BGH Urteil vom 06.05.2003 – X ZR 113/00
X. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in der Patentnichtigkeitssache
Verkündet am: 6. Mai 2003 Mayer Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Der X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Ver-
handlung vom 6. Mai 2003 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Melullis und die
Richter Scharen, Keukenschrijver, Dr. Schaffert und Asendorf
für Recht erkannt:
Die Berufung gegen das am 4. Mai 2000 verkündete Urteil des
3. Senats (Nichtigkeitssenats) des Bundespatentgerichts wird auf
Kosten des Beklagten zurückgewiesen.
Tatbestand
Der Beklagte ist eingetragener Inhaber des unter anderem mit Wirkung
für das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland erteilten europäischen
Patents 0 252 779 (Streitpatent), das auf einer Anmeldung vom 4. Juni 1987
beruht, mit der die Prioritäten französischer Patentanmeldungen vom 5. Juni
1986 bzw. 9. Januar 1987 in Anspruch genommen worden sind. Anspruch 1
des in der Verfahrenssprache Französisch erteilten Streitpatents lautet gemäß
Sp. 28 Z. 36 ff. der Streitpatentschrift in deutscher Sprache wie folgt:
"Flachantenne, mit einem, zwischen zwei Masseflächen (11, 13)
angeordneten, zentralen Leiter (22), wobei dieser Leiter einen
durch eines dielektrischen, zwischen der oberen (11) und der unte-
ren Massefläche (13) aufgehängten Stützblatt (12) gehaltenen Mi-
kro-Streifenleiter ist, und strahlende Elemente, welche mit Endbe-
reiche des zentralen Leiters in elektromagnetischer Kopplung zu-
sammenwirken, wobei der Abstand zwischen dem dielektrischen
Stützblatt des zentralen Leiters und den metallischen Platten (11,
13) durch mit Abstand zueinander angeordnete Positionierstützen
(31, 10) gehalten wird,
d a d u r c h g e k e n n z e i c h n e t , daß die strahlenden Ele-
mente in den Masseflächen angebrachten und zueinander paar-
weise (20 a, 20 b) ausgerichteten Schlitzen sind und daß die ge-
nannten Masseflächen (11, 13) durch dünne, metallische, selbst-
tragende Platten gebildet werden, welche mit dem genannten
dielektrischen Stützblatt (12) eine dünne Tripelstruktur (A) bilden."
Wegen des Wortlauts des Anspruchs 1 in der maßgeblichen Verfah-
renssprache und des Wortlauts der Ansprüche 2 bis 25 wird auf die Streitpa-
tentschrift verwiesen.
Die Klägerin hat mit der Nichtigkeitsklage geltend gemacht, der Gegen-
stand des Streitpatents beruhe jedenfalls nicht auf erfinderischer Tätigkeit.
Das Bundespatentgericht hat das Streitpatent mit Wirkung für das Ho-
heitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland für nichtig erklärt.
Der Beklagte verfolgt mit der Berufung seinen Antrag auf Abweisung der
Nichtigkeitsklage weiter, wobei er das Streitpatent hilfsweise in einer Fassung
verteidigt, bei welcher im letzten Halbsatz des Anspruchs 1 die Platten zusätz-
lich als im Bereich der Schlitze und des Mikro-Streifenleiters flach gekenn-
zeichnet sind.
Die Klägerin tritt dem Rechtsmittel entgegen.
Der Senat hat Beweis erhoben durch Einholung eines schriftlichen Gut-
achtens
des
Prof.
Dr.-Ing.
W.
W.
vom
... . Der Sachverständige hat die-
ses Gutachten in der mündlichen Verhandlung erläutert und ergänzt.
Entscheidungsgründe
Die zulässige Berufung des Beklagten hat in der Sache keinen Erfolg.
1. Die Erfindung nach dem Streitpatent betrifft eine Hyperfrequenz-
Flachantenne, die vorzugsweise zum Empfang per Satellit ausgestrahlter Fern-
sehprogramme eingesetzt werden, aber auch zum Abstrahlen (Senden) hoch-
frequenter Signale dienen kann. Die Streitpatentschrift schildert unter Hinweis
auf die aus der europäischen Patentanmeldung 0 064 313 vorbekannte Anten-
ne und auf die in einem Artikel "Guides multiconducteurs" der Arbeit "Les tech-
niques de l'ingenieur" beschriebene Antenne, daß man sich bei der bisherigen
Entwicklung solcher Flachantennen an der Erzielung eines maximalen Wir-
kungsgrads orientiert und deshalb geglaubt habe, bei der Formgebung und
Montage der Elemente strikte Toleranzbedingungen einhalten zu müssen
(Sp. 1 Z. 15 f. u. 47 ff. d. Beschr.; deutsche Übers. S. 1, 2. Abs. u. S. 2,
2. Abs.). Dabei wird als Nachteil auch die Verwendung eines massiven, schwe-
ren dielektrischen Materials erwähnt.
