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BPatG Urteil vom 20.03.2025 – 7 Ni 18/22 (EP)

7. Senat · ECLI:DE:BPatG:2025:200325U7Ni18.22EP.0

Zitiert 5 Entscheidungen 3 zitierte Normen

BUNDESPATENTGERICHT

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL§

(Aktenzeichen)

In der Patentnichtigkeitssache

ECLI:DE:BPatG:2025:200325U7Ni18.22EP.0

betreffend das europäische 2 878 548

(DE 50 2012 008 291)

hat der 7. Senat (Nichtigkeitssenat) des Bundespatentgerichts auf Grund

der mündlichen Verhandlung vom 20. März 2025 durch die Vorsitzende

Richterin Kopacek sowie die Richter Dipl.-Ing. Brunn, Dipl.-Ing. Wiegele,

Dr. von Hartz und Dipl.-Ing. Dr. Zapf

für Recht erkannt:

I.

Das europäische Patent 2 878 548 wird mit Wirkung für das

Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland dadurch teilweise

für nichtig erklärt, dass seine Patentansprüche folgende Fassung

erhalten:

II.

Im Übrigen wird die Klage abgewiesen.

III.

Von den Kosten des Rechtsstreits tragen die Klägerin und die

Beklagte jeweils 50 %.

IV.

Das Urteil ist im Kostenpunkt gegen Sicherheitsleistung in Höhe

von 120 % des jeweils zu vollstreckenden Betrags vorläufig

vollstreckbar.

T a t b e s t a n d

Die Klägerin macht die vollständige Nichtigerklärung des auch mit Wirkung

für das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland erteilten

europäischen Patents 2 878 548 B1 (Streitpatent) geltend. Die Beklagte ist

die eingetragene Inhaberin des in deutscher Verfahrenssprache erteilten

Streitpatents, das am 8. Februar 2012 angemeldet worden ist und die

Priorität aus der deutschen Anmeldung mit der Nummer DE

10 2011 003 999 vom 11. Februar 2011 in Anspruch nimmt. Die Erteilung

wurde am 14. September 2016 veröffentlicht. Das Streitpatent trägt die

Bezeichnung „Palette“ und wird beim Deutschen Patent- und Markenamt

unter der Nummer 50 2012 008 291.9 geführt. Das Streitpatent geht auf die

Stammanmeldung EP 2 487 117 zurück. Ein Einspruchsverfahren gegen

das Streitpatent vor dem Europäischen Patentamt endete mit der

Rücknahme des Einspruchs und der Einstellung des Verfahrens.

Es umfasst in der erteilten Fassung 14 Patentansprüche, von denen alle

angegriffen werden. Patentanspruch 1 und die darauf unmittelbar und

mittelbar rückbezogenen Patentansprüche 2 bis 14 beziehen sich eine

Palette.

Der erteilte Patentanspruch 1 lautet in der Verfahrenssprache – entsprechend der

veröffentlichten Schrift - wie folgt:

Wegen des Wortlauts der weiter angegriffenen Unteransprüche 2 - 14 wird auf die

Streitpatentschrift EP 2 878 548 B1 Bezug genommen.

Die Beklagte verteidigt das Streitpatent zuletzt in der erteilten Fassung sowie mit

Hilfsanträgen 1 bis 3, 20, 21, eingereicht mit Schriftsatz vom 18. März 2025 mit

jeweils geschlossenen Anspruchssätzen.

Gemäß Hilfsantrag 1 lautet der allein geänderte und um Merkmal 1.7 ergänzte

Patentanspruch 1 wie folgt:

Nach Hilfsantrag 2 wird Patentanspruch 1 gemäß erteilter Fassung am Ende (um

das Merkmal 1.8) wie folgt ergänzt:

Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag 3 wird gegenüber der erteilten Fassung und

unter Wegfall von Unteranspruch 11 am Ende (um das Merkmal 1.9) wie folgt ergänzt:

Wegen der vollständigen Fassungen der weiteren Hilfsanträge wird auf die Anlage

zum Schriftsatz vom 18. März 2025 verwiesen.

Die Klägerin macht mit ihrer Nichtigkeitsklage die Nichtigkeitsgründe der fehlenden Patentfähigkeit und unzulässigen Erweiterung geltend (Art. II § 6 Abs. 1 Nr. 1

und 3 IntPatÜG i. V. m. Art. 138 Abs. 1 Buchst. a und c, Art. 54, 56 EPÜ).

Die Klägerin bezieht sich zur Stützung ihres Vorbringens u.a. auf folgende von ihr

eingereichte Druckschriften und Dokumente:

Anlage K1

Anlage K3

Anlage K6

Anlage K7

Streitpatent EP 2 878 548 B1

Stammanmeldung EP 2 487 117 A1

vorläufige Meinung EPA Einspruch vom 09.08.2018

Entscheidung EPA; Einstellung des Einspruchsverfahrens

vom 17.10.2018

Anlage K8

Verletzungsklage vom 08.08.2022

Anlage K10

Stellungnahme des Rechercheberichts der parallelen EP 3

409 942 A1

Anlage K11

Erwiderung auf Recherchebericht der parallelen EP 3 409

Anlage K12

Anlage K13

Anlage K14

NK1

NK2

NK3

NK4

NK5

NK6

NK7

NK8

NK9

NK10

NK11

942 A1

Erwiderung auf Recherchebericht der EP 2 878 548 A1

Fotos der CHEP-Palette

Fotos LPR-Palette

EP 1 705 130 A1

WO 2010 057 586 A1

DE 38 06 069 A1

DE 20 2005 004 645 U1

FR 2 128 054 A1

EP 1 473 247 A2

WO 2011 003 126 A1

DE 9 304 350 U1

FR 1 397 498 A

US 2005/0145144 A1

DE 20 2007 016 732 U1

NK12

NK13

NK14

NK15

NK16

NK17

NK18

NK19

NK20

NK21

NK21A

NK21B

NK21C

WO 99/57025 A1

Gemeinschaftsgeschmacksmuster EU001628884-0001

US 6 234 088 B1

JP 2005 231 703 A

US 3 404 642 A

US 2006/0053725 A1

US 7 819 068 B2

JP H0 826 279 A

US 2010/218705 A1

Gemeinschaftsgeschmacksmuster EM000814686

Gemeinschaftsgeschmacksmuster EM000814686

offenkundige Vorbenutzung (Verkauf: S… an L…)

Presseartikel "Des quarts de palettes chez LPR" vom

07.07.2010

NK21D

Presseartikel "LPR koopt huurpalletpool van Contraload"

NK21E

NK21F

NK22

NK23

vom 05.07.2010

fotografierte LPR-Palette

offenkundige Vorbenutzung (Verkauf: L… → Kunden)

US 3 650 225 A

DE 195 36 702 A1

Die Klägerin behauptet, es habe sechs eigenständige Vorveröffentlichungshandlungen

gegeben. Das

europäische Gemeinschaftsgeschmacksmuster

EM 000814686, bekannt gemacht am 19.11.2007, nehme alle Merkmale von Patentanspruch 1 neuheitsschädlich vorweg (vgl. NK21A). Im Jahr 2010 habe die

Klägerin von der Firma S… BV bzw. der Firma C… NV

Paletten zugekauft (im Folgenden: LPR-Palette), welche dem Geschmacksmuster

gegenständlich entsprächen (vgl. NK21B) und eine weitere Vorveröffentlichung

darstelle. Diese Palette sei auch Gegenstand einer Berichterstattung aus dem

Jahr 2010 gewesen, in welcher eine LPR-Palette wiedergegeben worden sei. Dies

stelle wiederum eine Vorveröffentlichungshandlung dar (vgl. NK21C). Eine weitere

Vorveröffentlichungshandlung liege in der bebilderten Presseberichtserstattung

vom 5 Juli 2010 aus der Zeitschrift „WAREHOUSE TOTAAL“ (vgl. NK21D). Ferner

liege eine neuheitsschädliche Vorveröffentlichung in der LPR-Palette entsprechend den Fotografien der Anlagen K14A/B (als NK21E). Solche Paletten seien

vor dem Prioritätsdatum an Kunden weiterverkauft worden, was wiederum eine

Vorveröffentlichungshandlung begründe (NK21F).

Die Klägerin ist der Auffassung, dass der Gegenstand des Streitpatents über den

Inhalt der Stammanmeldung EP 2 487 117 hinausgehe. Patentanspruch 1 des

Streitpatents nehme Bezug auf die Grundstruktur, wobei diese abgerundete und

nach innen versetzte Ecken aufweise. Weder in den Ansprüchen noch in der Beschreibung sei offenbart, dass die Ecken an der Grundstruktur angeordnet seien.

In der Stammanmeldung seien die Ecken gemäß Absatz [0020] an der Palette

vorgesehen.

