Rechtsprechung / Landgericht Hamburg
Landgericht Hamburg Beschluss vom 25.04.2023 – 324 O 111/23
ECLI:DE:LGHH:2023:0425.324O111.23.00
Orientierungssatz
Auch wenn ein Sendebeitrag, der in der Mediathek zum wiederholten Abgerufen bereitgehalten wird, deutlich macht, dass die darin enthaltenen Vorwürfe nicht feststehen, die Positionen der betroffenen Frauen aber durch die Dramaturgie mittels angeleuchteter Pappfiguren und der vermeintlichen Schilderung aus ihrer Sicht kenntlich macht, erfordert als Verbreitung von zu eigen gemachter Meinungsäußerungen bzw. als Verdachtsberichterstattung eine ausgewogene, auf einen Mindestbestand an Beweistatsachen fußende Darstellung, um nicht in das allgemeinen Persönlichkeitsrecht des Betroffenen einzugreifen. Aus der am Ende der Sendung vorgelesenen Stellungnahme des Betroffenen zu den "Vorwürfen" ergibt sich nichts Gegenteiliges.(Rn.2)
Tenor
I. Der Antragsgegnerin wird es bei Vermeidung eines vom Gericht für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu EUR 250.000,00, ersatzweise Ordnungshaft oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten, letztere zu vollziehen an deren Intendanten,
untersagt,
in Bezug auf den Antragsteller wörtlich oder sinngemäß zu behaupten und/oder behaupten zu lassen bzw zu verbreiten und/oder verbreiten zu lassen:
1. „J. R. soll im Nachhinein gesagt haben, ‚Ich habe dem K. den Arsch gerettet.' (..)."
2. „2017 gesellt sich zu ‚Friede', ‚Freude', ‚Eierkuchen` auch noch dieser Sunnyboy dazu. Bis auch er, der einzige mutige Journalist in diesem Land, ausgerechnet über das Thema Sex stolpert. [...] Die Vorwürfe, sie wiegen schwer. Diverse Affären mit Mitarbeiterinnen. Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Amts- und Machtmissbrauch."
3. (...)
4. „J. R. umwarb mich mit Komplimenten, lobte meine gute Arbeit, mein Talent und prophezeite mir eine große Karriere, was mir damals als Volontärin sehr schmeichelte."
5. (...)
6. „J. R. hat mich für einen Job eingestellt, Für den ich eigentlich nicht wirklich qualifiziert war. Zu einem überhöhten Gehalt. Ich habe erst später verstanden, dass der Grund sein privates Interesse an mir war."
7. (...)
8. (...)
9. (...)
10. „Um 2 Uhr morgens schickte R. eine Nachricht und sagte, ich solle sofort in sein Hotelzimmer kommen. Ich hatte Angst, fürchtete, keine Wahl zu haben. Bei B. raus zu sein, wenn ich den Befehl nicht nachkommen würde. [...] Mir war schlecht, als ich im Hotelzimmer ankam. Wir hatten schnellen Sex. [...] Nachdem R. gegangen ist, begann ich unkontrolliert zu weinen."
11. „Einmal wollte er sich unbedingt treffen. Irgendwann hab ich eingewilligt. Es kam zum Sex. Er hat mich nicht dazu gezwungen. Ich konnte nicht Nein sagen. Ich hätte nein sagen sollen. Die schlimmste Entscheidung meines Lebens. Es war die Angst vor den Konsequenzen, um meine Existenz, meinen Job zu verlieren. Ich habe in der Situation nur Ekel empfunden und dachte nur. Lass es vorbeigehen. Danach habe ich mich ganz furchtbar gefühlt, habe mir die Schuld gegeben."
12. „Welche innere Haltung J. R. offenbar gegenüber Frauen hat, wird in dieser Textnachricht klar: ' Weil ne dumme Affäre wie du es nicht besser verdient hat, ganz einfach: Bumsen, belügen, wegwerfen.“
13. „Im Verlauf der Beziehung ist Frau X - aus Angst vor Repressalien - immer wieder auf die Kontaktaufnahme von Herrn R. eingegangen. Da sie von Herrn R. weiter bedrängt wurde und nur eine Veränderung als Ausweg sah, nahm sie in Bezug auf ihre Karriere eine Verschlechterung in Kauf."
14. „Ich wurde während der Untersuchung vielfach von R. Jüngern angerufen, mit Vorschlägen, was ich aussagen soll.
Vertrauliche Gespräche landeten plötzlich bei ihm.
(...)
15. „Ich habe gegen J. R. ausgesagt und wurde anschließend, als er von seiner Beurlaubung zurückkam, subtil aus meinem Job befördert."
16. Auch ich war so naiv zu glauben, ich könne mich vertraulich an interne Ansprechpartner wenden. Aber natürlich landete auch das direkt bei ihm, und ich war wenig später meinen Job los."
so wie geschehen in dem Sendebeitrag „R. F." mit dem Titel „J. R. u. d. F.: ‚B., b., w.`, ausgestrahlt am 16.02.2023 im Programm D. E. der A. von 23.35 bis 24.00 Uhr, abrufbar in der A.-Mediathek unter der URL https://www...a..de/ und aus dem als Anlage Ast 4 beigefügten Transkript ersichtlich.
II. Im Übrigen wird der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung zurückgewiesen.
III. Von den Kosten des Verfahrens haben der Antragsteller 3/8 und die Antragsgegner/in 5/8 zu tragen.
IV. Der Streitwert wird auf 160.000,00 € festgesetzt.
Gründe
Der Antrag hat in dem aus dem Tenor ersichtlichen Umfang Erfolg; im Übrigen war er zurückzuweisen.
1.
Dem Antragsteller steht der aus dem Tenor ersichtliche Unterlassungsanspruch gegen die Antragsgegnerin aus §§ 1004 Abs. 1 S. 2 analog, 823 Abs. 1 BGB i.V.m. Art. 2 Abs. 1, 1 Abs. 1 GG zu. Die angegriffene Berichterstattung verletzt den Antragsteller in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht.
Die streitgegenständliche Berichterstattung ist insgesamt als Verbreitung von zu eigen gemachten Meinungsäußerungen bzw. als Verdachtsberichterstattung zu qualifizieren. Der Beitrag verdeutlicht, dass die Vorwürfe gegen den Antragsteller nicht feststehen, insbesondere werden die Positionen betroffener Frauen bereits durch die Dramaturgie, jeweils angeleuchtete Pappfiguren zu zeigen, als deren Sicht kenntlich gemacht und am Ende der Sendung wird die Stellungnahme des Antragstellers zu den „Vorwürfen“ vorgelesen.
Im Einzelnen:
Zu Antrag 1: Der Unterlassungsanspruch ist gegeben. Die Verdachtsberichterstattung ist insoweit unzulässig, da der Antragsteller nicht hinreichend konfrontiert worden ist. Zur Frage, ob der Antragsteller im Nachhinein gesagt habe „Ich habe dem K. den Arsch gerettet.' findet sich in der Konfrontation (Anlage Ast 6) nichts; soweit dort unter Nummer 9 gefragt wird, ob er zum Schutz von K. D. Material gesammelt habe, um die Glaubwürdigkeit einer B.-Mitarbeiterin hinsichtlich eines Vergewaltigungsvorwurfs in Frage zu stellen, ist dies nicht hinreichend, da die konkrete Äußerung, die als eine solche des Antragstellers berichtet wird, nicht enthalten ist. Insoweit erweist sich die Verdachtsberichterstattung auch als unausgewogen.
Zu Antrag 2: Der Unterlassungsanspruch besteht nur hinsichtlich des Äußerungsteils „Drogenkonsum am Arbeitsplatz“, da es sich insoweit um eine Verdachtsäußerung handelt, für den keine Beweistatsachen vorgetragen oder sonst ersichtlich sind.
