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BGH Beschluss vom 19.01.2000 – XII ZB 202/99
XII. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
19. Januar 2000
in der Familiensache
Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 19. Januar 2000 durch den
Vorsitzenden Richter Dr. Blumenröhr und die Richter Dr. Hahne, Sprick, We-
ber-Monecke und Prof. Dr. Wagenitz
beschlossen:
Die sofortige Beschwerde der Klägerin gegen den Beschluß des
15. Zivilsenats - Senat für Familiensachen - des Oberlandesge-
richts Celle vom 2. November 1999 wird auf ihre Kosten zurück-
gewiesen.
Wert: bis zu 9.000 DM.
Gründe:
Die sofortige Beschwerde ist zulässig, hat aber in der Sache keinen Er-
folg.
1. Das Berufungsgericht hat die Berufung der Klägerin zu Recht nach
§ 519 b Abs. 1 ZPO als unzulässig verworfen, weil sie nicht rechtzeitig
- nämlich innerhalb der am 12. Juli 1999 (Montag) endenden Berufungsfrist -
eingelegt worden ist.
2. Im Ergebnis zutreffend hat es das Berufungsgericht auch abgelehnt,
der Klägerin wegen Versäumung der Berufungsfrist Wiedereinsetzung in den
vorigen Stand zu gewähren. Nach § 233 ZPO ist einer Partei wegen Versäu-
mung (unter anderem) der Berufungsfrist Wiedereinsetzung zu gewähren,
wenn sie ohne ihr Verschulden verhindert war, die Frist einzuhalten. Einer
Partei, die vor Ablauf der Rechtsmittelfrist zur Durchführung des Rechtsmittels
Prozeßkostenhilfe beantragt hat, ist nach Ablehnung ihres Prozeßkostenhilfe-
gesuchs wegen Versäumung der Rechtsmittelfrist Wiedereinsetzung zu gewäh-
ren, wenn sie vernünftigerweise nicht mit einer Verweigerung der Prozeßko-
stenhilfe wegen fehlender Bedürftigkeit rechnen konnte. Daran fehlt es im vor-
liegenden Fall.
a) Die Klägerin durfte nicht davon ausgehen, die wirtschaftlichen Vor-
aussetzungen für die Gewährung der Prozeßkostenhilfe dargetan zu haben:
Zwar ist der Klägerin zuzugeben, daß ihr eine Vermietung ihres Haus-
grundstücks rechtlich nicht möglich war, da das Grundstück mit einem Wohn-
recht zugunsten des Beklagten belastet ist. Der von den Parteien am 29. Juli
1998 vor dem Amtsgericht abgeschlossene Vergleich besagt nicht anderes;
denn in ihm wird das Hausgrundstück der Klägerin nur für die Dauer des Ge-
trenntlebens und - wie sich aus dem Sinn der Abrede ergibt - auch nur zur per-
sönlichen Nutzung überlassen. Nach § 115 Abs. 2 ZPO war die Klägerin, wie
das Oberlandesgericht zu Recht angenommen hat, jedoch gehalten, das
Hausgrundstück zu verwerten, um aus dem Erlös die Prozeßkosten für das Be-
rufungsverfahren zu bestreiten. Seit dem Umzug der Klägerin im Februar 1999
war das Hausgrundstück nicht mehr bewohnt und deshalb nicht länger nach
§ 115 Abs. 2 Satz 2 i.V.m. § 88 Abs. 2 Nr. 7 BSHG von der Verpflichtung zur
Verwertung eigenen Vermögens ausgenommen. Eine solche Verwertung war
der Klägerin auch zumutbar: Nach ihrem eigenen Vortrag handelt es sich um
ein Wochenendgrundstück, das nur mit einem nicht winterfesten Holzhaus be-
baut ist. Ob und in welcher Weise die Klägerin, wie mit der sofortigen Be-
schwerde geltend gemacht, dieses Grundstück künftig - auch im Hinblick auf
das fortbestehende Wohnrecht des Beklagten - als Einnahmequelle nutzen
kann und will, ist nicht ersichtlich. Die Frage, ob es der Klägerin möglich war,
