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BGH Urteil vom 28.11.2001 – VIII ZR 75/00

VIII. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

in dem Rechtsstreit

Verkündet am: 28. November 2001 Kirchgeßner, Justizhauptsekretärin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

Nachschlagewerk: ja

BGHZ: ja

ZPO §§ 260, 595 Abs. 1

Zur Zulässigkeit einer Widerklage in der Form des Urkundenprozesses gegenüber

einer im ordentlichen Verfahren erhobenen Klage.

BGH, Urteil vom 28. November 2001 - VIII ZR 75/00 - KG Berlin LG Berlin

Der VIII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung

vom 28. November 2001 durch die Vorsitzende Richterin Dr. Deppert und die

Richter Dr. Hübsch, Dr. Beyer, Dr. Leimert und Dr. Frellesen

für Recht erkannt:

Die Revision gegen das Urteil des 2. Zivilsenats des Kammerge-

richts vom 27. Januar 2000 wird auf Kosten der Klägerin zurück-

gewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand

Die Klägerin kaufte durch zwei notarielle Verträge vom 17. Juni 1997

von den Beklagten zu 1 bis 4 deren Geschäftsanteile an der TBG

mbH

(im

folgenden: TBG), E. sowie gemeinsam mit

einer U. und Verwaltungs GmbH von dem Beklagten zu 1. jeweils

einen Geschäftsanteil an der THR Tanklager R. GmbH (im folgenden:

THR), B. . In dem Vertrag über die THR-Anteile ist bestimmt, daß dessen

Wirksamkeit an die des Kaufvertrages über die TBG-Anteile gebunden sein

soll. In § 2 Abs. 3 und 4 des notariellen Vertrages über den Verkauf der

TBG-Anteile heißt es unter anderem:

3. Die Käuferin wird die gemäß Abs. 4 vorgelegte Stichtagsbilanz auf

den 1.1.1997 innerhalb von 14 Tagen durch einen Wirtschaftsprüfer

ihres Vertrauens prüfen lassen. Die Kosten hierfür trägt die Käuferin.

4. Die Kaufpreise werden von der Käuferin spätestens 10 Bankge-

schäftstage nach Wirksamkeit dieses Vertrages überwiesen, frühe-

stens jedoch nach Vorlage der mit dem uneingeschränkten Bestäti-

gungsvermerk versehenen Stichtagsbilanz und der nach Abs. 3

durchgeführten Überprüfung.

Nachdem die Klägerin an der ihr zunächst übersandten Bilanz das Feh-

len einer Gewinn- und Verlustrechnung nebst Anhang gerügt hatte, ließen die

Beklagten ihr Anfang August 1997 eine um diese Anlagen vervollständigte und

als Anwachsungsbilanz bezeichnete Bilanz der TBG zum 1. Januar 1997 nebst

einem Prüfungsbericht mit Bestätigungsvermerk vom 30. Juli 1997 zukommen.

Mit Schreiben vom 24. September 1997 erklärte die Klägerin die Anfechtung

der notariellen Verträge, weil die Beklagten ihr wesentliche Veränderungen der

Umschlagsmengen bei der TBG, welche sich nach Erstellung des für ihren

Kauf wesentlichen Ertragswertgutachtens ergeben hätten, nicht mitgeteilt hät-

ten.

Mit der Klage begehrt die Klägerin im Hauptantrag die Feststellung, daß

die notariellen Verträge nichtig sind. Hilfsweise hat sie beantragt, die Beklagten

zu 1 bis 4 als Gesamtschuldner zu verurteilen, sie von der Kaufpreisverbind-

lichkeit für den Kauf der TBG Zug um Zug gegen Rückübertragung der Ge-

schäftsanteile freizustellen. In gleicher Weise hat sie vom Beklagten zu 1 Frei-

stellung von der Kaufpreisverbindlichkeit für den THR-Anteil verlangt.

Mit ihrer im Urkundenprozeß erhobenen Widerklage nehmen die Be-

klagten die Klägerin auf Zahlung des Kaufpreises aus beiden Verträgen in An-

spruch.

Das Landgericht hat durch Teilurteil die Klage sowohl hinsichtlich der

Hauptanträge als auch der Hilfsanträge als unzulässig abgewiesen. Der Wi-

derklage hat es in vollem Umfang stattgegeben und der Klägerin die Ausfüh-

rung ihrer Rechte im Nachverfahren vorbehalten. Auf die Berufung der Klägerin

hat das Berufungsgericht das landgerichtliche Urteil, soweit dieses die Fest-

stellungsanträge abgewiesen hat, antragsgemäß aufgehoben und an das

Landgericht zurückverwiesen. Hinsichtlich der Widerklage hat es die Berufung

der Klägerin zurückgewiesen; hiergegen richtet sich deren Revision.