Nicht zu untersagen waren die Äußerungsteile „Diverse Affären mit Mitarbeiterinnen (...) Amts- und Machtmissbrauch“. Die Verdachtsäußerung, der Antragsteller habe diverse Affären mit Mitarbeiterinnen gehabt, ist zulässig. Der Antragsteller hat, nachdem die Antragsgegnerseite die Frauen, mit denen der Antragsteller Affären gehabt haben soll, benannt hat, hinsichtlich möglicher Affären nicht in Abrede genommen, dass er Beziehungen zu Frau G. und Frau G1 unterhalten hat. Hinsichtlich der Wertung des „Amts- und Machtmissbrauchs“ als Zusammenfassung der in der Berichterstattung nachfolgend dargestellten Fälle ergeben sich Anknüpfungstatsachen aus den unstreitigen eben genannten Affären mit untergebenen Frauen und dem Umstand, dass der Antragsteller unstreitig Zugang zu Informationen hatte, die Teil eines gegen ihn gerichteten Compliance-Verfahrens waren.
Zu Antrag 3: Ein Unterlassungsanspruch besteht insoweit nicht. Bei der angegriffenen Äußerung „J. R. ist unberechenbar“ handelt es sich um die Wiedergabe einer Meinungsäußerung, die sich die Antragsgegnerin zu eigen gemacht hat. Für diese Meinungsäußerung liegen angesichts der eidesstattlichen Versicherungen Ast. 11, 15 und insbesondere 16 auch Anknüpfungstatsachen vor.
Zu Antrag 4: Ein Unterlassungsanspruch besteht. Im Gesamtkontext der Berichterstattung entwickelt der Zuschauer das Verständnis, dass sich die Äußerung „J. R. umwarb mich mit Komplimenten“ auf einen Vorfall in der Zeit des Antragstellers als Chefredakteur beziehe. Dies ergibt sich insbesondere aus der anschließenden Äußerung der Moderatorin „Was machst Du, wenn der Chef Dir schreibt, dass er Dich toll findet?“. Die so verstandene Äußerung ist unwahr, weil unstreitig ist, dass sich der von Frau M. berichtete Vorfall im Jahr 2013 und damit vor der Zeit des Antragstellers als Chefredakteur abspielte. Auch bei einem Verständnis der Äußerung als Verdachtsäußerung liegt vor diesem Hintergrund kein hinreichender Mindestbestand an Beweistatsachen vor.
Zu Antrag 5: Ein Unterlassungsanspruch besteht insoweit nicht. Bei der angegriffenen Äußerung „Er hat mir sehr anzügliche und übergriffige Nachrichten geschrieben“ handelt es sich um die Wiedergabe einer Meinungsäußerung, die sich die Antragsgegnerin zu eigen gemacht hat. Für diese Meinungsäußerung liegen angesichts des in den Anlagen Ast. 18, 19 wiedergegebenen Chatverlaufs auch Anknüpfungstatsachen vor. Der Antragsteller hat, nachdem die Antragsgegnerseite die konkret versandten Nachrichten vorgelegt hat, nicht in Abrede genommen, dass diese Nachrichten von ihm stammen. Diese Nachrichten tragen die Wertung als „sehr anzüglich“ bzw. „übergriffig“. Da die Existenz der Nachrichten unstreitig ist, durfte die Antragsgegnerin darüber berichten, ohne dass es auf die weiteren Voraussetzungen einer Verdachtsberichterstattung ankäme.
Zu Antrag 6: Ein Unterlassungsanspruch ist gegeben. Bei der Äußerung, J. R. habe eine Frau wegen seines privaten Interesses an ihr eingestellt, handelt es sich um eine in Verdachtsform gekleidete innere Tatsachenbehauptung. Für diese liegt kein Mindestbestand an Beweistatsachen vor. Die eidesstattliche Versicherung von Frau M1 (Ast 16) deckt die Berichterstattung bereits deswegen nicht, weil dort die Rede davon ist, dass Frau M1 „es erst später so empfunden habe“, dass der Grund ihrer Einstellung das private Interesse des Antragstellers an ihr gewesen sei.“ (was eine Wertung ist), Die Berichterstattung hingegen lautet, dass sie dies erst „später verstanden“ habe, was eine innere Tatsachenbehauptung (in Verdachtsform) darstellt.
Zu Antrag 7: Der Unterlassungsanspruch besteht nicht. Bei der angegriffenen Äußerung „dass J. R. seine Machtposition immer auch eingesetzt hat, um gegenüber anderen, vor allem jungen. attraktiven Frauen klarzumachen: ‚Ich bin hier der große Hecht und wenn ich will, kann ich dich heute ins B. einladen oder übermorgen rausschmeißen‘“. handelt es sich um die Wiedergabe einer Meinungsäußerung, die sich die Antragsgegnerin zu eigen gemacht hat. Für diese Meinungsäußerung liegen angesichts des in der eidesstattlichen Versicherung der Frau Z.- H. (Ast 10) und des unstreitigen Umstands, dass Praktikanten und Volontäre Zutritt zu Besprechungen der Führungsebene erhalten haben, hinreichende Anknüpfungstatsachen vor. Allein dieser Umstand trägt bereits die Wertung als Einsetzen seiner Machtposition. Da der Umstand der Teilnahme von Praktikanten und Volontäre unstreitig ist, durfte die Antragsgegnerin darüber berichten, ohne dass es auf die weiteren Voraussetzungen einer Verdachtsberichterstattung ankäme.
Zu Antrag 8: Ein Unterlassungsanspruch ist - ebenso wie bei Antrag 7 - nicht gegeben. Das vom Antragsteller angegriffene Verständnis, dass die Praktikantinnen und Volontärinnen seine „neuen Zielobjekte“ gewesen seien, entsteht für den maßgeblichen Durchschnittszuschauer nicht. Vielmehr entwickelt dieser das Verständnis, dass es sich insoweit um eine schlussfolgernde Wertung der Führungskräfte hinsichtlich der unstreitigen Teilnahme der Praktikanten und Volontäre an den Besprechungen handelt.
Zu Antrag 9: Ein Unterlassungsanspruch besteht insoweit nicht. Bei der angegriffenen Äußerung „Also ich fasse noch einmal kurz zusammen: Da ist der Chefredakteur. Der hatte was mit untergebenen Frauen. Und zwar mit mehreren“ handelt es sich um eine Verdachtsäußerung, für die der erforderliche Mindestbestand an Beweistatsachen gegeben ist. Der Antragsteller hat, nachdem die Antragsgegnerseite die Frauen, mit denen der Antragsteller Affären gehabt haben soll, benannt hat, nicht in Abrede genommen, dass, dass er Beziehungen zu Frau G. und Frau G1 unterhalten hat. Da damit jedenfalls diese beiden Beziehungen, die in die Zeit des Antragstellers als Chefredakteur (nach dem eigenen Vortrag des Antragstellers ab Februar 2018) fallen, unstreitig sind, durfte die Antragsgegnerin darüber berichten, ohne dass es auf die weiteren Voraussetzungen einer Verdachtsberichterstattung ankäme.
Zu Antrag 10: Der Unterlassungsanspruch ist gegeben. Bei der Passage „Um 2 Uhr morgens schickte R. eine Nachricht und sagte, ich solle sofort in sein Hotelzimmer kommen (...)“ handelt es sich um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung. Der Antragsteller hat in Abrede genommen, eine Nachricht dieses Inhalts an Frau G1 versandt zu haben. Hinreichende Beweistatsachen für die Verbreitung des Verdachts, er habe eine solche Nachricht an Frau G1 versandt, liegen nicht vor. Die von der Antragsgegnerin insoweit in Bezug genommene Zivilklage in den USA (Anlage Ag 9, Nr. 60) ist nicht hinreichend.
Zu Antrag 11: Der Unterlassungsanspruch ist gegeben. Bei der Schilderung des sexuellen Kontakts handelt es sich um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung. Insoweit fehlt es jedenfalls an der hinreichenden Konfrontation des Antragstellers mit dem Vorwurf, den er in hinreichend konkret und umfassend in Abrede nimmt (die streitgegenständlichen Äußerungen seien „unwahr und komplett frei erfunden“). Zwar hat die Antragsgegnerin eine eidesstattliche Versicherung der Frau M1 eingereicht (Ag 16), aus der sich ergibt, dass nach Drängen des Antragstellers ein Treffen mit Frau M1 stattgefunden habe, bei dem es zum Sex gekommen sei; der Antragsteller hat indes seinerseits an Eides statt versichert (Ast 14), dass es den beschriebenen sexuellen Kontakt nicht gegeben habe. Dies versteht die Kammer dahin, dass der beschriebene sexuelle Kontakt insgesamt bestritten wird. Es kann daher nicht von der prozessualen Wahrheit des von Frau M1 behaupteten Geschehens ausgegangen werden. Der Anfrage vom 30.01.2023 ist keine konkrete Konfrontation mit dem Geschehen zu entnehmen, das sich nach der eidesstattlichen Versicherung der betroffenen Frau M1 am 19.04.2019 (Ag 16) ereignet haben soll.
