BGH Urteil vom 13.09.2000 – VIII ZR 34/00
VIII. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 13. September 2000 Mayer, Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Nachschlagewerk: ja
BGHZ: ja
AGBG § 10 Nr. 1
Die beim Möbelkauf gegenüber Nichtkaufleuten verwendete Klausel:
"Der Käufer ist drei Wochen an seinen Auftrag gebunden.
Aufträge bedürfen zur Rechtswirksamkeit der schriftlichen
Bestätigung des Verkäufers. Lehnt der Verkäufer nicht
binnen drei Wochen nach Auftragserteilung die Annahme
ab, gilt die Bestätigung als erteilt,"
hält in ihren Sätzen 1 und 3 einer Inhaltskontrolle nach dem AGB-Gesetz nicht
stand.
BGH, Urteil vom 13. September 2000 - VIII ZR 34/00 - OLG Hamm
LG Dortmund
Der VIII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 13. September 2000 durch die Vorsitzende Richterin Dr. Deppert und die
Richter Dr. Hübsch, Dr. Beyer, Ball und Dr. Wolst
für Recht erkannt:
Die Revision gegen das Urteil des 11. Zivilsenats des Oberlan-
desgerichts Hamm vom 17. Dezember 1999 wird auf Kosten der
Beklagten zurückgewiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger nimmt als Verbraucherschutzverein die Interessen der Ver-
braucher durch Aufklärung und Beratung im Sinne von § 13 Abs. 2 Nr. 1 AGBG
wahr. Er begehrt von der Beklagten, die ein Möbelhaus betreibt, die Unterlas-
sung der Verwendung mehrerer Formularklauseln gegenüber Nichtkaufleuten
beim Möbelkauf. In den von der Beklagten bis Frühjahr 1999 verwandten All-
gemeinen Geschäftsbedingungen war - soweit für die Revision noch von Inter-
esse - folgende Bestimmung enthalten:
§ 1 Vertragsabschluß
Der Käufer ist drei Wochen an seinen Auftrag gebunden. Aufträge bedürfen zur Rechtswirksamkeit der schriftlichen Bestätigung des Verkäufers. Lehnt der Verkäufer nicht binnen drei Wochen nach Auftragserteilung die Annahme ab, gilt die Bestätigung als erteilt.
Das Landgericht hat die gegen die Verwendung von Satz 1 und 3 dieser
Klausel gerichtete Klage abgewiesen, das Berufungsgericht hat ihr dagegen
stattgegeben und dem Kläger die Befugnis zugesprochen, die Urteilsformel mit
der Bezeichnung der Beklagten auf deren Kosten im Bundesanzeiger bekannt
zu machen.
Mit ihrer - zugelassenen - Revision erstrebt die Beklagte die Wiederher-
stellung des landgerichtlichen Urteils.
Entscheidungsgründe
I. Zur Begründung hat das Berufungsgericht ausgeführt, die Verwendung
des § 1 Satz 1 und 3 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Beklagten
verstoße gegen § 10 Nr. 1 AGBG. Zwar spreche für die Zulässigkeit einer län-
geren Annahmefrist, daß schon wegen der Größe von Möbeln, aber auch we-
gen der Vielfalt von Ausführungsformen und Kombinationen eine umfassende
Lagerhaltung von dem Möbelhändler nicht erwartet werden könne und dieser
vielfach erst bei dem Hersteller erfragen müsse, ob die gewünschte Ware - in
der gewünschten Zeit - lieferbar sei. Als berechtigt sei grundsätzlich auch das
Interesse eines Möbelhändlers anzuerkennen, für alle von ihm abzuschließen-
den Geschäfte eine möglichst einheitliche Annahmefrist vorzusehen. Es sei
ferner zu berücksichtigen, daß die Kunden sich vor der Bestellung eines Mö-
belstücks in der Regel bereits einen Überblick über die sie interessierenden
Angebote verschafft und das für sie attraktivste ausgesucht hätten. Doch ver-
kaufe die Beklagte auch vorrätige Ware, unter anderem Ausstellungsstücke.
Eine allgemeine Annahmefrist von drei Wochen sei hier unangemessen lang.
Die Beklagte habe in den Fällen des Verkaufs vorrätiger Ware kein berechtig-
tes Interesse an einer dreiwöchigen Annahmefrist. Ein solches Interesse
könnte sich, da bei dieser Ware eine Rückfrage beim Hersteller entfalle, allein
daraus ergeben, daß die Bonität des Kunden überprüft werden müsse. Gegen
die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit des Kunden sichere sich die Beklagte da-
durch ab, daß sie Waren nur gegen Bezahlung übergebe und in geeigneten
Fällen zuvor auch Anzahlungen verlange. Soweit Käufe finanziert würden, sei
die Bonitätsprüfung durch die beteiligte Bank im Regelfall in etwa einer Woche
abgeschlossen.
