BGH Urteil vom 04.04.2001 – VIII ZR 32/00
VIII. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
VIII ZR 32/00
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 4. April 2001 Kirchgeßner, Justizobersekretärin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Nachschlagewerk: ja
BGHZ: nein
BGB § 276 Fb
Bei Verhandlungen über den Kauf eines Unternehmens oder von GmbH-
Geschäftsanteilen trifft den Verkäufer im Hinblick auf die wirtschaftliche Tragweite
des Geschäfts und die regelmäßig erschwerte Bewertung des Kaufobjekts durch den
Kaufinteressenten diesem gegenüber eine gesteigerte Aufklärungs- und Sorgfalts-
pflicht.
BGH, Urteil vom 4. April 2001 - VIII ZR 32/00 - OLG Jena LG Mühlhausen
Der VIII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 7. März 2001 durch die Richter Dr. Hübsch, Dr. Beyer, Dr. Leimert, Wie-
chers und Dr. Wolst
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des 7. Zivilsenates
des Thüringer Oberlandesgerichts in Jena vom 12. Januar 2000
aufgehoben.
Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung,
auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an den 8. Zivil-
senat des Thüringer Oberlandesgerichts zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger macht gegen die Beklagten Schadensersatzansprüche im
Zusammenhang mit dem Kauf von Geschäftsanteilen der BKD B. -, R. -
und S. GmbH (im folgenden: BKD GmbH oder GmbH) geltend.
Gesellschafter der GmbH waren zunächst die beiden Beklagten und der
Zeuge K. . Am 8. September 1993 schied der Beklagte zu 2, der Bruder
des Beklagten zu 1, aus der Gesellschaft aus, nachdem er seine Geschäfts-
anteile an den Mitgesellschafter K. verkauft und übertragen hatte; er blieb
jedoch der GmbH - wie bisher - als Steuerberater verbunden und arbeitete,
insbesondere durch die Erledigung sämtlicher Buchführungsarbeiten, mit sei-
nem Bruder und der GmbH weiterhin eng zusammen. Sein Büro befand sich
auf dem Betriebsgelände der BKD GmbH. Die Geschäftsführung teilten die
beiden verbliebenen Gesellschafter dergestalt unter sich auf, daß der Beklagte
zu 1 als "Hauptgeschäftsführer" für den kaufmännischen Bereich und der Zeu-
ge
K. -
für den technischen Bereich zuständig sein sollte. Die wirtschaftliche Si-
tuation der BKD GmbH war bereits spätestens seit dem Sommer 1993 ange-
spannt.
Am 9. November 1993 fand zwischen dem Beklagten zu 1, dem Zeugen
K. und dem Kläger eine Besprechung statt, bei der die Übernahme
sämtlicher Geschäftsanteile des Beklagten zu 1 mit einem Nennbetrag von ins-
gesamt 12.300 DM sowie von zwei Geschäftsanteilen des Zeugen K.
in Höhe von insgesamt 7.800 DM durch den Kläger vereinbart wurde; die von
K. gehaltenen restlichen Geschäftsanteile im Nennbetrag von 30.000 DM
sollten weiterhin bei diesem verbleiben. Außerdem vereinbarten die Beteiligten,
daß der Kläger der Gesellschaft eine "Liquiditätshilfe" in Höhe von 100.000 DM
als Darlehen gewähren sollte, die zur Bezahlung der anstehenden Löhne be-
stimmt war. Der Betrag wurde am 11. November 1993 vom Kläger überwiesen
und am folgenden Tag der GmbH gutgeschrieben.
Entsprechend der Vereinbarung vom 9. November 1993 erwarb der Klä-
ger durch notariellen Vertrag vom 22. November 1993 die Geschäftsanteile des
Beklagten zu 1 zum Nennwert von 12.300 DM sowie zwei Anteile des Zeugen
K. - ebenfalls zum Nennwert - für 7.800 DM.
In der Folgezeit gaben der Kläger und der Mitgesellschafter K.
gegenüber einer Gläubigerin der BKD GmbH, der Firma I. GmbH, die For-
derungen aus Warenlieferungen geltend gemacht und mit Vollstreckungsmaß-
nahmen gedroht hatte, eine Garantieerklärung über 88.222,63 DM ab; hierauf
hat der Kläger insgesamt 50.000 DM an die I. GmbH gezahlt.
