BGH Urteil vom 25.02.2003 – X ZR 240/00
X. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 25. Februar 2003 Potsch Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Der X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Ver-
handlung vom 25. Februar 2003 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Melullis,
den Richter Keukenschrijver, die Richterin Mühlens und die Richter Dr. Meier-
Beck und Asendorf
für Recht erkannt:
Auf die Revisionen der Kläger und der Beklagten wird das am
9. November 2000 verkündete Urteil des 22. Zivilsenats des Ober-
landesgerichts Celle aufgehoben.
Der Rechtsstreit wird zur anderweiten Verhandlung und Entschei-
dung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Be-
rufungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Parteien sind Geschwister und Miterben zu je ¼ am Nachlaß ihrer
am 1. März 1997 verstorbenen Mutter. Der geldwerte Nachlaß befindet sich auf
einem Konto, das die Parteien als Erbengemeinschaft gemeinsam unterhalten.
Auf dieses Konto ist nach dem Vorbringen der Kläger unter anderem der
Erlös aus dem Verkauf einer Eigentumswohnung, die der Mutter der Parteien
gehört hatte, geflossen.
Am gleichen Tag, an dem auch der Kaufvertrag über die Eigentumswoh-
nung notariell beurkundet wurde, machte die Mutter der Parteien den Klägern
ein notarielles Schenkungsversprechen in Höhe von je 90.000,-- DM, das diese
annahmen. Die Klägerin zu 1, die zu dieser Zeit Betreuerin ihrer Mutter war,
gab die im Schenkungsvertrag enthaltenen Erklärungen zugleich als Betreuerin
ihrer Mutter ab. Die Schenkungsurkunde trägt nach Darstellung der Kläger ein
von der Erblasserin persönlich stammendes Zeichen; die Parteien streiten dar-
über, ob dieses eine Unterschrift im Rechtssinne darstellt und von der Erblas-
serin eigenhändig oder in der Weise niedergelegt worden ist, daß die Klägerin
zu 1 ihr dabei die Hand geführt hat.
Mit ihrer Klage haben die Kläger von den Beklagten in Erfüllung der
Schenkung die Einwilligung in die Auszahlung von je 90.000,-- DM von dem
Konto der Erbengemeinschaft verlangt. Die Beklagten haben aus verschiede-
nen Gründen die Wirksamkeit des Schenkungsversprechens in Abrede gestellt
und insbesondere geltend gemacht, die Schenkung sei wegen mangelnder Ge-
schäftsfähigkeit der Erblasserin und wegen Beeinträchtigungsabsicht (§ 2287
BGB) unwirksam.
Das Landgericht hat der Klage stattgegeben und die Beklagten antrags-
gemäß verurteilt, die Zustimmung zur Auszahlung von je 90.000,-- DM an die
Kläger von dem gemeinsamen Nachlaßkonto in Erfüllung einer Nachlaßschuld
gegenüber den Klägern zu erklären.
In der Berufungsinstanz haben die Parteien auch darüber gestritten, ob
nicht zunächst eine Erbauseinandersetzung erfolgen müsse. In der Berufungs-
verhandlung haben die Kläger ihre Forderung umgestellt. Sie haben beantragt,
die Beklagten als Gesamtschuldner zur Zahlung - nicht mehr zur Zustimmung
zur Auszahlung - zu verurteilen. Hilfsweise haben sie beantragt, die Beklagten
zur Zustimmung zu einer Teilerbauseinandersetzung derart zu verurteilen, daß
von dem gemeinsamen Konto je 90.000,-- DM an alle vier Erben ausgezahlt
werden sollten. Diesen Hilfsantrag haben die Beklagten sofort anerkannt und
ferner erklärt, für den Fall, daß der Senat den Anspruch jeder der Beklagten
aus § 2287 BGB für gegeben halte, die Geschäftsfähigkeit der Erblasserin bei
Abgabe des Schenkungsversprechens nicht mehr zu bestreiten.
Das Berufungsgericht hat auf die Berufung der Beklagten und die An-
schlußberufung der Kläger das landgerichtliche Urteil teilweise abgeändert und
die Beklagten als Gesamtschuldner verurteilt, an die Kläger je 45.000,-- DM
nebst Zinsen zu zahlen. Die weitergehende Berufung und die weitergehende
Anschlußberufung hat das Berufungsgericht "unter Abweisung des weiterge-
henden Hauptantrags der geänderten Klage" zurückgewiesen.
Gegen dieses Urteil richtet sich die Revision der Kläger und die Revisi-
on der Beklagten, mit der sie, soweit jeweils zu ihrem Nachteil entschieden
worden ist, die in der Berufungsinstanz jeweils gestellten Anträge weiterverfol-
gen. Die Kläger bitten um Zurückweisung der Revision der Beklagten, die Be-
klagten beantragen die Zurückweisung der Revision der Kläger.
