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BGH Urteil vom 24.07.2000 – II ZR 320/98
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 24. Juli 2000 Vondrasek Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
BGHZ: ja
Bei der Gesamtbetrachtung, die anzustellen ist, wenn die Wirksamkeit der
außerordentlichen Kündigung einer bürgerlich-rechtlichen Gesellschaft in
Frage steht, kommt es in erster Linie auf die vor der Kündigungserklärung
liegenden Ereignisse an; spätere Vorgänge haben allenfalls indizielle Be-
deutung.
BGH, Urteil vom 24. Juli 2000 - II ZR 320/98 - OLG München
LG München I
Der II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhandlung
vom 24. Juli 2000 durch den Vorsitzenden Richter Dr. h.c. Röhricht und die
Richter Prof. Dr. Henze, Prof. Dr. Goette, Dr. Kurzwelly und die Richterin Mün-
ke
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Beklagten wird das Urteil des 19. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts München vom 14. Juli 1998 aufgehoben.
Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung,
auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Beru-
fungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Parteien streiten über die Wirksamkeit einer von dem Beklagten
ausgesprochenen außerordentlichen Kündigung ihres Gesellschaftsvertrages.
Seit dem 15. Januar 1989 betrieben die Parteien in Gesellschaft bürger-
lichen Rechts eine Wirtschaftsprüfer- und Steuerberaterkanzlei. Der Gesell-
schaftsvertrag war zunächst für fünf Jahre geschlossen und verlängerte sich
jeweils um weitere fünf Jahre, wenn nicht 12 Monate vor Jahresablauf eine
schriftliche Kündigung erfolgte. Zum 15. Januar 1994 kündigte keine der Par-
teien, so daß eine ordentliche Kündigung erst wieder zum 15. Januar 1999
möglich war.
Zwischen den Parteien kam es ab 1994 zu tiefgreifenden Meinungsver-
schiedenheiten und in deren Folge zu einer Vielzahl von Rechtsstreitigkeiten.
Mit Anwaltsschreiben vom 31. Januar 1996 kündigte der Beklagte das Gesell-
schaftsverhältnis aus wichtigem Grund zum 30. Juni 1996 mit der Begründung,
ihm sei mit Rücksicht auf zwei Schreiben des Klägers an Mandanten der So-
zietät ein weiteres Verbleiben in der Gesellschaft nicht mehr zumutbar. Der
Kläger hat u.a. die Feststellung beantragt, daß die Kündigung unwirksam sei.
Ursache für das Zerwürfnis der Parteien ist aus seiner Sicht, daß der Beklagte
ihn aus der Sozietät hinausdrängen wollte, um mit seiner Tochter, die Anfang
1994 das Wirtschaftsprüferexamen abgelegt hatte, eine Steuerberater- und
Wirtschaftsprüferkanzlei zu gründen. Der Beklagte dagegen ist der Ansicht,
daß der Grund für die Differenzen der Parteien in den erheblichen Verlusten
des vom Kläger betriebenen Geschäftsbereichs, der 1991 gemeinsam erwor-
benen Steuerberaterkanzlei "F. ", sowie der Weigerung des Klägers, ko-
stensenkende Maßnahmen zu ergreifen, liege. Das Landgericht hat das Fest-
stellungsbegehren des Klägers durch Teilurteil abgewiesen, das Oberlandes-
gericht hat ihm stattgegeben. Mit seiner Revision verfolgt der Beklagte sein
Klagabweisungsbegehren weiter.
Entscheidungsgründe
Die Revision führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und Zu-
rückverweisung der Sache an das Berufungsgericht.
I. Das Berufungsgericht hat ausgeführt, das Vertrauensverhältnis der
Parteien sei so tief zerstört, daß ein gedeihliches Zusammenwirken unmöglich
erscheine. Das allein könne zwar als wichtiger Grund zu einer außerordentli-
chen Kündigung ausreichen. Die Kündigung des Beklagten vom 31. Januar
1996 müsse aber jedenfalls zu dem genannten Auflösungszeitpunkt 30. Juni
1996 wegen Treuwidrigkeit als unwirksam behandelt werden, weil sie in rück-
sichtsloser Verfolgung eigener Interessen ausgesprochen worden sei. Nach
dem Ergebnis der von ihm durchgeführten Beweisaufnahme und dem unstreiti-
gen Sachverhalt stehe nämlich fest, daß die Kündigung des Beklagten im we-
sentlichen das zu mißbilligende Ziel gehabt habe, die Ende 1995 eingeleiteten
Bemühungen um eine einvernehmliche Auseinandersetzung der Gesellschaft
zu unterlaufen. Der Beklagte habe eine Gestaltung einseitig zu seinen Gunsten
dadurch herbeiführen wollen, daß er das Personal und mit diesem das wesent-
liche "Kapital" der Sozietät, die Mandanten, habe abziehen und zum Schaden
des Klägers der zum 1. Juli 1996 neu zu gründenden (und auch tatsächlich
gegründeten) Steuerberater- und Wirtschaftsprüferkanzlei seiner Tochter habe
zuführen wollen. Zur Begründung seiner Überzeugung hat das Berufungsge-
richt darauf verwiesen, daß im Zeitpunkt der Kündigung die Gespräche zur ein-
vernehmlichen Auflösung der Sozietät noch nicht gescheitert gewesen seien,
und im übrigen auf das Verhalten des Beklagten nach Ausspruch der Kündi-
gung abgestellt.
