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Landgericht Köln Urteil vom 30.11.2011 – 23 O 188/10

ECLI:DE:LGK:2011:1130.23O188.10.00

Tenor

Die Klage wird ab­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Rechts­streits wer­den der Klä­ge­rin auf­er­legt.

Das Urteil ist gegen Si­cher­heits­leis­tung in Höhe von 120 % des je­weils zu voll­stre­cken­den Be­tra­ges vor­läu­fig voll­streck­bar.

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Tat­be­stand:

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Die Par­tei­en strei­ten um die Er­stat­tungs­pflicht der Be­klag­ten für eine ärzt­li­che Be­hand­lung der Klä­ge­rin im Jahre 2009.

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Die Klä­ge­rin unter­hält bei der Be­klag­ten eine pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung. Die aus der Akte er­sicht­li­chen AVB-G der Be­klag­ten sind Be­stand­teil des Ver­tra­ges.

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Die Klä­ge­rin wurde im Jahre 2001 von einer Zecke ge­bis­sen. In der Zeit von 2007 bis 2009 tra­ten bei der Klä­ge­rin ver­schie­de­ne Be­schwer­den auf, u.a. eine Unter­funk­tion der Schild­drü­se, ein Kar­pal­tun­nel-Syn­drom beid­seits, Schmer­zen in bei­den Hand­ge­len­ken, in den Knien, Armen, Schul­tern sowie in den Fin­ger­ge­len­ken und im Kie­fer­ge­lenk. Am 24.03.2009 wurde bei der Klä­ge­rin von ihrer Haus­ärz­tin eine Bor­re­lien­se­ro­lo­gie durch­ge­führt. Die Haus­ärz­tin be­urteil­te das La­bor­er­geb­nis als „spe­zi­fi­sche aber un­voll­stän­di­ge Anti­kör­per­ant­wort gegen Bor­re­lio­se. Am ehes­ten ver­ein­bar mit Zu­stand nach aus­ge­heil­ter In­fek­tion“. Eine an­schlie­ßen­de Be­hand­lung mit Anti­bio­ti­ka führ­te zu kei­ner un­mit­tel­ba­ren Bes­se­rung der Be­schwer­den der Klä­ge­rin.

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Am 15.07.2009 wurde im Ganz­heit­lich In­ter­nis­ti­schen The­ra­pie­zent­rum (GITZ) in Han­no­ver nach Durch­füh­rung einer wei­te­ren La­bor­diag­nos­tik eine ak­ti­ve Bor­re­lio­se diag­nos­ti­ziert. Es wurde eine 4- bis 6-wö­chi­ge anti­bio­ti­sche The­ra­pie mit Hyper­ther­mie­be­hand­lung emp­foh­len, die an­schlie­ßend im Zeit­raum vom 03.08.2009 bis ins­ge­samt zum 03.09.2009 durch­ge­führt  wurde. Mit zwei Rech­nun­gen vom 18.12.2009 stell­te die Kli­nik für die anti­bio­ti­sche Be­hand­lung ins­ge­samt 11.745,75 € in Rech­nung. Die Be­klag­te lehn­te die Über­nah­me die­ser Kos­ten ab.

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Mit der vor­lie­gen­den Klage be­gehrt die Klä­ge­rin Er­stat­tung des Be­tra­ges aus den Rech­nun­gen vom 18.12.2009. Die streit­gegen­ständ­li­che Be­hand­lung sei me­di­zi­nisch not­wen­dig ge­we­sen.

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Die Klä­ge­rin be­an­tragt sinn­ge­mäß,

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1.              die Be­klag­te zu ver­urtei­len an sie 11.745,75 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 19.12.2009 zu zah­len.

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2.              die Be­klag­te zu ver­urtei­len an sie vor­pro­zes­sua­le An­walts­kos­ten i.H.v. 430,66 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 18.02.2010 zu zah­len.

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Die Be­klag­te be­an­tragt,

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die Klage ab­zu­wei­sen.