Nachdem am 10. Juni 1994 das Gesamtvollstreckungsverfahren über
das Vermögen der BKD GmbH eröffnet worden war, erklärte der Kläger mit an-
waltlichem Schreiben vom 14. Juni 1994 die Anfechtung des notariellen Vertra-
ges vom 22. November 1993 wegen arglistiger Täuschung über die wirtschaft-
lichen Verhältnisse der BKD GmbH durch den Beklagten zu 1. Mit weiterem
Schreiben vom 18. Juli 1994 forderte der Kläger den Beklagten zu 1 auf, einer
Rückübertragung der Geschäftsanteile der BKD GmbH zuzustimmen. Dies
lehnte der Beklagte zu 1 mit Schreiben seines Anwalts vom 21. Juli 1994 ab.
Der Kläger macht im Zusammenhang mit der Zahlung der Liquiditätshilfe
für die BKD GmbH und seiner Garantieerklärung gegenüber der I. GmbH ge-
gen die Beklagten Schadensersatzansprüche
in Höhe von
insgesamt
195.775,21 DM sowie einen Feststellungsanspruch hinsichtlich des weiteren
Schadens geltend. Er behauptet, die Beklagten hätten ihn bei den Vertragsver-
handlungen über die finanzielle Lage der BKD GmbH getäuscht, weil sie ihn
über die wahre Situation nicht pflichtgemäß aufgeklärt, vielmehr die Lage der
Gesellschaft positiv dargestellt hätten.
Die Beklagten haben das Vorbringen des Klägers, insbesondere eine
Täuschung über die wahre wirtschaftliche Lage der GmbH und eine Zahlungs-
unfähigkeit der Gesellschaft bereits im November 1993, bestritten. Der Be-
klagte zu 2 hat außerdem Verjährung etwaiger Schadensersatzansprüche ein-
gewandt.
Das Landgericht hat der Klage gegen den Beklagten zu 1 unter Berück-
sichtigung eines Mitverschuldens des Klägers überwiegend stattgegeben, ge-
gen den Beklagten zu 2 hat es sie abgewiesen. Auf die Berufung des Beklag-
ten zu 1 hat das Oberlandesgericht die Klage insgesamt abgewiesen. Die Be-
rufung des Klägers hat es zurückgewiesen. Mit der Revision verfolgt der Kläger
seinen bezifferten Schadensersatzanspruch und den Feststellungsanspruch in
vollem Umfang weiter.
Entscheidungsgründe
I. Das Berufungsgericht hat, soweit für das weitere Verfahren noch von
Interesse, im wesentlichen ausgeführt:
Zwar sei ein Schadensersatzanspruch aus Verschulden bei Vertrags-
schluß nicht grundsätzlich ausgeschlossen, da die Beklagten dem Kläger ge-
genüber keine mehrjährigen Umsatz- und Ertragsangaben gemacht hätten und
deshalb eine vorrangige Sachmängelhaftung nach den §§ 459 ff BGB nicht in
Betracht komme. Ein solcher Schadensersatzanspruch scheitere
jedoch
- ebenso wie eventuelle deliktische Ansprüche - am fehlenden Verschulden der
Beklagten. Die Beklagten - der Beklagte zu 1 als Verkäufer, der Beklagte zu 2
aufgrund seiner engen Verflechtungen mit der Gesellschaft und dem Beklagten
zu 1 - seien allerdings verpflichtet gewesen, den Kläger über alle für ihn we-
sentlichen Tatsachen vollständig und wahrheitsgemäß aufzuklären; dies gelte
insbesondere für solche Umstände, die geeignet gewesen seien, den Vertrags-
zweck - Beteiligung des Klägers an einer lebensfähigen Gesellschaft - zu ver-
eiteln, wie etwa eine desolate wirtschaftliche Lage oder Konkursreife der Ge-
sellschaft.