Die Streitpatentschrift wendet sich sodann Entwicklungen zu, die als
Versuche bezeichnet werden, sich von den bisherigen Toleranzgrenzen zu be-
freien. Neben dem Vorschlag, der aus der vor dem Prioritätsdatum des Streit-
patents eingereichten, aber erst nach diesem Zeitpunkt veröffentlichten euro-
päischen Patentanmeldung 0 228 742 ersichtlich ist, handelt es sich hierbei um
die Flachantenne, die Gegenstand der europäischen Patentanmeldung
0 123 350 ist. Diese Antenne wird als Vorrichtung beschrieben, die mit einem
als zentraler Leiter arbeitenden Mikro-Band versehen sei, das zwischen zwei
Metallplatten aufgehängt sei, die eine erhebliche Dicke (in der Größenordnung
von 7 bis 10 mm bei 12 GHz) hätten. Dadurch wird die Notwendigkeit massiven
dielektrischen Materials zwischen zentralem Leiter und Masseflächen vermie-
den; erforderlich ist ein solches Material lediglich als Träger für das Mikro-
Band. Dieser Umstand ist in der Streitpatentschrift zwar nicht ausdrücklich er-
wähnt, ergab sich für den Fachmann, der sich im Prioritätszeitpunkt mit der Er-
findung befaßte, jedoch ebenso ohne einen solchen Hinweis wie die Erkennt-
nis, daß die Ausfüllung des Zwischenraums zwischen den Platten durch ein
entsprechend massives Dielektrikum zwar eine besonders genaue Positionie-
rung der beiden Leiter zueinander erlaubt, aber - wie der gerichtliche Sachver-
ständige in seinem schriftlichen Gutachten ausgeführt hat - bei größeren An-
tennen, wie sie für den Satellitenempfang nötig sind, zu untragbaren Verlusten
und Kosten führt. Von diesem Erkenntnisstand kann ausgegangen werden, weil
es um einfache Schlußfolgerungen bzw. um in der Elektrotechnik geläufige Er-
kenntnisse geht, die einem Fachmann ohne weiteres zugetraut werden können.
Bei diesem handelt es sich um einen Diplomingenieur oder promovierten Inge-
nieur der Elektrotechnik mit Erfahrungen auf den Gebieten der Streifenlei-
tungstechnik und der Feldtheorie. Nach den Angaben des gerichtlichen Sach-
verständigen waren Personen dieser Qualifikation diejenigen, die zum Priori-
tätszeitpunkt die Entwicklungstätigkeit auf dem Gebiet der Hyperfrequenz-
Antennen leisteten.
An dem Vorschlag der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 wird in
der Streitpatentschrift jedoch bemängelt, daß stets ein Bearbeitungsvorgang an
den dicken Metallplatten erforderlich sei, um Wellenleiter zu bilden, die mit
Endabschnitten des zentralen Leiters gekoppelt seien (Sp. 2 Z. 3 ff.; deutsche
Übers. S. 2, 2. Abs.). Auch diesen Nachteil im Stand der Technik will die Erfin-
dung nach dem Streitpatent vermeiden.
Insgesamt ergibt sich aus der erwähnten Schilderung der Nachteile im
Stand der Technik in Verbindung mit den an verschiedenen Stellen der Streit-
patentschrift hervorgehobenen Vorteilen der Erfindung, daß mit ihr eine zum
Betrieb in einem breiten Band geeignete, durch Module zu verwirklichende
Antenne zu Verfügung gestellt werden soll, die ausgezeichnete Leistungen bei
einem Herstellungsverfahren bietet, bei dem vorkommende geringere Unge-
nauigkeiten nicht schaden und das eine Massenproduktion mit geringen Ent-
stehungskosten erlaubt.