Zu Antrag 12: Der Unterlassungsantrag besteht. Der Antragsteller hat die Textnachricht „Weil ne dumme Affäre wie du es nicht besser verdient hat, ganz einfach: Bumsen, belügen, wegwerfen" an Frau H. versandt, nachdem die berufliche Zusammenarbeit beendet war und die auch danach noch bestehende Beziehung bereits (nach Frau H. eidesstattlicher Versicherung Ag 11) seit einem halben Jahr nicht mehr bestand. Vor diesem Hintergrund handelt es sich um eine der Privatsphäre des Antragstellers zuzurechnende Mitteilung, die auch keinen Bezug zu dem das Berichterstattungsinteresse begründenden Aspekt des Machtmissbrauchs aufweist. Aus diesem Grund überwiegt bei der erforderlichen Abwägung das persönlichkeitsrechtliche Interesse des Antragstellers das Berichterstattungsinteresse der Antragsgegnerin.
Zu Antrag 13: Der Unterlassungsanspruch besteht. Es liegt kein hinreichender Mindestbestand für die Verdachtsberichterstattung vor, nach der „Frau X“ von dem Antragsteller weiter bedrängt worden sei. Die Bezugnahme auf die Korrespondenz der F.-Anwälte (Anlage Ag 21) ist insoweit nicht hinreichend. Eine eidesstattliche Versicherung von „Frau X“ liegt nicht vor.
Zu Antrag 14: Der Unterlassungsanspruch besteht nur im Hinblick auf den Äußerungsteil „Vertrauliche Gespräche landeten plötzlich bei ihm“. Für den insoweit geäußerten Verdacht fehlt es an einem Mindestbestand an Beweistatsachen, da die von der Antragsgegnerseite vorgelegten eidesstattlichen Versicherungen (Ag 11, 15) SMS-Nachrichten und ein Anwaltsschreiben betreffen, nicht aber den Inhalt eines im Rahmen des Compliance-Verfahrens geführten vertraulichen Gesprächs.
Nicht zu untersagen war der Äußerungsteil „J. R. hatte schon während des Verfahrens gegen ihn Zugang zu Informationen, die er nie hätte haben dürfen", denn insoweit ist von einem Mindestbestand an Beweistatsachen auszugehen. Die in den eidesstattlichen Versicherungen von Frau M. erwähnten SMS und das in der eidesstattlichen Versicherung von Frau H. erwähnte Anwaltsschreiben waren Bestandteile des Compliance-Verfahrens, das sich auf mögliche Verfehlungen des Antragstellers bezog. Dies nimmt der Antragsteller auch nicht in Abrede. Soweit er meint, dass diese Informationen keine seien, die er nie hätte haben dürfen, ist dem nicht zu folgen, denn die Vertraulichkeit ihm gegenüber ergibt sich bereits daraus, dass diese Informationen Teil des Compliance-Verfahrens waren.
Zu Antrag 15: Der Unterlassungsanspruch ist gegeben. Für die mit der Verdachtsäußerung „Ich habe gegen J. R. ausgesagt und wurde anschließend, als er von seiner Beurlaubung zurückkam, subtil aus meinem Job befördert" hergestellte kausale Verknüpfung zwischen der Aussage und dem Jobverlust fehlt es an Beweistatsachen. Die vorliegende eidesstattliche Versicherung von Frau H. (Ag 11) berichtet nur mittelbar über das Frau K. betreffende Geschehen und ist angesichts des Bestreitens des Antragstellers nicht hinreichend.
Zu Antrag 16: Der Unterlassungsanspruch besteht. Der Zuschauer bezieht nach dem Kontext der Berichterstattung die angegriffene Äußerung „Aber natürlich landete auch das direkt bei ihm und ich war wenig später meinen Job los" auf das unmittelbar davor von der Moderatorin angesprochene Compliance-Verfahren bzw. dessen Folgen („und wie hat der wohl nach seiner Rückkehr reagiert?“). Die vorgelegten eidesstattlichen Versicherungen von Frau Z.- H. (Ag 10) und von Frau J. H. (Ag 11) nehmen aber auf einen Vorgang in den Jahren 2018/2019 Bezug und können daher in Bezug auf die angegriffene Verdachtsberichterstattung nicht zur Glaubhaftmachung eines Mindestbestandes an Beweistatsachen dienen.
2.
Die Nebenentscheidungen folgen aus § 92 Abs. 1 S. 1 ZPO, 48 Abs. 2 GKG.
Anlage ASt. 4
D... E...
N... „R... F...“
„J... R... und die Frauen: ‚Bumsen, belügen, wegwerfen‘" vom 16.02.2023; abrufbar u.a. über A...-Mediathek
https://www.a....de/
[Vorspann]
Sprecher [Minute 00:03]: Was bisher geschah...
Einspieler Y..., „T...“, 07.10.2016 [Minute 00:04]: Grab them by the pussy. (lachen) You can do anything.
Einspieler Y..., “D... D...“, 28.01.2013 [Minute 00:08]: R... B... schweigt derzeit. Dabei hat er in Deutschland die heftige Debatte über Sexismus ausgelöst.
Einspieler A... „T...“, 11.03.2020 [Minute 00:14]: Der frühere Filmproduzent Harvey Weinstein ist zum, Sinnbild sexueller Übergriffe geworden.
Einspieler Y..., “T... E... S...“, 19.10.2017 [Minute 00:18]: I am sure you’ve seen the hashtag MeToo.
Einspieler Y..., “W...“, 04.01.2018 [Minute 00:21]: Jetzt hat die MeToo-Bewegung auch Deutschland erreicht. Star Regisseur D... r W... soll sich an Frauen vergangen haben.
Einspieler S... „S... N... O...“, 14.10.2022 [Minute 00:27]: Heute weiß fast die ganze Welt, wofür MeToo steht.
[Vorspann]
A... R... [Minute 00:43]: Herzlich willkommen zum R...-Fernsehen. Ja, wir sprechen heute über Sexismus. Ja, Hashtag Aufschrei. Und wir werden heute sehr konkret. Wir machen sozusagen eine Tiefbohrung. Wir reden über strukturellen Sexismus in Deutschlands großartigste - Entschuldigung - größter Zeitung. Und es kommen die Richtigen zu Wort. Aber erstmal Break: Weiß wirklich fast die ganze Welt, wofür Hashtag MeToo steht?
Einspieler YouTube, „D... S...“, 09.10.2028 [Minute 01:11]: Als Mann jetzte, man weiß gar nicht mehr, ob... Was nun... Was man darf, was man nicht darf.
Einspieler Sat.1, „Frühstücksfernsehen“, 20.06.2018 [Minute 01:16]: Mir hat neulich eine Frau geschrieben, er hat mir auf den Busen geguckt. Also wenn das jetzt schon sozusagen, der große Übergriff ist, ja, da würde ich sagen verschwimmt‘s auch zu sehr.
Einspieler YouTube, „Flirt-Forschung“, 20.11.2022 [Minute 01:24]. Es wird einfach alles, was der Mann macht, negativ dargestellt. Es wird alles in eine Richtung gedreht, in der du entmännlicht werden sollst, in der dir am besten noch die Eier abgeschnitten werden...