Entscheidungsgründe

I.

Das Berufungsgericht hat - soweit für das Revisionsverfahren von Be-

deutung - ausgeführt:

Der Widerklage stehe nicht die Rechtshängigkeit der zuvor erhobenen

Klagen auf Feststellung der Unwirksamkeit der Verträge entgegen, weil das

Rechtsschutzziel der Leistungsklage über das der Feststellungsklage hinaus-

gehe und deshalb nicht denselben Streitgegenstand habe. Die Widerklage sei

auch nicht wegen der Hilfsanträge der Klägerin, sie von den Kaufpreisansprü-

chen "freizustellen", unzulässig; auch insoweit stehe die Rechtshängigkeit nicht

nach § 261 Abs. 3 Nr. 1 ZPO entgegen. Die Anträge stellten der Sache nach

Feststellungsbegehren dar, mit denen die Klägerin im Ergebnis die Feststel-

lung erstrebe, daß den Beklagten wegen Verschuldens bei Vertragsschluß aus

dem Vertrag keine Ansprüche gegen sie, die Klägerin, zustünden. Der Gläubi-

ger müsse auch nach Erhebung einer solchen Klage die Möglichkeit haben,

seinerseits Leistungsklage zu erheben.

Die Widerklage in der Form des Urkundenprozesses sei auch im nor-

malen Verfahren grundsätzlich statthaft. § 595 ZPO, der nur die Widerklage

gegenüber einer Urkundenklage betreffe, ergreife nach seinem Zweck, der

Herbeiführung einer alsbaldigen Entscheidung, nicht die Urkundenwiderklage

im ordentlichen Verfahren. Denn der Widerkläger könne statt dessen auch eine

gesonderte Klage erheben und sei deshalb nicht schutzwürdig. Daß es sich bei

dem Urkundenverfahren um eine andere Prozeßart handele, stehe der Urkun-

denwiderklage nicht entgegen, weil dies nur eine Trennung der Verfahren

rechtfertige und nach Erlaß des Vorbehaltsurteils beide Verfahren ohnehin

verbunden werden könnten. Die Zulassung der als Urkundenklage erhobenen

Zahlungswiderklage im selben Verfahren entspreche, da sie die Gefahr wider-

sprechender Entscheidungen vermindere, auch der Prozeßökonomie.

Der Erlaß des Vorbehaltsurteiles sei gerechtfertigt, weil die Beklagten

mit den im Urkundenprozeß zulässigen Beweismitteln dargetan hätten, daß die

Kaufpreisforderungen nicht nur bestehen, sondern auch fällig seien. Die von

den Beklagten vorgelegte Anwachsungsbilanz zum 1.1.1997 erfülle die Vor-

aussetzungen des Kaufvertrages.

II.

Diese Ausführungen halten einer revisionsrechtlichen Überprüfung

stand:

1. Der Zulässigkeit der Widerklage steht nicht der Einwand der ander-

weitigen Rechtshängigkeit gemäß § 261 Abs. 3 Nr. 1 ZPO im Hinblick auf die

mit der Klage verfolgten Ansprüche entgegen.

a) Zu Recht und von der Revision unbeanstandet hat das Berufungsge-

richt angenommen, daß die auf Feststellung der Nichtigkeit der Verträge ge-

richteten Hauptanträge der Klägerin nicht dieselbe Streitsache im Sinne von

§ 261 Abs. 3 Nr. 1 ZPO wie die Widerklage betreffen. Die Zahlungsklage der

Beklagten reicht weiter als die Feststellungsklage und hat deshalb einen ande-

ren Streitgegenstand (BGHZ 7, 268, 271; BGH, Urteil vom 21.12.1989

- IX ZR 234/88, NJW-RR 1990, 1532 unter I 2).

