Rechtsprechung / Landgericht Duisburg

Landgericht Duisburg Urteil vom 31.08.2012 – 7 S 33/12

ECLI:DE:LGDU:2012:0831.7S33.12.00

Tenor

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten zu 1) wird das am 07.02.2012 ver­kün­de­te Urteil des Amts­ge­richts Mül­heim an der Ruhr (13 C 485/11) ab­ge­än­dert und die Klage ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits wer­den dem Klä­ger auf­er­legt.

Die­ses Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar.

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G r ü n d e :

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I.

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Wegen der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen wird Bezug ge­nom­men auf das an­ge­foch­te­ne Urteil (Bl. 97 ff. d. A.). Im Üb­ri­gen wird von einer Dar­stel­lung des Sach- und Streit­stan­des gemäß §§ 540 Abs. 2, 313a Abs. 1 S. 1 ZPO ab­ge­se­hen.

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II.

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Die Be­ru­fung der Be­klag­ten zu 1) hat Er­folg.

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Dem Klä­ger ste­hen wegen der ver­eitel­ten Reise nach Dubai weder Ge­währ­leis­tungs­an­sprü­che aus §§ 651d ff. BGB noch ein Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 280 Abs. 1 BGB zu. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer war die Be­klag­te zu 1) nicht ver­pflich­tet, den Klä­ger un­ge­fragt über die Ein­rei­se­be­stim­mun­gen der Ver­einig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te auf­zu­klä­ren.

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1.

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Grund­sätz­lich ist es Sache des Rei­sen­den, das zur Vor­be­rei­tung und plan­mä­ßi­gen Durch­füh­rung der Reise Er­for­der­li­che zu tun, ins­be­son­de­re sich die per­sön­li­chen Rei­se­do­ku­men­te wie Pass, Visum u. ä. zu be­schaf­fen (BGH, NJW 1985, 1185; OLG Ros­tock, RRa 2009, 98). Auf die Vor­schrift des § 5 Nr. 1 BGB-InfoV, wo­nach der Rei­se­ver­an­stal­ter ver­pflich­tet ist, den Rei­sen­den vor Ver­trags­schluss über Pass- und Visum­er­for­der­nis­se zu unter­rich­ten, kann sich der Klä­ger nicht be­ru­fen, da sich diese Ver­pflich­tung nur auf die Er­for­der­nis­se für An­ge­hö­ri­ge des Mit­glied­staa­tes, in dem die Reise an­ge­bo­ten wird, mit­hin auf deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge be­zieht. Im Hin­blick auf den wei­ter­ge­hen­den Wort­laut von Art. 4 Abs. 1 lit. a der EG-Pau­schal­rei­se-Richt­li­nie, wo­nach die Hin­wei­se für Staats­an­ge­hö­ri­ge „des bzw. der be­tref­fen­den Mit­glied­staa­ten“ zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den müs­sen, wird zwar eine ent­spre­chen­de An­wen­dung des § 5 Nr. 1 BGB-InfoV auf An­ge­hö­ri­ge an­de­rer EU- (und EWR-) Mit­glied­staa­ten dis­ku­tiert (vgl. Füh­rich, Rei­se­recht, 6. Aufl. 2010, Rn. 663a; Stau­dinger, BGB, Neu­be­arb. 2011, BGB-InfoV § 5 Rn. 2). Gegen­über An­ge­hö­ri­gen von Dritt­staa­ten wie dem Klä­ger, der die tür­ki­sche Staats­bür­ger­schaft be­sitzt, ist der Rei­se­ver­an­stal­ter nach all­ge­mei­nen rei­se­ver­trag­li­chen Grund­sät­zen je­doch nur dann zu einer In­for­ma­tion ver­pflich­tet, wenn die aus­län­di­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit bei Ver­trags­schluss auf­grund be­son­de­rer Um­stän­de er­kenn­bar ist (vgl. Füh­rich, a. a. O., Rn. 663b; Stau­dinger, a. a. O., Ton­ner, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 5. Aufl. 2009, BGB-InfoV § 5 Rn. 6).