Die Klägerin macht darüber hinaus geltend, dass der Gegenstand des Patentanspruchs 1 nicht neu sei. Entscheidend sei, was unter Ecken einer Palette, über

welche Displayfortsätze überstülpar seien, zu verstehen sei (Merkmal 1.6). Sofern

dieses Merkmal dahingehend verstanden werde, dass die nach innen versetzte

und abgerundete Ecke sich nicht zwingend zwischen der Oberseite und der Unterseite erstrecke müsse, sei die erfindungsgemäße Lehre des Patentanspruchs 1

nicht neu gegenüber den Druckschriften und Dokumenten NK11, NK13, NK3,

NK14 und den Vorveröffentlichungen der NK21 A-F.

Vor dem Hintergrund der Abgrenzung zum Stand der Technik (NK3) sei eine erfindungsgemäße Ecke nur dann nach innen ausgebildet, wenn die obere geometrische Ecke, die untere geometrische Ecke und die dazwischen angeordnete geometrische Kante vollständig, also über die gesamte Höhe der Grundstruktur nach

innen versetzt sei. Dieses Verständnis werde durch die Figuren 1 und 2 der Streitpatentschrift belegt. Gemäß alternativer Auslegung mangele es dem Gegenstand

des Patentanspruchs 1 an Neuheit gegenüber den Dokumenten NK17, NK18 und

NK19.

Darüber hinaus fehle es an erfinderischer Tätigkeit aufgrund der Kombination der

NK13 mit Fachwissen oder mit der Lehre der NK11 oder NK17 oder NK14, der

Kombination der NK15 mit Fachwissen oder mit der Lehre der NK11 oder der

Kombination der NK16 mit Fachwissen oder mit der Lehre der NK11. Gleiches

gelte für die Kombination der technischen Lehre der NK11 mit der NK14. Der Gegenstand des Patentanspruchs 1 werde auch durch die Kombinationen der NK13

mit den jeweiligen Vorveröffentlichungen der NK21A-F, der NK17 mit Fachwissen

oder der Lehre der NK11 oder durch die Kombination der NK20 mit dem Fachwissen bzw. der Lehre der NK11 nahegelegt.

Die Unteransprüche 2 bis 14 könnten zumindest keine erfinderische Tätigkeit begründen.

Der Gegenstand von Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag 1 sei nicht neu gegenüber der NK17 bzw. beruhe nicht auf erfinderische Tätigkeit. Letzteres ergebe sich

auch aus der Kombination der technischen Lehre der NK3 mit NK4. Ferner sei von

einer unzulässigen Erweiterung bzw. einer unzulässigen Zwischenverallgemeinerung auszugehen.

Nach Hilfsantrag 2 umfasse Patentanspruch 1 nunmehr das Merkmal von vier Füßen, von welchen zwei länglich parallel zu einer Längsachse der Palette ausgebildet seien. Dieser Gegenstand sei nicht neu gegenüber der technischen Lehre der

NK17. Dem Fachmann seien parallel zu einer Längsachse der Palette verlaufende

längliche Füße ebenfalls aus seinem allgemeinen Fachwissen bekannt; dies verdeutlichten die Druckschriften der NK2, NK3, NK4, NK11 oder NK18. Darüber hinaus sei von einer unzulässigen Erweiterung auszugehen.

Der Gegenstand von Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag 3 basiere im Wesentlichen auf dem ursprünglichen Unteranspruch 11. Derartig ausgestaltete Füße

seien aus der NK2, NK18 oder NK21 bekannt, so dass der Gegenstand von Patentanspruch 1 nicht erfinderisch sei. Zudem sei von einer unzulässigen Erweiterung auszugehen. Der Unteranspruch 11 offenbare, dass die Füße durch eine einzige Vertiefung gebildet würden. Im Patentanspruch 1 sei nunmehr die Rede von

jeweils einer, also mehreren Vertiefungen.

Die Klägerin beantragt,

das europäische Patent 2 878 548 mit Wirkung für das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland im vollen Umfang für nichtig zu erklären.

Die Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen,

hilfsweise die Klage abzuweisen mit der Maßgabe, dass das Streitpatent

die Fassung eines der Hilfsanträge 1 bis 3, 20, 21, eingereicht mit Schriftsatz vom 18. März 2025, in der Reihenfolge ihrer Nummerierung, erhält.

Die Beklagte tritt den Ausführungen der Klägerin in allen Punkten entgegen und

hält das Streitpatent in der erteilten Fassung für rechtsbeständig.

In der Fassung gemäß Hauptantrag seien die angegriffenen Patentansprüche

nicht unzulässig erweitert und auch patentfähig. Mit näheren Ausführungen trägt

sie vor, dass keine der vorgelegten Druckschriften und Dokumente deren Gegenstand vorwegnehme oder ihn nahelege.

Insbesondere offenbare die NK14 keine Palette mit einer im wesentlichen rechteckigen Grundstruktur. Darüber hinaus weise die Palette der NK14 keine vier Seitenflächen auf, die eine Grundstruktur einfasse, da diese – nicht wie erforderlich –

quaderförmig ausgebildet sei. Ferner weise die Grundstruktur der Palette der

NK14 keine Unterseite auf, die abgesehen von Versteifungsstrukturen eben ausgebildet sei. Aus der NK14 sei ebenfalls nicht vorbekannt, dass die Füße an der

Unterseite angeordnet seien. Zudem sei eine Befestigung eines Kartonagedisplays an gewölbten Ausnehmungen nicht möglich, so dass auch eine Verriegelung

nicht möglich sei. Ferner sei den Füßen der aus der NK14 ersichtlichen Palette

nicht die zwingend erforderliche Funktion der Befestigung zu entnehmen. Schließlich weise sie auch keine nur nach innen versetzte Ecke auf.

Die Unteransprüche seien neu und erfinderisch.

Zumindest seien die Gegenstände des Patentanspruchs 1 nach einem der zuletzt

gestellten Hilfsanträge patentfähig.

Der Senat hat den Parteien mit Schreiben vom 24. September 2024 einen qualifizierten gerichtlichen Hinweis erteilt und weitere rechtliche Hinweise in der mündlichen Verhandlung gegeben.

Wegen des Vorbringens der Parteien im Übrigen wird auf deren Schriftsätze mit

sämtlichen Anlagen und auf das Protokoll der mündlichen Verhandlung vom

20. März 2025 verwiesen.

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e

Die zulässige Klage hat teilweise Erfolg. Das Streitpatent ist in der erteilten

Fassung sowie in den jeweiligen Fassungen nach den Hilfsanträgen 1 und 2

nicht

rechtsbeständig. Denn

insoweit

liegt der geltend gemachte

Nichtigkeitsgrund der mangelnden Patentfähigkeit vor (Art. II § 6 Abs. 1 Nr. 1

IntPatÜG i. V. m. Art. 138 Abs. 1 Buchst. a), Art. 54, 56 EPÜ). Im Übrigen ist

die Klage unbegründet. Im Umfang der Anspruchsfassung des Hilfsantrags 3

erweist sich der Gegenstand als patentfähig, mithin rechtsbeständig. Daher ist

die Klage insoweit abzuweisen. Auf die weiteren Hilfsanträge kam es deshalb

nicht mehr an.

I.

1.

Das Streitpatent betrifft eine Palette mit einer im Wesentlichen

rechteckigen Grundstruktur und vier die Grundstruktur einfassenden

Seitenflächen, von welchen je zwei Seitenflächen auf gegenüberliegenden

Seiten der Grundstruktur angeordnet und parallel zueinander ausgerichtet sind,

wobei die Grundstruktur je eine, von konstruktiven Versteifungsstrukturen

abgesehen, ebene Ober- und Unterseite aufweist und wobei an der Unterseite

Füße zum Abstützen der Grundstruktur angeordnet sind (vgl. Streitpatent,

Absatz [0001]).

Derartige Paletten würden häufig zum Warentransport verwendet und seien

oftmals in ein Pfandsystem integriert. Dies und ein möglichst breites

Anwendungsfeld erforderten, dass die Abmessungen der Paletten

vereinheitlicht seien. Abhängig von der Größe seien ¼-Europaletten, mit einer

Grundfläche von 400 x 600 mm, halbe Europaletten, mit einer Grundfläche von

800 x 600 mm, und Europaletten, mit einer Grundfläche von 800 x 1200 mm,

zu unterscheiden. Daneben seien eine Vielzahl von anderen Größen auf dem

Markt verfügbar. Die vorliegende Erfindung sei primär für die Verwendung mit

¼-Europaletten vorgesehen, auch wenn eine Verwendung mit anderen

Palettenmaßen nicht ausgeschlossen sei (vgl. Streitpatent, Absatz [0002]).

