BGH Urteil vom 10.05.2000 – IV ZR 132/99
IV. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
Verkündet am: 10. Mai 2000 Schick Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Der IV. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat durch den Vorsit-
zenden Richter Dr. Schmitz und die Richter Prof. Römer, Dr. Schlichting,
Terno und Seiffert auf die mündliche Verhandlung vom 10. Mai 2000
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 7.
Zivilsenats des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main
vom 12. Mai 1999 aufgehoben.
Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Ent-
scheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfah-
rens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Klägerin verlangt von dem beklagten Kaskoversicherer Ent-
schädigung für ihren Mercedes Benz Coupé 300 CE-24, der nach ihrer
Behauptung in I. gestohlen worden sein soll. Sie berechnet die Entschä-
digung auf Neuwertbasis einschließlich mitversicherter Teile und hat
Zahlung von 107.268,12 DM nebst Zinsen beantragt. Das Landgericht
hat die Klage abgewiesen. Das Berufungsgericht hat ihr in Höhe von
91.629,29 DM nebst Zinsen im Wege eines Teilurteils stattgegeben. Da-
gegen wendet sich die Revision, die die Wiederherstellung des landge-
richtlichen Urteils erstrebt.
Entscheidungsgründe
Das Rechtsmittel führt zur Aufhebung der angefochtenen Ent-
scheidung und zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungsge-
richt.
1. Die Revision rügt, daß das Berufungsgericht ein Teilurteil erlas-
sen hat. Diese Rüge ist berechtigt.
Ein Teil eines einheitlichen Anspruchs, dessen Grund streitig ist,
darf nur dann durch Teilurteil zugesprochen werden, wenn zugleich ein
Grundurteil ergeht (BGHZ 107, 236, 242). Nur dann ist die Gefahr sich
widersprechender Entscheidungen durch das Teilurteil einerseits und
das Schlußurteil andererseits ausgeschlossen
(Senatsurteil vom
22. April 1998 - IV ZR 162/97 - BGHR ZPO § 301 Abs. 1 Zurückverwei-
sung 2). Ein Teilurteil darf nur erlassen werden, wenn es von der Ent-
scheidung über den Rest der geltend gemachten Ansprüche unabhängig
ist (BGH, Urteil vom 11. Januar 1994 - VI ZR 41/93 - BGHR ZPO § 301
Abs. 1 Zulässigkeit 2).
2. Diesen Grundsätzen ist das Berufungsgericht rechtsfehlerhaft
nicht gefolgt. Die Klägerin begründet ihren Anspruch aus dem Kaskover-
sicherungsvertrag, der ihr bei einem nachgewiesenen Kraftfahrzeug-
diebstahl Ersatzleistungen gewährt. Das Berufungsgericht hat den Dieb-
stahl als erwiesen angesehen und infolgedessen einen Teil des An-
spruchs zuerkannt. Über den restlichen Teil soll nach Durchführung ei-
ner Beweisaufnahme durch das Berufungsgericht entschieden werden.
Bei der Entscheidung über den restlichen Anspruch ist das Beru-
fungsgericht an sein Teilurteil nicht gebunden. Es könnte den restlichen
Anspruch z.B. mit der Begründung als nicht bestehend ansehen, der
Diebstahl sei nicht bewiesen. Außerdem hätte das Revisionsgericht zu
dem Ergebnis kommen können, das Berufungsgericht habe die Rechts-
grundsätze zur Annahme eines Kfz-Diebstahls verkannt oder ihm sei ein
Fehler in der Beweiswürdigung unterlaufen. Auch daran wäre das Beru-
fungsgericht bei seiner Entscheidung über den Rest des Anspruchs nicht
gebunden. Damit besteht die Gefahr sich widersprechender Entschei-
dungen, weil das Berufungsgericht nicht gleichzeitig ein Grundurteil er-
lassen hat.
Die Revisionserwiderung meint, nicht die irrtümliche Bezeichnung,
sondern der Inhalt des Urteils sei maßgebend. Sie verweist auf die Aus-
führungen im Berufungsurteil, wonach der Klägerin gegenüber der Be-
klagten grundsätzlich ein Anspruch auf die Neupreisentschädigung zu-
stehe.
Diese Ausführungen des Berufungsgerichts reichen indessen nicht
aus, um das Teilurteil - insoweit handelt es sich nicht um eine irrtümliche
Bezeichnung - auch als ein Grundurteil auszulegen. Die Ausführungen
des Berufungsgerichts waren auch zum Erlaß des Teilurteils notwendig,
denn über den Teil des Anspruchs hat das Berufungsgericht nicht ent-
scheiden können, ohne von einem Anspruch auch dem Grunde nach
auszugehen. Dies macht das Urteil noch nicht zu einem Grundurteil. Im
übrigen fehlt nicht nur die Bezeichnung als Grundurteil. Wenn das Be-
rufungsgericht gleichzeitig ein Grundurteil hätte erlassen wollen, hätte
es auch entsprechend tenorieren müssen, daß nämlich die Klage dem
Grunde nach berechtigt sei.
Die weiteren Rügen der Revision hat der Senat geprüft. Sie grei-
fen nicht durch.
Dr. Schmitz Prof. Römer Dr. Schlichting
Terno Seiffert