Die vom Kläger behauptete desolate wirtschaftliche Situation der Ge-
sellschaft bis hin zur Konkursreife sei jedoch nicht bewiesen. Nach den Aussa-
gen der Zeugen J. und O. sei es allerdings im Zeitraum Juli bis Oktober
1993 zu Zwangsvollstreckungsmaßnahmen verschiedener Gläubiger, u.a. der
Berufsgenossenschaft und der Zusatzversorgungskasse, zu Rückholversuchen
von Leasingfirmen, Rückbuchungen von Lastschriften und Rückholung von
unter Eigentumsvorbehalt gelieferten Waren gekommen; die Sperrung der Te-
lefonleitung und der Stromleitung sei zwar angedroht worden, es sei aber nicht
feststellbar, ob sie auch durchgeführt worden sei. Ebenso unerheblich sei auch
die Tatsache, daß der Beklagte zu 1 im Oktober 1993 eine persönliche Bürg-
schaft wegen rückständiger Sozialversicherungsbeiträge übernommen habe.
Alle diese Umstände ließen weder für sich genommen noch im Zusammenhang
mit anderen Indizien den zwingenden Schluß auf eine dauernde Zahlungsun-
fähigkeit der Gesellschaft zu.
II. Diese Erwägungen des Berufungsgerichts halten der rechtlichen
Nachprüfung in dem entscheidenden Punkt nicht stand.
1. Nur im Ergebnis, nicht in der Begründung trifft der rechtliche Aus-
gangspunkt des Berufungsurteils zu. Zu Recht weist die Revision darauf hin,
daß eine - gegenüber der Haftung für Verhandlungsverschulden vorrangige -
Sachmängelhaftung gemäß §§ 459 ff BGB hier nicht etwa erst wegen Fehlens
einer langjährigen Umsatz- und Ertragsangabe ausscheidet, sondern bereits
deshalb, weil ein Unternehmenskauf überhaupt nicht vorliegt. Ein zur Anwen-
dung der §§ 459 ff BGB führender Unternehmenskauf ist nach ständiger
Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes nur gegeben, wenn der Käufer
sämtliche oder nahezu sämtliche Anteile an einem Unternehmen erwirbt (so
z.B. BGHZ 65, 246, 251 f und BGHZ 138, 195, 204 m.w.Nachw.). Der Kläger
hat jedoch mit dem notariellen Vertrag vom 22. November 1993 von dem Be-
klagten zu 1 und dem Zeugen K. unstreitig lediglich Geschäftsanteile im
Gesamt-
Nennbetrag von 20.100 DM (rund 40 % des Stammkapitals) übernommen,
während die restlichen Anteile in Höhe von 30.000 DM bei dem Zeugen K.
verblieben sind. Gegen eine Haftung der Beklagten wegen Verschuldens bei
Vertragsverhandlungen bestehen daher keine grundsätzlichen Bedenken.
2. Das Berufungsgericht ist davon ausgegangen, daß der Beklagte zu 1
als Verkäufer der Anteile und der Beklagte zu 2 aufgrund seiner maßgeblichen
Beteiligung an den Vertragsverhandlungen, seiner engen Beziehung zum Be-
klagten zu 1 und der BKD GmbH sowie seiner Sachkunde als langjähriger
Steuerberater der Gesellschaft als sogenannter Sachwalter unter dem Ge-
sichtspunkt der Inanspruchnahme besonderen Vertrauens dem Kläger gegen-
über haften. Das wird von der Revisionserwiderung nicht angegriffen und läßt
Rechtsfehler nicht erkennen (vgl. dazu BGH, Urteil vom 29. Januar 1992
- VIII ZR 80/91, WM 1992, 699 unter I 4).
3. Nicht gefolgt werden kann dagegen der Auffassung des Berufungsge-
richts, eine Haftung der Beklagten scheitere am fehlenden Verschulden.