b) Im Ergebnis zu Recht ist das Berufungsgericht des weiteren davon

ausgegangen, daß der von den Beklagten erhobenen Widerklage auch nicht

die (bedingte) Rechtshängigkeit der hilfsweise erhobenen Klageanträge der

Klägerin entgegensteht. Allerdings kann es dahingestellt bleiben, ob diese auf

Freistellung von den Kaufpreisforderungen der Beklagten lautenden Anträge,

wie das Berufungsgericht meint, als Feststellungsbegehren oder, wie die Revi-

sion geltend macht, als Leistungsklagen aufzufassen sind. Selbst wenn näm-

lich die Hilfsanträge der Klägerin als Leistungsklagen auf Befreiung von den

Kaufpreisverbindlichkeiten auszulegen wären, hätten sie nicht denselben

Streitgegenstand im Sinne von § 261 Abs. 3 Nr. 1 ZPO wie die auf Zahlung der

Kaufpreisschuld gerichtete Widerklage. Die Zahlungsklage reicht im Klagean-

trag weiter, weil sie im Falle ihres Erfolges dem Kläger - hier dem Beklagten

und Widerklägern - auch einen vollstreckbaren Titel verschafft. Das Verhältnis

der Klage auf Befreiung zu der Widerklage auf Zahlung entspricht insofern

demjenigen zwischen einer Zahlungsklage und einer negativen Feststellungs-

klage, mit welcher das Nichtbestehen eines Zahlungsanspruchs geltend ge-

macht wird. Die Rechtshängigkeit einer solchen negativen Feststellungsklage

steht der Zahlungsklage nicht nach § 261 Abs. 3 Nr. 1 entgegen (BGH, Urteil

vom 20. Januar 1989 - V ZR 173/87 - NJW 1989, 2064 unter 1).

2. Die von den Beklagten erhobene Widerklage ist auch in der Form des

Urkundenprozesses zulässig. Das Berufungsgericht hat zu Recht angenom-

men, daß gegenüber einer im ordentlichen Verfahren erhobenen Klage eine

Widerklage im Urkundenprozeß erhoben werden kann.

a) Der prozessualen Befugnis, eine Widerklage auch im Urkundenpro-

zeß zu erheben, steht zunächst nicht entgegen, daß in den Vorschriften über

den Urkundenprozeß nur die Klage und der Kläger angesprochen werden (vgl.

§§ 593, 596, 597 ZPO). Die Widerklage hat nämlich in der Zivilprozeßordnung

keine eigenständige Regelung erfahren. Die Zivilprozeßordnung setzt ihre

grundsätzliche Zulässigkeit voraus, erwähnt sie in besonderen Fällen, in denen

sie ausgeschlossen ist (etwa §§ 530 Abs. 1, 595 Abs. 1, 610 Abs. 2, 640 c

Abs. 1 ZPO), und enthält für die Widerklage einige vom Verfahren über die

Klage abweichende Vorschriften (etwa §§ 33, 145 Abs. 2 ZPO). Die für die

Klage geltenden Regelungen finden auf die Widerklage deshalb auch ohne

besondere Erwähnung Anwendung.

b) Die Statthaftigkeit einer Urkundenwiderklage gegenüber einer im or-

dentlichen Verfahren erhobenen Klage ist nicht durch § 595 Abs. 1 ZPO aus-

geschlossen. Diese Vorschrift untersagt eine Widerklage nur gegenüber einer

im Urkundenprozeß erhobenen Klage.

§ 595 Abs. 1 ZPO kann auf die Urkundenwiderklage im ordentlichen

Verfahren auch nicht entsprechend angewendet werden, weil es an einer ver-

gleichbaren Interessenlage fehlt. Das Verbot der Widerklage im Urkundenpro-

zeß ist in der Gesetzesbegründung damit gerechtfertigt worden, daß eine W i-

derklage "die notwendig zu erhaltende Einfachheit des Verfahrens (scil. Urkun-

denverfahren) stören würde" (Motive zum Entwurf der CPO, in: Hahn, Die ge-

samten Materialien zu den Reichsjustizgesetzen, Bd. 2, S. 391). Diese Erwä-

gung ist im Zusammenhang damit zu sehen, daß der im Urkundenprozeß kl a-

genden Partei durch das unter Zurückstellung nicht urkundlich belegter Ein-

wendungen zustande kommende Vorbehaltsurteil ein Vollstreckungsprivileg

gewährten werden soll (vgl. Motive, in: Hahn, aaO, S. 387). Das Verbot der

Widerklage dient deshalb ihrem Interesse daran, daß der Erlaß eines Vorb e-

haltsurteils nicht durch eine Widerklage verzögert wird. Diese Interessenlage

besteht aber nicht, wenn ein Beklagter gegenüber einer Klage im ordentlichen

Verfahren eine Widerklage im Urkundenprozeß erhebt. Zwar ist die entstehen-

de Prozeßverbindung mit der zuvor erhobenen ordentlichen Klage möglicher-

weise geeignet, die Erledigung der Urkundenwiderklage zu verzögern. Der im

Urkundenprozeß klagende Widerkläger hätte dies aber verhindern können,

wenn er seinen Anspruch mit einer selbständigen Urkundenklage geltend ge-

macht hätte. Unterläßt er dies, verzichtet er auch auf die aus § 595 Abs. 1 ZPO

folgende Privilegierung.

