Rechtsprechung / Landgericht Duisburg

Landgericht Duisburg Urteil vom 29.06.2012 – 7 S 135/11

ECLI:DE:LGDU:2012:0629.7S135.11.00

Tenor

Auf die Be­ru­fung der Klä­ge­rin wird das am 03.08.2011 ver­kün­de­te Urteil des Amts­ge­richts Mül­heim an der Ruhr (Az. 12 C 2561/10) ab­ge­än­dert und ins­ge­samt wie folgt neu ge­fasst:

Der Be­klag­te wird ver­urteilt, einem mit einem Aus­weis ver­se­he­nen Be­auf­trag­ten des zu­stän­di­gen Netz­be­trei­bers, , , , der durch die Klä­ge­rin be­auf­tragt wird, Zu­tritt zu der Ab­nah­me­stel­le , , zu ge­stat­ten und die Ein­stel­lung der Strom­ver­sor­gung durch Aus­bau des Strom­zäh­lers Nr. zu dul­den.

Im Üb­ri­gen wird die Klage ab­ge­wie­sen. Die wei­ter­ge­hen­de Be­ru­fung wird zu­rück­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits hat der Be­klag­te zu tra­gen.

Die­ses Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar.

Der Streit­wert wird für beide Ins­tan­zen auf 2.808,00 € fest­ge­setzt.

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G r ü n d e :

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I.

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Wegen der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen wird Bezug ge­nom­men auf das an­ge­foch­te­ne Urteil (Bl. 55 ff. d. A.). Im Üb­ri­gen wird von einer Dar­stel­lung des Sach- und Streit­stan­des gemäß §§ 540 Abs. 2, 313a Abs. 1 S. 1 ZPO ab­ge­se­hen.

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II.

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Die Be­ru­fung der Klä­ge­rin hat im We­sent­li­chen Er­folg.

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1. Die Be­ru­fung ist zu­läs­sig.

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Ins­be­son­de­re ist die Klä­ge­rin durch die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung in aus­rei­chen­dem Um­fang be­schwert, da der Wert des Be­schwer­de­gegen­stan­des 600,00 € über­steigt (§ 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO). In­so­weit folgt die Kam­mer der – vom Be­klag­ten nicht an­ge­grif­fe­nen – Be­rech­nung in der Be­ru­fungs­be­grün­dung, wo­nach die Be­schwer der Klä­ge­rin dem 6-fa­chen Mo­nats­be­trag der fest­ge­setz­ten Vo­raus­zah­lun­gen des Be­klag­ten ent­spricht (6 x 468,00 € = 2.808,00 €). Denn der Klä­ge­rin geht es nicht um den Be­sitz des Zäh­lers, son­dern darum, zu ver­hin­dern, dass der Be­klag­te in Zu­kunft wei­ter­hin ohne ent­spre­chen­de Gegen­leis­tung Strom ent­nimmt (vgl. OLG Köln, ZMR 2006, 208; OLG Braun­schweig, NJW-RR 2006, 1584; OLG Schles­wig, NJW-RR 2010, 141; OLG Bran­den­burg, RdE 2010, 229; OLG Ol­den­burg, NZM 2010, 135; OLG Ham­burg, NZM 2011, 792).

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2. Die Be­ru­fung ist auch im We­sent­li­chen be­grün­det.

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a) Die Klä­ge­rin hat gegen den Be­klag­ten gemäß § 19 Abs. 2 S. 1 i. V. m. S. 4 StromGVV einen An­spruch da­rauf, die Ein­stel­lung der Strom­ver­sor­gung durch Aus­bau des streit­gegen­ständ­li­chen Strom­zäh­lers zu dul­den.

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aa) Gemäß § 19 Abs. 2 S. 4 StromGVV darf der Grund­ver­sor­ger eine Unter­bre­chung der Grund­ver­sor­gung wegen Zah­lungs­ver­zu­ges durch­füh­ren las­sen, wenn der Kunde nach Abzug et­wai­ger An­zah­lun­gen mit Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen von min­des­tens 100,00 € in Ver­zug ist. Bei der Be­rech­nung der Höhe die­ses Be­tra­ges blei­ben gemäß § 19 Abs. 2 S. 5 StromGVV die­je­ni­gen nicht ti­tu­lier­ten For­de­run­gen außer Be­tracht, die der Kunde form- und frist­ge­recht sowie schlüs­sig be­grün­det be­an­stan­det hat. Gemäß § 17 Abs. 1 S. 2 StromGVV be­rech­ti­gen Ein­wän­de gegen Rech­nun­gen und Ab­schlags­be­rech­nun­gen zum Zah­lungs­auf­schub oder zur Zah­lungs­ver­wei­ge­rung nur, (1.) so­weit die ernst­haf­te Mög­lich­keit eines of­fen­sicht­li­chen Feh­lers be­steht oder (2.) so­fern der in einer Rech­nung an­ge­ge­be­ne Ver­brauch ohne er­sicht­li­chen Grund mehr als dop­pelt so hoch wie der ver­gleich­ba­re Ver­brauch im vor­he­ri­gen Ab­rech­nungs­zeit­raum ist und der Kunde eine Nach­prü­fung der Mess­ein­rich­tung ver­langt und so­lan­ge durch die Nach­prü­fung nicht die ord­nungs­ge­mä­ße Funk­tion des Mess­ge­räts fest­ge­stellt ist.