Entscheidungsgründe
Die Revisionen beider Parteien haben Erfolg; sie führen zur Aufhebung
des angefochtenen Urteils und zur Zurückverweisung der Sache an das Beru-
fungsgericht.
1. Das Urteil des Berufungsgerichts enthält keinen Tatbestand, weil das
Berufungsgericht angenommen hat, die für die Zulässigkeit der Revision nötige
Beschwer von mehr als 60.000,-- DM sei weder auf Seiten der Kläger noch auf
Seiten der Beklagten erreicht. Da der Senat die Beschwer der Beklagten auf
jeweils mehr als 60.000,-- DM und diejenige der Kläger auf
jeweils
33.750,-- DM festgesetzt hat, unterliegt das angefochtene Urteil der Revision
und ist deshalb ein Tatbestand erforderlich, § 543 Abs. 2 ZPO in der hier an-
wendbaren, bis zum 31. Dezember 2001 geltenden Fassung. Fehlt der Tatbe-
stand, so verfällt das Berufungsurteil grundsätzlich der Aufhebung (BGHZ 73,
248, 252; BGH, Urt. v. 20.05.1994 - V ZR 292/92, WM 1994, 1824; Urt. v.
28.10.1993 - I ZR 147/91, NJW-RR 1994, 362), weil einem Urteil, das keinen
Tatbestand enthält, in der Regel nicht entnommen werden kann, welchen
Streitstoff das Berufungsgericht seiner Entscheidung zugrunde gelegt hat, so
daß dieser einer abschließenden Überprüfung in der Revisionsinstanz nicht
zugänglich ist (BGH, Urt. v. 01.02.1999 - II ZR 176/97, NJW 1999, 1720).
Der Ausnahmefall, daß sich gleichwohl der Sach- und Streitstand aus
den Entscheidungsgründen des angefochtenen Urteils in einem für die Beur-
teilung der aufgeworfenen Rechtsfragen ausreichenden Umfang ergibt, liegt
hier nicht vor. Es ist im Gegenteil nicht klar, über welchen Streitgegenstand das
Berufungsgericht entscheiden wollte.
Die Parteien haben in der Berufungsinstanz zum einen über den klägeri-
schen Antrag auf Erfüllung des Schenkungsversprechens und zum anderen
über den von den Beklagten anerkannten Hilfsantrag zur Zustimmung einer
Teilerbauseinandersetzung gestritten. Das Landgericht hat seine Entscheidung
auf den Schenkungsvertrag gestützt. Hiergegen haben sich die Beklagten mit
der Berufung gewandt. Sie haben allerdings im Rahmen ihrer Berufungsbe-
gründung auch die Auffassung vertreten, die Kläger müßten zunächst einen
Teilungsplan erstellen, weil nur so festgestellt werden könne, ob ihnen, den
Beklagten, - die Wirksamkeit des Schenkungsvertrages unterstellt - Pflichttei-
lergänzungsansprüche zustünden. Die Beklagten haben aber weiter geltend
gemacht, der Schenkungsvertrag sei nichtig, weil die Erblasserin geschäftsun-
fähig gewesen sei, außerdem stelle sich der Schenkungsvertrag als beein-
trächtigende Schenkung im Sinne von § 2287 BGB dar.
Nach dem Inhalt der Entscheidungsgründe zur Sache hat das Beru-
fungsgericht den Anspruch der Kläger aus dem Schenkungsversprechen ge-
prüft und dessen Wirksamkeit bejaht; auf die Frage der Erbauseinanderset-
zung ist es bei seinen Erörterungen zur Sache nicht im Sinne der Prüfung einer
Anspruchsgrundlage eingegangen. Für dieses Verständnis spricht auch, daß
das Berufungsgericht die Einwendungen aus § 2287 BGB geprüft und jeden-
falls teilweise für begründet gehalten hat. Über die Geschäftsfähigkeit der Erb-
lasserin bei der Beurkundung des Schenkungsversprechens hat das Beru-
fungsgericht nicht entschieden, weil es gemeint hat, diese werde von den Be-
klagten für den Fall nicht mehr bestritten, daß - wie geschehen - das Beru-
fungsgericht die Einwendungen der Beklagten aus § 2287 BGB für begründet
halte. Auch dies spricht dafür, daß das Berufungsgericht über den Anspruch
aus dem Schenkungsversprechen entschieden hat.
