Rechtsprechung / BGH

BGH Beschluß vom 14.05.2002 – XI ZR 397/01

XI. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

XI ZR 397/01

BESCHLUSS

vom

14. Mai 2002

in dem Rechtsstreit

Der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch die Richter

Dr. Bungeroth, Dr. Müller, Dr. Joeres, Dr. Wassermann und die Richterin

Mayen

am 14. Mai 2002

beschlossen:

Die Ablehnungsgesuche der Beklagten gegen den

Vorsitzenden Richter am Bundesgerichtshof N. und

den Richter am Bundesgerichtshof Dr. S. werden als

unbegründet zurückgewiesen.

Gründe

1. Die klagende Bank nimmt die Beklagten auf Rückzahlung eines

Darlehens in Anspruch, das sie ihnen zur Finanzierung des Erwerbs ei-

ner im Strukturvertrieb angebotenen Eigentumswohnung gewährt hat.

Das Landgericht hat der Klage stattgegeben. Die Berufung der Beklagten

ist erfolglos geblieben.

Die Beklagten haben im Revisionsverfahren, in dem sie ihren Kla-

geabweisungsantrag weiterverfolgen, mit Schriftsatz vom 4. April 2002

und ergänzend mit Schriftsätzen vom 24. April und 13. Mai 2002 den

Vorsitzenden Richter am Bundesgerichtshof N. und den Richter am Bun-

desgerichtshof Dr. S. wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt. Zur

Begründung haben sie im wesentlichen geltend gemacht: Die abgelehn-

ten Richter verschlössen die Augen vor dem zu beurteilenden Fall. Dies

zeige die von ihnen mit bestimmte Rechtsprechung des XI. Zivilsenats

des Bundesgerichtshofs zu "drückervermittelten Wohnungsfinanzierun-

gen", die dem vorliegenden Rechtsstreit in tatsächlicher und rechtlicher

Hinsicht vergleichbare Fälle betreffe. Diese Rechtsprechung begünstige

einseitig die kreditgewährenden Banken. Das Verhalten der abgelehnten

Richter lege eine Bestechlichkeit nahe. Die Richter hätten an einer gan-

zen Serie von bankfinanzierten Seminaren zur Frage der Haftung der

Banken für "drückervermittelte Wohnungsfinanzierungen" gemeinsam mit

dem "Cheflobbyisten" Dr. Br. der B.bank, M., die vergleichbare Kredite

wie die Klägerin vergebe, teilgenommen. Hierfür hätten sie von den Ver-

anstaltern, darunter der Zeitschrift "W.", die von der "Interessengemein-

schaft ... Kreditinstitute" kontrolliert werde, Honorare erhalten. Richter

Dr. S. sei zudem Mitglied des Redaktionsbeirates der "W.". Auf einem

Seminar dieser Zeitschrift am 18. Mai 2001 habe Dr. Br. erklärt, warum

der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes drei Urteile des Oberlandes-

gerichts Ba., die gegen die B.bank ergangen seien, aufzuheben habe.

Richter Dr. S. habe dem zugestimmt und, bezogen auf die verbraucher-

freundliche Rechtsprechung des Oberlandesgerichts Ba., erklärt, "die-

sem Spuk" müsse "ein Ende bereitet werden". Später habe der

XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs die Urteile tatsächlich aufgeho-

ben. Vorsitzender Richter N. habe im Winter 2000 in einem Festvortrag

vor der Universität L. über seine Aufgabe als Richter gesprochen und

ausgeführt, es gelte, insbesondere gegenüber der Rechtsprechung des

Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaften, die Wettbewerbssi-

tuation der betroffenen deutschen Wirtschaftsbranche im Auge zu be-

halten. Die abgelehnten Richter weigerten sich, die zu beurteilenden

Sachverhalte, insbesondere die Vertriebsmethoden, derer sich die Ban-

ken bedienten, vollständig zur Kenntnis zu nehmen. Dies sei Rechtsbeu-

gung durch Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör.

Die abgelehnten Richter haben sich am 8. und 29. April 2002

dienstlich geäußert.

2. Die Ablehnungsgesuche sind nicht begründet.

a) Ablehnungsgesuch gegen Vorsitzenden Richter N.

aa) Die Ablehnung wegen Besorgnis der Befangenheit findet ge-

mäß § 42 Abs. 2 ZPO nur statt, wenn ein Grund vorliegt, der geeignet

ist, Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen.