Bekanntermaßen könnten Paletten aus diversen Materialien, wie z. B. Holz,

Kunststoff oder Blech hergestellt sein. Die WO 2010 / 057 586 A1 (NK2 des

Verfahrens) offenbare beispielsweise eine aus einem

faserverstärkten

thermoplastischen Kunststoff hergestellte Palette. Sie werde durch eine

Wellblech-Rinnen- und Rippenstruktur gebildet, die durch quer verlaufende

Stegwände ausgesteift seien. Eine solche Palette sei leichtgewichtig, einstückig

herstellbar und habe eine hoch belastbare Struktur (vgl. Streitpatent, Absatz

[0003]).

Würden Paletten in Verkaufsräumen aufgestellt, um darauf befindliche Waren

direkt, ohne diese erst in Regale einzusortieren, dem Kunden anzubieten, so

würden die Paletten als sog. "Display-Paletten" bezeichnet. Display-Paletten

dienten daher, neben dem Transport auch der Präsentation der Waren. Um

eine verkaufsfördernde und ansprechende Wirkung auf die Kunden zu erzielen,

würden die Paletten mit sog. Displays ummantelt (vgl. Streitpatent, Absatz

[0004]).

Displays seien oftmals zur Warenpräsentation entsprechend bedruckte Papp-

oder Kartonaufbauten, die auf bzw. an der Palette befestigt würden. Neben der

Funktion der Warenpräsentation könnten Displays während des Transportes

auch

zur

Ladungssicherung

verwendet

werden.

Für

beide

Verwendungszwecke sei es erforderlich, dass die Displays möglichst schnell,

einfach und sicher an bzw. auf der Palette befestigt werden könnten.

Entscheidend sei dabei vor allem, dass das Display die vorgegebene Position

während des Transportes und in erster Linie während des Verkaufsvorganges

beibehalte (vgl. Streitpatent, Absatz [0005]).

Zu diesem Zweck wiesen herkömmliche Paletten in den Randbereichen der

Oberseite der Grundstruktur schlitzförmige Ausnehmungen auf,

in die

vorstehende Befestigungsstrukturen des Displays eingeführt werden könnten.

Die vorstehenden Befestigungsstrukturen hätten z.B. ausgeformte und/oder

aufgesetzte Rastnasen, die in die schlitzförmigen Ausnehmungen eingriffen

und verrasteten. Nachteilig sei bei dieser Art der Befestigung vor allem der

erhöhte Materialbedarf zur Herstellung der Rastnasen und das schwierige

Einführen der Rastnasen in die schlitzförmigen Befestigungsstrukturen. Die

Befestigung solcher Displays erfordere einen Zugang zu der Oberseite der

Palette, der jedoch bei bereits beladenen Paletten nur begrenzt möglich sei.

Zudem nehme das eigentliche Display die Sicht auf die schlitzförmigen

Ausnehmungen, so dass die Einführung der Befestigungsstrukturen in die

Ausnehmungen "blind" zu erfolgen habe (vgl. Streitpatent, Absatz [0006]).

Eine alternative Befestigungsmöglichkeit sehe an den Seitenflächen der

Paletten T-förmige Vertiefungen vor, die

in etwa die Stärke des

Displaymaterials hätten. Bei der Verwendung von Displays aus Pappe seien die

Vertiefungen daher wenige Millimeter, z. B. 2 bis 5 mm tief. Die an den Displays

für das Hineinpressen in diese Vertiefungen vorgesehenen Abschnitte seien

ebenfalls T-förmig und mit Übermaß ausgestaltet. Das Hineinpressen führe zu

einer lokalen Materialverformung, die nur bei einer hinreichend dünnen

Materialstärke möglich sei. Diese Verformung verhindere jedoch, dass der

Fortsatz des Displays zuverlässig in der Vertiefung der Palette eingepasst und

damit sicher an der Palette befestigt werden könne. Werde die Materialstärke,

um ungewollte Verformungen zu vermeiden, erhöht, sei ein Einbringen des

Displayfortsatzes nur sehr mühsam oder gar nicht mehr möglich. In beiden

Fällen sei eine sichere Verbindung zwischen Display und Palette nicht

gewährleistet (vgl. Streitpatent, Absatz [0007]).

Aus der DE 38 06 069 A1 (NK3 des Verfahrens) gehe eine Palette mit

abgerundeten Ecken hervor. Es sei hier nicht offenbart, dass die Ecken nach

innen versetzt angeordnet wären (vgl. Streitpatent, Absatz [0008]). Aus der DE

20 2005 004 645 U1 (NK4 des Verfahrens) gehe ebenfalls eine Palette mit

abgerundeten Ecken hervor. Hier sei ebenfalls nicht offenbart, dass die Ecken

nach innen versetzt angeordnet wären (vgl. Streitpatent, Absatz [0009]).

Aus der FR 2 128 045 A (NK5 des Verfahrens) gehe des Weiteren eine nichtgattungsgemäße Palette mit einer quadratischen Grundform hervor, bei der

eine umlaufende Schulter zur Stützung eines umlaufenden Rahmens eines

Behälters vorgesehen sei. Die Palette sei insbesondere nicht zur Verbindung

mit einem Warendisplay ausgebildet. Die Druckschrift offenbare keine

Ausnehmungen an den Seitenflächen zur Aufnahme eines Displayfortsatzes

und keine abgerundeten, nach innen versetzten Ecken (vgl. Streitpatent, Absatz

[0010]).

Vor dem Hintergrund des genannten Standes der Technik sei es daher Aufgabe

der vorliegenden Erfindung, eine Palette mit Aufnahmen zur sicheren und

schnellen Befestigung eines Displays an einer Palette bereitzustellen (vgl.

Streitpatent, Absatz [0011]).

2.

Als maßgeblicher Durchschnittsfachmann, auf dessen Wissen und

Können es insbesondere für die Auslegung der Merkmale des Streitpatents und

für die

Interpretation des Standes der Technik ankommt,

ist ein

Maschinenbauingenieur mit einem abgeschlossenen Hochschulabschluss und

mit mehrjähriger

Berufserfahrung

bei

der

Konstruktion

von

Transporthilfsmitteln, insbesondere von Europaletten und Displaypaletten,

anzusehen. Von diesem Fachmann kann erwartet werden, dass er die üblichen

Arten von Paletten, Transporthilfsmitteln, Ladungsträgern etc. kennt. Sein

Wissen umfasst somit nicht nur den Stand der Technik, der Kartonagedisplays

offenbart, sondern auch jenen Stand der Technik, der eine Eignung zur

Verbindung mit einem Display aufweist.

3.

Der erteilte Anspruch 1 des Streitpatents lässt sich wie folgt gliedern:

1.0

1.1

Palette (1)

mit einer im Wesentlichen rechteckigen Grundstruktur (2)

und

1.2

vier die Grundstruktur (2) einfassenden Seitenflächen (3),

1.2.1

von welchen

je

zwei Seitenflächen

(3)

auf

gegenüberliegenden Seiten der Grundstruktur

(2)

angeordnet und parallel zueinander ausgerichtet sind,

1.3

wobei

die Grundstruktur

(2)

je

eine,

von

Versteifungsstrukturen abgesehen, ebene Ober- und

Unterseite (4, 5) aufweist,

1.4

wobei an der Unterseite (5) Füße (6) zum Abstützen der

Grundstruktur (2) angeordnet sind und

1.5

wobei an zumindest zwei der vier Seitenflächen (3)

wenigstens eine Ausnehmung (7) zur Aufnahme eines

Displayfortsatzes (8) angeordnet ist,

dadurch gekennzeichnet

1.6

dass die Grundstruktur (2) abgerundete und nach innen

versetzte Ecken (12) aufweist.

4.

Einige Merkmale des erteilten Anspruchs 1 bedürfen der Auslegung mit

dem Verständnis des Fachmanns.

a)

Der Anspruch betrifft eine Palette (Merkmal 1.0), die eine Verwendung

beim Warentransport findet (vgl. Streitpatent, Absatz [0002]). Die Palette ist,

entgegen dem Vortrag der Beklagten, nicht notwendig auf die Abmessungen

einer sog. Viertelpalette (400 x 600 mm) festgelegt. Dies bringt bereits Absatz

[0002] des Streitpatents zum Ausdruck, in dem die Erfindung als primär für die

Verwendung mit ¼-Europaletten vorgesehen bezeichnet und hinzugefügt ist,

dass eine Verwendung mit anderen Palettenmaßen nicht ausgeschlossen sei.

Auch Merkmal 1.5 (zu diesem noch unten) schränkt den Gegenstand ebenfalls

nicht auf eine Displaypalette im Viertelformat ein. Das Viertelformat ist das

übliche, aber nicht das einzig mögliche Format für Paletten, auf denen Displays

angeordnet werden sollen.

b)

Die Palette weist nach Merkmal 1.1 eine im Wesentlichen rechteckige

Grundstruktur (2) und nach Merkmal 1.2 vier die Grundstruktur einfassende

Seitenflächen auf. Damit sind geringe Abweichungen von einer Rechteckform

nötig, wie sie das Patent ja auch hinsichtlich der Eckausbildung vorgibt.