a) Es kann dahinstehen, ob der Beklagte zu 1, der sich das mitwirkende
Verhalten seines Bruders auch insoweit zurechnen lassen muß (vgl. dazu
BGH, Urteile vom 1. Juni 1989 - III ZR 261/87, WM 1989, 1364 unter II 2 =
BGHR BGB § 123 Abs. 2 Dritter 1; vom 8. Dezember 1989 - V ZR 259/87, WM
1990, 479 unter II = BGHR aaO Dritter 2; vom 9. April 1992 - IX ZR 145/91,
WM 1992, 1016 unter I 1= BGHR aaO Dritter 4 und vom 20. November 1995 -
II ZR 209/94, WM 1996, 201 unter 3 = BGHR aaO Dritter 5), den Kläger bei
den Vertragsverhandlungen durch Übergabe einer falschen betriebswirtschaft-
lichen Auswertung zum 30. September 1993 und durch die angeblichen Mani-
pulationen im Zusammenhang mit dem Verkauf des Betriebsteils “Baustoff-
center” arglistig getäuscht hat und der Kläger deshalb den notariellen Vertrag
vom 22. November 1993 wirksam gemäß § 123 BGB angefochten hat. Der Klä-
ger kann jedenfalls unter dem Gesichtspunkt des Schadensersatzes für Ver-
schulden bei Vertragsverhandlungen nicht nur die Rückabwicklung des notari-
ellen Vertrages, sondern auch Ersatz derjenigen Aufwendungen verlangen, die
ihm im ursächlichen Zusammenhang mit dem Erwerb der Geschäftsanteile an
der BKD GmbH entstanden sind; denn der Beklagte zu 1 hat ihn bei den Ver-
handlungen pflichtwidrig nicht über wesentliche Umstände aufgeklärt, die für
seine Kaufentscheidung von Bedeutung waren.
b) Nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes, von der
auch das Berufungsgericht ausgeht, besteht selbst bei Vertragsverhandlungen,
in denen die Parteien entgegengesetzte Interessen verfolgen, für jeden Ver-
tragspartner die Pflicht, den anderen Teil über solche Umstände aufzuklären,
die den Vertragszweck (des anderen) vereiteln können und daher für seinen
Entschluß von wesentlicher Bedeutung sind, sofern er die Mitteilung nach der
Verkehrsauffassung erwarten konnte (BGH, Urteil vom 6. Dezember 1995 –
VIII ZR 192/94, NJW-RR 1996, 429 unter II 2 m.w.Nachw.; vgl. BGH, Urteil vom
16. Oktober 1987 – V ZR 170/86, NJW RR 1988, 394 unter 2).
Beim Kauf eines Unternehmens oder von GmbH-Geschäftsanteilen ist
im Hinblick auf den für den Kaufpreis im Regelfall erheblichen Ertragswert ins-
besondere zu berücksichtigen, daß der Kaufinteressent - für den Verkäufer
erkennbar - sich ein einigermaßen zutreffendes Bild von den wertbildenden
Faktoren in erster Linie nur an Hand der Bilanzen, der laufenden betriebswirt-
schaftlichen Auswertungen, sonstiger Buchführungsunterlagen und ergänzen-
der Auskünfte des Inhabers oder Geschäftsführers machen kann. Diese Er-
schwerung der Bewertung des Kaufobjekts durch einen außenstehenden Inter-
essenten, die auch durch dessen möglicherweise vorhandene Sachkunde nicht
ausgeglichen wird, und seine besondere Abhängigkeit von der Vollständigkeit
und Richtigkeit der ihm erteilten Informationen vor allem zur Umsatz- und Er-
tragslage des Unternehmens sowie die regelmäßig weitreichenden wirtschaftli-
chen Folgen der Kaufentscheidung rechtfertigen es, dem Verkäufer eine ge-
steigerte Aufklärungspflicht aufzuerlegen und an die hierbei anzuwendende
Sorgfalt einen strengen Maßstab anzulegen. Geht es um die Beteiligung des
Erwerbers an einem lebensfähigen Unternehmen, dann erstreckt sich die Auf-
klärungspflicht des Käufers namentlich auch auf alle Umstände, welche die
Überlebensfähigkeit ernsthaft gefährden, insbesondere also drohende oder
bereits eingetretene Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung.
c) Gemessen an diesen Grundsätzen und auf der Grundlage des festge-
stellten und unstreitigen Sachverhalts kann der Auffassung des Berufungsge-
richts, dem Beklagten zu 1 sei nicht einmal fahrlässiges Verhalten anzulasten,
nicht gefolgt werden.