Entscheidend ist, ob ein Prozeßbeteiligter bei vernünftiger Würdigung

aller Umstände Anlaß hat, an der Unvoreingenommenheit eines Richters

zu zweifeln (BVerfG NJW 1993, 2230 m.w.Nachw.). Davon kann hier kei-

ne Rede sein.

bb) Die Beklagten berufen sich ohne Erfolg auf die Rechtspre-

chung des XI. Zivilsenates des Bundesgerichtshofes zu kreditfinanzier-

ten Immobiliengeschäften. Die für einen Prozeßbeteiligten ungünstige

Rechtsauffassung eines Richters in einem früheren Rechtsstreit zwi-

schen anderen Parteien ist kein Ablehnungsgrund. Die Richterablehnung

wegen Besorgnis der Befangenheit dient nicht dazu, sich gegen eine für

unrichtig gehaltene Rechtsauffassung des Richters zu wehren, es sei

denn, die Rechtsauffassung beruhte auf einer unsachlichen Einstellung

des Richters oder auf Willkür. Die Mitwirkung eines Richters an früheren

Entscheidungen kann seine Ablehnung deshalb nur rechtfertigen, wenn

zusätzliche konkrete Umstände vorliegen, die ergeben, daß der Richter

nicht bereit ist, seine frühere Meinung kritisch zu überprüfen und das

Vorbringen der Prozeßbeteiligten unvoreingenommen zur Kenntnis zu

nehmen (BAG NJW 1993, 879). Derartige Umstände liegen nicht vor.

(1) Die Teilnahme eines Richters an Seminaren zu aktuellen

Rechtsfragen stellt keinen Ablehnungsgrund dar. Dies gilt auch dann,

wenn zugleich Vertreter von Banken oder andere Interessenvertreter

teilnehmen. Die Teilnahme von Richtern am Bundesgerichtshof und an-

deren Gerichten an wissenschaftlichen Veranstaltungen ist seit Jahr-

zehnten üblich und in der Fachöffentlichkeit allgemein bekannt. Sie dient

der Darstellung und Vermittlung der Rechtsprechung des Bundesge-

richtshofs und dem Austausch von Meinungen, auch in bezug auf sich in

der Bankpraxis neu stellende Probleme und deren wirtschaftlichen Hin-

tergrund. Ein wissenschaftlicher Austausch in diesem Sinne ist insbe-

sondere für ein oberstes Bundesgericht unverzichtbar. Damit geht ein-

her, daß die Teilnahme von Richtern an solchen Tagungen und ihre Mei-

nungsbekundungen dort grundsätzlich nicht geeignet sind, ihre Befan-

genheit zu begründen. Dies gilt auch dann, wenn wissenschaftliche Äu-

ßerungen über die bereits vorliegende Rechtsprechung hinausgehen

(vgl. BVerfG NJW 1997, 1500).

Auch das Verhältnis, in dem die Veranstalter der Seminare zur

Klägerin stehen, rechtfertigt die Besorgnis der Befangenheit nicht. Hin-

sichtlich des Veranstalters des Seminars am 27. Oktober 2000, des

R-Verlages, zeigen die Beklagten keine Beziehung oder wirtschaftliche

Abhängigkeit zur Klägerin oder anderen Banken auf. Hinsichtlich des

Seminars am 18. Mai 2001 machen sie ohne Erfolg geltend, dieses sei

von der Zeitschrift "W.", die von der "Interessengemeinschaft ... Kredit-

institute" kontrolliert werde, veranstaltet worden. Die Beklagten haben

keinen Anhaltspunkt dafür vorgetragen, daß die unterstellte Abhängi g-

keit der Zeitschrift "W." von der Kreditwirtschaft den wissenschaftlichen

Charakter des Seminars am 18. Mai 2001 in Frage gestellt und die

Rechtsauffassung des Richters zu den im vorliegenden Rechtsstreit er-

heblichen Rechtsfragen beeinflußt haben könnte.

Das Honorar, das die Veranstalter dem Richter gezahlt haben, ist

ein Entgelt für den Arbeits- und Zeitaufwand zur Vorbereitung und

Durchführung der Seminare. Derartige Honorare sind allgemein üblich

und werden aus den Einnahmen geleistet, die die Seminarveranstalter in

Form der Teilnehmergebühren erzielen. Vor diesem Hintergrund fehlt

jeder vernünftige Grund zu der Besorgnis, daß mit dem Honorar Einfluß

auf die Entscheidung des vorliegenden Rechtsstreits genommen werden

könnte. Der von den Beklagten geäußerte Verdacht der Bestechlichkeit

ist daher nicht nachvollziehbar.

(2) Der Festvortrag, den Vorsitzender Richter N. im Winter 2000

vor der Universität L. gehalten hat, rechtfertigt die Besorgnis der Befan-

genheit ebenfalls nicht. Derartige Vorträge rechtfertigen die Besorgnis

der Voreingenommenheit ebensowenig wie die Teilnahme an wissen-

schaftlichen Seminaren. Zudem räumen die Beklagten in ihrem Schrift-

satz vom 24. April 2002 selbst ein, daß der Richter sich hier nicht zu

kreditfinanzierten Immobiliengeschäften oder anderen im vorliegenden

Rechtsstreit erheblichen Fragen geäußert hat.