A... R... [Minute 01:39]: Glauben Sie mir, niemand, wirklich niemand möchte „Eier abschneiden“. Ach, ich bitte Sie. Und es geht auch nicht darum, dass man nicht mehr flirten darf, denn Surprise, auch Frauen haben gerne Spaß. Hashtag MeToo meint was anderes. Nämlich: Er oben, sie unten. Und ich spreche natürlich von Machtpositionen: Er Chef, sie Mitarbeiterin. Und da gibt es relativ einfache Regeln. Also mal für alle zum Mitschreiben: Einer Mitarbeiterin sagen, dass sie gute Arbeit macht? Ja wohl, geht klar. (Einblendung eines grünen Häkchens) Die Tür aufhalten? Unbedingt. Sehr höflich. (Einblendung eines grünen Häkchens) Der jungen Mitarbeiterin mitten in der Nacht eine Nachricht (Einblendung einer Textnachricht mit dem Zeitstempel 01:41) „Noch wach?“, schicken? (Einspieler eines Buzzer-Geräuschs und eines roten Kreuzes, A... R... schüttelt den Kopf und formt mit den Lippen das Wort „Nein“) Jemandem einen Job geben, weil man auf sie scharf ist? (Einblendung eines roten Kreuzes) Nein. Das geht wirklich überhaupt nicht (A... R... haut mit den Fäusten auf den Tisch) Das hat J... R..., ehemaliger Chefredakteur der „B...-Zeitung“, offenbar nicht ganz verstanden. Oder, vielleicht nicht ganz verstehen wollen.
Einspieler Ausschnitt - Z...-Interview - nachgesprochen
[Minute 02:28]
Sprecher [Minute 02:29]: Warum glauben Sie, haben diese Frauen mit Ihnen geschlafen? Weil Sie so attraktiv sind?
J... R... - nachgesprochen [Minute 02:34]: Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Einspieler r..., „C... K...“, 14.11.2022
K... K... [Minute 02:35]: Warum sind Sie bei der B... rausgeflogen?
J... R... [Minute 02:38]: Das weiß ich nicht bis heute. Das hat man mir...
K... K... [Minute 02:40]: Das wissen Sie nicht?
J... R... [Minute 02:41]: Nein, das hat man mir so klar, nie gesagt.
A... R... [Minute 02:43]: Alles ein einziges großes Fragezeichen. Aber keine Sorge. Wir erklären Ihnen heute noch einmal ganz ausführlich und in Ruhe, warum es ein Problem ist, wenn Männer offenbar ihre Machtposition ausnutzen, um bei Frauen zum Zug zu kommen. Am 18. Oktober 2021 verliert J... R... seinen Posten als Chefredakteur der B...-Zeitung. Das begründet der S... r-Konzern so:
Einspieler Pressemitteilung axelspringer.com, 18.10.2021 - nachgesprochen [Minute 03:09]: Der Vorstand hat erfahren, dass J... R... auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat.
A... R... [Minute 03:18]: Privates und Berufliches nicht klar trennt, was soll das denn heißen? Hat er im Büro seine Hausschuhe angehabt oder oben Sakko unten Schlafanzughose, oder wie? J... R... selber sagt, es ging hier um seine bis heute andauernde Lebenspartnerschaft. Er habe darüber aber nicht die Unwahrheit gesagt, sondern den S...-Vorstand selber darüber informiert. Privates und Berufliches nicht getrennt. Das klingt ziemlich unverfänglich.
Einspieler R..., „C... K...“, 14.11.2022
K... K... [Minute 03:40]: Sie sollen unter anderem eine Affäre mit einer Auszubildenden gehabt haben, die Sie später auf eine Führungsposition im Newsroom befördert haben. Pures Talent, nehme ick mal an?
J... R... [Minute 03:49]: Also, da ist ja sehr umfangreich darüber berichtet worden. Ich habe das im Vorgang zu dieser Sendung auch gesagt: Ich betrachte diese ganze - ja wirklich abscheuliche und abstoßende und verleumderische - Berichterstattung als Teil einer Kampagne, der sich meines Privatlebens bemächtigt hat. Deswegen werde ich dazu einfach nichts sagen, weil es mein Privatleben ist.
A... R... [Minute 04:14]: Also schon mal kurzes erstes Learning, ja: Wenn die eine, die Auszubildende ist und der andere der Chef, der über Job und Gehalt bestimmt, dann befindet man sich nicht im Privat-, sondern im Arbeitsleben. Und es wird auch nicht privater, nur weil man sich im Büro häuslich einrichtet.
Einspieler A..., „B... MACHT. DEUTSCHLAND.“, 18.12.2020 [Minute 04:34]: Es wird eine Szene eingeblendet die J... R... bügelnd in seinem Büro zeigt
A... R... [Minute 04:37]: Im Februar 2017 wird R... Vorsitzender der Chefredaktion und soll „Strategie, redaktionelle Abläufe und Personalpolitik“ steuern. Da ist er 36 Jahre alt. Ich mein das ist ein Hammerjob. Wie kam es denn dazu? Warten Sie mal, ich habe Ihnen etwas vorbereitet. Aber wie siehts denn hier aus eigentlich? (A... R... räumt mit der linken Hand den Schreibtisch leer an dem sie sitzt) Also, dass hier ist J... R... Vorgänger, K... D.... (A... R... klappt einen Laptop auf, auf dem ein Bild von K... D... mit einer Ziege zu sehen ist) 15 Jahre Chefredakteur - hier links im Bild. Im Juli 2016 gab es eine Sause für B...-Mitarbeiter in seinem Haus in P..., am See (auf dem Laptop wird ein Bild von einem Haus am See eingeblendet), bei der D... auch nackt baden gegangen sein soll. (auf dem Laptop wird ein Selfie von K... D... mit Basecap und Oberkörperfrei in einem See eingeblendet) Danach wendet sich eine Mitarbeiterin an den S...-Konzern und wirft D... vor, sie vergewaltigt zu haben. (auf dem Laptop wird eine Seite mit Schlagzeilen, über die gegen D... erhoben Vorwürfe eingeblendet) Das ist ein Problem. Aber Stopp! (auf dem Laptop wird ein Bild von K... D... eingeblendet, welches ihn nachdenklich mit einer Hand über seinem Mund und Kinn zeigt, eingeblendet) Nicht so schnell! (auf dem Laptop wird ein Bild von K... D... an seinem Schreibtisch sitzend, mit Telefon in der Hand und einer Sprechblase in der „J...“ steht, eingeblendet) K... D... hat einen direkten Draht zu J... R.... Der Mann, der sich anscheinend selber als Sheriff sieht. (auf dem Laptop wird ein Bild von J... R... Instagram-Account @j... und ein Button mit der Aufschrift „Vote R... For SHERIFF“ eingeblendet) Erinnert mich ein bisschen irgendwie an Hollywood.
Einspieler, „P... F...“, 1994 [Minute 05:34]: Ich bin Mr. Wolf, ich löse Probleme.