2. Hierzu wird nach Anspruch 1 des Streitpatents eine Hyperfrequenz-
Flachantenne vorgeschlagen, die aufweist
1. Platten (eine untere und eine obere), die
a) metallisch sind,
b) dünn sind,
c) selbsttragend sind,
d) mit dem nachfolgend beschriebenen Stützblatt eine dünne
Tripelstruktur bilden,
e) Masseflächen bilden,
2. ein Stützblatt, das
a) dielektrisch ist,
b) zwischen den Masseflächen aufgehängt ist,
3. Positionierstützen, die
a) im Abstand zueinander angeordnet sind,
b) die Platten und das dielektrische Stützblatt jeweils im Abstand
zueinander halten,
4. einen zentralen Leiter, der
a) ein Mikro-Streifenleiter ist,
b) zwischen den Masseflächen angeordnet ist,
c) vom Stützblatt gehalten wird,
d) Endbereiche hat,
5. strahlende Elemente,
a) in Form von Schlitzen, die
b) in den Masseflächen angebracht sind,
c) paarweise ausgerichtet sind,
d) mit den Endbereichen des zentralen Leiters in elektromagne-
tischer Kopplung zusammenwirken.
Das Sachverständigengutachten und die ergänzende Erörterung mit
dem gerichtlichen Sachverständigen in der mündlichen Verhandlung haben
ergeben, daß bei dieser Lösung das Erfordernis dünner Platten (Merkmal 1 b)
und die Notwendigkeit, die Aperturen als Schlitze auszuführen (Merkmal 5 a),
einander bedingen. Danach verstand der Fachmann des Prioritätszeitpunkts
Merkmal 5 a entsprechend der für ihn gewohnten Ausdrucksweise als eine Öff-
nung in einer Ebene, d.h. ohne wesentliche Ausdehnung in der dritten Dimen-
sion, mit der Folge, daß praktisch ein Hohlraum in der Platte nicht vorhanden
sein darf, der eine zum Abstrahlen oder zum Empfang von Signalen nutzbare
Tiefe hat, insbesondere als Wellenleiter verwendet werden kann. Als dünn im
Sinne des Merkmals 1 b kann demgemäß eine metallische Platte angesehen
werden, die deutlich unter der für einen Wellenleiter erforderlichen Abmessung
von mindestens der halben Wellenlänge bleibt und bei den im Hyperfrequenz-
bereich verwendeten Signalwellen nur etwa die in Spalte 18 Zeile 43 der
Streitpatentschrift angegebene Stärke von 0,8 mm aufweist.
Für die solch hinreichend dünne, geschlitzte und selbsttragende Masse-
platten nutzende Flachantenne hebt die Streitpatentschrift im Rahmen der Er-
läuterung des gemachten Vorschlags zum Schluß der Beschreibung hervor,
daß und in welcher Weise sich durch angestellte Versuche erwiesen habe, wie
weit erfindungsgemäß die Herstellungstoleranzen reichten. Danach wurden
diese Versuche sowohl mit einem Element mit lediglich einem Abstrahlöff-
nungspaar als auch mit einem Modul mit 16 solchen Elementen durchgeführt,
wobei unter dem/jedem Abstrahlöffnungspaar ein bestimmter zylindrischer, ge-
schlossener Hohlraum vorhanden war. Das/Die Element(e) bestanden im übri-
gen aus zwei Masseplatten aus Aluminium mit einer Dicke von 0,8 mm, die
1,7 mm voneinander beabstandet waren. Dazwischen trug eine dünne Folie
(cid:0)(cid:2)(cid:1)(cid:4)(cid:3)(cid:6)(cid:5)(cid:7)(cid:1)(cid:4)(cid:3)(cid:9)(cid:8)(cid:11)(cid:10)(cid:11)(cid:12)(cid:14)(cid:13)(cid:15)(cid:1)(cid:4)(cid:3)(cid:17)(cid:16)(cid:7)(cid:1)(cid:19)(cid:18)
(cid:8)(cid:20)(cid:1)(cid:4)(cid:10)(cid:22)(cid:21)(cid:24)(cid:23)(cid:25)(cid:18)(cid:15)(cid:1)(cid:27)(cid:26)(cid:28)(cid:1)(cid:4)(cid:10)(cid:11)(cid:29)(cid:9)(cid:30) (cid:31)(cid:9)!"(cid:29)(cid:9)(cid:10)#(cid:1)(cid:19)(cid:18)$!"(cid:1)(cid:4)(cid:3)
aus Kapton mit einer Dicke von 75
bestanden darin, daß einmal (sozusagen als Referenz) ein durch Lithographie
hergestellter Standardleiter, zum anderen ein mit einem Messer manuell ge-
schnittener Leiter verwendet wurde. Schließlich wurde der untere zylindrische
Hohlraum mit einem Durchmesser von 20 mm und einer Tiefe von 9,2 mm
durch einen Hohlraum ersetzt, der manuell aus Aluminiumküchenpapier ge-
formt war. Die Streitpatentschrift reklamiert, als bemerkenswert habe sich er-
geben, daß die Qualität der Versuchsergebnisse durch keine der gewählten
Abwandlungen wesentlich verändert worden sei.