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Die Klä­ge­rin be­rühmt sich aus dem streit­gegen­ständ­li­chen, unter der Kun­den-Nr.

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ge­führ­ten Ver­trag einer nicht ti­tu­lier­ten For­de­rung in Höhe von 6.753,55 €, die sie auf die Jah­res­rech­nung vom 11.07.2010 (Bl. 24 ff. d. A.) und die in der Fol­ge­zeit an­ge­fal­le­nen Ab­schlags­zah­lun­gen stützt. Diese For­de­rung hat der Be­klag­te nicht nach Maß­ga­be des § 17 Abs. 1 S. 2 StromGVV schlüs­sig be­grün­det be­an­stan­det. Der Be­klag­te hat aus­schließ­lich die Rich­tig­keit des in der Rech­nung zu­grun­de ge­leg­ten Strom­ver­brauchs be­strit­ten. Hie­raus kann – ent­gegen der An­sicht des Amts­ge­richts – die ernst­haf­te Mög­lich­keit eines of­fen­sicht­li­chen Feh­lers im Sinne von § 17 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 StromGVV nicht her­ge­lei­tet wer­den. Bei zu­tref­fen­dem Ver­ständ­nis der Norm zeigt be­reits die Sys­te­ma­tik des § 17 Abs. 1 S. 2 StromGVV, dass et­wai­ge Feh­ler bei der Ver­brauch­ser­mitt­lung nur unter den Vo­raus­set­zun­gen des – in­so­weit spe­ziel­le­ren – § 17 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 StromGVV zur Zah­lungs­ver­wei­ge­rung be­rech­ti­gen. In allen an­de­ren Fäl­len bleibt die Klä­rung von et­wai­gen Feh­lern bei der Ver­brauch­ser­mitt­lung nach dem Sinn und Zweck des § 17 StromGVV, der dem Grund­ver­sor­ger als Kor­re­lat für den ihm auf­er­leg­ten Kon­tra­hie­rungs­zwang und seine grund­sätz­li­che Vor­leis­tungs­pflicht ein zü­gi­ges In­kas­so er­mög­li­chen soll (vgl. Hem­pel, in: Hem­pel/Fran­ke, Recht der Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung, Band 5, Er­gän­zungs­band AB­EltV, § 30 AVBEltV Rn. 2 ff. m. w. N.), einem Rück­for­de­rungs­pro­zess des Kun­den vor­be­hal­ten. So­weit die Kam­mer in dem Hin­weis­be­schluss vom 06.02.2012 (Bl. 110 ff. d. A.) in die­ser Frage zu­nächst dem Amts­ge­richt ge­folgt war, hält sie an die­ser Auf­fas­sung nicht mehr fest.