c) Dahinstehen kann hier die Frage, ob die Zulässigkeit einer Widerkla-

ge voraussetzt, daß sie "in derselben Prozeßart" erhoben wird wie die Klage

(vgl. OLG Düsseldorf, OLGR 1993, 217; Baumbach/Lauterbach/Hartmann,

ZPO, 60. Aufl., Anh. § 253 Rn. 8; Zöller/Vollkommer, ZPO, 22. Aufl., § 33

Rn. 24). Selbst wenn man nämlich entsprechend dem Grundgedanken des

§ 260 ZPO verlangt, daß die Widerklage in derselben Prozeßart wie die Klage

erhoben wird, steht dies jedenfalls der Erhebung einer Urkundenwiderklage

gegenüber einer im ordentlichen Verfahren erhobenen Klage nicht entgegen.

Die Einschränkung des § 260 ZPO verfolgt den Zweck, daß in einem Prozeß

nicht Klagen miteinander verbunden werden sollen, deren Verfahrensregeln

derart gravierende Unterschiede aufweisen, daß eine gemeinsame Verhand-

lung und Entscheidung nicht oder nur unter Schwierigkeiten möglich ist. Derar-

tige Unterschiede bestehen zwischen dem ordentlichen Erkenntnisverfahren

und dem Urkundenverfahren jedoch nicht:

aa) Ein solcher wesentlicher Unterschied zwischen Verfahren, der einer

Prozeßverbindung entgegensteht, ist anzunehmen, wenn für die Rechtsmittel

gegen die Entscheidung über verschiedene Klageanträge oder eine Widerkla-

ge unterschiedliche Instanzenzüge gegeben sind. Aus diesem Grund ist etwa

eine Verbindung familienrechtlicher Verfahren mit ordentlichen Verfahren

- über den Anwendungsbereich von § 610 Abs. 1 ZPO hinaus - nicht zulässig

(vgl. BGH, Urteil vom 8. November 1978 - IV ARZ 73/78, NJW 1979, 426 unter

II 3). Die über eine Klage im Urkundenprozeß entscheidenden Urteile unterlie-

gen jedoch denselben Rechtsmitteln wie Urteile im ordentlichen Verfahren. Ein

selbständig anfechtbares Vorbehaltsurteil mit anschließendem Nachverfahren

kennt auch das ordentliche Verfahren im Fall einer Aufrechnung (§ 302 ZPO).

bb) Anders als der Wechsel- und Scheckprozeß enthält das Urkunds-

verfahren keine Vorschriften über die Verkürzung von Ladungsfristen (vgl.

§ 604 Abs. 2 und 3 ZPO) und keine Sonderbestimmung für die Änderung von

Terminen (vgl. § 227 Abs. 3 Nr. 4 ZPO). Derartige Unterschiede hat der Bun-

desgerichtshof im Verhältnis zwischen Wechselprozeß und Urkundenprozeß

als Grund dafür angesehen, daß in einem Wechselprozeß nicht hilfsweise für

den Fall, daß der Wechsel ungültig ist, eine Urkundenklage erhoben werden

kann (BGHZ 53, 11, 17; 82, 200, 207 f; BGH, Urteile vom 3. Mai 1982 - II ZR

229/81, NJW 1982, 2258 und vom 7. Dezember 1981 - II ZR 134/81, WM 1982,

271). Über Klagen im ordentlichen Verfahren und im Urkundenverfahren kann

deshalb jedenfalls zusammen terminiert und verhandelt werden.