A... R... [Minute 05:39]: Genau, der Cleaner. Der, der nachher die Kacke wegräumen muss. J... R... t, so berichtet es „D... S...“ - und so haben es wir auch bestätigt bekommen - soll also mit ein paar Kollegen ein Dossier über das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer erstellt haben. Vermeintliche Charaktermängel, angebliche Lügen, alles, was man so an Schmutz über die Frau zusammenkehren kann. Tja, B...-Zeitung halt - gelernt ist gelernt. (auf dem Laptop ist ein Bild von einem Playmobil-Männchen in Straßenreinigungsmontur im Dreck eingeblendet) Huch. Ah. (A... R... wird ein Schreiben übergeben) Wir haben schon Post von J... R... Anwalt dazu bekommen. Warten Sie, ich lese mal eben vor: Einer Mitwirkung unseres Mandanten, die Glaubwürdigkeit der Anzeigen zu erschüttern, bedurfte es nicht und eine solche gab es auch nicht. Ok, weiter im Text. Bei S... wird der Fall intern untersucht. Laut „S...“ befragt der Vorstandsvorsitzende M... D... (auf dem Laptop wird ein Bild von M... D... r eingeblendet) die Beteiligten sogar persönlich. Der Konzern gibt bekannt: Das Verhalten von K... D... war „nicht strafrechtlich relevant“. (auf dem Laptop wird ein Bild von einem Zettel mit der Aufschrift „nicht strafrechtlich relevant“ eingeblendet) J... R... soll im Nachhinein gesagt haben, „Ich habe dem K... den Arsch gerettet.“ - wie auch immer. [auf dem Laptop wird ein Bild von einem Zettel mit der Aufschrift „Ich habe dem K... den Arsch gerettet“ eingeblendet) Jedenfalls ist J... R... unmittelbar danach Chefredakteur der B...-Zeitung geworden. (auf dem Laptop wird ein Bild von J... R... eingeblendet) Ach ja, die Staatsanwaltschaft hat sich dann auch noch mit dem Fall beschäftigt. (auf dem Laptop wird ein Bild des Eingangs des Justizzentrum P... eingeblendet) Aber die Ermittlungen werden nach acht Monaten wieder eingestellt. Kein hinreichender Tatverdacht. Die Frau bekommt Geld und darf nie wieder über den Fall sprechen. (auf dem Laptop wird ein Bild von einem Zettel eingeblendet mit der Aufschrift „... 8 Monate später...“ und einem Stempel „VERFAHREN EINGESTELLT!“, einem Bild von mehreren 500-Euro-Scheinen und einem Smiley mit verschlossenem Reisverschluss-Mund) Tja, na dann, Friede, Freude, Eierkuchen. (auf dem Laptop wird ein Bild von K... D..., F... S... und M... D... bei der Eröffnung der Foto-Ausstellung b... RAUM eingeblendet, wobei der Kopf von F... S... r bei „F...“, der Kopf von K... D... bei „Freude“ und der Kopf von M... D... bei „Eierkuchen“ rot eingekreist wird; A... R... klappt den Laptop zu) 2017 gesellt sich also zu „F...“, „Freude“, „Eierkuchen“ auch noch dieser Sunnyboy dazu. (es wird ein Bild von J... R... mit Fliegersonnenbrille eingeblendet) Bis auch er, der einzig mutige Journalist in diesem Land, ausgerechnet über das Thema Sex stolpert.
Einspieler H..., „h...“, 19.10.2021 [Minute 07:21]: „Vögeln fördern feuern“, titelte „D... S...“ schon im März.
Einspieler W..., „W... a... I“, 19.10.2021 [Minute 07:26]: Die Vorwürfe, sie wiegen schwer. Diverse Affären mit Mitarbeiterinnen, Drogenkonsum am Arbeitsplatz, Amts- und Machtmissbrauch.
Einspieler N..., „E...“, 21.10.2021 [Minute 07:34]: (...) oder, wie die B... titeln würde, „Ficki-Ficki vorbei: Sex-Monster entlassen!“
A... R... [Minute 07:39]: Alle Medien berichten darüber. Ist ja auch eine heiße Story. Aber es läuft, wie es immer läuft bei diesem Skandal. Männer in Machtpositionen haben ihren Spaß. Manchmal jahrelang. Und wenn sie auffliegen, dann haben wir unseren Spaß, als Voyeure. Wir weiden uns an pikanten Details, wir glotzen, voll interessierter Abscheu, auf das Zerfleddern dieses Skandals und dann, wenn wir satt sind und kein neues Futter kommt, dann wenden wir uns ab und vergessen langsam was war. Bis zum nächsten MeToo-Einzelfall. So, Freunde der guten Unterhaltung. Und damit ist jetzt Schluss. Jetzt ändern wir mal die Perspektive. Von der anderen Seite betrachtet ist das Ganze nämlich weit weniger amüsant. Wir hatten Kontakt zu knapp 50 Beteiligten aus dem Umfeld von J... R... und dem S...-Konzern. Zu Männern, aber vor allem zu vielen Frauen, die beschreiben, wie sie von systematischem Machtmissbrauch durch J... R... betroffen waren. Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter, vom Berufsanfänger bis zur Führungskraft. Aber offen reden, vor der Kamera, in einem Fernsehstudio, das wollte niemand.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der ersten Reihe am rechten Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 08:54]: J... R... ist unberechenbar. Ich möchte anonym bleiben, weil ich Angst vor Rache habe, die vielleicht nicht nur gegen mich, sondern auch gegen mir nahestehende Menschen geht.
Pappaufsteller (dahinterstehend) [Silhouette einer Frau] in der zweiten Reihe am rechten Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 09:06]: Keine möchte lebenslang mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht werden.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der zweiten Reihe am linken Bildschirmrand, halb verdeckt von einer davorstehenden Pappfigur, wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 09:11]: Das Machtnetzwerk von S... reicht weit über den Konzern hinaus.
A... R... [Minute 9:14]: Dass Frauen Angst haben, offen zu sprechen, wird meist als Schwäche ausgelegt. Als Feigheit. Es ist nicht feige, es ist folgerichtig. Denn was passiert wohl, wenn man sagt, dass Sex im beruflichen Umfeld eine Rolle gespielt hat? Miterleben konnte man das im Umgang mit dem Fall, der die MeToo-Debatte nach Deutschland gebracht hat. Der Fall Wedel.
Einspieler N..., „N... T...“, 1996
Moderatorin [Minute 09:35]: Also es gibt einen Ausspruch von Ihnen, Sie sagen, „Schauspieler fühlen sich bei mir geborgen und können sich fallen lassen.“ Ihnen eilt ja der Ruf voraus, dass Sie das bei Schauspielerinnen eher wörtlich nehmen.
D... W... [Minute 09:47]: (lacht) Ist das so?
A... R... [Minute 09:49]:(lacht gespielt gekünstelt) Ja, das war so. Es war sozusagen ein offenes Geheimnis, über Jahre. Aber erst Anfang 2018 trauen sich Frauen gegenüber der „Zeit“ von sexuellen Übergriffen zu sprechen. Eine davon ist P... T.... Als junge Schauspielerin hatte sie sich bei einem Casting beworben.
P... T... [Minute 10:09; Einspieler aus einem Interview]: Und dann kam D... W... auf mich zu und hat gesagt, „Ja, also, liebe Frau T..., das tut mir wahnsinnig leid, dass das jetzt so viel später wurde und ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht, wo wir dieses Casting jetzt stattfinden lassen sollen. Wäre das okay, wenn wir das in meiner Suite machen?“. Und dann dachte ich noch: „Nee, das ist eigentlich nicht okay“, aber ich war 25, ich wollt die Rolle und, und ich habe nicht so auf mein Bauchgefühl in dem Moment gehört.
A... R... [Minute 10:36]: Sie ist 25. Sie will als Schauspielerin glänzen und vor ihr sitzt der berühmte Regisseur D... W.... Also verdrängt sie ihr Bauchgefühl und geht mit in die Suite.
P... T... [Minute 10:46; Einspieler aus einem Interview]: Sobald in der Suite die Tür ins Schloss fiel, änderte er komplett sein Gesicht und wurde regelrecht zum Hannibal Lecter und ist mir an die Gurgel gegangen und hat versucht, mir die Klamotten vom Leib zu reißen und hat eben beim ersten Mal deutlich „Nein“ nicht reagiert und gesagt, „Je mehr du nein sagst, desto mehr geilt mich das auf.“ Und, und hat versucht mir die Bluse aufzureißen und mich rückwärts aufs Sofa zu werfen.
A... R... [Minute 11:18]: Sie befreit sich, rennt aus dem Hotelzimmer. Abgesehen von dem körperlichen Angriff wird ihr in diesem Moment schlagartig klar: Es ging nie um Schauspielerei, ihr Können, ihre Arbeit. Das Interesse galt allein ihrem Körper.
P... T... [Minute 11:32; Einspieler aus einem Interview]: Das tut enorm weh. Das ist enttäuschend, entwürdigend. Ich bin da raus und saß zittrig in meinem Auto. Und ich habe eigentlich jahrelang, also immer, wenn ich an diese Geschichte gedacht habe, habe ich mir die Schuld dafür gegeben.
A... R... [Minute 11:52]: Es sind nicht diese Männer, die sich schämen, es sind die Frauen, die sich schuldig fühlen. Kein Wunder, man hört‘s doch überall: Rock zu kurz, Blick zu kess, „Klar, die wollte sich hochschlafen.“ Hochschlafen. Hat eigentlich irgendjemand mal darüber nachgedacht, wie armselig das für unsere Gesellschaft ist? Wenn Frauen tatsächlich meinen, sie müssen ihren Körper einsetzen, um mitspielen zu dürfen?
