten zweitinstanzlichen Klagebegehrens erwähnt, bei der Auslieferung der
Lesemappen dargestellt.
Umgekehrt hat die Klägerin in zweiter Instanz nicht erklärt, nunmehr
(auch) ein Projekt "B. -Lesezirkel" verfolgen zu wollen. Sie hat lediglich das
von ihr verfolgte Projekt, und die Art und Weise, wie sie dessen Konformität mit
den Lieferungs- und Zahlungsbedingungen der Beklagten für den Lesezirkel
gewährleisten will, näher erläutert und ist dabei von dem Begriff "A. -
Lesezirkel" ausdrücklich abgerückt. Darin lag nur eine weitere Erläuterung und
gegebenenfalls teilweise Berichtigung eines im Kern gleich gebliebenen Sach-
verhalts, auf dessen Grundlage die Klägerin einen Belieferungsanspruch gegen
die Beklagte behauptet und der dadurch gekennzeichnet ist, dass die Klägerin
Lesezirkel betreiben möchte, die von bestimmten Unternehmen wie A. oder
B. als Werbemittel eingesetzt und dementsprechend insbesondere durch
Teilnehmerakquisition aus deren Abnehmerkreis gefördert werden sollen. Von
dieser Eigenart ihres Projekts hat die Klägerin in erster Instanz vertreten, sie
stelle einen nicht ins Gewicht fallenden Unterschied zu herkömmlichen Lesezir-
kelunternehmen dar, während sie in zweiter Instanz gemeint hat, eine solche
Bindung stehe mit der Tätigkeit eines "normalen Lesezirkelunternehmens" nicht
in Widerspruch, weil die Vermarktung der Lesezirkelumschläge als Anzeigenflä-
chen seit vielen Jahren üblich sei.
Mit einer Veränderung des Streitgegenstandes hat diese Akzentver-
schiebung bei der rechtlichen Bewertung nichts zu tun. Änderungen des Tatsa-
chenvortrags im Detail, wie etwa ein Wechsel des Logistikunternehmens, sind
gleichfalls unschädlich. Die Klägerin hat damit keinen neuen Klagegrund in das
Verfahren eingeführt. Die Identität des Klagegrundes wird aufgehoben, wenn
durch neue Tatsachen der Kern des in der Klage angeführten Lebenssachver-
haltes verändert wird. Dabei muss es sich um wesentliche Abweichungen han-
deln; die bloße Ergänzung oder Berichtigung der tatsächlichen Angaben fällt
unter § 264 Nr. 1 ZPO und stellt daher keine Änderung des Klagegrundes dar
(BGHZ 154, 342, 348 f. – Reinigungsarbeiten; BGH, Urt. v. 19.9.1996 – I ZR
76/95, GRUR 1997, 141 – Kompetenter Fachhändler).
b)
Die Versagung des rechtlichen Gehörs ist auch entscheidungser-
heblich, da nach dem der rechtlichen Nachprüfung zugrunde zu legenden
Sachverhalt ein Belieferungsanspruch der Klägerin nicht ausgeschlossen wer-
den kann.
Da das Berufungsgericht hierzu keine Feststellungen getroffen hat, ist für
das Beschwerdeverfahren davon auszugehen, dass die Beklagte als marktbe-
herrschendes oder jedenfalls marktstarkes Unternehmen Normadressat des
Diskriminierungsverbots nach § 20 GWB ist und dass die Klägerin von ihr in
einem Geschäftsverkehr, der gleichartigen Unternehmen üblicherweise zugäng-
lich ist, unterschiedlich behandelt wird, indem ihr die Belieferung mit den be-
gehrten Zeitschriften zu Lesezirkelbedingungen versagt wird.
Der vom Berufungsgericht gegebenen Begründung ist kein sachlich ge-
rechtfertigter Grund für die Ungleichbehandlung zu entnehmen.
Das Berufungsgericht stellt zum einen auf die Namensgebung ab. Die
Klägerin hat jedoch in der Berufungsinstanz klargestellt, dass der Lesezirkel
nicht als "A. -Lesezirkel" bezeichnet werden soll. Damit ist auch der An-
nahme des Berufungsgerichts die Grundlage entzogen, A. erscheine damit
als Träger oder Betreiber des Lesezirkels.