aa) Zu Recht beanstandet die Revision, daß das Berufungsgericht die
desolate wirtschaftliche Situation der Gesellschaft "bis hin zur Konkursreife" als
nicht bewiesen angesehen hat. Schon die - unstreitige - Häufung von zahlrei-
chen gewichtigen Indizien für eine anhaltende Krise der Gesellschaft ab Juni
1993 zeigt, daß sich die GmbH bereits seit geraumer Zeit auf den Zustand der
Zahlungsunfähigkeit zubewegte. In den Monaten Juni und Juli wurde in mehre-
ren Fällen Ware im Wert von jeweils etwa 20.000 bis 30.000 DM, die unter Ei-
gentumsvorbehalt geliefert worden war, von der Lieferantin wegen Nichtbe-
zahlung der Rechnungen wieder abgeholt. Im Juli und August kam es zu
Zwangsvollstreckungsmaßnahmen verschiedener Gläubiger. In der ersten
Hälfte des vierten Quartals hatten die rückständigen Raten für geleaste Kraft-
fahrzeuge einen solchen Umfang angenommen, daß die betroffenen Leasing-
firmen Maßnahmen zur Rückholung von Fahrzeugen ergriffen. Ab Oktober
wurden mehrfach Lastschriften zurückgebucht und Schecks nicht eingelöst.
Wegen Zahlungsrückständen wurde überdies die Sperrung der Telefon- und
Stromleitungen angedroht. Bei der zuständigen Berufsgenossenschaft befand
sich die BKD GmbH mit Beiträgen in Höhe von etwa 50.000 DM in Verzug, so
daß sich der Beklagte zu 1 im Oktober 1993 auf Drängen der Berufsgenossen-
schaft veranlaßt sah, eine entsprechende persönliche Bürgschaft zu überneh-
men. Daß der Beklagte zu 2 als Steuerberater und damaliger Gesellschafter
der GmbH die wirtschaftliche Situation des Unternehmens nicht anders sah,
belegt sein Mahnschreiben an die Gesellschaft vom 15. Juli 1993, in welchem
er auf die Dringlichkeit der Tilgung von Forderungen der Krankenkassen und
Finanzämter hinwies. Dieses Schreiben - ein wichtiges Indiz für die negative
Einschätzung der wirtschaftlichen Lage der GmbH durch die Beklagten - hat
das Berufungsgericht mit Stillschweigen übergangen, was die Revision zutref-
fend als Verstoß gegen § 286 ZPO rügt. Angesichts einer solchen Häufung
deutlicher Anzeichen für eine bereits eingetretene oder unmittelbar bevorste-
hende Zahlungsunfähigkeit der Gesellschaft spätestens im Herbst 1993 erweist
sich die zusammenfassende Wertung des Berufungsgerichts, es hätte "we-
sentlich stärkerer Indizien bedurft", als formelhafte Wendung und Überspan-
nung der Beweisanforderungen (vgl. dazu BGH, Urteil vom 18. Juni 1998
- IX ZR 311/95, WM 1998, 1689 unter C II 2 a = BGHR ZPO § 286 Abs. 1 Be-
weismaß 2).
Sofern der Beklagte zu 1 als der für die kaufmännischen Angelegenhei-
ten zuständige “Hauptgeschäftsführer” der GmbH über diese Vorgänge nicht in
vollem Umfang unterrichtet war, entlastet ihn das nicht, denn dann müßte er
sich, wie ausgeführt, das Verhalten seines als Verhandlungsgehilfen hinzuge-
zogenen Bruders, des Beklagten zu 2, zurechnen lassen (§ 278 BGB), der, wie
den Aussagen der Zeugen J. und O. zu entnehmen ist, umfassend in-
formiert war.
bb) Aufgrund der unstreitigen gewichtigen Anzeichen für eine anhalten-
de Krise der Gesellschaft war für die Beklagten erkennbar, daß die GmbH im
Herbst 1993 entweder bereits zahlungsunfähig war oder der Eintritt der Zah-
lungsunfähigkeit zumindest drohte. Damit war der vom Kläger mit dem Erwerb
eines Geschäftsanteils verfolgte Vertragszweck der Beteiligung an einer le-
bensfähigen Gesellschaft jedenfalls ernsthaft gefährdet. Der Beklagte zu 1 war
daher verpflichtet, den Kläger - auch ungefragt - über diese Vorkommnisse
umfassend und wahrheitsgemäß zu unterrichten; dieser Verpflichtung ist er
unstreitig nicht nachgekommen, wobei ihm das Unterlassen des Beklagten zu 2
zuzurechnen ist. Darin liegt eine mindestens fahrlässige Verletzung der ihm
gegenüber dem Kläger obliegenden Aufklärungspflicht, die ihn nach den
Grundsätzen der Haftung für Verschulden bei Vertragsverhandlungen zum
Schadensersatz verpflichtet.