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Von die­sen Grund­sät­zen ist das Amts­ge­richt zu­tref­fend aus­ge­gan­gen, al­ler­dings hat es das Vor­lie­gen der vor­ge­nann­ten Vo­raus­set­zung nach Auf­fas­sung der Kam­mer zu Un­recht be­jaht. Wie die Kam­mer be­reits in an­de­rer Sache ent­schie­den hat (vgl. Be­schluss vom 14.11.2011 – 7 S 108/11), gibt al­lein der Um­stand, dass der Klä­ger einen tür­ki­schen Namen trägt, kei­nen aus­rei­chen­den Hin­weis auf des­sen tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit, da in der Bun­des­re­pub­lik Deutsch­land und ins­be­son­de­re im Ruhr­ge­biet, zu dem der Land­ge­richts­be­zirk Duis­burg ein­schließ­lich der Stadt Mül­heim an der Ruhr zäh­len, eine große Zahl von Men­schen lebt, die zwar tür­ki­scher Ab­stam­mung sind, aber gleich­wohl die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit be­sit­zen. Aus dem­sel­ben Grunde ist auch die vom Amts­ge­richt fest­ge­stell­te Tat­sa­che, dass das Be­ra­tungs­ge­spräch zwi­schen dem Klä­ger und dem Ge­schäfts­füh­rer der Be­klag­ten zu 2) teil­wei­se in tür­ki­scher Spra­che ge­führt wurde, kein In­di­ka­tor für die Staats­an­ge­hö­rig­keit des Klä­gers. Denn es ist all­ge­mein be­kannt, dass die tür­ki­sche Spra­che auch unter deut­schen Staats­bür­gern mit tür­ki­schem Mig­ra­tions­hin­ter­grund, selbst wenn deren Fa­mi­lien in zwei­ter oder drit­ter Ge­ne­ra­tion in Deutsch­land leben, zum Teil noch rege Ver­wen­dung fin­det. Nicht an­ders ver­hält es sich im Üb­ri­gen bei vie­len Mig­ran­ten aus Ost­euro­pa, die mit der An­erken­nung als Spät­aus­sied­ler im Sinne des Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­set­zes auto­ma­tisch die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit er­wer­ben. Um die­sen de­mo­gra­phi­schen Ge­ge­ben­hei­ten Rech­nung zu tra­gen, müss­te der Rei­se­ver­an­stal­ter bzw. das ver­mit­teln­de Rei­se­bü­ro ob­li­ga­to­risch die Staats­an­ge­hö­rig­keit sämt­li­cher Rei­sen­den ab­fra­gen und hie­rauf zu­ge­schnit­te­ne Ein­zel­infor­ma­tio­nen er­tei­len. Eine der­art weit­ge­hen­de In­for­ma­tions­pflicht ist ab­zu­leh­nen, da sie die ver­trag­li­che Ri­si­ko­ver­tei­lung (s. o.) in nicht mehr an­ge­mes­se­ner Weise zu Las­ten des Rei­se­ver­an­stal­ters ver­schie­ben würde.

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2.

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Eines vor­sorg­li­chen Hin­wei­ses des Rei­se­ver­an­stal­ters an alle Rei­sen­den, dass für An­ge­hö­ri­ge von Dritt­staa­ten mög­li­cher­wei­se an­de­re Pass- und Visum­er­for­der­nis­se gel­ten, die bei der zu­stän­di­gen Bot­schaft er­fragt wer­den kön­nen (wie er in den im Rei­se­ka­ta­log der Be­klag­ten zu 1) ab­ge­druck­ten „Wich­ti­gen Hin­wei­sen“ ent­hal­ten ist), be­darf es nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht (wie hier AG Baden-Baden, RRa 2009, 281; im Er­geb­nis auch Stau­dinger, a. a. O.; a. A. wohl LG Düs­sel­dorf, RRa 2006, 162; LG Müns­ter, RRa 2009, 296; Füh­rich, a. a. O., Rn. 654e). Bei einem durch­schnitt­li­chen Rei­sen­den kann – jeden­falls bei Fern­rei­sen – als be­kannt vo­raus­ge­setzt wer­den, dass – je nach Kom­bi­na­tion von Staats­an­ge­hö­rig­keit des Rei­sen­den und Ziel­land – unter­schied­li­che Ein­rei­se­be­stim­mun­gen gel­ten kön­nen (vgl. AG Baden-Baden, a. a. O.). Sinn­voll ist ein sol­cher Hin­weis al­len­falls im Zu­sam­men­hang mit der nach § 5 Nr. 1 BGB-InfoV zu er­tei­len­den In­for­ma­tio­nen für deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, um klar­zu­stel­len, dass diese für An­ge­hö­ri­ge von Dritt­staa­ten nicht gel­ten. Da der Klä­ger diese In­for­ma­tio­nen nach sei­nem eige­nen Vor­trag nicht zur Kennt­nis ge­nom­men hat, kann er sich auf eine feh­len­de Klar­stel­lung nicht be­ru­fen, da diese nicht ur­säch­lich dafür ge­wor­den sein kann, dass er sich vor An­tritt der Reise nicht um die Ein­ho­lung der er­for­der­li­chen Visa ge­küm­mert hat.

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III.

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Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 S. 1 ZPO. Die Ent­schei­dung über die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit folgt aus §§ 708 Nr. 10, 711, 713 ZPO.

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Streit­wert des Be­ru­fungs­ver­fah­rens: 4.414,00 €