3. Gegenüber Anspruch 1 des Streitpatents besteht der Nichtigkeits-
grund des Art. II § 6 Abs. 1 Nr. 1 IntPatÜG, und zwar unabhängig von der Be-
antwortung der Frage der Neuheit (Art. 54 f. EPÜ). Denn der Gegenstand die-
ses Patentanspruchs ergab sich für den Fachmann des Prioritätszeitpunkts
jedenfalls in naheliegender Weise aus dem Stand der Technik (Art. 52 Abs. 1,
56 EPÜ).
a) Wie es in der Streitpatentschrift auch angegeben ist, ist aus dem
Stand der Technik vor allem die in der europäischen Patentanmeldung
0 123 350 beschriebene Hyperfrequenz-Flachantenne heranzuziehen. Diese
Vorrichtung hat eine dünne dielektrische Folie, auf welcher der Endbereiche
aufweisende Mittelleiter in Form von Mikro-Streifen aufgebracht ist. Folie und
Mittelleiter befinden sich zwischen zwei Platten, die mit paarweise ausgerich-
teten kreisförmigen Löchern versehen sind und aus Metall bestehen können,
jedenfalls aber leitend sein müssen, weil sie die Masseflächen der Antenne
ausbilden. Die Lage der Folie mit dem Mittelleiter wird durch beabstandete Po-
sitionierungsvorsprünge erhalten, die auf den Platten angeordnet oder deren
Bestandteil sind. Aufgrund der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 war
damit zum Prioritätszeitpunkt eine Hyperfrequenz-Flachantenne bekannt, die,
was metallische, selbsttragende und Masseflächen bildende Platten (Merkma-
le 1, 1 a, 1 c, 1 e), das Stützblatt (Merkmale 2, 2 a, 2 b), die Positionierstützen
(Merkmale 3, 3 a, 3 b) und den zentralen Leiter (Merkmale 4, 4 a-d) betrifft, mit
den Merkmalen des Anspruchs 1 des Streitpatents übereinstimmt. Die be-
kannte Antenne weist ferner Aperturen nach Maßgabe des nach den Merkma-
len 5 b und c für Schlitze gemachten Vorschlags auf, die zur Kopplung mit den
jeweiligen Endbereichen des zentralen Leiters dienen (vgl. Merkmal 5 d).
Hiervon ausgehend mußte der Fachmann nur noch die sich in den
Merkmalen 1 b (dünne Platten) und 5 a (Schlitze als strahlende Elemente)
ausdrückende Gestaltung auffinden. Daß hierin der wesentliche Schritt zur Lö-
sung nach dem Streitpatent bestand, gilt unabhängig davon, ob und inwieweit
die Offenbarung der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 auch etwas im
Hinblick auf die nach Merkmal 1 d notwendigerweise dünne Tripelstruktur so-
wie darauf hergab, daß nach Merkmal 5 d die Verantwortlichkeit der Schlitze
für die elektromagnetische Kopplung gegeben sein muß. Denn die Verwirkli-
chung der Merkmale 1 b und 5 a bei einer ansonsten nach der europäischen
Patentanmeldung 0 123 350 gestalteten Flachantenne bedeutet zugleich eine
Gestaltung nach den Merkmalen 1 d und 5 d. Während es auf der Hand liegt,
daß bei Verwendung dünner Masseplatten eine dünne Tripelstruktur, d.h. ein
dreifach gestufter Aufbau mit geringer Höhe, vorhanden ist (Merkmal 1 d), er-
gibt sich das bei Merkmal 5 d ebenfalls ohne weiteres. Denn wie auch der Be-
klagte immer wieder betont hat, führen Schlitze bei einer auch ansonsten die
Merkmale des Anspruchs 1 des Streitpatents aufweisenden Gestaltung zu der
mit dem Merkmal 5 d beanspruchten Kopplung.
b) Der Senat ist davon überzeugt, daß zum Auffinden einer den Merk-
malen 1 b und 5 a entsprechenden Gestaltung bei einer ansonsten aufgrund
der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 beschaffenen Flachantenne
eine erfinderische Leistung nicht erforderlich war.