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Sie be­strei­tet, dass die Be­hand­lung me­di­zi­nisch not­wen­dig war. In den vor­ge­leg­ten Unter­la­gen seien keine bor­re­lio­se­ty­pi­schen Krank­heits­be­fun­de do­ku­men­tiert. Zudem sei das diag­nos­ti­sche und the­ra­peu­ti­sche Vor­ge­hen auch dann nicht nach­voll­zieh­bar, wenn eine Bor­re­lio­se-Er­kran­kung vor­ge­le­gen habe. Da­ne­ben macht die Be­klag­te Ein­wän­de gegen die Höhe der von der Klä­ge­rin ein­ge­reich­ten Rech­nun­gen gel­tend.

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Die Kam­mer hat gemäß Be­weis­be­schluss vom 18.11.2010 Sach­ver­stän­di­gen­be­weis er­ho­ben. Be­züg­lich des Er­geb­nis­ses der Be­weis­auf­nah­me wird auf das Gut­ach­ten von Prof. Dr. M vom 23.05.2011 (Bl. 183 ff. d.A.) ver­wie­sen.

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Ent­schei­dungs­grün­de:

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Die zu­läs­si­ge Klage hat in der Sache kei­nen Er­folg. Die Klä­ge­rin hat gegen die Be­klag­te kei­nen An­spruch auf Er­satz der streit­gegen­ständ­li­chen Be­hand­lungs­kos­ten aus § 192 Abs. 1 VVG i.V.m. § 1 Abs. 2 der ver­ein­bar­ten AVB.

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Nach Durch­füh­rung der Be­weis­auf­nah­me steht nicht zur Über­zeu­gung der Kam­mer fest, dass die streit­gegen­ständ­li­che Be­hand­lung me­di­zi­nisch not­wen­dig war. Eine Be­hand­lungs­maß­nah­me ist me­di­zi­nisch not­wen­dig, wenn es nach den ob­jek­ti­ven me­di­zi­ni­schen Be­fun­den und wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen zum Zeit­punkt der Be­hand­lung ver­tret­bar war, sie als me­di­zi­nisch not­wen­dig an­zu­se­hen (st. Rspr., vgl. BGH VersR 2003, 581 m.w.N.).

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Den Be­weis, dass diese Vo­raus­set­zun­gen vor­lie­gend ge­ge­ben sind, hat die Klä­ge­rin nicht ge­führt. Es steht ins­be­son­de­re nicht zur Über­zeu­gung der Kam­mer fest, dass es nach den ob­jek­ti­ven Be­fun­den ver­tret­bar war, die streit­gegen­ständ­li­che Be­hand­lung als me­di­zi­nisch not­wen­dig an­zu­se­hen. Die be­han­deln­den Ärzte der GITZ-Kli­nik haben bei der Klä­ge­rin eine ak­ti­ve Bor­re­lio­se diag­nos­ti­ziert. Nach den Aus­füh­run­gen des von der Kam­mer be­auf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen, lie­ßen die Symp­to­me der Klä­ge­rin und die zu jenem Zeit­punkt vor­lie­gen­den La­bor­er­geb­nis­se je­doch den Rück­schluss, dass bei ihr eine ak­ti­ve Bor­re­lio­se vor­liegt, nicht zu. Der Sach­ver­stän­di­ge führt in­so­weit aus, dass die Diag­no­se einer Bor­re­lio­se­er­kran­kung an­hand der Symp­to­ma­tik er­folgt. Nur wenn in­so­weit ein­deu­ti­ge Symp­to­me vor­lä­gen, werde eine se­ro­lo­gi­sche Tes­tung emp­foh­len. Ein posi­ti­ver Anti­kör­per­nach­weis sei dem­nach kein Be­weis für eine Bor­re­lio­se-Er­kran­kung. Ein sol­cher könne auch schlicht auf eine kli­nisch oder sub­kli­nisch durch­ge­mach­te In­fek­tion hin­deu­ten. Auch in dem von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Pri­vat­gut­ach­ten des Dr. I ist aus­ge­führt, dass den kli­ni­schen Symp­to­men be­son­de­re Be­deu­tung zu­kom­me, da der prä­di­ka­ti­ve Wert eines se­ro­lo­gi­schen Be­fun­des sehr ge­ring sei.