Einfassende Seitenflächen umranden bzw. umgeben diese Grundstruktur.

Dabei ist nicht gefordert, dass die Seitenflächen die Grundstruktur an der

jeweiligen Seite vollständig abdecken oder dass die Seitenflächen vollständig

geschlossen sein müssen.

c)

Von den vier Seitenflächen sind nach Merkmal 1.2.1 je zwei

Seitenflächen auf gegenüberliegenden Seiten der Grundstruktur angeordnet

und parallel zueinander ausgerichtet. Zuletzt trägt die Beklagte zum Merkmal

1.2.1 vor, eine Grundstruktur könne nur dann von Seitenflächen „eingefasst“

sein, wenn Ober- und Unterseite von deren Grundstruktur (sinngemäß:

deutlich) voneinander beabstandet seien. Eine einlagige Struktur sei dagegen

bestenfalls „umrandet“ und i.Ü. nicht quaderförmig. Dies steht nicht im Einklang

mit der technischen Lehre des Streitpatents. Aus diesem ergibt sich vielmehr,

dass Grundstruktur und einfassende Seitenflächen eine näherungsweise

quaderförmige Hüllgeometrie beschreiben, wobei der Begriff des „Einfassens“

keine Aussage zur Dicke des eingefassten Objekts macht.

d)

Zu diesem Verständnis trägt auch Merkmal 1.3 bei, nach dem die

Grundstruktur (2) je eine, von Versteifungsstrukturen abgesehen, ebene Ober-

und Unterseite (4, 5) aufweist. Die Grundstruktur 2 weist im Streitpatent

Vertiefungen und Rippen 18 auf. Diese im Wechsel nach oben und unten

offenen Strukturen sind mit Querverstrebungen versteift und definieren je eine

Ebene der Ober- bzw. der Unterseite 5, 4 der Palette 1 (vgl. Absatz [0039],

Figuren 2, 3, 4). Daher müssen weder Ober- noch Unterseite als geschlossene,

ebene Fläche ausgebildet sein.

e)

Nach Merkmal 1.4 sind an der Unterseite Füße zum Abstützen der

Grundstruktur angeordnet. Nachdem gemäß dem Ausführungsbeispiel der

Figuren 2 bis 4 die Grundstruktur durch eine einzige mäandrierende

Materiallage gebildet

ist, sind die Füße

infolge des kontinuierlichen

Materialverlaufs an der Unterseite angeordnet. Soweit die Füße in einer

besonders bevorzugten Ausführungsform gemäß Absatz

[0028] der

Beschreibung durch eine von der Oberseite ausgehende trichterförmige

Vertiefung gebildet werden, von deren Grund sich ein zentraler

Pyramidenstumpf bis zu der Oberseite erstreckt, spricht auch dies für ein

solches Verständnis. Mit dem Kontinuum der einzigen Materiallage ergibt sich,

dass die Füße zugleich bereits an der Oberseite beginnen (vgl. auch Absatz

[0034]).

f)

Nach Merkmal 1.5 ist an zumindest zwei der vier Seitenflächen

wenigstens eine Ausnehmung zur Aufnahme eines Displayfortsatzes eines

Displaysockels angeordnet.

Auf Paletten aufgebaute Displays versteht der Fachmann dahingehend, dass

deren Sockelbereiche die Palettendeck-Fläche maximal ausnutzen und daher

durchweg einen rechteckigen Querschnitt aufweisen. Displays werden zumeist

aus Wellpappe hergestellt. Hierfür stehen unterschiedliche Materialstärken zur

Verfügung; üblich sind Wellpappen von ca. 2-5 mm. Von oben gesehen liegt

also der untere Displaysockelrand daher am Rand der Palette auf, ohne über

diesen seitlich hinauszustehen.

Die wenigstens eine Aufnahme soll geeignet sein, einen Displayfortsatz eines

vom Patentanspruch 1 nicht beanspruchten und nicht umfassten

Displaysockels aufzunehmen. Diese seitlichen Fortsätze greifen unterhalb des

Displaysockelrandes

im Wesentlichen von oben her

in die seitlichen

Ausnehmungen ein. Eine nähere räumlich-körperliche Bestimmung der

Ausnehmung ergibt sich aus der Eignung zur Aufnahme eines Displayfortsatzes

eines Displaysockels nicht. Die notwendige Erstreckung der Ausnehmung in

Breiten- und Hochrichtung der Seitenfläche bleibt im Anspruch offen, ebenso

die Tiefenerstreckung in Richtung des Paletteninneren.

Die Eignung zum Aufnehmen eines ansonsten nicht näher bestimmten

Fortsatzes eines auch sonst unbestimmten Displaysockels führt im Übrigen

nicht zur Beschränkung der Palette auf das (wiewohl übliche, siehe oben)

Viertelpaletten-Format.

g)

Merkmal 1.6 bestimmt schließlich, dass die Grundstruktur (2)

abgerundete und nach innen versetzte Ecken (12) aufweist. Der Fachmann

versteht dies dahingehend, dass der nach innen reichende Versatz jedenfalls

über die volle vertikale Erstreckung des Grundkörpers erfolgen muss.

aa)

Im Rahmen der Auslegung eines Patentanspruchs sind der Sinngehalt

des Patentanspruchs in seiner Gesamtheit und der Beitrag, den die einzelnen

Merkmale zum Leistungsergebnis der Erfindung liefern, zu bestimmen. Die

Bestimmung des Sinngehalts eines einzelnen Merkmals muss stets in diesem

Kontext erfolgen, aus dem sich ergeben kann, dass dem Merkmal eine andere

Bedeutung zukommt als einem entsprechenden Merkmal in einer zum Stand

der Technik gehörenden Entgegenhaltung. Denn

für das Verständnis

entscheidend ist die Funktion, die das einzelne technische Merkmal für sich und

im Zusammenwirken mit den übrigen Merkmalen des Patentanspruchs bei der

Herbeiführung des erfindungsgemäßen Erfolgs hat (BGH, Urteil vom 9. Juli

2024 - X ZR 72/22 Rn. 24 – Waage (juris); Urteil vom 23. Juli 2024 - X ZR 88/22

Rn. 35 – Stereofotogrammetrie (juris)). Dabei sind Beschreibung und

Zeichnungen heranzuziehen, die die technische Lehre des Patentanspruchs

erläutern und veranschaulichen (BGH GRUR 2012, 1124 Rn. 27 -

Polymerschaum).

bb)

Zutreffend weist die Beklagte

zunächst darauf hin, der

Anspruchswortlaut gebe nicht – sinngemäß als zwingend – vor, dass sich ein

Innenversatz der Ecken und die Abrundung der Ecken über die gesamte Höhe

der Grundstruktur erstrecken müsse. Gleichwohl versteht der Fachmann das

Merkmal dahingehend.

(1)

Maßgeblich ist die technische Funktion dieses Merkmals. Eine über die

volle vertikale Erstreckung des Grundkörpers kann als Aufnahme zur sicheren

und genauen Befestigung eines Displays an einer Palette dienen, vgl. die

Aufgabenstellung des Patents. Das Streitpatent erläutert dazu zunächst in

Absatz [0023]:

Erfindungsgemäß weist die Palette abgerundete und

nach innen versetzte Ecken auf. Displaysockel mit

Fortsätzen an den Ecken, die beispielsweise auch

Rastnasen aufweisen können, können über die nach

innen versetzten Ecken der Palette gestülpt werden, um

so eine sichere und genaue Positionierung zu

gewährleisten. Des Weiteren können Fixierbänder sicher

und genau an der Palette positioniert werden, wobei die

nach innen versetzten Ecken ein seitliches Verrutschen

der Fixierbänder verhindern.

Der über die volle vertikale Länge des Grundkörpers erstreckte Versatz führt

beim Überstülpen die entscheidende Positionierwirkung zwischen den

Fortsätzen der Displaysockelecken und den über die zurückversetzten

Palettenecken als Referenzflächen des Paletten-Grundkörpers herbei.

Entsprechend der im Streitpatent formulierten Aufgabe im Absatz [0011] trägt

er damit entscheidend bei zur sicheren und schnellen Befestigung von Displays

an der Palette und fördert den erfindungsgemäßen Erfolg. Dieses Verständnis

deckt sich mit der in der Figur 5 gezeigten Geometrie.

(2)

Aus dem Teilmerkmal der „nach innen“ versetzten Ecke lässt sich kein

anderes Verständnis begründen.