das Hausgrundstück nach ihrem Auszug und rechtzeitig vor Ablauf der Beru-
fungsfrist zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen zu veräußern, kann dahin-
stehen; denn die Klägerin hat in ihrem Prozeßkostenhilfegesuch weder geltend
gemacht, daß ihr eine solche Verwertung tatsächlich unmöglich war, noch, daß
sie eine solche Verwertung auch nur versucht hätte. Erstmals in ihrer Be-
schwerdeschrift trägt die Klägerin vor, sich vergeblich um eine rechtzeitige
Verwertung des Grundstücks bemüht zu haben. Dieser Vortrag ist jedoch un-
substantiiert, zudem verspätet und im übrigen nicht glaubhaft gemacht. Das
Wohnrecht des Beklagten hinderte die Klägerin an der ihr abverlangten Veräu-
ßerung ihres Grundstücks - auch wirtschaftlich - nicht; denn die Klägerin
konnte die Löschung dieses Wohnrechts bewirken: Zwar steht der Klägerin
nach dem zwischen den Parteien geschlossenen Vergleich kein Anspruch ge-
gen den Beklagten auf Löschung des Wohnrechts Zug um Zug gegen Zahlung
von 50.000 DM zu; vielmehr kann - umgekehrt - nur der Beklagte von der Klä-
gerin Zahlung von 50.000 DM Zug um Zug gegen Löschung des Wohnrechts
verlangen. Der Beklagte hat dieses Recht jedoch bereits mit anwaltlichem
Schreiben vom 12. Februar 1999 geltend gemacht und bei seinem Anwalt eine
entsprechende Löschungsbewilligung hinterlegt. Der Umstand, daß die Kläge-
rin derzeit nicht in der Lage ist, die Zug um Zug gegen die Aushändigung die-
ser Löschungsbewilligung an den Beklagten zu leistenden 50.000 DM aufzu-
bringen, steht einer Verwertung nicht entgegen; denn die Klägerin kann, worauf
das Oberlandesgericht in seinem die Prozeßkostenhilfe versagenden Beschluß
mit Recht hingewiesen hat, diesen Betrag im Hinblick auf den zu erwartenden
Verkaufserlös vorfinanzieren oder bei der Gestaltung des abzuschließenden
Kaufvertrags für eine Zug um Zug zu bewirkende Löschung Vorsorge treffen.
b) Auch der Umstand, daß das Amtsgericht der Klägerin für die erste In-
stanz Prozeßkostenhilfe bewilligt hat, rechtfertigt nicht den Schluß, daß die
Klägerin sich weiterhin für bedürftig halten und darauf vertrauen durfte, ihr
werde auch für den Berufungsrechtszug Prozeßkostenhilfe bewilligt werden.
Eine solche Schlußfolgerung wäre nur gerechtfertigt, wenn sich die persönli-
chen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Klägerin gegenüber dem für die er-
stinstanzliche Bewilligung der Prozeßkostenhilfe maßgebenden Zeitpunkt nicht
wesentlich geändert hätten. So liegen die Dinge hier aber nicht. Die Klägerin
ist erst im Februar 1999, also nach der erstinstanzlichen Bewilligung der Pro-
zeßkostenhilfe, umgezogen. Damit hat sie erstmals die Voraussetzungen ge-
schaffen, die es gestatten, das bislang von ihr bewohnte und nunmehr leerste-
hende Hausgrundstück bei der Prüfung ihrer Bedürftigkeit nach Maßgabe des
§ 115 Abs. 2 ZPO zu berücksichtigen. Das rechtsirrige Vertrauen in eine fort-
geltende Verschonung dieses Grundstücks entschuldet die Fristversäumung
durch die anwaltlich beratene Klägerin nicht. Für eine tatsächliche Unmöglich-
keit, das Grundstück vor Fristablauf zu verwerten, ist - wie ausgeführt - sub-
stantiiert und rechtzeitig nichts vorgetragen.
Blumenröhr Hahne Sprick
Weber-Monecke Wagenitz