Das hält revisionsrechtlicher Prüfung nur teilweise stand. Die bisherigen
Feststellungen des Berufungsgerichts tragen den Schluß auf eine Unwirksam-
keit der Kündigung nicht.
II. Zutreffend ist lediglich der rechtliche Ausgangspunkt des Oberlan-
desgerichts. Die irreparable Zerstörung des Vertrauensverhältnisses zwischen
Gesellschaftern kann ein wichtiger Grund zur außerordentlichen Kündigung
des Gesellschaftsvertrages sein (st. Rspr. des Senats, BGHZ 4, 108, 112/113;
Urt. v. 11. Juli 1966 - II ZR 147/64, WM 1966, 1051; Urt. v. 18. November 1974
- II ZR 107/73, WM 1975, 329, 330). Eine außerordentliche Kündigung kann
trotz Vorliegens eines wichtigen Grundes wegen Rechtsmißbrauchs als un-
wirksam zu behandeln sein, etwa, wenn der Kündigende die Kündigungslage
arglistig herbeigeführt hat (BGHZ 30, 195, 202 f.; Erman/Westermann, BGB
Rechtsfehlerhaft gründet das Berufungsgericht aber seine Auffassung,
die Kündigung vom 31. Januar 1996 sei unwirksam, im wesentlichen auf nach
dem Ausspruch der Kündigung liegendes Verhalten des Beklagten. Es meint,
die von ihm genannten Aktivitäten des Beklagten - vornehmlich die noch am
Tage der Kündigung geführten Gespräche mit dem Kanzleipersonal, in denen
er den Mitarbeitern sein Ausscheiden zum 30. Juni 1996 angekündigt und ih-
nen nahegelegt habe, ihrerseits zu diesem Termin zu kündigen, um in die noch
zu gründende Sozietät seiner Tochter überzuwechseln, sowie die noch vor
dem 30. Juni 1996 an die größeren und wichtigeren Mandanten ergangene
Aufforderung, künftig die Dienste der Kanzlei seiner Tochter in Anspruch zu
nehmen - machten deutlich, daß der im Kündigungsschreiben angeführte Kün-
digungsgrund nur vorgeschoben gewesen sei.
Ob eine außerordentliche Kündigung als unzulässige Rechtsausübung
anzusehen ist, läßt sich hinreichend zuverlässig nur beurteilen, wenn eine Ge-
samtbetrachtung angestellt wird, in die alle Umstände einbezogen werden. Da-
zu gehören naturgemäß in erster Linie die vor dem Ausspruch der Kündigung
liegenden Geschehnisse. Nach der Kündigung liegende Ereignisse und Ver-
haltensweisen können zwar Hinweise auf die eigentlichen Motive und Ziele
einer Kündigung geben, sie ändern aber nichts an der Vorrangigkeit des der
Kündigung vorausgegangenen Sachverhalts. Deshalb durfte das Berufungsge-
richt nicht entscheidend auf das Verhalten des Beklagten nach Ausspruch der
Kündigung abstellen. Dies gilt um so mehr, als - wovon auch das Berufungsge-
richt ausgeht - im Zeitpunkt der Kündigung bereits seit längerem ein tiefgrei-
fendes Zerwürfnis zwischen den Parteien herrschte. Der einzige vom Beru-
fungsgericht berücksichtigte Umstand, der vor der Kündigung lag, daß die Be-
mühungen um eine einvernehmliche Beendigung der Gesellschaft am
31. Januar 1996 noch nicht gescheitert waren, rechtfertigt nicht den Schluß,
daß der Beklagte das Zerwürfnis der Parteien treuwidrig herbeigeführt hat.
III. Die Zurückverweisung gibt dem Berufungsgericht Gelegenheit, über
die Frage der Berechtigung der Kündigung auf der Grundlage einer umfassen-
den Würdigung aller in Betracht kommenden Umstände erneut zu entscheiden.
Dabei wird es maßgeblich darauf ankommen festzustellen, auf welche Ursa-
chen das Zerwürfnis der Parteien zurückzuführen ist und in welchem Umfang
beide zu der Zerstörung des Vertrauensverhältnisses beigetragen haben (vgl.
Sen.Urt. v. 10. Juni 1996 - II ZR 102/95, NJW 1996, 2573 f.).
Röhricht
Henze
Goette
Kurzwelly Münke