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BGH Beschluss vom 07.02.2001 – 5 StR 465/00
5. Strafsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom 7. Februar 2001 in der Strafsache gegen
wegen besonders schwerer Körperverletzung
Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat am 7. Februar 2001
beschlossen:
1. Auf die Revision der Angeklagten wird das Urteil des Landge-
richts Göttingen vom 23. Juli 1999 nach § 349 Abs. 4 StPO im
Ausspruch über die Höhe der Jugendstrafe mit den zugehöri-
gen Feststellungen aufgehoben.
2. Die weitergehende Revision wird nach § 349 Abs. 2 StPO als
unbegründet verworfen.
3. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhand-
lung und Entscheidung, auch über die Kosten der Revision, an
eine andere Jugendkammer des Landgerichts zurückverwie-
sen.
G r ü n d e
Das Landgericht hat die Angeklagte unter Freisprechung im übrigen
wegen besonders schwerer Körperverletzung (§ 225 Abs. 1 StGB a.F.) zu
drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die Revision der Angeklagten führt
– dem Antrag des Generalbundesanwalts entsprechend – zur Aufhebung
des Ausspruchs über die Höhe der Jugendstrafe, im übrigen ist das Rechts-
mittel unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.
1. Die Verfahrensrügen sind offensichtlich unbegründet. Ergänzend
zum Antrag des Generalbundesanwalts merkt der Senat lediglich an, daß für
eine Verletzung des § 52 StPO im Zusammenhang mit der beanstandeten
Verwertung von Krankenunterlagen nichts ersichtlich ist. Sie könnte allen-
falls im Blick auf §§ 53, 97 StPO oder deren entsprechende erweiterte An-
wendung problematisch sein (vgl. BGHSt 42, 73 und die von der Revision
zitierte Entscheidung des OLG Celle NJW 1965, 362). Eine ausreichend
substantiierte Rüge derartiger Rechtsverletzungen ist dem Revisionsvor-
bringen indes nicht zu entnehmen.
2. Die Beweiswürdigung, mit der sich der Tatrichter davon überzeugt
hat, daß die Angeklagte am Vormittag des 5. August 1997 zweimal bewußt
mit heftiger Gewalt auf den besonders empfindlichen Kopf ihres erst vier
Monate alten Sohnes J eingewirkt und dadurch leichtfertig einen zwei-
fachen Schädelbruch des Kindes und schwerste Hirnverletzungen verur-
sacht hat, in deren Folge das Kind erblindete, dauernd erheblich entstellt
wurde sowie in Lähmung und Geisteskrankheit verfiel, ist nicht zu beanstan-
den.
3. Zwar hat die Angeklagte die Tat nicht eingestanden; der Tatrichter
ist bei solcher Sachlage grundsätzlich auch nicht zur Feststellung besonders
entlastender Begleitumstände aufgrund lediglich denkgesetzlich nicht aus-
schließbarer Mutmaßungen gehalten. Hier lagen aber tatsächlich Anhalts-
punkte dafür vor, daß Anlaß für die Tatbegehung der Angeklagten eine “tief-
greifende Bewußtseinsstörung im Sinne einer akuten Belastungssituation”
(dazu UA S. 97 ff.) war. Der Senat hält sie insgesamt mit dem Generalbun-
desanwalt für so schwerwiegend, daß der Tatrichter sie unter Berücksichti-
gung des Zweifelsgrundsatzes letztlich nicht hätte verwerfen dürfen.
Es gab Hinweise von Helfern und Beobachtern, die – ungeachtet der
vielen Aktivitäten des Ehemannes – auf eine latente Überforderung der An-
geklagten mit der Versorgung von vier kleinen, teils überaus pflegebedürfti-
gen Kindern hindeuteten (vgl. UA S. 100). Für ein sonstiges Tatmotiv der
Angeklagten war nichts ersichtlich. Ihr Nachtatverhalten, indem sie alsbald
Hilfe holte, sprach nicht allein gegen die Annahme eines Tötungsvorsatzes
oder
vorsätzlicher Beibringung
der
schweren Verletzungsfolgen
(vgl. UA S. 82), sondern letztlich auch gegen die vom Landgericht als “nä-
herliegend” erachtete Variante bewußter gezielter Aggression gegen den
Säugling in unbeobachteter Situation (UA S. 101).
a) Das stellt den Schuldspruch nicht in Frage. Mit dem Generalbun-
desanwalt entnimmt der Senat der Gesamtschau des Urteils, insbesondere
angesichts der Feststellungen über das sonstige Verhalten der Angeklagten
und über ihr unmittelbares Nachtatverhalten, trotz entsprechender weiterge-
hender Andeutungen des psychiatrischen Sachverständigen (UA S. 98), daß
eine Einschränkung der Einsichtsfähigkeit oder eine Aufhebung der Steue-
rungsfähigkeit sicher auszuschließen war.