P... T... [Minute 12:15; Einspieler aus einem Interview]: In den sozialen Medien ist mir das passiert, dass ganz viel, so Anfeindungen und „das hast du doch gewollt“ und so. Und das eben wirklich einfach so böse Kommentare. Das fand ich wahnsinnig bedrohlich. Und eben auch diese Hetzjagd der Journalisten aus den Boulevardblättern. Natürlich haben sie dann irgendeine Geschichte völlig aus dem Kontext gerissen und versucht meine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Und das ist schon bitter.
A... R... [Minute 12:45]: Tja. Und deswegen stehen hier heute nur Figuren. Aber hinter jeder steht eine echte Person. 12 Frauen und Männer haben uns erlaubt, ihre Geschichte zu erzählen. Manche davon haben sich auch Anwälten anvertraut.
Rechtsanwalt C...-O... M... [Minute 12:59; Einspieler aus einem Interview in den Kanzleiräumen der ...]: Ich kann bestätigen, dass wir hier tatsächlich über eine zweistellige Zahl von Frauen sprechen, mit denen ich auch persönlich gesprochen habe. Deren Kommunikation ich zum Teil kenne, die da geführt wurde. Die mir aber auch selber geschildert haben, was da passiert ist. Es ist also nicht so, dass es sich hier um einen Einzelfall oder ganz weniger Einzelfälle handelte, sondern meines Erachtens war das schon ein Fall des systematischen Machtmissbrauchs.
A... R... [Minute 13:25]: Es sind ihre Zitate. Wie hat dieses System „R...“ funktioniert?
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der zweiten Reihe mittig wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 13:31]: J... R... umwarb mich mit Komplimenten, lobte meine gute Arbeit, mein Talent und prophezeite mir eine große Karriere, was mir damals als Volontärin sehr schmeichelte
Pappaufsteller (davorstehend) [Silhouette einer Frau] am linken Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 13:43]: Er hat mir sehr anzügliche und übergriffige Nachrichten geschrieben, auf die ich aufgrund meiner beruflichen Abhängigkeit unmöglich frei antworten konnte.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der ersten Reihe am rechten Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 13:53; Anm.: Es könnte sich um den gleichen Pappaufsteller und damit die gleiche Person handeln wie in Minute 08:53; aufgrund der Perspektivenwechsel - seitlich statt frontal - schwer zu erkennen]: J... R... hat mich für einen Job eingestellt, für den ich eigentlich nicht wirklich qualifiziert war. Zu einem überhöhten Gehalt. Ich habe erst später verstanden, dass der Grund sein privates Interesse an mir war.
A... R... [Minute 14:06]: Was machst du, wenn der Chef dir schreibt, dass er dich toll findet? Du fühlst dich natürlich geschmeichelt oder vielleicht auch bedrängt. Aber sagst du, wenn du abhängig bist von ihm, „Lass mich in Ruhe.“? Es ging nicht um das berufliche Talent, sagen die Frauen. J... R... sieht das anders. Er rühmt sich noch nach seinem Rausschmiss recht breitbeinig beim österreichischen Sender „S... TV“ als großer Förderer.
Einspieler YouTube, „S... TV... 17.01.2022
J... R... [Minute 14:30]: Ich glaube tatsächlich, dass ich dazu beigetragen habe, an ganz vielen Positionen Frauenkarrieren zu ermöglichen bei A... S... und bei B..., die vorher leider und fälschlich nicht möglich waren.
A... R... [Minute 14:46]: Und so klingt Frauenförderung in einer seiner WhatsApp-Nachrichten:
Einspieler WhatsApp-Nachrichten von J... R... - nachgesprochen [Minute 14:52]. Die Situation zwischen uns ist überwältigend und ich frage mich die ganze Zeit, ob wir das machen sollten. Es ist halt so riskant und fühlt sich trotzdem so richtig an. Wir müssen einfach mehr die Büros nutzen, wenn die anderen gehen.
A... R... [Minute 15:04]: Klassische Unterhaltung zwischen Chef und Mitarbeiterinnen. „Es ist halt so riskant“ Das spricht schon dafür, dass er wusste, dass das nicht in Ordnung ist. Und auch, wenn es sich heimlich anfühlte, wie aufregend. Natürlich haben das viele in der Redaktion mitbekommen.
Pappaufsteller [Silhouette eines Mannes] in der Mitte wird angeleuchtet, halb verdeckt von davorstehender Figur - nachgesprochene Männerstimme [Minute 15:19]: Ich habe natürlich in Konferenzen bemerkt, dass J... R... seine Machtposition immer auch eingesetzt hat, um gegenüber anderen, vor allem jungen, attraktiven Frauen klarzumachen: „Ich bin hier der große Hecht und wenn ich will, kann ich dich heute ins Borchardts einladen oder übermorgen rausschmeißen“.
Pappaufsteller [Silhouette eines Mannes] am äußeren linken Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Männerstimme [Minute 15:37]: Mir wurde mal von einem Kollegen gesagt: „Vorsicht, das ist eine von J....“ Dann war klar, die ist mit Samthandschuhen anzufassen
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] mittig wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 15:47]: Immer mal wieder saßen in der täglichen Markenchef-Konferenz in J... Büro plötzlich Praktikantinnen oder Volontärinnen, die da weiß Gott nicht hingehörten auf der Fensterbank. Uns Führungskräften war immer klar: Das ist J... neues Zielobjekt.
A... R... [Minute 16:03]: Man muss sich das so vorstellen: Als junge Frau geht man zum ersten Mal in dieses S...-Hochhaus. Freut sich, ein Praktikum, ein Volontariat oder einen Job gekriegt zu haben. Vielleicht träumt man auch von der großen Reporterinnen-Karriere, aber oben in der Redaktion wird man offenbar ganz anders betrachtet: „Die könnte dem Chef gefallen“, „Das ist doch J... Beuteschema“, „Die wird er anmachen“. Man kriegt sozusagen ein unsichtbares Etikett. Andere nehmen das wahr, aber die junge Frau weiß nichts davon. Irgendwann lassen sich all diese Gerüchte nicht mehr unterm Deckel halten. Sie kriechen unter jeder Türritze hervor. Bis an die Öffentlichkeit. Und da endlich meldet sich auch die Beletage des S...-Konzerns zu Wort. Der Oberboss M... D....
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 16:47]: Guten Morgen, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bevor ich heute nach Washington fliege...
A... R... [Minute 16:53]: Äh, Stopp. Was soll das werden? Die B...-Zeitung, immerhin die berühmteste Marke des S...-Konzerns, hat ein fettes MeToo-Problem am Hals und der Vorstandsvorsitzende postet mal eben, quasi kurz bevor das Taxi kommt, ein Video, das aussieht wie aus der Dachkammer eines pubertären Gamers?
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 17:09]: Wenn man den Medienberichten der letzten Tage folgt, hat man den Eindruck, es geht hier um mehrere Fälle von Sexismus, sexuellem Übergriff, sexuellem Missbrauch. Das war zu keinem Zeitpunkt Teil der Vorwürfe.
A... R... [Minute 17:21]: Das stimmt. Von sexuellem Missbrauch war nirgends die Rede. Warum dementiert er es dann? Es geht doch um was anderes.
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 17:28]: Es ging um einvernehmliche Beziehungen mit Mitarbeiterinnen von B
A... R... [Minute 17:32]: Einvernehmlich. Ach so, ja dann. Heißt, die Frauen wollten ist doch auch. Klar, wer kann dazu schon „Nein" sagen. (es wird ein Videoausschnitt eingeblendet, Quelle: A..., „B....MACHT.DEUTSCHLAND.“, 18.12.2020, in diesem ist J... R... rauchend in einem Büro zu sehen)
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 17:40]: Das ist allerdings, wenn eine Führungskraft eine solche Beziehung mit einer abhängig Beschäftigten unterhält und das nicht transparent macht, nicht akzeptabel.
A... R... [Minute 17:48]: Ach guck, na immerhin. Aber heißt das dann, wenn er das gesagt hätte, wäre es okay gewesen? Also worum ging es jetzt?
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 17:55]: Um vier Fälle von Beziehungen - angeblichen Beziehungen - mit Mitarbeiterinnen von B..., die dadurch berufliche Vorteile bekommen haben sollen.