Demgegenüber sprechen die Ausführungen des Berufungsgerichts zur
Kostenverteilung dafür, daß sich die Verurteilung der Beklagten allein auf den
Hilfsantrag der Kläger stützt, der nicht einen Anspruch aus Schenkungsver-
sprechen, sondern eine Erbauseinandersetzung zum Gegenstand hat. In die-
sem Zusammenhang hat das Berufungsgericht den Erfolg der Klage auf den
gestellten Hilfsantrag zurückgeführt, der mit dem Verlangen nach Erbausein-
andersetzung einen anderen und selbständigen Klagegrund betraf. Bei seiner
Berechnung des Klageanspruchs bleibt schließlich unklar, wie dieser aus der
jeweiligen Anspruchsgrundlage herzuleiten ist. Damit hat das Berufungsgericht
übersehen, daß der in der mündlichen Verhandlung mit dem Hilfsantrag gel-
tend gemachte Anspruch der Kläger auf Teilerbauseinandersetzung einen an-
deren Streitgegenstand betraf als der mit dem Hauptantrag weiterhin verfolgte
Anspruch auf Erfüllung einer Nachlaßschuld, nämlich des Schenkungsverspre-
chens. Die Revisionen beider Parteien rügen daher übereinstimmend zu Recht,
daß danach nicht erkennbar ist, über welchen Streitgegenstand das Beru-
fungsgericht hat entscheiden wollen.
2. Bei der erneuten Verhandlung und Entscheidung wird das Berufungs-
gericht die Erklärung der Beklagten, für den Fall, daß der Senat den Anspruch
jeder der Beklagten aus § 2287 BGB für gegeben halte, werde die Geschäfts-
fähigkeit der Erblasserin bei Abgabe des Schenkungsversprechens nicht mehr
bestritten, zu würdigen haben.
Sollte es sich dabei um ein bedingtes Geständnis handeln, begegnet
dessen Wirksamkeit Bedenken. Ein unter eine Bedingung gestelltes Geständ-
nis ist in der Regel unzulässig (MünchKommZPO/Prütting, 2. Aufl., § 288
Rdn. 30; Musielak/Huber, ZPO, 3. Aufl., § 288 Rdn. 6; Stein/Jonas/Leipold,
Rosenberg/Schwab/Gottwald, Zivilprozeßrecht, 15. Auflage, § 114 I 1 d). Be-
sondere Umstände, aus denen sich gegebenenfalls gleichwohl eine Zulässig-
keit ergeben könnte, sind derzeit nicht erkennbar. Danach schiede hier eine
prozessuale Wirksamkeit und damit zugleich eine Bindung der Beklagten an
ihre Erklärung aus. Soweit der Vortrag der Beklagten hier jedoch dahin zu ver-
stehen sein sollte, daß diese ihre Behauptung, die Schenkerin sei geschäfts-
unfähig gewesen, nur für den Fall aufrecht erhalten wollen, daß das Gericht die
Voraussetzungen des § 2287 BGB für nicht gegeben ansieht, könnte die darin
liegende Bedingung nach den für Prozeßhandlungen geltenden allgemeinen
Grundsätzen in gleicher Weise unzulässig sein. Nach der Rechtsprechung
dürfen auch die von den Parteien gestellten Sachanträge von einer innerpro-
zessualen Bedingung abhängig gemacht werden (BGHZ 132, 390, 398; BGH,
Urt. v. 11.07.1996 - IX ZR 226/94, NJW 1996, 3147, 3150). Für sonstige Pro-
zeßhandlungen und für den Vortrag von Tatsachen kann im Grundsatz - be-
grenzt allerdings durch die gesetzliche Pflicht zu vollständigem und wahrheits-
gemäßem Vortrag (§ 138 Abs. 1 ZPO) und zur Prozeßförderung (§ 282 Abs. 1
ZPO) - nichts anderes gelten; insoweit erscheint daher grundsätzlich ein an
eine innerprozessuale Bedingung angeknüpftes Zugeständnis denkbar. Bei
diesem Verständnis wird das Berufungsgericht jedoch zu prüfen haben, wie die
Erklärung der Beklagten zu verstehen ist, ob diese insbesondere auf den Ein-
wand der mangelnden Geschäftsfähigkeit der Erblasserin auch für den Fall
verzichten wollten, daß die vom Berufungsgericht zu ihren Gunsten entschie-
dene Rechtsfrage im weiteren Instanzenzug anders beurteilt wird, und welche
Konsequenzen sich gegebenenfalls daraus ergeben, wenn eine solche Folge
nicht ihrem Willen entsprochen haben sollte.
Das Berufungsgericht wird ferner zu klären haben, in welcher Reihenfol-
ge die verschiedenen Anträge der Parteien zu beurteilen sind. Zwar steht es
den Parteien, wie bereits dargelegt, frei, von innerprozessualen Bedingungen
abhängige Hilfsanträge zu stellen. Voraussetzung dafür ist aber mindestens ein
ohne Bedingungen gestellter Hauptantrag
(BGH, Urt. v. 11.07.1996
- IX ZR 226/94, NJW 1996, 3147, 3150; Urt. v. 14.11.1994 - II ZR 160/93, NJW
1995, 1353).
Melullis
Keukenschrijver
Mühlens
Meier-Beck
Asendorf