Näher in Betracht zu ziehen war allein die Möglichkeit eines affektiven
Ausnahmezustandes der Angeklagten bei Begehung der Tat, in dessen Fol-
ge ihre Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert war.
b) Auch die Annahme der Voraussetzungen des § 21 StGB könnte al-
lerdings – ungeachtet einer gegenteiligen Andeutung im Urteil (UA S. 112) –
die Verhängung von Jugendstrafe wegen Schwere der Schuld (§ 17 Abs. 2,
§ 105 Abs. 1 JGG) nicht in Frage stellen. Dies folgt aus der – wenn auch
naheliegend in engstem zeitlichem Zusammenhang erfolgten – wiederholten
Gewaltausübung und insbesondere aus den leichtfertig verursachten vielfäl-
tigen schwersten Verletzungsfolgen. Auch in dieser Beurteilung befindet sich
der Senat in Übereinstimmung mit dem Antrag des Generalbundesanwalts.
c) Danach berührt der Rechtsfehler nur die Bemessung der Höhe der
Jugendstrafe gemäß §§ 18, 105 JGG.
Im Rahmen der Erwägungen hierzu vermißt der Senat indes – anders
als die Revision und ihr folgend der Generalbundesanwalt – eine ausdrück-
liche Erörterung der Frage, ob nach den Maßstäben des Erwachsenenstraf-
rechts ein minder schwerer Fall in Betracht zu ziehen gewesen wäre, nicht.
Ein solcher konnte im Blick auf die Tatfolgen und die Begleitumstände der
Tat ohne weiteres als ausgeschlossen angesehen werden. Selbst das Vor-
liegen der Voraussetzungen des § 21 StGB würde an dieser Beurteilung
nichts ändern.
Die Erwägungen des Tatrichters zur Bestimmung der Höhe der Ju-
gendstrafe lassen für sich auch sonst keinen Rechtsfehler erkennen. Die
Wertung der Revision, die Höhe der Strafe begründe die Besorgnis, der
Tatrichter habe der Angeklagten dabei weitere Verletzungen des Tatopfers
und den Tod von dessen Zwillingsbruder zugerechnet, obgleich sie hierfür
nicht schuldig gesprochen worden sei, ist nicht nachvollziehbar.
Der Senat hat danach sogar erwogen, ob er, auch im Blick auf die
strafmildernde Berücksichtigung des situativen Umfeldes der Angeklagten
bei Begehung der Tat (UA S. 113 f.), eine Auswirkung einer etwa rechtsfeh-
lerhaften Ablehnung des § 21 StGB auf die Bemessung der Jugendstrafe
sicher ausschließen kann. Der Senat hat dies letztlich verneint; er folgt mit-
hin im Ergebnis dem Antrag des Generalbundesanwalts. Diese Entschei-
dung erfolgt nicht zuletzt auch im Blick auf eingetretene erhebliche Verfah-
rensverzögerungen seit Erlaß des angefochtenen Urteils, die naheliegend
für sich einer Aufrechterhaltung des Strafausspruchs entgegengestanden
hätten.
Der neue Tatrichter wird bei Beurteilung der Frage, ob die Vorausset-
zungen des § 21 StGB auszuschließen sind, erneut den psychiatrischen
Sachverständigen zu befragen und insbesondere eine etwa veränderte Ein-
lassung der Angeklagten zur Tatbegehung zu berücksichtigen haben. Bei
der Bemessung der Jugendstrafe wird er neben der mildernden Berücksich-
tigung der genannten Verfahrensverzögerungen namentlich auf die weitere
Verarbeitung der Tat durch die Angeklagte und auf ihre aktuelle persönliche
und soziale Situation Bedacht zu nehmen haben.
Harms Häger Basdorf
Gerhardt Raum