A... R... [Minute 18:04]: Ha. Berufliche Vorteile durch Sex. Klar, hochgeschlafen. Diese gute alte Behauptung hat doch immer geholfen. Die armen Männer konnten ja gar nicht anders. Also ich fasse noch einmal kurz zusammen: Da ist der Chefredakteur. Der hatte was mit untergebenen Frauen. Und zwar mit mehreren. Und der Oberboss sagt, „nicht so schlimm, nicht so viele, und sie wollten es doch auch.“ Geil, dann kann die Party ja weitergehen.
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 18:23]: Ich freue mich jetzt nach Washington zu fahren und Euch vielen Dank fürs Zuhören.
A... R... [Minute 18:32]: Ja nee, dann: Gute Reise. Übrigens: „Einvernehmlichkeit“ klingt aus der anderen Perspektive so:
Einspieler Zitat aus Zivilklage [J...-S... G...], Oberstes Gericht L... A..., 15.08.2022 - nachgesprochen [Minute 18:41]: Um zwei Uhr morgens schickte R... eine Nachricht und sagte, ich solle sofort in sein Hotelzimmer kommen. Ich hatte Angst, fürchtete, keine Wahl zu haben. Bei B... raus zu sein, wenn ich den Befehl nicht nachkommen würde. [...] Mir war schlecht, als ich im Hotelzimmer ankam. Wir hatten schnellen Sex. [...] Nachdem R... gegangen ist, begann ich unkontrolliert zu weinen.
A... Re... [Minute 19:01]: Das ist die Aussage aus einer Klage an ein Gericht in K.... Die hat eine Mitarbeiterin, die für S... r auch in den USA gearbeitet hat, eingereicht - vergangenes Jahr - wurde abgeräumt - wohl mit bewährten Mitteln. Die Frau bekam Geld und darf nicht mehr über den Fall sprechen. (eingeblendet wird ein Bild mit 500-Euroscheinen und einem Smiley mit verschlossenem Reißverschlussmund) Ah,... (A... R... bekommt aus dem Hintergrund einen Schreiben übergeben) J... R... Anwalt schreibt dazu: „Die der Klage zugrunde liegenden Sachverhaltsschilderungen enthalten evident unwahre Tatsachenbehauptungen.“ Unwahre Tatsachenbehauptung. Gut, es gibt eine zweite Frau, die es ganz ähnlich empfunden hat.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der ersten Reihe am rechten Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 19:37; Anm.: Es könnte sich um den gleichen Pappaufsteller und damit die gleiche Person handeln, wie in Minute 08:53; aufgrund der Perspektivenwechsel schwer zu erkennen]: Einmal wollte er sich unbedingt treffen. Irgendwann habe ich eingewilligt. Es kam zum Sex. Er hat mich nicht dazu gezwungen. Ich konnte nicht Nein sagen. Ich hätte Nein sagen sollen. Die schlimmste Entscheidung meines Lebens. Es war die Angst vor den Konsequenzen, um meine Existenz, meinen Job zu verlieren. Ich habe in der Situation nur Ekel empfunden und dachte nur: Lass es vorbeigehen. Danach habe ich mich ganz furchtbar gefühlt, habe mir die Schuld gegeben.
A... R... [Minute 20:07]: Wie einvernehmlich ist denn eine Beziehung, wenn einer die Macht hat, den anderen zu feuern? Das, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, nennt man Machtmissbrauch. Übrigens: In Spanien werden diese Anschuldigungen sehr wohl strafrechtlich relevant. (eingeblendet wird ein Bild aus der Tagesschau vom 26.08.2022 mit der Bildunterschrift „Spanien beschließt ‚Nur Ja heißt Ja‘-Gesetz“ auf dem protestierende Frauen zu sehen sind, die Plakate hochhalten) Da wurde gerade das Sexualstrafrecht verschärft. Als Vergewaltigung gilt nicht nur, wenn die Frau sich wehrt, sondern auch, wenn sie es aus Angst geschehen lässt. Welche innere Haltung J... R... offenbar Frauen gegenüber hat, wird in dieser Textnachricht klar:
Einspieler Textnachricht von J... R... - nachgesprochen [Minute 20:42]: Weil ne dumme Affäre wie du es nicht besser verdient hat, ganz einfach: Bumsen, belügen, wegwerfen.
A... R... [Minute 20:48]: Eine Nachricht wie eine B...-Schlagzeile.
Einspieler Y..., „Videobotschaft von M... D...“, 21.10.2021 [Minute 20:50]: Aus heutiger Sicht kann man sagen: Hätten wir nicht schneller handeln sollen? Hätten wir das nicht damals schon tun müssen? Hinterher ist man immer klüger...
A... R... [Minute 20:58]: Ja, hinterher ist man immer klüger, vor allem, wenn man vorher nichts wissen will. Unsere Recherchen zeigen aber, dass M... D... deutlich früher deutlich klüger hätte sein können.
Einspieler einer Zeugenaussage - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 21:08]: Ich habe bereits im Herbst 2019 in meiner Einsendung in S... anonymen Briefkasten die Affären von J... R... beschrieben, von Praktikantinnen bis Redakteurinnen. Dass Frauen unter Druck gesetzt werden, da mitzumachen, weil sie sonst beruflich abgestraft werden. Dass die Frauen sehr unter der Situation leiden. Es gab keine Konsequenzen.
A... R... [Minute 21:28]: Schon im Herbst 2019 liegt diese Bombe im anonymen Briefkasten, aber erst gut ein Jahr später fängt die Konzernspitze an, sich mit den Vorwürfen zu beschäftigen. Eine renommierte internationale Kanzlei wird beauftragt, die soll das untersuchen. Und obwohl sie Angst haben, sprechen dann doch viele Mitarbeiter mit den Anwälten. Auch neun von unseren Figuren sind dabei. Innerhalb der Untersuchung werden Aussagen wie diese notiert:
Einspieler Auszug F... - Untersuchung - nachgesprochen [Minute 21:55]: Im Verlauf der Beziehung ist Frau X - aus Angst vor Repressalien - immer wieder auf die Kontaktaufnahme von Herrn R... eingegangen. Da sie von Herrn R... weiter bedrängt wurde und nur eine Veränderung als Ausweg sah, nahm sie in Bezug auf ihre Karriere eine Verschlechterung in Kauf.
A... R... [Minute 22:10]: Eine recht eindeutige Aussage, oder? Wollte die Beziehung nicht mehr, Verschlechterung der Karriere. Das, liebe Freunde, ist das Gegenteil von Hochschlafen. Also, auch die offizielle Untersuchung legt nahe: Machtmissbrauch. In der S... - Pressemitteilung heißt das dann: Fehler in der Amts- und Personalführung, die „nicht strafrechtlicher Natur“ sind. (es wird ein Zitat aus der Pressemitteilung, veröffentlicht unter a....com, 25.03.2021 eingeblendet) J... R... kommt nach 13 Tagen Auszeit zurück als Chefredakteur und sagt bis heute dazu: „Seht doch, die Untersuchung hat ergeben, es gab gar kein Fehlverhalten, das eine Kündigung gerechtfertigt hätte.“
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] am linken Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 22:47]. Die Aufklärung von R... Machtmissbrauch durch S... war eine reine Farce.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] mittig, halb verdeckt von einer davorstehenden Pappfigur, wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 22:51; Anm.: Es könnte sich hierbei um den gleichen Pappaufsteller und damit die gleiche Person handeln, wie in Minute 09:06; aufgrund der Perspektivenwechsel schwer zu erkennen]: Ich wurde während der Untersuchung vielfach von R...-Jüngern angerufen, mit Vorschlägen, was ich aussagen soll.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] am rechten Bildschirmrand, etwas verdeckt von der davorstehenden Pappfigur, wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 22:58]: Vertrauliche Gespräche landeten plötzlich bei ihm.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] am rechten Bildschirmrand, neben der zuvor angeleuchteten Silhouette stehend, wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 23:01]: J... R... hatte schon während des Verfahrens gegen ihn Zugang zu Informationen, die er nie hätte haben dürfen.