Bei dieser Sachlage sei eine dreiwöchige Annahmefrist auch nicht we-
gen des Interesses der Beklagten an einheitlichen Vertragsbedingungen ge-
rechtfertigt. Ein solches Interesse sei nur beachtlich, soweit die jeweilige Klau-
sel eine für alle erfaßten Fallgestaltungen insgesamt angemessene Regelung
enthalte. Da bei dem Verkauf vorrätiger Ware im Regelfall kein vernünftiger
Grund bestehe, sich eine dreiwöchige Annahmefrist vorzubehalten, sei es nicht
gerechtfertigt, auch den Käufer solcher Ware an die in § 1 der Allgemeinen
Geschäftsbedingungen bestimmte Frist zu binden.
II. Die hiergegen gerichtete Revision der Beklagten kann keinen Erfolg
haben.
1. Zutreffend hat das Berufungsgericht die in § 1 Satz 1 und 3 der AGB
der Beklagten bestimmte Annahmefrist wegen Verstoßes gegen § 10 Nr. 1
AGBG als unwirksam angesehen.
a) Die Entscheidung, ob eine in Allgemeinen Geschäftsbedingungen be-
stimmte Frist, innerhalb welcher sich der Verwender die Annahme oder Ableh-
nung eines Angebots vorbehält, unangemessen lang im Sinne von § 10 Nr. 1
AGBG ist, erfordert eine wertende Abwägung der Interessen beider Verhand-
lungspartner unter Berücksichtigung der für den Vertragsgegenstand typischen
Umstände (BGH, Urteil vom 6. März 1986 - III ZR 234/84, WM 1986, 577 unter
III 2; BGH, Urteil vom 24. März 1988 - III ZR 21/87, WM 1988, 607 unter II 2
= BGHR AGBG § 10 Nr. 1, Darlehensvertrag 1). Ist die Annahmefrist wesent-
lich länger als die in § 147 Abs. 2 BGB umschriebene, übersteigt sie also den
Zeitraum erheblich, der für die Übermittlung der Erklärungen notwendig ist und
eine angemessene Bearbeitungs- und Überlegungsfrist einschließt, so ist diese
Fristbestimmung nur dann wirksam, wenn der Verwender daran ein schutzwür-
diges Interesse hat, hinter dem das Interesse des Kunden am baldigen Wegfall
seiner Bindung zurückstehen muß (BGHZ 109, 359, 361 f). Als Besonderheit
des Möbelhandels, die eine längere Annahmefrist des Verkäufers rechtfertigt,
ist dabei zu berücksichtigen, daß dieser die angebotenen Möbel schon wegen
ihres Umfangs sowie der vielfältigen Ausführungsformen in der Regel nicht vor-
rätig halten kann, sondern erst beim Hersteller nachfragen muß, ob die be-
stellten Stücke, gegebenenfalls in welcher Frist, lieferbar sind. Hinzu kommt,
daß Möbelkäufe häufig finanziert werden, so daß hierfür einschließlich der
Prüfung der Bonität des Bestellers, die nach den Angaben des Geschäftsfüh-
rers der Komplementär-GmbH der Beklagten durch die beteiligte Bank im Re-
gelfall etwa eine Woche erfordert, eine weitere Zeitspanne hinzuzurechnen ist.
In der Rechtsprechung und Literatur wird deshalb beim Möbelkauf eine formu-
larmäßig ausbedungene Annahmefrist von drei Wochen, wie sie auch in § 1
der von der Beklagten verwendeten Allgemeinen Geschäftsbedingungen ent-
halten ist, als zulässig angesehen (OLG Celle in Bunte, AGBE I 4 zu § 10 Nr. 1
betreffend Möbelversandhandel; OLG Köln, Urteil vom 21. Mai 1999 - 6 U
122/98; Wolf in Wolf/Horn/Lindacher, AGBG, 4. Aufl., § 9 Rdnr. M 102; § 10
Nr. 1 Rdnr. 15; Soergel/Stein, BGB, 12. Aufl., § 10 AGBG Rdnr. 6 [1 Monat];
Staudinger/Coester-Waltjen (1998) § 10 Nr. 1 AGBG Rdnr. 11; MünchKomm-
Basedow, BGB, 3. Aufl., § 10 Nr. 1 AGBG Rdnr. 11 [1 Monat]; Graf von West-
phalen, Vertragsrecht und AGB-Klauselwerke, Möbelkauf Rdnr. 7; Walchshö-
fer, WM 1986, 1041, 1044
[4 Wochen]; a.A. Hensen
in Ulmer/
Brandner/Hensen, AGBG, 8. Aufl., Anh. §§ 9-11 Rdnr. 441).
b) Nach der verfahrensfehlerfrei getroffenen Feststellung des Beru-
fungsgerichts veräußert die Beklagte - neben den vom jeweiligen Hersteller
erst zu liefernden Möbeln - auch am Lager vorrätige Ware und Ausstellungs-
stücke; nach dem im Tatbestand des Berufungsurteils als unstreitig wiederge-
gebenen Parteivorbringen verkauft die Beklagte in geringem Umfang, vom Ge-
schäftsführer der Komplementär-GmbH der Beklagten grob mit etwa 1 % der
Verkäufe beziffert, vorrätige Möbel und darüber hinaus Ausstellungsstücke,
was bei Polstermöbeln häufiger der Fall ist. Dann aber kann entgegen der An-
sicht der Revision nicht davon gesprochen werden, daß es sich bei den zuletzt
genannten Verkäufen um seltene Ausnahmen handelt, die bei einer auf den
Regelfall abzustellenden Betrachtungsweise unberücksichtigt bleiben können.