Zum anderen stellt das Berufungsgericht darauf ab, dass die Klägerin
nicht über eine eigene Lesezirkel-Vertriebsorganisation verfüge, sondern die
Abonnentenwerbung durch A. -Außendienstmitarbeiter erfolgen solle, die
auch die Auslieferung übernähmen. Auch das entspricht hinsichtlich der Auslie-
ferung der Zeitschriften nicht dem Sachvortrag der Klägerin. Hinsichtlich der
Abonnentenwerbung fehlt es an Feststellungen des Berufungsgerichts dazu, ob
die Beklagte bei den von ihr belieferten Lesezirkeln bestimmte Anforderungen
an die Organisation und den Träger der Abonnentenwerbung stellt und welche
Anforderungen dies gegebenenfalls sind. Die Erwägung des Berufungsgerichts,
nach der Lebenserfahrung sei eine "flächendeckende und gleichmäßig verteilte"
Akquisitionstätigkeit der Außendienstmitarbeiter eines Markenartikelherstellers
wie A. nicht zu erwarten, ist zwar für sich genommen nicht zu beanstanden,
trägt jedoch die Annahme einer sachlichen Rechtfertigung der Ungleichbehand-
lung nicht, solange die Anforderungen nicht feststehen, die die Beklagte inso-
weit an die Akquisitionstätigkeit eines Lesezirkelbetreibers stellt.
3.
Das Berufungsurteil ist hiernach aufzuheben. Da die Aufhebung
nach § 544 Abs. 7 ZPO erfolgt, wird das Beschwerdeverfahren, wie die Vor-
schrift ausdrücklich bestimmt, abweichend von § 544 Abs. 6 ZPO nicht als Re-
visionsverfahren fortgesetzt, so dass es der vorherigen Zulassung der Revision
nicht bedarf (BGH, Beschl. v. 5.4.2005 – VIII ZR 160/04, NJW 2005, 1950). Der
Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision wird vielmehr im Falle des
§ 544 Abs. 7 ZPO in der Weise stattgegeben, dass der Bundesgerichtshof dem
Beschwerdebegehren, die Nachprüfung des Berufungsurteils zu eröffnen, durch
dessen unmittelbare Aufhebung entspricht.
4.
Für die neue Verhandlung weist der Senat vorsorglich darauf hin,
dass die Beklagte entgegen der Auffassung der Beschwerde nicht verpflichtet
ist, die Klägerin bereits dann zu beliefern, wenn diese die Lieferungs- und Zah-
lungsbedingungen der Beklagten für den Lesezirkel akzeptiert und keine An-
haltspunkte dafür bestehen, dass sie diese Bedingungen bei Aufnahme der Be-
lieferung nicht einhalten wird. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesge-
richtshofs hindert das Diskriminierungsverbot den Normadressaten grundsätz-
lich nicht daran, seine geschäftliche Tätigkeit und sein Absatzsystem nach ei-
genem Ermessen so zu gestalten, wie er dies für wirtschaftlich sinnvoll und rich-
tig erachtet (BGH, Urt. v. 13.7.2004 – KZR 17/03, WuW/E DE-R 1377, 1378 f. –
Sparberaterin; Urt. v. 24.9.2002 – KZR 38/99, WuW/E DE-R 1051, 1053 – Vor-
leistungspflicht; Urt. v. 17.3.1998 – KZR 30/96, WuW/E DE-R 134, 136 – Bahn-
hofsbuchhandel; Beschl. v. 25.10.1988 – KVR 1/87, WuW/E 2535, 2539 f. –
Lüsterbehangsteine). Die Belieferung von Lesezirkeln zu besonderen Konditio-
nen ist ein Vertriebsinstrument der Verlage, mit dem diese vornehmlich die
Reichweiten der von ihnen vertriebenen Zeitschriften erhöhen, möglicherweise
diese aber auch qualitativ steuern wollen. Es steht den Verlagen daher grund-
sätzlich frei, sachliche Voraussetzungen für die Belieferung eines Lesezirkels
aufzustellen.
Im Streitfall wird das Berufungsgericht insbesondere zu prüfen haben, ob
die Lieferverweigerung deswegen sachlich gerechtfertigt ist, weil die Beklagte
nur solche Lesezirkelbetreiber beliefert und beliefern will, die sich nicht an einen
bestimmten Werbepartner binden, der die Lesemappen als Instrument der
Kundenbindung einsetzen will und damit dauerhaft auch die werbliche Wirkung
der in der Zeitschrift selbst publizierten Anzeigen beeinflussen kann.
Hirsch
Ball
Bornkamm
Raum
Meier-Beck
Vorinstanzen:
LG Hamburg, Entscheidung vom 04.11.2004 - 315 O 559/04 -
OLG Hamburg, Entscheidung vom 17.11.2005 - 1 Kart U 2/05 -