Was die nach dem Vorgesagten im Hinblick auf die Verwirklichung der
Merkmale 1 b und 5 a letztlich maßgebliche Dicke der Masseplatten dieser
Antenne betrifft, erhielt der Fachmann durch die europäische Patentanmeldung
0 123 350 keine eindeutige Anweisung. Unmittelbare Angaben zu der Stärke
der Platten mit den Bezugszeichen 40 und 10 fehlen in dieser Schrift. Aus der
Darstellung in der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 ließen sich auch
keine zwingenden Rückschlüsse gewinnen, ob dieser Vorschlag auf eine be-
stimmte Dicke der Platten abhebt.
Entgegen der Meinung des Beklagten ließ sich dieser Schrift nicht ent-
nehmen, daß die Wirkung dieser Antenne auf dem Wellenleiterprinzip basiert,
das nach den Ausführungen des gerichtlichen Sachverständigen in der mündli-
chen Verhandlung Hohlkörper mit durchgehender leitender Wandung und einer
Erstreckung von mindestens der Hälfte der zu empfangenden bzw. abzustrah-
lenden Welle voraussetzt und das auch nach der Darstellung des Beklagten,
wonach Töpfe oder Trichter mit unterbrochener Wandung ebenfalls als Wel-
lenleiter wirken können, deutlich dickere Masseplatten voraussetzt, als sie für
das Streitpatent kennzeichnend sind. Wie der gerichtliche Sachverständige auf
Nachfrage in der mündlichen Verhandlung bestätigt hat, erwähnt die Beschrei-
bung der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 nicht, daß die vorgeschla-
gene Antenne mit Hohlleitern arbeiten solle. Den Figuren 1 a und b der euro-
päischen Patentanmeldung 0 123 350, die bezogen auf das Stützblatt ver-
gleichsweise sehr dicke Platten mit den Bezugszeichen 40 und 10 zeigen,
konnte der Fachmann in dieser Hinsicht Verläßliches ebenfalls nicht entneh-
men, weil in der Beschreibung ausdrücklich angegeben ist, aus Gründen der
Klarheit der Darstellung seien die Abmessungen in Richtung der Dicke im
Querschnitt stark übertrieben gezeigt. Als Hinweis darauf, daß die Antenne der
europäischen Patentanmeldung 0 123 350 mit Masseplatten mit für einen
Wellenleiter erforderlicher Dicke auszuführen sei, bleibt deshalb allenfalls der
Umstand, daß in den Figuren 1 a und b der äußere Rand der Aperturen in der
Platte 40 mit einer Fase versehen dargestellt ist. Dem steht jedoch entgegen,
daß die Tiefe b in den Figuren 3 b bzw. 4 b mit 1,8 bzw. 2 mm angegeben ist
(S. 5 Z. 11, S. 6 Z. 8; deutsche Übers. S. 6 bzw. 7). Denn hieraus läßt sich
- wie der gerichtliche Sachverständige, ohne daß dem seitens des Beklagten in
der mündlichen Verhandlung entgegengetreten worden wäre, bestätigt hat - auf
eine Dicke der in den Figuren 1 a und b gezeigten Platten von etwa 2 mm, also
auf die Verwendung relativ dünner Platten schließen, welche die Ausbildung
eines Wellenleiters für den im Streitfall relevanten Wellenbereich nicht erlau-
ben.
Unter diesen Umständen rechtfertigt sich die Überzeugung, daß der sich
zum Prioritätszeitpunkt mit der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 be-
fassende Fachmann zu der Erkenntnis gelangte, hinsichtlich der Dicke der
Masseplatten, die zu verwenden seien, die Wahl selbst treffen zu müssen, die
zu einer brauchbaren Flachantenne führt. Die Erörterung mit dem gerichtlichen
Sachverständigen in der mündlichen Verhandlung, wie ein Fachmann mit
durchschnittlichen Kenntnissen und Fähigkeiten zum Prioritätszeitpunkt übli-
cherweise bei seiner Arbeit vorging, führt ferner zu der Überzeugung, daß der
Fachmann dabei den Weg des praktischen Versuchs einschlug. Die Qualität
seiner Ausbildung hätte dem hier maßgeblichen Fachmann zwar auch erlaubt,
sich unter Nutzung theoretischer Ansätze und der Mathematik zu entscheiden.