A... R... [Minute 23:09]: Okay, was? Die Informationen, die die Frauen den Anwälten vertraulich gegeben hatten, sollen offenbar direkt an J... R... gegangen sein? Und wie hat der wohl nach seiner Rückkehr reagiert?
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der ersten Reihe am rechten Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 23:23]: Ich habe gegen J... R... ausgesagt und wurde anschließend, als er von seiner Beurlaubung zurückkam, subtil aus meinem Job befördert.
Pappaufsteller [Silhouette einer Frau] in der ersten Reihe am linken Bildschirmrand wird angeleuchtet - nachgesprochene Frauenstimme [Minute 23:32]: Auch ich war so naiv zu glauben, ich könne mich vertraulich an interne Ansprechpartner wenden. Aber natürlich landete auch das direkt bei ihm, und ich war wenig später meinen Job los.
A... R... [Minute 23:42]: Keine gute Idee, den Mund aufzumachen im Königreich R.... Mehr als acht Monate durfte er weiter regieren, bis selbst M... D... ihn nicht mehr halten konnte. Und wie an jedem anständigen Königshof gab es natürlich nützliche Vasallen, die die Herrschaft stützten. Vor allem aber stand J... R... unter dem Schutz des obersten Bosses. Und Schutz - wir erinnern uns - funktioniert bei Springer offenbar über Dossiers - schmutzige Dossiers. Darüber berichtete die Financial Times. Reporterin E... S... bekam sehr pikante Details zugespielt über Gespräche im S...-Vorstand
E... S... [Minute 24:18; Einspieler aus einem Interview - synchronisiert vom Englischen ins Deutsche]: Darin diskutierte M... D... mit Anwälten und Mitgliedern aus dem Vorstand, wie man sozusagen eine Gegenermittlung starten werde, um sich gegen eine bestimmte Gruppe von Leuten zu wappnen. Ex-Mitarbeiter, dann Menschen, von denen man annahm, dass sie politisch etwas gegen S... hätten. Und Frauen.
A... R... [Minute 24:45]: Eine Gegenermittlung gegen Menschen, die ausgesagt hatten oder irgendwie in diesem Zusammenhang aufgetaucht waren. Wie in Hollywood. Und der Cleaner...
Einspieler P..., 1994 [Minute 24:54] Ich löse Probleme.
A... R... [Minute 24:56]: ...ist diesmal der Vorstandsvorsitzende himself. Uns liegen Zitate von M... D... vor. Notizen aus diesem Gespräch im Vorstand.
Verlesene Gesprächsnotiz - Zitate von M... D... [Minute 25:04]: Der Zeitgeist bläst uns ins Gesicht. Wir brauchen eine Mischung aus Wehrhaftigkeit und Unerschütterlichkeit. Wir sind die letzte Bastion journalistischer Unabhängigkeit und regierungskritischer Haltung und dafür werden wir bestraft von einer linken Bubble, die mit großer Intoleranz ihre Meinung durchsetzen will. Ich würde es ganz weit weghalten von dieser Sexismus-Geschichte und auf die politische Ebene bringen, weil diese Sexismus-Geschichte kannst du nicht gewinnen. Da gilt ja leider die Umkehr der Unschuldsvermutung, da bleibt immer irgendwas hängen. Da können wir uns nur so schnell wie möglich auf das unbestrittene Narrativ zurückziehen, dass Sexismus und sexuelle Belästigung niemals Gegenstand der Vorwürfe waren. Mit MeToo hat das ganze nichts zu tun. Das muss für uns immer die Haltung sein. Wenn wir noch einmal angegriffen werden, dann dürfen wir zwar immer noch nicht die direkte Herleitung zu den Hinweisgebern machen, aber, dann können wir es in Kauf nehmen, wenn das dann andere tun. Dann, das Dossier nehmen und an wichtige einflussreiche Journalisten schicken, wenn nichts Konkretes kommt, aber so Berichterstattung wie, „den Opfern reicht es nicht und sie würden jetzt die nächste Stufe zünden“, dann würden wir die Fakten des Papiers oder das Papier an ausgewählte einflussreiche Journalisten streuen.
A... R... [Minute 26:38]: Kleines Papier, mit paar schönen Details, an einflussreiche Journalisten, zur freien Verwendung? Und damit kämen - huch - die Namen der betroffenen Frauen und anderer Hinweisgeber an die Öffentlichkeit. D... for Sheriff. Und mit MeToo hat das natürlich alles überhaupt nichts zu tun. Fragt sich jetzt noch jemand von Ihnen, warum die Menschen hinter diesen Figuren hier heute nicht selbst stehen? Und während sie beschämt und beschädigt in der Anonymität bleiben, ist er - J... R... - ohne mit der Wimper zu zucken und ohne einen Ansatz von Einsicht oder Reue ins Rampenlicht zurückgekehrt.
Einspieler Y..., Vorspann „Achtung R...!“ [Minute 27:16]
A... R... [Minute 27:22]: Stopp, Stopp, Stopp, Stopp! Unser Rampenlicht kriegt er nicht. Aber hier sind mal ein paar Männer, die anscheinend kein Problem haben, J... R... wieder salonfähig zu machen. Von der CDU: F... L... (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R...“ mit dem Titel „CDU-Stadtrat F... L... - Wie ist es wirklich in Neukölln?“) C... P... (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R...“ mit dem Titel „C... P..., CDU - Ist es Rassistisch, das Problem beim Namen zu nennen?“), M... H... (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R...“ mit dem Titel „M... H..., CDU-Politiker - ‚Grüne Spalten die Gesellschaft‘“) und W... g B... (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R...“ mit dem Titel „W... B... - ‚Ukraine? Die Inflation war absehbar‘“). Oder unser ehemaliger Bundesverkehrsminister A... S... von der CSU (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R... mit dem Titel „A... S... - „Ich habe Angst um den Mittelstand‘“). Oder von der FDP F... S... (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R...“ mit dem Titel „FDP-Politiker F... S... - ‚Klar ist: Wir punkten nicht in der Ampel‘“) und sogar Bundestagsvizepräsident W... K... (eingeblendet wird ein Ausschnitt aus „Achtung R...“ mit dem Titel „‘Frieren für den Frieden‘ - W... K...) Alle zu Gast in J... R... neuer Sendung. So, und zum Schluss unserer Recherche-Show über Sex und Macht ist da noch dieser Mann: F... G... - ein Milliardär aus Rheinland-Pfalz. Er ist derjenige, und so sieht es nach all unseren Recherchen aus, der R... Comeback finanziert und damit ermöglicht.
Einspieler - Y... „TV M...“ 01.12.2020, F... G... [Minute 28:09]: Wichtig ist, dass man sich hin und wieder überlegt: Was will ich, wofür bin ich da, wo will ich hin?
A... R... [Minute 28:16]: Ja, das ist wichtig. Frank Gotthardt wollte nicht mit uns über J... R... sprechen. J... R... wiederum hat uns geantwortet über seinen Anwalt - Kann ich das Schreiben noch einmal haben? - (Schreiben wir A... R... aus dem Hintergrund übergeben) Hier stehts: Alle von uns benannten Vorwürfe sind „unwahr und Teil einer Verleumdungskampagne“. Dass man Lehren aus der Vergangenheit gezogen habe, in der kulturellen Entwicklung schon viel verändert habe und jetzt nach vorne schaut, das teilt uns der S... Konzern mit. Dessen Vorstandsvorsitzender immer noch M... D... ist, der nicht mit uns reden wollte. Ob er schon Ermittlungen gegen uns eingeleitet hat? Aber hilft ja nichts. Das alles musste mal erzählt werden, denn dieses System von Sex und Macht kann nicht ewig so weitergehen. Hashtag MeToo bedeutet, dass sich die, die unten sind, dass nicht mehr gefallen lassen. In diesem Sinne, Gute Nacht und diskutieren Sie doch noch weiter mit uns. Auf Instagram oder Twitter. Und wir sagen: Tschüss bis nächste Woche, bis zur nächsten Sendung. Und ich arbeite mich schon mal in die neue Recherche ein. (A... R... schlägt Magazin „stern" mit dem Titel „Hitlers Tagebücher entdeckt“ auf)
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