Aus den Figuren 1 bis 4 sowie der nachfolgend wiedergegebenen Figur 5 des

Streitpatents (rote Hervorhebung senatsseitig) ergibt sich, dass das Streitpatent

als „zurückversetzte Ecke“ jedenfalls eine solche Geometrie versteht, bei der

die Gesamtlänge der Schnittlinie zweier benachbarter Seitenflächen bzw. ein

vertikaler Kantenbereich des quaderförmigen Hüllkörpers um ein nicht näher

bestimmtes Maß zurückspringt. Der Rücksprung „nach innen“ erfolgt dabei von

den Seitenflächen bzw. dem vertikalen Kantenbereich weg. Die Geometrie der

Abrundung ist dabei nicht weiter zwingend bestimmt, schließ somit ein

Verständnis im vorliegenden Sinne nicht aus.

Aus den Absätzen [0036] und [0051] ergibt sich kein anderes Verständnis.

Beide erläutern den Versatz nach innen, wie er in Figuren des Streitpatents

über die volle Höhe dargestellt ist; Absatz [0036] bezieht sich dabei nochmals

auf das damit ermöglichte Überstülpen.

(3)

Für das vorliegende Verständnis trägt auch der Sinngehalt des

Unteranspruchs 12 bei. Unteransprüche können die im Hauptanspruch unter

Schutz gestellte Lösung weiter ausgestalten und können daher - mittelbar -

Erkenntnisse über deren technische Lehre zulassen (vgl. BGH, Urteil vom 10.

Mai 2016 - X ZR 114/13 – Wärmetauscher).

Das Streitpatent enthält in den Absätzen [0030] und [0039] und dem erteilten

Anspruch 12 sowie mit der Orientierung der Fixierabschnitte 19 in den Figuren

2 bis 4 Hinweise auf die Anbringung von Fixierbändern über das Packgut

hinweg. Dem seitlichen Abrutschen solcherart angebrachter Fixierbänder

können jedenfalls über die volle Höhe des Grundkörpers zurückversetzte Ecken

entgegenwirken. Auf eine horizontale Umreifung mit einem Fixierband weist das

Streitpatent dagegen an keiner Stelle hin. Insoweit steht auch Absatz [0023],

soweit er darauf Bezug nimmt, dass die nach innen versetzten Ecken ein

seitliches Verrutschen von an der Palette positionierten Fixierbändern

verhindern würden, nicht entgegen.

(4)

Schließlich steht dieses Verständnis

in Einklang mit der vom

Streitpatent explizit bezweckten Abgrenzung zum in der Beschreibung

genannten Standes der Technik (NK2, NK3, NK4 und NK5; vgl. Absätze [0003]

und [0008] bis [0010]). Insbesondere aus Absatz [0008] ergibt sich das

Verständnis für den Fachmann, dass eine zentrale Vertiefung, die nicht über

die volle vertikale Höhe des Grundkörpers verläuft, nicht als nach innen

versetzte Ecke im Sinne des Streitpatents angesehen wird.

(5)

Der Vortrag der Beklagten, der Fachmann würde sich bei der

Erschließung der technischen Bedeutung des Merkmals 1.6 zwingend auch an

den Maßgaben des Streitpatents zu den seitlichen Ausnehmungen des

Merkmals 1.5 orientieren, überzeugt nicht. Zwar bezwecken beide Merkmale

die Befestigung eines Displaysockels; einen weiteren Konnex hinsichtlich

analoger geometrischer Ausgestaltungen offenbart das Streitpatent allerdings

nicht. Demzufolge können die Ausführungen des Streitpatents zu den seitlichen

Fortsätzen auch nicht zur Eingrenzung möglicher Formen der Fortsätze an den

Displaysockelecken beziehungsweise zu einer mittelbaren Bestimmung der

Palettenecken-Ausbildung herangezogen werden. Ein Anknüpfungspunkt

entsteht auch nicht durch die in Absatz [0023] erwähnten Rastnasen. Bei

unbefangener Lesart sind diese als mögliche, beispielhafte Ausgestaltung der

Displayfortsätze zu verstehen. Nachdem sie aber im Streitpatent nicht weiter

erläutert sind, fehlt es an einer mittelbaren Offenbarung für den Fachmann, wie

die zurückversetzten Palettenecken ausgestaltet sein müssten, um

gegebenenfalls mit derlei Rastnasen zusammenzuwirken.

II.

Der von der Klägerin geltend gemachte Nichtigkeitsgrund (Art. II § 6 Abs. 1 Nr. 4

IntPatÜG, Art. 138 Abs. 1 Buchst. d) EPÜ), der erteilte Patentanspruch 1 sei

gegenüber den ursprünglichen Anmeldeunterlagen in Bezug auf das Merkmal

1.6 unzulässig erweitert, ist nach Auffassung des Senats nicht gegeben.

Die Klägerin vertritt die Auffassung, der Gegenstand des Streitpatents gehe

über den

Inhalt der europäischen

(Stamm-)Anmeldung 12154453.0,

veröffentlicht als EP 2 487 117 A1 (Anlage K 3), hinaus, da diese eine

abgerundete und nach innen versetzte Ecke nur in Bezug auf die Palette, nicht

aber deren Grundstruktur offenbare.

Der Senat vermag nicht, sich diese Ansicht zu eigen zu machen. Der

Gegenstand des geltenden Anspruchs 1 ist in der Stammanmeldung offenbart.

Er beruht auf einer Kombination der Ansprüche 1 und 7 der Stammanmeldung:

Die Stammanmeldung erläutert in Absatz [0020], wie von der Klägerin

angeführt: „Erfindungsgemäß weist die Palette in einer Ausführungsform

abgerundete und nach innen versetzte Ecken auf.“ (Hervorhebung senatsseitig

hinzugefügt). Aus der Offenbarung z.B. der Figur 5 (siehe oben) ist ohne

weiteres erkennbar, dass die entsprechenden Ecken der Palette 1 konkret jene

der Grundstruktur 2 sind.

Die angegriffene Änderung bringt also nur zum Ausdruck, was ohnehin zu

sehen war. Eine unzulässige Erweiterung kann hierin nicht erkannt werden.

III.

Das Streitpatent ist in der erteilten Fassung für nichtig zu erklären, da sein Gegenstand nicht patentfähig, mithin nicht rechtsbeständig ist (Art. II § 6 Abs. 1 Nr.

1 IntPatÜG i. V. m. Art. 138 Abs. 1 Buchst. a), Art. 54 EPÜ).

1.

Der Gegenstand des erteilten Patentanspruchs 1 ist nicht neu.

Er wird durch die Palette der Druckschrift NK14 neuheitsschädlich vorweggenommen, deren Figur 8 nachfolgend wiedergegeben ist (vgl. auch Spalte 4 Zeile

33 bis 43):

Zur Erläuterung der räumlichen Struktur werden auch die – insofern analogen –

Figuren 1 und 3 der NK14 nachfolgend eingeblendet:

Die Druckschrift NK14 betrifft gemäß Anspruch 1 eine Palette (Merkmal 1.0). Die

Palette ist als Viertelpalette einer standardisierten EUR-Palette ausgeführt (vgl.

Seite 2, Zeilen 46 bis 54). Wie aus den wiedergegeben Figuren ersichtlich, weist

die Palette eine im Wesentlichen rechteckige Grundstruktur auf (Merkmal 1.1),

sowie vier die Grundstruktur einfassende Seitenflächen 2, 3, 4, 5, von welchen

je zwei Seitenflächen 2, 3 bzw. 4, 5 auf gegenüberliegenden Seiten der Grundstruktur angeordnet und parallel zueinander ausgerichtet sind (Merkmale 1.2 und

1.2.1; vgl. Spalte 3, Zeile 65 bis Seite 4, Zeile 1).

Dem Vorbringen der Beklagten, aufgrund der S-förmigen Konturen im Beinbereich liege bei den Paletten der NK14 keine im wesentlichen rechteckige Grundstruktur vor, so dass schon Merkmal 1.1 nicht erfüllt sei, schließt sich der Senat

nicht an. Ohne Probleme kann die Palette der NK14 mit einem Rechteck als Hüllkurve umschrieben werden; die abweichenden Eck-Flächenanteile sind gegenüber der von der Hüllkurve umschriebenen Fläche unwesentlich. Der Anspruch

lässt mit „im Wesentlichen“ einen notwendigen Spielraum für Abweichungen von

der Rechteckform zu. Auch das Ausführungsbeispiel des Streitpatents weicht mit

den zurückversetzten Ecken notwendigerweise von der Rechteckform ab. Dies

gilt auch für den Vortrag der Beklagten zu Merkmal 1.2. Dass die Grundstruktur

aufgrund des Verbs „einfassen“ eine Höhe aufweisen müsse, die jener der Seitenflächen entspreche, trifft nicht zu. Dies ist zwar im Ausführungsbeispiel in etwa

realisiert, hat aber im Anspruch keinen Niederschlag gefunden.