cc) Auch die zentrale Besonderheit des Urkundenverfahrens, daß näm-

lich über die Urkundenklage unter Ausschluß der nicht durch Urkunden beleg-

baren streitigen Einwendungen des Beklagten ein Vorbehaltsurteil zu ergehen

hat, steht einer gemeinsamen Durchführung mit Klagen im ordentlichen Prozeß

nicht entgegen. Dem Umstand, daß die Urkundenklage im Regelfall in einem

früheren Stadium des Prozesses entscheidungsreif sein wird als die Klage im

ordentlichen Verfahren, kann durch den Erlaß eines Teilurteils (§ 301 Abs. 1

ZPO) grundsätzlich ausreichend Rechnung getragen werden. Bedarf es etwa

nach dem Ergebnis der ersten mündlichen Verhandlung für die Entscheidung

über die Klage im ordentlichen Verfahren einer Beweisaufnahme, während der

Rechtsstreit für die Entscheidung über die Urkundenwiderklage aufgrund der

Beweismittelbeschränkung schon entscheidungsreif ist, so kann und muß das

Gericht über die Widerklage, sofern der Erlaß eines Teilurteils nicht aus ande-

ren Gründen ausnahmsweise unzulässig ist, durch Teil-Vorbehaltsurteil ent-

scheiden. Das Nachverfahren, für welches die Beschränkungen in der Be-

weisführung nicht mehr gelten, kann sodann auch hinsichtlich einer etwaigen

Beweisaufnahme gemeinsam mit dem Verfahren über die Klage im ordentli-

chen Verfahren fortgesetzt werden.

dd) Der Verbindung einer ordentlichen Klage und einer Urkundenwider-

klage kann schließlich nicht entgegengehalten werden, durch die "Vermi-

schung der Verfahrensformen" könne die Beschränkung auf die im Urkunden-

prozeß zulässigen Beweismittel unterlaufen werden (Musielak/Voit, ZPO,

2. Aufl., § 595 Rn. 2). Einer Verwertung von bereits aus der Verhandlung zur

Klage mit anderen Mitteln als Urkunden oder Parteivernehmung gewonnenen

Beweisergebnissen für das Vorbehaltsurteil stünde nämlich § 595 Abs. 2 ZPO

entgegen. Für die Beurteilung der Sachgerechtheit eines Verfahrens ist von

dem Regelfall auszugehen, daß das Gericht prozeßordnungsgemäß vorgeht.

Im Nachverfahren wäre eine derartige Verwendung von Beweisergebnissen

aus der Verhandlung zur Klage im ordentlichen Verfahren ohnehin möglich,

weil hier die einschränkende Vorschrift des § 595 Abs. 2 ZPO nicht gilt.

d) Die Zulassung einer Urkundenwiderklage im ordentlichen Verfahren

ist, wie das Berufungsgericht zutreffend angenommen hat, prozeßökonomisch

und trägt einem praktischen, schutzwürdigen Interesse des Beklagten Rech-

nung. Denn er kann mit einer solchen Klage die Vorteile einer Widerklage mit

der vom Urkundenverfahren eingeräumten Chance verbinden, schneller als im

ordentlichen Verfahren zu einem vorläufigen Vollstreckungstitel zu gelangen.

aa) Das Interesse eines Beklagten, seinen mit Urkunden belegbaren

Anspruch gegen den Kläger gerade mit einer Widerklage und nicht mit einer

selbständigen Urkundenklage geltend zu machen, ergibt sich, von Kostenvor-

teilen abgesehen, daraus, daß er den Gerichtsstand des § 33 ZPO nutzen

kann. Ferner vermindert eine Verbindung die bei getrennten Prozessen beste-

hende Gefahr widersprechender Entscheidungen (vgl. BGHZ 40, 185, 188

m.w.N.). Dies zeigt sich im gegebenen Fall in besonderem Maße. Die Klage-

anträge betreffen Vorfragen, die für die Begründetheit der Widerklage präjudi-

ziell sind (vgl. § 256 Abs. 2 ZPO). Deshalb entspräche es bei ursprünglich ge-

trennten Prozessen über die Klage und die Urkundenklage der Beklagten der

Prozeßökonomie, die Verfahren zur Vermeidung einer Entscheidungsdivergenz

- jedenfalls nach Übergang in das Nachverfahren - gemäß § 147 ZPO zu ver-

binden. Eine Verbindung wäre der statt dessen in Betracht kommenden Aus-

setzung des Nachverfahrens nach § 148 ZPO vorzuziehen. Bestehen derartige

Interessen nicht, weil es an einem sachlichen Zusammenhang zwischen beiden

Ansprüchen fehlt, so kann das Gericht die Urkundenwiderklage nach § 145

Abs. 2 ZPO abtrennen.

bb) Die als Widerklage erhobene Urkundenklage bietet auch bei ge-

meinsamer Verhandlung mit der im ordentlichen Verfahren erhobenen Klage im

Regelfall die Chance, daß der Widerkläger schneller als im ordentlichen Ver-

fahren ein vorläufig vollstreckbares Urteil erlangen kann; denn das Vorbehalts-

urteil kann, wie dargelegt, grundsätzlich vorab im Wege eines Teilurteils erge-

hen.