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Den zahl­rei­chen für eine Bor­re­lio­se ty­pi­schen Symp­to­men lie­ßen sich aus den von der Klä­ge­rin be­klag­ten Be­schwer­den nur die Ge­lenk­schmer­zen zu­ord­nen. Für einen Zu­sam­men­hang zwi­schen den wei­te­ren von der Klä­ge­rin an­ge­ge­be­nen Be­schwer­den und einer Bor­re­lio­se gibt es nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen keine be­leg­ten An­ga­ben. Ins­be­son­de­re sei nach euro­päi­scher Fall­de­fi­ni­tion die sym­met­ri­sche Poly­ar­th­ri­tis der klei­nen Ge­len­ke ohne ob­jek­ti­vier­ba­re Schwel­lun­gen bei der Klä­ge­rin un­ty­pisch für eine Bor­re­lio­se. Allein der Um­stand, dass die am 04.07.2009 und am 31.08.2009 durch­ge­führ­ten Se­ro­lo­gien, nach der deut­schen De­fi­ni­tion als posi­tiv an­zu­se­hen sind, recht­fer­tigt daher nicht die Diag­no­se einer Bor­re­lio­se. Hinzu kommt, dass die ini­tial bei der Haus­ärz­tin der Klä­ge­rin am 24.03.2009 durch­ge­führ­te Se­ro­lo­gie nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen nicht als posi­tiv an­ge­se­hen wer­den kann.

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Des Wei­te­ren kann – selbst wenn man eine Bor­re­lio­se-Er­kran­kung der Klä­ge­rin zu­grun­de legt – nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die streit­gegen­ständ­li­che Be­hand­lung in der Zeit vom 03.08. bis zum 03.09. me­di­zi­nisch not­wen­dig war. Nach den über­ein­stim­men­den An­ga­ben des vom Ge­richt be­auf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen und dem von der Be­klag­ten be­auf­trag­ten Par­tei­gut­ach­ter be­stand für eine er­neu­te anti­bio­ti­sche Be­hand­lung keine In­di­ka­tion, nach­dem be­reits die Haus­ärz­tin der Klä­ge­rin eine anti­bio­ti­sche Be­hand­lung durch­ge­führt hatte. Das Ab­klin­gen der Be­schwer­den einer Bor­re­lio­se daue­re meh­re­re Mo­na­te, so dass nach er­folg­ter The­ra­pie nicht so­fort mit einer Be­schwer­de­bes­se­rung ge­rech­net wer­den könne.

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Das vom Ge­richt in Auf­trag ge­ge­be­ne Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten über­zeugt. Der Sach­ver­stän­di­ge hat sich mit den vor­lie­gen­den Be­fund­unter­la­gen aus­führ­lich und kri­tisch aus­ei­nan­der ge­setzt. An der fach­li­chen Kom­pe­tenz des Sach­ver­stän­di­gen, als Lei­ter des Be­reichs In­fek­tio­lo­gie im Am­bu­lanz­zent­rum des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Ham­burg-Ep­pen­dorf, be­stehen keine Zwei­fel.

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So­weit die Klä­ge­rin gegen das Er­geb­nis des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ein­wen­det, dass sie seit der streit­gegen­ständ­li­chen Be­hand­lung be­schwer­de­frei sei, er­gibt sich aus der oben ge­nann­ten De­fi­ni­tion der me­di­zi­ni­schen Not­wen­dig­keit, dass die­ser Um­stand al­lein nicht für einen An­spruch auf Er­stat­tung der Be­hand­lungs­kos­ten aus­reicht. Letzt­lich be­stä­tigt dies auch der be­han­deln­de Arzt der Klä­ge­rin in dem von ihr vor­ge­leg­ten Be­fund­be­richt vom 17.07.2011. Nach sei­ner An­sicht sei zweit­ran­gig, ob die statt­ge­fun­de­ne The­ra­pie einer Bor­re­lio­se galt. Ent­schei­dend sei der the­ra­peu­ti­sche Er­folg. Ob die The­ra­pie durch den Ver­trag der Pa­tien­tin mit der Kran­ken­kas­se ge­deckt sei, unter­liegt je­doch auch nach Auf­fas­sung des be­han­deln­den Arz­tes der Klä­ge­rin „einer an­de­ren Prü­fung“.

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Man­gels Be­stehens der Haupt­for­de­rung war die Klage auch mit den gel­tend ge­mach­ten Neben­for­de­run­gen ab­zu­wei­sen. Die pro­zes­sua­len Neben­ent­schei­dun­gen be­ru­hen auf den §§ 91 Abs. 1, 709 S. 1 und 2 ZPO.

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Streit­wert:               11.745,75 €.