c) Zutreffend hat das Berufungsgericht für den Verkauf vorrätiger Möbel
einschließlich der Ausstellungsstücke die in § 1 der AGB der Beklagten be-
stimmte Annahmefrist als unangemessen lang beurteilt. Da bei dieser Ware
eine Rückfrage beim Hersteller nach dessen Liefermöglichkeit, die den we-
sentlichen Grund der verlängerten Annahmefrist beim Kauf erst noch zu be-
schaffender Möbel darstellt, entfällt, ist dem Verkäufer lediglich für den Fall
einer Finanzierung des Kaufs ein angemessener Zeitraum, der auch eine Bo-
nitätsprüfung des Kunden einschließt, zuzubilligen; dafür ist aber nach dem
eigenen Vorbringen der Beklagten ein Zeitraum von drei Wochen nicht erfor-
derlich. Fehlt es danach an einem schutzwürdigen Interesse des Verkäufers an
der von ihm formularmäßig auf drei Wochen verlängerten Annahmefrist, ist
dem Interesse des Kunden an einem baldigen Wegfall seiner Bindung (BGHZ
109, 359, 362 m.w.Nachw.) der Vorrang einzuräumen.
d) Die hier zu beurteilende Klausel ist auch, wie das Berufungsgericht zu
Recht angenommen hat, entgegen der Ansicht der Revision beim Kauf vorräti-
ger Waren nicht ohne Bedeutung. Abgesehen vom Verkauf von sogenannten
Mitnahmeartikeln, die ohnehin gegen sofortige Zahlung verkauft werden, kann
zwar auch beim Verkauf vorrätiger Ware der für die Beklagte handelnde Ver-
käufer den Kundenantrag sofort annehmen, so daß der Kaufvertrag damit zu-
stande gekommen ist. Wie die Beklagte selbst ausgeführt hat, besteht jedoch
auch beim Verkauf vorrätiger Ware vielfach die Notwendigkeit einer Boni-
tätsprüfung des Kunden, da bei teuren Möbeln eine Finanzierung üblich sei;
hieraus leitet die Beklagte gerade die Zulässigkeit einer dreiwöchigen Annah-
mefrist auch für diese Verkaufsfälle ab. Daraus kann nur geschlossen werden,
daß die Beklagte beim Verkauf vorrätiger Möbel, insbesondere solcher der ge-
hobenen Preisklasse, die streitgegenständlichen Allgemeinen Geschäftsbedin-
gungen ebenfalls verwendet.
e) Die Beklagte hätte daher, wie das Berufungsgericht weiter zu Recht
ausführt, entweder eine für alle Fälle angemessene kurze Annahmefrist vorse-
hen oder für die bei ihr nicht ganz seltenen Verkäufe vorrätiger Ware eine be-
sondere, kürzere Frist bestimmen müssen (vgl. Senatsurteil vom 31. Oktober
1984 - VIII ZR 226/83, WM 1985, 24 unter V 2 a). Da es an einer solchen Diffe-
renzierung fehlt und eine solche wegen des Verbots einer geltungserhaltenden
Reduktion (st.Rspr., vgl. BGHZ 86, 284, 297; 96, 18, 25; 114, 338, 342 f; Se-
natsurteil vom 17. Dezember 1986 - VIII ZR 279/85, WM 1987, 349 unter II 2 c)
auch nicht vom Gericht vorgenommen werden kann, ist § 1 der AGB der Be-
klagten in dem hier angefochtenen Umfang insgesamt für unwirksam zu erklä-
ren.
2. Ohne Erfolg muß schließlich die Revision auch insoweit bleiben, als
sie sich gegen die dem Kläger zugesprochene Befugnis wendet, die Urteilsfor-
mel mit der Bezeichnung der Beklagten auf deren Kosten im Bundesanzeiger
bekannt zu machen (§ 18 AGBG). Ermessensfehler des Berufungsgerichts, das
seine Entscheidung mit der Notwendigkeit begründet hat, dem Eindruck einer
allgemeinen Zulässigkeit der Klauselverwendung durch Möbelhändler entge-
genzuwirken, sind nicht ersichtlich und werden auch von der Revision nicht
geltend gemacht. Soweit die Veröffentlichungsbefugnis ferner die vom Beru-
fungsgericht ebenfalls für unwirksam erklärte Klausel in § 12 Ziff. 1 der AGB
der Beklagten umfaßt, ist die Revision hinsichtlich dieser Klausel vom Beru-
fungsgericht nicht zugelassen worden, so daß auch die sich hierauf beziehen-
de Veröffentlichungsbefugnis vom Revisionsgericht nicht zu überprüfen ist.
Dr. Deppert
Dr. Hübsch
Dr. Beyer
Ball
Dr. Wolst