Rechtsprechung / Landgericht Köln

Landgericht Köln Urteil vom 10.10.2012 – 23 O 88/12

ECLI:DE:LGK:2012:1010.23O88.12.00

Tenor

Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Der Klä­ger trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

Das Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar. Der Klä­ger kann die Voll­stre­ckung

durch Si­cher­heits­leis­tung in Hö­he von 110 % des auf­grund des Urteils

voll­streck­ba­ren Be­tra­ges ab­wen­den, wenn nicht die Be­klag­te vor der Voll­stre­ckung Si­cher­heit in Hö­he von 110 % des je­weils zu voll­stre­cken­den Be­tra­ges leis­tet.

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Tat­be­stand

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Der Klä­ger unter­hält bei der Be­klag­ten als Ver­si­che­rungs­neh­mer eine Krank­heits­kos­ten­voll­ver­si­che­rung. Der mitt­ler­wei­le voll­jäh­ri­ge Sohn des Klä­gers war bzw. ist – dies ist strei­tig – mit­ver­si­chert.

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Im No­vem­ber 2011 kün­dig­te die Be­klag­te dem Klä­ger an, dass auf­grund der Um­stu­fung auf den Er­wach­se­nen­bei­trag der Bei­trag für die Ver­si­che­rung des Soh­nes zum 01.01.2012 von 180,58 € auf 397,91 € Euro er­höht wer­den wür­de. Der Klä­ger teil­te sei­nem Sohn da­rauf­hin am 24.11.2011 per Email mit, dass die­ser sich eine „gu­te Kas­se (z.B. X KK oder Y GEK)“ su­chen und ihm die An­mel­dung zu­sen­den sol­le. Dann kün­dig­te er den Ver­trag für sei­nen Sohn mit Schrei­ben vom 27.11.2011 zum 31.12.2011. Die Be­klag­te er­klär­te mit Schrei­ben vom 02.12.2011, dass eine Kün­di­gung ge­mäß § 205 Abs. 6 VVG nicht mög­lich sei, da der Nach­weis einer An­schluss­ver­si­che­rung nicht er­bracht wor­den sei. Der Klä­ger ließ dies dem Rechts­an­walt sei­nes Soh­nes mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 08.12.2011 mit­tei­len, ver­bun­den mit der Auf­for­de­rung, dass sich sein Sohn einen neu­en Kran­ken­ver­si­che­rer su­chen und einen ent­spre­chen­den Nach­weis über­sen­den sol­le. Der Rechts­an­walt des Soh­nes er­klär­te da­rauf­hin mit Schrei­ben vom 14.12.2011, dass eine ein­ver­nehm­li­che Lö­sung nicht zu er­zie­len sei. Für sei­nen Man­dan­ten sei es al­len­falls denk­bar, dass der be­stehen­de Ver­trag in einem Stu­den­ten­ta­rif fort­ge­führt wer­de. Ein Wech­sel in eine an­de­re pri­va­te Krank­ver­si­che­rung sei we­gen einer be­stehen­den Er­kran­kung nicht mög­lich.

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Der Klä­ger ist der An­sicht, dass es für die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung bei voll­jäh­ri­gen mit­ver­si­cher­ten Per­so­nen kei­nes Nach­wei­ses der naht­lo­sen Wei­ter­ver­si­che­rung be­dür­fe. § 205 Abs. 6 VVG schüt­ze nur vom Ver­si­che­rungs­neh­mer ab­hän­gi­ge Per­so­nen, da­vor oh­ne Ver­si­che­rungs­schutz zu sein. Ein sol­ches Schutz­be­dürf­nis sei bei einem voll­jäh­ri­gen Kind nicht ge­ge­ben.

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Er be­an­tragt,

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1.     fest­zu­stel­len, dass die Mit­ver­si­che­rung unter der Ver­si­che­rungs­num­mer KV ##### für die ver­si­cher­te Per­son A, geb. am 29. No­vem­ber 1991, B-Straße, ####1 Han­no­ver, zum 31.12.2011 er­lo­schen ist,

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2.     die Be­klag­te zu ver­urtei­len, an den Klä­ger den vor­ge­richt­li­chen Ge­büh­ren­scha­den in Hö­he von 661,16 Euro nebst Zin­sen in Hö­he von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 12. Ja­nu­ar 2012 zu zah­len.

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Die Be­klag­te be­an­tragt,

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die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

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Sie hält an ihrer außer­ge­richt­lich ge­äu­ßer­ten An­sicht fest. Im Üb­ri­gen ist sie der An­sicht, dass die Kün­di­gung auch nach § 207 Abs. 2 VVG un­wirk­sam sei, da der Klä­ger die Kün­di­gung gegen­über sei­nem Sohn nicht an­ge­zeigt ha­be. In der Email vom 24.11.2011 sei von einer Kün­di­gung der be­stehen­den Ver­si­che­rung nicht die Re­de.

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Ent­schei­dungs­grün­de

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Die zu­läs­si­ge Kla­ge ist nicht be­grün­det, da das Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis durch die Kün­di­gung vom 27.11.2011 nicht be­en­det wur­de.