Die Grundstruktur weist je eine von eingeprägten Versteifungsstrukturen 13 abgesehen ebene Ober- und Unterseite auf (Merkmal 1.3; vgl. Figuren 1, 3 und 8),

wobei darauf hinzuweisen ist, dass die Druckschrift NK14 vorsieht, die Palette

auch der Figur 8 aus einem einzigen bzw. einlagigen Materialstück zu bilden

(Ansprüche 1 und 8, Spalte 1, Z. 63 bis 66). Infolge der Einlagigkeit weisen Ober-

und Unterseite der Grundstruktur außerhalb der Versteifungsstruktur 13 zwangsläufig dieselbe ebene Form auf.

Ausgehend von der Oberseite 1 erstrecken sich bei den Paletten der Druckschrift

NK14 die Füße 6, 7, 8, 9 zum Abstützen der Grundstruktur nach unten (vgl.

Spalte 4, Zeilen 2 bis 4, Figuren 1, 2). Die Füße 6, 7, 8, 9 sind auch im Sinne des

Streitpatents an der Unterseite angeordnet (Merkmal 1.4), da diese im Materialverlauf unmittelbar in die Füße übergeht. Diese Ausgestaltung entspricht der des

Streitpatents (vgl. Absatz [0032] mit Figur 2). Auch beim Streitpatent geht die

eine kontinuierliche Materiallage, aus der die Grundstruktur mäanderförmig ausgeformt ist, an der Unterseite in den jeweiligen Fuß über, gegebenenfalls über

den Umweg der Verstärkungsstruktur, vgl. den folgenden senatsseitig markierten

Ausschnitt aus Figur 4 des Streitpatents.

Der Einwand der Beklagten, die Füße der Palette der NK 14 erstreckten sich –

mangels existenter Unterseite – lediglich von der Oberseite nach unten, überzeugt nicht. Es besteht kein Unterschied zwischen dem in Figur 4 farbig markierten Materialverlauf des Streitpatents und dem in den Paletten der NK 14. Bei

beiden gehen die Füße vom Verlauf der Ober- wie auch der Unterseite aus, wobei jeweils ein Grundkörper-Bauteil aus nur einer Materiallage vorliegt.

An zumindest zwei der vier Seitenflächen 2, 3, 4, 5 ist wenigstens eine Ausnehmung 17 angeordnet (Merkmal 1.5; vgl. Spalte 4, Zeilen 32 f. und Figur 8). Diese

ist auch zur Aufnahme eines Displayfortsatzes eines Displaysockels geeignet;

das Streitpatent selbst formuliert im ersten Satz von Absatz [0018] explizit die

Möglichkeit, die seitliche Ausnehmung halbkreisförmig auszubilden.

Die Palette der Figur 8 der Druckschrift NK14 weist zudem gegenüber der Grundstruktur nach innen versetzte Ecken auf (vgl. auch zur allgemeinen Geometrie

die Figuren 1 und 2), wenngleich aufgrund der wellenförmigen Kontur auch nur

in weiterem Sinn. Aufgrund der Wellenform ist diese Kontur auch abgerundet, so

dass auch Merkmal 1.6 aus der Druckschrift NK14 hervorgeht.

Dass die Druckschrift NK14 weder einen Displaysockel erwähne, noch dessen

Überstülpbarkeit, hat die Beklagte völlig zutreffend ausgeführt. Darauf kommt es

aber nicht an, denn der Stand der Technik ist dahingehend zu überprüfen, ob

sein Gegenstand entsprechend der – im Rahmen der Auslegung berücksichtigten – Überstülp-Eignung benutzt werden kann. Diese ist zu bejahen, denn auch

die zurückversetzten Palettenecken der NK14 erlauben, Displayfortsätze über

die Ecken zu stülpen, gegebenenfalls bis auf die Stützfläche 10 der Füße herab,

und so eine Positionierung vorzunehmen (vgl. Skizze der Klägerin auf S. 11 des

Schriftsatzes vom 18. Dezember 2024).

Die Palette der Figur 8 in NK14 offenbart alle Merkmale des Patentanspruchs 1.

Dessen Gegenstand ist daher nicht neu.

2.

Der Gegenstand von Anspruch 1 ergibt sich im Übrigen auch in neuheitsschädlicher Weise aus der Druckschrift NK17.

Diese betrifft einen modularen Lastträger 3. Der Lastträger 3 jedenfalls der Figuren 12, 13 ist zum Transport von Lasten unter Einsatz eines Gabelstaplers vorgesehen (vgl. die Absätze [0045] bis [0048]). Er ist demnach wie die Palette gemäß Streitpatent zum Transport von Waren („Lasten“) geeignet und kann daher

als Palette angesehen werden (Merkmal 1.0)

Diese Palette hat im Außenumfang eine im Wesentlichen rechteckige Grundstruktur 4 (Merkmal 1.1). Die Grundstruktur 4 ist von vier Seitenflächen eingefasst, die jeweils über den Außenflanken der männlichen Schwalbenschwanzteile aufgespannt sind (Merkmal 1.2). Von diesen sind je zwei Seitenflächen auf

gegenüberliegenden Seiten der Grundstruktur 4 angeordnet und parallel zueinander ausgerichtet (Merkmal 1.2.1). Die Grundstruktur 4 weist je eine von Versteifungsstrukturen abgesehen ebene Ober- und Unterseite auf (vgl. Figuren 12,

13, diesbezüglich in Verbindung mit der Figur 3, welche die Grundstruktur 4 auch

in Untersicht zeigt, jedoch mit den Rollen keine Füße im Sinne des Anspruchs

zeigt, Merkmal 1.3).

Hinsichtlich Merkmal 1.4 ist festzuhalten, dass die Druckschrift NK17 den

„riser 9“ zwar nur im Singular nennt. Es ist aber angesichts der expliziten Verwendung mit einem Gabelstapler zwangsläufig, dass mehr als nur ein „riser“ verwendet werden muss; ansonsten würde die Palette bei der geringsten Ungleichbeladung kippen.

Darüber hinaus ist die Palette der Fig. 12, 13 geeignet, in den Vertiefungen der

Seitenflächen Fortsätze eines Displaykartons aufzunehmen (Merkmal 1.5); aufgrund der Schwalbenschwanzform könnten diese sogar verriegelnd befestigt

werden.

Die Figur 12 der Druckschrift NK17 offenbart schließlich auch, dass die Grundstruktur abgerundete und nach innen versetzte Ecken im Sinne des Merkmals 1.6 aufweist. Diesen könnten dann auch Fortsätze an den Ecken eines Displaysockels übergestülpt werden.

Somit gehen auch alle Merkmale des Gegenstands von Anspruch 1 aus der

Druckschrift NK17 hervor.

3.

Ob sich der Gegenstand des Anspruchs 1 in erteilter Fassung auch aufgrund einer der zahlreichen, von der Klägerin vorgetragenen Dokumenten-Kombinationen in naheliegender Weise ergeben hätte, kann dahinstehen.

4.

Da die Beklagte erklärt hat, das Streitpatent gemäß Antrag als geschlossenen Anspruchssatz zu verteidigen, haben die weiter angegriffen abhängigen

Patentansprüche insgesamt keinen Rechtsbestand; sie fallen jeweils mit dem

Patentanspruch 1 (vgl. hierzu näher BGH GRUR 2017, 57 – Datengenerator).

IV.

Das Streitpatent kann auch in der Fassung gemäß Hilfsantrag 1 nicht mit Erfolg

verteidigt werden, denn der Gegenstand seines Patentanspruchs 1 ist nicht neu.

1.

Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag 1 enthält gegenüber der erteilten

Fassung des Patentanspruchs 1 das zusätzliche Merkmal

1.7 wobei die Füße gegenüber den Ecken der Palette nach innen versetzt angeordnet sind.

2.

Der von der Klägerin vertretenen Auffassung, diese Einschränkung sei unzulässig, weil das Merkmal aus den als Quelle angegebenen Figuren 1 bis 3 nicht

ersichtlich sei, tritt der Senat nicht bei.

Das Merkmal 1.7 präzisiert die Positionierung der Palettenfüße. Diese ist bereits

bei Detailbetrachtung der Figuren 1 bis 4 des Streitpatents ohne weiteres entnehmbar. Dass im Übrigen mit dem Merkmal 1.7 eine Vielzahl weiterer Merkmale

untrennbar verbunden seien und diese daher ebenfalls in den Anspruch mit aufgenommen werden müssten, hat die Klägerin zwar vorgetragen. Eine durchgreifende Begründung dessen ist für den Senat allerdings nicht erkennbar und ersichtlich.

3.

Der Gegenstand des Patentanspruchs 1 gemäß Hilfsantrag 1 ist allerdings

nicht patentfähig, denn er ist entgegen Art. 54 EPÜ nicht neu.