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Die Vo­raus­set­zun­gen des § 17 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 StromGVV, näm­lich dass der in der Rech­nung an­ge­ge­be­ne Ver­brauch ohne er­sicht­li­chen Grund mehr als dop­pelt so hoch wie der ver­gleich­ba­re Ver­brauch im vor­he­ri­gen Ab­rech­nungs­zeit­raum ist, lie­gen eben­falls nicht vor. Ver­gleichs­maß­stab kann in­so­fern nur der zu­letzt tat­säch­lich er­mit­tel­te Ver­brauch des Be­klag­ten sein. Tat­säch­lich, d. h. durch Ab­lesun­gen, er­mit­telt wurde im vor­he­ri­gen Ab­rech­nungs­zeit­raum le­dig­lich der Ver­brauch vom Be­ginn des Ver­trags­ver­hält­nis­ses am 15.03.2009 (ab­ge­lese­ner Zäh­ler­stand: 199.266 kWh) bis zum 09.04.2009 (ab­ge­lese­ner Zäh­ler­stand: 201.052 kWh). In die­sem Zeit­raum hat der Be­klag­te 1.786 kWh ver­braucht, was einem durch­schnitt­li­chen Ta­ges­ver­brauch von 68,69 kWh ent­spricht. Die­ser in der Vor­jah­res­rech­nung vom 22.07.2009 (Bl. 169 ff. d. A.) aus­ge­wie­se­ne und vom Be­klag­ten nicht be­an­stan­de­te Wert liegt sogar noch über dem in der Jah­res­rech­nung vom 11.07.2010 für den Zeit­raum vom 30.06.2009 (ge­schätz­ter Zäh­ler­stand: 202.073 kWh) bis zum 11.06.2010 (ab­ge­lese­ner Zäh­ler­stand: 225.009 kWh) an­ge­ge­be­nen Ver­brauch von 22.936 kWh, wel­cher einem durch­schnitt­li­chen Ta­ges­ver­brauch von 66,10 kWh ent­spricht.

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Auf den in der Jah­res­rech­nung vom 11.07.2010 zum Zwe­cke des „Vor­jah­res­ver­gleichs“ an­ge­ge­be­nen Ver­gleichs­zeit­raum vom 15.03.2009 bis 29.06.2009, für den die Klä­ge­rin nur einen Ver­brauch von 2.807 kWh (ent­spre­chend einem durch­schnitt­li­chen Ta­ges­ver­brauch von 26,23 kWh) er­rech­net hatte, kann sich der Be­klag­te nicht be­ru­fen, weil der hier­bei zu­grun­de ge­leg­te End­zäh­lers­tand nur auf einer Schät­zung be­ruht, die von der – mög­li­cher­wei­se zu op­ti­mis­ti­schen – An­nah­me aus­ge­gan­gen war, dass der Be­klag­te in dem Zeit­raum vom 10.04.2009 (ab­ge­lese­ner Zäh­ler­stand: 201.052 kWh) bis zum 29.06.2009 (ge­schätz­ter Zäh­ler­stand: 202.073 kWh) nur 1.021 kWh, d. h. durch­schnitt­lich 12,60 kWh am Tag, ver­braucht hat. So­weit die Kam­mer in dem Hin­weis­be­schluss vom 06.02.2012 (Bl. 110 ff. d. A.) auf den ge­sam­ten vor­he­ri­gen Ab­rech­nungs­zeit­raum ab­ge­stellt hatte, be­ruh­te dies auf der – wie sich he­raus­ge­stellt hat – un­rich­ti­gen An­nah­me, dass auch der Zäh­ler­stand am 29.06.2009 durch eine Ab­lesung er­mit­telt wor­den sei.

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bb) Auf den Nicht­er­halt des – die nach § 19 Abs. 2 S. 1 StromGVV er­for­der­li­che An­dro­hung ent­hal­ten­den – Schrei­bens vom 26.11.2010 (Bl. 4 f. d. A.) kann sich der Be­klag­te nicht mehr be­ru­fen, da ihm die­ses jeden­falls mit der Klage zu­ge­stellt wor­den ist und er die Er­fül­lung der klä­ge­ri­schen For­de­rung durch sein wei­te­res Ver­tei­di­gungs­vor­brin­gen ernst­haft und end­gül­tig ver­wei­gert hat.

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b) Die Ver­urtei­lung war je­doch in­so­weit ein­zu­schrän­ken, als hin­sicht­lich des von der Klä­ge­rin be­gehr­ten Aus­spruchs, dass der Be­klag­te den Zu­tritt zu der Ab­nah­me­stel­le „auch zwangs­wei­se durch den Ge­richts­voll­zie­her zu ge­stat­ten“ habe, kein Rechts­schutz­be­dürf­nis der Klä­ge­rin be­steht. Denn die Zwangs­voll­stre­ckung der in die­sem Urteil aus­ge­spro­che­nen Dul­dungs­ver­pflich­tung rich­tet sich aus­schließ­lich nach § 890 ZPO, wo­nach der Schuld­ner ge­ge­be­nen­falls durch Ord­nungs­geld und Ord­nungs­haft zur Er­fül­lung der ti­tu­lier­ten Ver­pflich­tung an­zu­hal­ten ist.

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III.

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Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 2 Nr. 1 ZPO. Die Ent­schei­dung über die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit folgt aus §§ 708 Nr. 10, 711, 713 ZPO. Der Streit­wert ent­spricht der ein­gangs fest­ge­stell­ten Rechts­mittel­be­schwer.