(3) Die pauschale Behauptung der Beklagten, der Richter weigere

sich, die zu beurteilenden Sachverhalte, insbesondere die Vertriebsme-

thoden, derer sich die Banken bedienten, vollständig zur Kenntnis zu

nehmen, reicht zur Darlegung eines Ablehnungsgrundes ebenfalls nicht

aus. Die Beklagten haben weder schlüssig vorgetragen, daß der Richter

in einem anderen Rechtsstreit den Anspruch einer Partei auf rechtliches

Gehör durch Übergehung eines bestimmten Tatsachenvortrages verletzt

haben könnte, noch, daß ein solches Verhalten die Besorgnis der Be-

fangenheit im vorliegenden Verfahren begründen könnte. Soweit die Be-

klagten geltend machen, der Richter sei in zwei Nichtannahmebeschlüs-

sen auf entscheidungserheblichen Vortrag nicht eingegangen, verkennen

sie, daß einer dieser Beschlüsse von einem anderen Senat des Bundes-

gerichtshofs und daher ohne Mitwirkung des Richters gefaßt worden ist,

sowie daß das Gesetz eine nähere Begründung für Nichtannahmebe-

schlüsse nicht vorsieht. Der Vorwurf der Rechtsbeugung durch Verlet-

zung des Anspruchs auf rechtliches Gehör entbehrt jeder Grundlage.

b) Ablehnungsgesuch gegen Richter Dr. S.

aa) Soweit das Ablehnungsgesuch gegen Richter Dr. S. auf die-

selben Gründe wie das Gesuch gegen Vorsitzenden Richter N. gestützt

wird, ist es aus den bereits dargelegten Gründen nicht gerechtfertigt.

bb) Auch die darüber hinaus geltend gemachten Gründe rechtferti-

gen die Besorgnis der Befangenheit nicht.

(1) Die Mitgliedschaft des abgelehnten Richters im Redaktionsbei-

rat der Zeitschrift "W." reicht hierfür nicht aus. Selbst die Mitgliedschaft

eines Richters in einem prozeßbeteiligten Verein mit einer größeren Mi t-

gliederzahl ist kein Ablehnungsgrund (BGH, Beschluß vom 5. März 2001

- I ZR 58/00, BGH-Report 2001, 432, 433).

(2) Soweit die Beklagten behaupten, Richter Dr. S. habe auf dem

Seminar am 18. Mai 2001 Dr. Br. darin zugestimmt, daß drei Urteile des

Oberlandesgerichts Ba., die zum Nachteil der B.bank ergangen waren,

aufzuheben seien, und, bezogen auf die verbraucherfreundliche Recht-

sprechung des Oberlandesgerichts Ba., erklärt, "diesem Spuk" müsse

"ein Ende bereitet werden", vermag auch dies dem Ablehnungsgesuch

nicht zum Erfolg zu verhelfen.

Es unterliegt bereits erheblichen Zweifeln, ob die behaupteten Äu-

ßerungen des Richters zu drei bestimmten, inzwischen abgeschlossenen

Revisionsverfahren überhaupt geeignet sein könnten, für Parteien ande-

rer Verfahren wie die Beklagten die Besorgnis der Befangenheit zu be-

gründen.

Jedenfalls ist ein Ablehnungsgrund nicht glaubhaft gemacht (§ 44

Abs. 2 Satz 1 ZPO). Der Richter hat in seiner dienstlichen Äußerung vom

8. April 2002 erklärt, er habe sich in keinem einzigen Fall zu einem

schwebenden Verfahren geäußert. Rechtsanwalt Prof. Dr. K. hat diese

Darstellung in seinem Schriftsatz vom 25. April 2002 in den Parallelver-

fahren XI ZR 196/01 und XI ZR 304/01 "voll und ganz" bestätigt. Gegen-

über diesen Äußerungen reichen die von den Beklagten vorgelegte ei-

desstattliche Versicherung von Frau A. La. vom 24. April 2002 und die

anwaltliche Versicherung von Rechtsanwalt Dr. Sc., die die Darstellung

der Beklagten im wesentlichen bestätigen, zur Glaubhaftmachung nicht

aus.

c) Die einzelnen von den Beklagten geltend gemachten Umstände

rechtfertigen auch bei zusammenfassender Würdigung die Besorgnis der

Befangenheit nicht. Das Verhalten der Richter begründet nicht die An-

nahme, die von ihnen mit bestimmte Rechtsprechung des Senats zu kre-

ditfinanzierten Immobiliengeschäften beruhe auf unsachlichen Erwägun-

gen und hindere sie daran, das Vorbringen der Beklagten im vorliegen-

den Rechtsstreit unvoreingenommen zur Kenntnis zu nehmen und zu

würdigen.

Bungeroth Müller Joeres

Wassermann Mayen