3. Das Berufungsgericht hat ohne Rechtsfehler auf der Grundlage des

unstreitigen Parteivorbringens angenommen, daß der von der Klägerin ge-

schuldete Kaufpreis fällig ist, weil die Beklagten, wie nach § 2 Abs. 3 und 4 des

Kaufvertrages über die Anteile der TBG erforderlich, eine mit einem uneinge-

schränkten Bestätigungsvermerk vorgesehene Stichtagsbilanz zum 1. Januar

1997 vorgelegt haben.

a) Ohne Erfolg rügt die Revision, das Berufungsgericht habe nicht mit im

Urkundenverfahren zulässigen Beweismitteln festgestellt, daß die von den Be-

klagten der Klägerin übermittelte Bilanz vom 12. Mai 1997, obwohl sie als "An-

wachsungsbilanz" bezeichnet ist, der im Kaufvertrag als Fälligkeitsvorausset-

zung vereinbarten Stichtagsbilanz entsprochen habe. Daß das Berufungsge-

richt dies nicht näher begründet, sondern auf die Ausführungen in dem von den

Beklagten vorgelegten Gutachten der Sachverständigen K. verwiesen hat,

ist unschädlich. In dieser Verweisung liegt keine unzulässige Verwertung eines

Sachverständigengutachtens, sondern eine im Rahmen von § 313 ZPO mögli-

che Verweisung auf den Vortrag einer Partei, dem das Gericht aufgrund eige-

ner Überzeugung gefolgt ist.

Die in Bezug genommenen Ausführungen legen den Kaufvertrag dahin

aus, daß Fälligkeitsvoraussetzung die Vorlage einer zum 1. Januar 1997 um

1.01 Uhr zu erstellenden Bilanz sein sollte, die die Jahresabschlußbilanz zum

31. Dezember 1996 fortsetzt und nur die beiden in der Zwischenzeit erfolgten

Anwachsungsvorgänge fortschreibt. Eine solche Bilanz haben die Beklagten

vorgelegt. Die Vertragsauslegung, die das Berufungsgericht dementsprechend,

dem Gutachten folgend, vorgenommen hat, ist revisionsrechtlich nur be-

schränkt darauf überprüfbar, ob gesetzliche Auslegungsgrundsätze, Denkge-

setze, Erfahrungssätze oder Verfahrensvorschriften verletzt sind (vgl. etwa Se-

nat, BGHZ 135, 269, 273). Solche Fehler macht die Revision nicht geltend. Die

Auslegung des Berufungsgerichts ist im übrigen jedenfalls naheliegend, weil

die Parteien in § 1 Nr. 3 des Vertrages die schuldrechtliche Wirkung des Kaufs

im Innenverhältnis "auf den 1.1.1997, 1.01 Uhr (Stichtag)" festgelegt und in § 3

Nr. 3 ausdrücklich zwei Abschlüsse - den Jahresabschluß 1996 und den Zwi-

schenabschluß zum 1.1.1997 - unterschieden und nur den letzteren als Stich-

tagsbilanz bezeichnet haben.

b) Soweit die Revision rügt, das Berufungsgericht habe ihren Vortrag

übergangen, der von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft am 30. Juli 1997 er-

teilte Bestätigungsvermerk für die Bilanz könne sich nicht auf die Gewinn- und

Verlustrechnung und den Anhang beziehen, weil diese erst nach dem 23. Juli

1997 erstellt worden seien und die Prüfung im Juni 1997 stattgefunden habe,

ergibt sich daraus kein Rechtsfehler des Berufungsgerichts. Das Berufungsge-

richt hat nämlich festgestellt, daß die Gewinn- und Verlustrechnung und der

Anhang dem Prüfungsbericht vom 30. Juli 1997 beigefügt waren. Die Gewinn-

und Verlustrechnung und der Anhang dokumentieren in wenigen Zeilen ledig-

lich die beiden Anwachsungsvorgänge am 1. Januar 1997. Das Berufungsge-

richt durfte deshalb davon ausgehen, daß beide von der Wirtschaftsprüfungs-

gesellschaft zur Kenntnis genommen und in die erteilte Bestätigung einbezo-

gen worden sind.

Dr. Deppert

Dr. Hübsch

Dr. Beyer

Dr. Leimert

Dr. Frellesen