Dass bei der Palette der Figuren 12 und 13 in der Druckschrift NK17 der Einsatz

mehrerer „riser 9“ zwangsläufig erforderlich ist, wurde bereits oben dargelegt.

Ebenfalls zwangsläufig ist die Anordnung von solchen Füßen auch im Palettenrandbereich, um die nötige Sicherung gegen Kippen herzustellen. Die Berücksichtigung des durch die Stiftlöcher („pin holes“) 46 vorgegebenen Rasters führt

zwangsläufig zu der von Merkmal 1.7 beschriebenen Anordnung, vgl. die folgende, seitens des Senats farbig ergänzte Figur 13:

Infolge des in Längs- und Querrichtung äquidistanten Stiftlöcher-Rasters und der

quadratischen Form der Füße ergibt sich der Versatz der Füße auch in der orthogonalen, in Figur 13 nicht dargestellten Schnittrichtung.

Der Gegenstand von Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag 1 stellt damit keine

Abgrenzung zur Palette der Druckschrift NK17 her; diese offenbart alle Merkmale

des Gegenstands von Anspruch 1.

4.

Infolge der erklärten Verteidigung des Streitpatents mit geschlossenem

Anspruchssatz haben die weiter angegriffen abhängigen Patentansprüche insgesamt keinen Rechtsbestand; sie fallen jeweils mit dem Patentanspruch 1 (vgl.

hierzu näher BGH GRUR 2017, 57 – Datengenerator).

V.

Das Streitpatent kann auch in der Fassung gemäß Hilfsantrag 2 nicht mit Erfolg

verteidigt werden, denn der Gegenstand des Patentanspruchs 1 beruht entgegen

Art. 56 EPÜ nicht auf erfinderischer Tätigkeit.

1.

Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag 2 enthält gegenüber der erteilten

Fassung des Patentanspruchs 1 das zusätzliche Merkmal

1.8 wobei die Palette vier Füße umfasst, von denen zwei einen länglichen Querschnitt aufweisen, deren längere Achsen parallel zu einer

Längsachse der Palette ausgerichtet sind.

2.

Die von der Klägerin vertretene Auffassung, dass diese Einschränkung

unzulässig sei, überzeugt nicht. Die von der Beklagten im Absatz [0034] des

Streitpatents angegebene Offenbarungsstelle von Sp. 7, Z. 52 bis 54, trägt das

hinzugefügte Merkmal. Dass der Klägerin zufolge auch hier noch weitere Merkmale zur inneren Geometrie der Füße mit aufgenommen werden müssten, ist

aus Sicht des Senats entbehrlich.

Dahinstehen kann, ob die im Merkmal 1.8 gegenüber der Quellpassage in Absatz [0034] bewirkte Änderung von „der“ Längsachse zu „einer“, d.h. beliebigen

Längsachse ein Problem im Hinblick auf den zu beachtenden Artikel 84 EPÜ

(BGH, Urteil vom 18. März 2010 - Xa ZR 54/06 – Proxyserversystem) darstellt.

3.

Der Gegenstand des Patentanspruchs 1 gemäß Hilfsantrag 2 ergibt sich

in naheliegender Weise aus dem Stand der Technik nach der Druckschrift NK17.

Bei der Palette der Figuren 12, 13 der NK17 ist in Absatz [0048] die Verwendung

in Verbindung mit einem Gabelstapler explizit genannt. Dass dazu die Anordnung einer Mehrzahl von Füßen im Seitenbereich des Palettendecks zwangsläufig erforderlich ist, wurde bereits oben dargelegt.

Die optimale Anzahl und die einzusetzende Geometrie der Palettenfüße bestimmt der Fachmann letztlich anhand von praktischen Erwägungen. Der Fachmann berücksichtigt dabei Größe und Beladung der Palette sowie eine akzeptable Flächenkraft in den Aufstandsflächen unterhalb der Füße. Da der Palettengrundkörper auch mit den Zinken eines Staplers unterfahren werden muss, ist

das Vorsehen entsprechender Freiräume eine zu berücksichtigende Notwendigkeit. Was Merkmal 1.8 beschreibt, hält lediglich Rückgriff auf den dem Fachmann

bekannten Formenschatz, vergleiche z.B. Figur 3 der Druckschrift NK2 und Figuren 7 und 8 der Druckschrift NK11. Die Druckschrift NK5 zeigt in Fig. 2 ein

weiteres Beispiel für den Einsatz quadratischer und länglicher Füße unter einer

Palette. Bei der Palette, wie sie aus der Druckschrift NK17 hervorgeht, eine hinlänglich bekannte Geometrie und Anordnung der Palettenfüße zu verwenden,

bedarf keiner über handwerkliche Fähigkeiten hinausgehenden Kenntnisse.

Der Gegenstand von Anspruch 1 des Hilfsantrags 2 beruht daher nicht auf erfinderischer Tätigkeit.

4.

Infolge der erklärten Verteidigung des Streitpatents mit geschlossenem

Anspruchssatz haben die weiter angegriffen abhängigen Patentansprüche insgesamt keinen Rechtsbestand; sie fallen jeweils mit dem Patentanspruch 1 (vgl.

hierzu näher BGH GRUR 2017, 57 – Datengenerator).

VI.

Dagegen erweist sich das Streitpatent in der Fassung des Hilfsantrags 3 als patentfähig, mithin rechtsbeständig.

1.

Der Patentanspruch 1 in der Fassung des Hilfsantrags 3 ist zulässig im

Hinblick auf Artikel II § 6 Abs. 1 Nr. 3, 4, Abs. 3 IntPatÜG i.V.m. Artikel 138 Abs.

1 Buchst. c), d) EPÜ.

Das in den Anspruch 1 aufgenommene Merkmal 1.9 entstammt dem erteilten

Unteranspruch 11:

Ohne Erfolg bleibt der Einwand der Klägerin, der Anspruch 1 sei infolge der zusätzlichen Aufnahme des Wortes „jeweils“ nach „die Füße (6)“ unzulässig erweitert. Ihre Ansicht, der erteilte Anspruch 11 sei derart zu verstehen, dass die Füße

insgesamt durch eine einzige entsprechende Vertiefung gebildet würden, findet

im Streitpatent keine Stütze. Zum einen enthält das Streitpatent keine - auch nur

ansatzweise - Lehre, die Palette nur durch einen derart gestalteten Fuß abzustützen. Zum anderen wäre bei nur einem derartigen Fuß der im Anspruch 11

verwendete Plural – „die Füße“ – sinnwidrig und würde im Widerspruch zur Erläuterung des Absatzes [0028] stehen. Diese geht in Übereinstimmung mit der

übrigen Lehre des Streitpatents von einer Mehrzahl an Füßen aus.

Merkmal 1.9 konkretisiert den Anspruch 1 daher nur auf das, was ohnehin die

diesbezügliche Lehre des Streitpatents ist. Hierdurch entsteht kein Gegenstand,

der über den Inhalt der früheren Anmeldung in ihrer bei der für die Einreichung

der Anmeldung zuständigen Behörde ursprünglich eingereichten Fassung hinausgeht, noch eine Erweiterung des Schutzbereichs.

2.

Der Gegenstand des Patentanspruchs 1 in der Fassung des Hilfsantrags 3 ist patentfähig.

Er wird durch keines der Dokumente im Verfahren neuheitsschädlich vorweggenommen und ergibt sich für den Fachmann auch nicht ausgehend von den

Druckschriften NK14 oder NK17 in naheliegender Weise.

a)

Der Gegenstand des Anspruchs 1 gemäß dem Hilfsantrag 3 ist neu

(Art. 52 (1), 54 EPÜ).

Keine der Druckschriften NK1, NK2, NK3, NK4, NK5, NK6, NK7, NK8, NK9,

NK10, NK11, NK12, NK18, NK21 offenbart eine Palette, die zurückversetzte und

abgerundete Ecke im Sinne der oben erläuterten Auslegung von Merkmal 1.6

aufweist.

Die Palette der Druckschrift NK13 offenbart weder die miteinander in Bezug stehenden Merkmale 1.3 und 1.4 noch seitliche Ausnehmungen im Sinne des Merkmals 1.5 in unmittelbarer und eindeutiger Weise. Dies gilt entsprechend auch für

die Druckschriften NK15, NK19 und NK20.

Ob die Palette der Druckschrift NK16 eine Ecke gemäß Merkmal 1.6 offenbart,

kann dahinstehen, denn jedenfalls ist bei dieser Palette zumindest das Merkmal 1.4 nicht unmittelbar und eindeutig verwirklicht.

Trichterförmige Füße der von Merkmal 1.9 beschriebenen Art sind schließlich

weder bei der Palette der Druckschrift NK14 noch bei jener der Druckschrift NK17

vorhanden.