d) Das Verschweigen der auf eine Zahlungsunfähigkeit der GmbH hin-
deutenden Anzeichen war ursächlich sowohl für den Kaufentschluß des Klä-
gers als auch für die Leistung der Liquiditätshilfe von 100.000 DM an die
GmbH, die Zahlung von 40.000 DM an die I. GmbH aufgrund der dieser ge-
genüber
übernommenen Garantie und die im Zusammenhang damit entstandenen An-
walts- und Gerichtskosten.
Das Berufungsgericht hat dies - aus seiner Sicht folgerichtig - nicht ge-
prüft. Soweit es in anderem Zusammenhang Zweifel an der Kausalität der
Handlungsweise des Beklagten zu 1 und des Zeugen K. äußert, ver-
kennt es, daß sich in Fällen der vorliegenden Art die Darlegungs- und Beweis-
last umkehrt: Nach gefestigter Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes ist
derjenige, der vertragliche oder vorvertragliche Aufklärungspflichten verletzt,
beweispflichtig dafür, daß der Schaden auch bei pflichtgemäßem Verhalten
eingetreten wäre, der Geschädigte also den Hinweis - hier: auf die eindeutigen
Anzeichen für eine drohende oder bereits eingetretene Zahlungsunfähigkeit im
Sommer und Herbst 1993 - unbeachtet gelassen und auch bei wahrheitsgemä-
ßen Angaben den Kaufvertrag so wie geschehen abgeschlossen hätte (vgl.
z.B. BGH, Urteil vom 18. Juni 1996 - VI ZR 121/95, NJW 1996, 2503 unter II;
Urteil vom 20. September 1996 - V ZR 173/95, NJW-RR 1997, 144 unter II 2 b
bb). Anhaltspunkte für ein solches - hypothetisches - Verhalten des Klägers
sind weder von den Beklagten vorgetragen noch sonst ersichtlich. Insbesonde-
re trifft es nicht zu, daß dem Kläger, wie die Beklagten unter Hinweis auf das
von ihm erstellte Unternehmenskonzept behaupten, die “äußerst angespannte
wirtschaftliche Situation” der Gesellschaft bekannt gewesen sei. Jenes - aller-
dings undatierte - Sanierungskonzept kann der Kläger frühestens am 9. De-
zember 1993, mithin vier Wochen nach der Zahlung der Liquiditätshilfe und
mehr als zwei Wochen nach dem Abschluß des Anteilskaufvertrages, erstellt
haben. Das ergibt sich aus dem einleitenden Satz des Konzepts: “Eine BWA ...
liegt für den Monat Oktober seit dem 09.12. 1993 vor (Anhang).” Unter diesen
Umständen läßt die unstreitige Tatsache, daß der Kläger ein Sanierungs- bzw.
Unternehmenskonzept erstellt hat, keinerlei Rückschlüsse auf seinen Kennt-
nisstand bei Leistung der Liquiditätshilfe an die BKD GmbH oder bei Abschluß
des notariellen Vertrages am 22. November 1993 und etwaige Schlußfolgerun-
gen hinsichtlich einer mangelnden Kausalität der Pflichtverletzungen der Be-
klagten zu. Soweit die Beklagten darüber hinaus geltend machen, der Kläger
hätte im Zeitpunkt der Abgabe seiner Garantieerklärung gegenüber der I.
GmbH
am
17.