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Die Kün­di­gungs­erklä­rung ist nach § 205 Abs. 6 VVG un­wirk­sam, da für den Sohn des Klä­gers kein Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz bei einem an­de­ren Ver­si­che­rer be­steht. Ge­mäß § 205 Abs. 6 VVG kann eine Kran­ken­ver­si­che­rung, die eine Pflicht aus § 193 Abs. 3 S. 1 er­füllt, aber nur wirk­sam ge­kün­digt wer­den, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer für die ver­si­cher­te Per­son bei einem an­de­ren Ver­si­che­rer eine neue Ver­si­che­rung ab­schließt und den Ab­schluss gegen­über der bis­he­ri­gen Ver­si­che­rung nach­weist.

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Dem Klä­ger ist zu­zu­ge­ben, dass die Fra­ge, ob § 205 Abs. 6 i.V.m. § 193 Abs. 3 S. 1 VVG auch auf Fäl­le der Kün­di­gung des Ver­tra­ges einer voll­jäh­ri­gen mit­ver­si­cher­ten Per­son An­wen­dung fin­det, in der Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur um­strit­ten ist.

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Nach einer An­sicht soll § 205 Abs. 6 VVG i.V.m. § 193 Abs. 3 S. 1 VVG nur vom Ver­si­che­rungs­neh­mer ab­hän­gi­ge Per­so­nen da­vor schüt­zen, ihren Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rungs­schutz zu ver­lie­ren. Der Wort­laut des § 193 Abs. 3 S. 1 VVG be­zie­he sich aus­drück­lich nur auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer so­wie von ihm ge­setz­lich ver­tre­te­ne Per­so­nen (AG Düs­sel­dorf, Urteil vom 21.06.2012 - 48 C 11351/11; LG Stutt­gart, Urteil vom 20.4.2012, 22 O 29/12; Land­ge­richt Ha­gen, Urteil vom 11.10.2010, 10 O 128/10). Nach an­de­rer An­sicht fin­det § 205 Abs.6 VVG da­gegen auf al­le mit­ver­si­cher­ten Per­so­nen An­wen­dung, da nur so das ge­setz­ge­be­ri­sche Mo­tiv einer all­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­pflicht um­ge­setzt wer­den kön­ne (Rog­ler, ju­risPR-VersR 3/2011, Anm. 3).

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Die Kam­mer schließt sich der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung an. Der Ver­si­che­rungs­nach­weis des § 205 Abs. 6 VVG ist auch für die Kün­di­gung des Ver­si­che­rungs­schut­zes eines voll­jäh­ri­gen Mit­ver­si­cher­ten – hier des Soh­nes des Klä­gers – Wirk­sam­keits­vo­raus­set­zung. Die Mit­ver­si­che­rung des Soh­nes er­füllt des­sen eige­ne Pflicht zur Unter­hal­tung einer Kran­ken­ver­si­che­rung nach § 193 Abs. 3 S. 1 VVG. § 193 Abs. 3 S. 1 VVG sta­tu­iert eine ge­ne­rel­le Ver­si­che­rungs­pflicht für al­le „Per­so­nen mit Wohn­sitz im In­land”. Die­se Per­so­nen müs­sen über Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz ver­fü­gen – sei es als Ver­si­che­rungs­neh­mer oder als ver­si­cher­te Per­son. Eine Be­schrän­kung der Pflicht auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer und von ihm ge­setz­lich ver­tre­te­ne Per­so­nen fin­det sich im Wort­laut des § 193 Abs. 3 S. 1 VVG ge­ra­de nicht.

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§ 205 Abs. 6 VVG i.V.m. § 193 Abs. 3 Satz 1 VVG zielt auch bei teleo­lo­gi­scher Be­trach­tung nicht da­rauf ab, aus­schließ­lich vom Ver­si­che­rungs­neh­mer ab­hän­gi­ge Per­so­nen vor feh­len­dem Ver­si­che­rungs­schutz zu be­wah­ren. Durch § 205 Abs. 6 VVG wird viel­mehr die Be­ach­tung der all­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­pflicht des § 193 Abs. 3 S. 1 VVG si­cher­ge­stellt und eine naht­lo­se Wei­ter­ver­si­che­rung ge­währ­leis­tet (BT-Druck­sa­che 16, 4247, S. 68; Prölss/Mar­tin Vo­it VVG 28.Aufl., § 205 Rn. 42). Da­rüber hi­naus ist es dem Ver­si­che­rer auch nicht zu­zu­mu­ten, im Ein­zel­fall zu über­prü­fen, ob sein Ver­si­che­rungs­neh­mer ge­ge­be­nen­falls aus unter­halts­recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten oder ähn­li­chem he­raus ver­pflich­tet ist, für bei ihm mit­ver­si­cher­te Per­so­nen eine Krank­heits­kos­ten­ver­si­che­rung zu unter­hal­ten.

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Ob die Kün­di­gung da­rü­ber hi­naus auch nach § 207 Abs. 2 VVG un­wirk­sam ist, kann of­fen­blei­ben, da es hie­rauf nicht mehr an­kommt.

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Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 ZPO und die Ent­schei­dung über die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit auf §§ 708 Nr. 11, 709 S. 2, 711 ZPO.

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Der Streit­wert wird auf 7.584,36 € fest­ge­setzt.