Keine der im Verfahren befindlichen Druckschriften offenbart daher eine Palette

mit allen Merkmalen des Anspruchs 1 in der Fassung des Hilfsantrags 3.

b)

Der Gegenstand des Anspruchs 1 in der Fassung des Hilfsantrags 3 beruht auf einer erfinderischen Tätigkeit (Art. 56 EPÜ)

aa) Ausgehend von der Druckschrift NK14 liegt der Gegenstand des Anspruchs 1 nicht nahe.

Dass der Fachmann, wie von der Klägerin vorgetragen, in naheliegender Weise

die den Maßgaben von Merkmal 1.9 entsprechenden Füße z.B. aus den Druckschriften NK2 (vgl. deren sämtliche Figuren) oder NK21 auf die Palette der

Druckschrift NK14 übertragen würde, greift nach Auffassung des Senats nicht

durch.

Diese Druckschrift NK14 betrifft eine aus einem ebenen Materialzuschnitt gebildete Palette, bei der die Füße als Fortsetzungen an den Ecken der Ladungsträgerfläche ausgebildet sind (vgl. Anspruch 1, Figur 11). Die Steifigkeit der Konstruktion kann noch verbessert werden, indem an der Palette ein umlaufender

Flansch 11 ausgebildet wird und die Füße Teile dieses Flansches (mit) ausbilden

(S. 2 Z. 8-12). Die so erhaltenen Paletten sind stapelbar (vgl. Figuren 9, 10).

Nachdem die Füße dieser Palette weitest möglich nach außen gerückt sind (vgl.

Figur 13), ist die Standsicherheit in für den Fachmann erkennbarer Weise maximiert.

An dieser Konstruktion die geometrisch weitaus komplexeren Füße, wie sie aus

NK2 oder NK21 bekannt sind, vorzusehen würde den Fertigungsaufwand wesentlich erhöhen. Infolge des Raumbedarfs, den Merkmal 1.9 den Füßen aufprägt, müssten diese zudem in Richtung des Paletteninneren verrückt werden,

womit ein Verlust an Standsicherheit einhergeht. Vorteile, die den Fachmann

beide Nachteile in Kauf nehmen ließen, hat weder die Klägerin vorgetragen noch

sind solche aus Sicht des Senats erkennbar.

bb) Auch ausgehend von der Druckschrift NK17 liegt der Gegenstand des Anspruchs 1 nicht nahe.

Diese betrifft, wie oben erläutert, einen modularen Lastträger. Zu diesem Konzept gehören sowohl die elementweise Zusammensetzbarkeit der Ladungsträgerfläche als auch die bedarfsgerechte Anordenbarkeit von Füßen („riser“) unterhalb der Ladungsträgerfläche. Die notwendige Stabilität der Ladungsträgerfläche wird durch in Figur 3 ersichtliche Kreuzrippenstruktur hergestellt, die in ihrer

Fläche zugleich die Vielzahl der Aufnahmen für die Befestigungsstifte der Füße

bereitstellt.

Entgegen dem Vortrag der Klägerin ist es nicht naheliegend, dass der Fachmann

Füße gemäß Merkmal 1.9 an dieser speziellen Palettenstruktur vorsehen würde,

um zu einer stapelbaren Palette zu gelangen, wobei sie mit „stapelbar“ eine sogenannte „genestete“ Stapelung meint, wie in Figur 1 der Druckschrift NK2 gezeigt.

Um solche von der Oberseite ausgehenden Füße adäquat einzubinden, müsste

die Trägerstruktur des Ladungsträgers der NK17 aufgebrochen und konstruktiv

massiv umgebildet werden. Der Flächenbedarf solcher Füße würde es auch erforderlich machen, Aufnahmen für die Befestigungsstifte der Füße in erheblichem Umfang aufzugeben. Damit einhergehend würde der Vorteil der bedarfsgerechten Anordenbarkeit der Füße preisgegeben und das Modularitätskonzept

beschädigt. Auch hier ist kein tragfähiger Grund vorgetragen oder erkennbar, der

den Fachmann beide Nachteile in Kauf nehmen ließe, abgesehen davon, dass

die genestete Stapelbarkeit von Paletten kein stets zu erfüllender Selbstzweck

ist.

cc)

Auch der weitere, auf dem Leitsatz von BGH, X ZR 77/23, Urteil vom 8.

Oktober 2024 – Testosteronester aufbauende Vortrag der Klägerin führt nicht zu

einer anderen Beurteilung. Sie hat in diesem Zusammenhang postuliert, der

Fachmann habe z.B. von der stapelbaren Palette der Druckschrift NK3 ausgehend die angemessene Erwartung gehabt, mittels Verschiebung der seitlichen

Ausnehmungen (im Sinne des Merkmals 1.5) hin zu den Ecken angemessen den

Erfolg erwarten zu können, eine sichere Positionierung für ein Display mit Fortsätzen an den Ecken erhalten zu können.

Zunächst ist anzumerken, dass das genannte BGH-Urteil – wie auch die weiteren

im Leitsatz genannten Urteile, deren Grundsätze es explizit bestätigt – aus dem

Bereich der biotechnologischen bzw. medizinischen Forschung herrühren. Den

dort anzutreffenden Forschungs- bzw. Entwicklungsvorgängen sind in vielen Fällen große Unwägbarkeiten inhärent, die nur teilweise mittels Hochdurchsatzanalytik u.ä. abzufangen sind. Dies bedingt, dass regelmäßig Abwägungen über das

Für und Wider des Beschreitens angedachter Lösungswege oder auch bereits

einzelner angedachter essentieller Lösungsschritte darin erforderlich sind, um

eine Bewertung der jeweiligen Erfolgsaussichten herzustellen und damit einen

geeigneten Weg zu identifizieren.

Ob eine Anwendung der Erwägungen dieses BGH-Urteils auch in Bezug auf die

Entwicklung – wie hier – primär räumlich-körperlich definierter, technischer Gegenstände geboten ist, kann dahinstehen. Der Vortrag der Klägerin verfängt

schon insofern nicht, als er die Erfolgserwartung beim Beschreiten eines bereits

in Betracht gezogenen, bestimmten Weges verwechselt mit der Veranlassung,

diesen Weg überhaupt in Betracht zu ziehen. Eine Veranlassung, in Unkenntnis

des Streitpatents die Befestigung von Displaysockeln über Fortsätze an den Displaysockel-Ecken und komplementäre Vertiefungen an den Paletten-Ecken in

Betracht zu ziehen, hat die Klägerin nicht erfolgreich dargetan.

dd) Die auf den erteilten Anspruch 1 rückbezogenen Ansprüche 2 bis 13 des

Hilfsantrags 3 schränken Anspruch 1 weiter ein und werden von dessen Schutzfähigkeit mit Rechtsbeständigkeit getragen.

VII.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 84 Abs. 2 Satz 2 ZPO i. V. m. § 92 Abs.

1 Satz 1, 2. Alt. ZPO. Die Kostenquote entspricht dem Anteil des Obsiegens

und Unterliegens der Parteien. Da der wirtschaftliche Wert, der dem

Streitpatent in der als patentfähig verbleibenden beschränkten Fassung nach

Hilfsantrag 3 gegenüber der erteilten Fassung noch zukommt, reduziert ist, ist

das Unterliegen der Beklagten mit 50 % und dementsprechend das der

Klägerin ebenfalls mit 50 % zu bewerten.

Der Ausspruch über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 99 Abs. 1

PatG i. V. m. § 709 ZPO.

R e c h t s m i t t e l b e l e h r u n g

Gegen dieses Urteil ist das Rechtsmittel der Berufung gegeben.

Die Berufungsschrift muss von einer in der Bundesrepublik Deutschland

zugelassenen Rechtsanwältin oder Patentanwältin oder von einem in der

Bundesrepublik Deutschland zugelassenen Rechtsanwalt oder Patentanwalt

unterzeichnet und

innerhalb eines Monats beim Bundesgerichtshof,

Herrenstraße 45a, 76133 Karlsruhe eingereicht werden.

Die Berufungsfrist beginnt mit der Zustellung des in vollständiger Form

abgefassten Urteils, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Monaten nach

der Verkündung. Die Berufungsfrist kann nicht verlängert werden.

Die Berufungsschrift muss die Bezeichnung des Urteils, gegen das die

Berufung gerichtet wird, sowie die Erklärung enthalten, dass gegen dieses

Urteil Berufung eingelegt werde. Mit der Berufungsschrift soll eine

Ausfertigung oder beglaubigte Abschrift des angefochtenen Urteils vorgelegt

werden.

Kopacek

Brunn

Wiegele

v. Hartz

Zapf

Bundespatentgericht

7 Ni 18/22 (EP) (Aktenzeichen)

Verkündet am

20. März 2025