Dezember 1993 aufgrund seiner Eigenschaft als Gesellschafter und Ge-
schäftsführer selbst einen Überblick über die wirtschaftliche Lage der GmbH
haben können, beseitigt dies die Ursächlichkeit der Pflichtverletzungen der Be-
klagten nicht. Der Kläger hat hierzu vorgetragen, er sei damals noch - mangels
ausreichender Kenntnisse über das wahre Ausmaß der Krise der Gesellschaft -
von der Sanierungsfähigkeit der BKD GmbH ausgegangen. Angesichts der er-
wiesenen, in erster Linie vom Beklagten zu 2 zu verantwortenden gravierenden
Mängel der Buchführung sowie der angeblichen Unkenntnis der Beklagten
über den genauen Umfang der Zahlungsrückstände und einer Überschuldung
der Gesellschaft trotz ihrer jahrelangen Beteiligung an der GmbH sowie ihrer
Tätigkeit als kaufmännischer Geschäftsführer bzw. buchführender Steuerbera-
ter liegt es nahe, daß der Kläger Mitte Dezember 1993, mithin erst wenige Wo-
chen nach seinem Eintritt in die Gesellschaft - übrigens ebenso wie der an der
I. -Garantie beteiligte langjährige Mitgesellschafter K. - noch auf die Mög-
lichkeit einer Sanierung der BKD GmbH vertraute und auch vertrauen durfte.
4. Der in seinem Vertrauen auf die Richtigkeit und Vollständigkeit der
Angaben seines Vertragspartners Enttäuschte ist so zu stellen, wie er bei rich-
tiger Offenbarung der für seinen Kaufentschluß erheblichen Umstände stünde.
Er kann daher entweder am Vertrag festhalten und lediglich zusätzlich Scha-
densersatz beanspruchen oder aber Rückgängigmachung des Vertrages ver-
langen (BGHZ 69, 53, 56 und BGHZ 111, 75, 82). Wählt er - wie der Kläger im
vorliegenden Fall - die letztere Möglichkeit, dann kann er Zug um Zug gegen
(Rück-) Abtretung des erworbenen Geschäftsanteils den Kaufpreis zurückfor-
dern und zugleich, wie ausgeführt, Ersatz derjenigen Aufwendungen verlangen,
die ihm im ursächlichen Zusammenhang mit dem beabsichtigten und/oder
durchgeführten Erwerb des Geschäftsanteils entstanden sind. Dies trifft für die
Liquiditätshilfe
(100.000 DM), die Garantieleistung an die
I. GmbH
(40.000 DM) und die außerhalb dieses Rechtsstreits und des Parallelverfah-
rens entstandenen Anwaltsgebühren und Gerichtskosten
(insgesamt
55.775,21 DM) jedenfalls dem Grunde nach zu. Die gesamtschuldnerische
Haftung der Beklagten erstreckt sich auch auf den weiteren Schaden, der dem
Kläger aufgrund des Kaufs der Geschäftsanteile an der BKD GmbH bisher ent-
standen ist und künftig entstehen wird, den der Kläger aber derzeit noch nicht
beziffern kann und hinsichtlich dessen er die Feststellung der Ersatzpflicht der
Beklagten beantragt hat.
III. An einer eigenen Sachentscheidung (§ 565 Abs. 3 Nr. 1 ZPO) sieht
sich der Senat gehindert, weil das Berufungsgericht die vom Landgericht be-
jahte Frage des Mitverschuldens des Klägers sowie die vom Beklagten zu 2
erhobene Verjährungseinrede zunächst in eigener Zuständigkeit zu prüfen ha-
ben wird und es hierfür weiterer tatsächlicher Feststellungen bedarf.
Für das weitere Verfahren weist der Senat auf folgendes hin:
Das Berufungsgericht hat - aus seiner Sicht folgerichtig - die besonde-
ren subjektiven Voraussetzungen einer deliktischen Haftung insbesondere des
Beklagten zu 2 aus § 826 BGB, für die Anhaltspunkte bestehen, nicht geprüft.
Hierauf kann es jedoch im Hinblick auf die Verjährungsfrage ankommen; denn
die Verjährungsfrist des § 852 BGB entspricht zwar in ihrer dreijährigen Dauer
jener für die Berufshaftung des Steuerberaters nach dem - möglicherweise ent-
sprechend anwendbaren - § 68 StBerG, unterscheidet sich von ihr aber durch
die Voraussetzungen für ihren Beginn. In diesem Zusammenhang wird sich das
Berufungsgericht gegebenenfalls mit den Ausführungen der Revision insoweit
auseinanderzusetzen haben.
IV. Bei der Zurückverweisung hat der Senat von der Möglichkeit des
§ 565 Abs. 1 Satz 2 ZPO Gebrauch gemacht.
Dr. Hübsch
Dr. Beyer
Dr. Leimert
Wiechers
Dr. Wolst