Nach den überzeugenden Ausführungen des gerichtlichen Sachverständigen
erforderten die insoweit nötigen Berechnungen zum Prioritätszeitpunkt jedoch
noch vergleichweise lange Zeiträume, weshalb Versuche die Aussicht auf
schnellere Ergebnisse boten. Dementsprechend waren die Fachleute daraufhin
ausgebildet und gewohnt, die Technik auf dem hier interessierenden Gebiet
durch Versuche voranzutreiben.
In Anbetracht des zuvor Erörterten konnte sich diese Vorgehensweise im
Streitfall sowohl darauf erstrecken, die Antenne nach der europäischen Patent-
anmeldung 0 123 350 mit - um es kurz auszudrücken - dicken Masseplatten zu
versehen, als auch darauf, ihre Leistungsfähigkeit bei Verwendung dünner
Masseplatten zu erproben. Auch hiervon kann aufgrund der ausführlichen Er-
örterung mit dem gerichtlichen Sachverständigen in der mündlichen Verhand-
lung ausgegangen werden. Anschaulich hat der Sachverständige dabei ange-
geben, als Mitarbeiter eines Antennenherstellers, der er vor seiner Hochschul-
laufbahn jahrelang gewesen sei, hätte er angesichts der Unklarheit des in der
europäischen Patentanmeldung 0 123 350 gemachten Vorschlags diese An-
tenne in beiderlei Richtungen daraufhin untersucht, was zu den besseren Er-
gebnissen führe. Damit war es aber (jedenfalls auch) nahegelegt, aufgrund des
Vorschlags nach der europäischen Patentanmeldung 0 123 350 eine Flachan-
tenne mit Platten herzustellen, deren Aperturen Schlitze bilden, weil die Platten
die hierfür nötige geringe Stärke besitzen, und auf diese Weise zu der erfin-
dungsgemäßen Antenne zu gelangen. Denn angesichts der Qualifikation des
hier maßgeblichen Fachmanns ist kein Raum für durchgreifende Zweifel, daß
die insoweit nötigen Versuche ebenfalls in seinem Fachkönnen lagen. Ange-
sichts der auch vom gerichtlichen Sachverständigen genannten Zielrichtung
von Versuchen kann ferner angenommen werden, daß eine fachgerechte Vor-
gehensweise nicht bei Platten endete, die im Sinne des Streitpatents noch zu
dick sind, sondern einschloß, sich für den hier interessierenden Hyperfre-
quenzbereich etwa ganz dünne Bleche von einer Stärke von 0,8 mm nutzbar zu
machen.
Dem kann nicht entgegengehalten werden, für die Verwendung dickerer
Platten habe eine Präferenz bestanden, oder es habe gegen die Verwendung
solch dünner Platten sprechende Kenntnisse gegeben. Der gerichtliche Sach-
verständige hat die Angaben der Streitpatentschrift bestätigt, wonach zum Prio-
ritätszeitpunkt die Möglichkeit der preiswerten Massenherstellung von Flach-
antennen im aktuellen Interesse lag. Unter diesem Gesichtspunkt mußte dem
Fachmann insbesondere eine dünne Gestaltung der beiden Platten der in der
europäischen Patentanmeldung 0 123 350 vorgeschlagenen Flachantenne
sinnvoll erscheinen. Es lag auf der Hand, daß völlig aus metallischem Material
hergestellte dicke Platten einen vergleichsweise hohen Aufwand an leitender
Masse bedeuten; bei dicken Platten mußten ferner in jedem Fall die Aperturen
als kreisförmige Hohlräume herausgearbeitet werden. Es kommt hinzu, daß
andere Entgegenhaltungen dem Fachmann zeigten, auch Flachantennen mit
ganz dünnen Masseplatten in Betracht zu ziehen. So haben beide Platten der
in der britischen Patentschrift 1 594 559 vorgeschlagenen Antennenstruktur
nach der Darstellung in Figur 3 eine dem Stützblatt vergleichbare Dicke und
können durch herkömmliches Metallprägen in die ihnen eigene und insbeson-
dere aus Figur 2 ersichtliche Form gebracht werden; sie sind also dünne Ble-
che und - was auch von dem Beklagten nicht in Zweifel gezogen wird - auch
dünn im Sinne des Merkmals 1 b. Das deutsche Gebrauchsmuster 82 12 076
offenbarte darüber hinaus eine weitere Verringerung der Stärke der die Masse-
flächen bildenden Schichten. Danach können Flachantennen sogar mit aufge-
dampften metallischen Schichten als Masseplatten betrieben werden.
Die Vorbildfunktion dieser Entgegenhaltungen zieht der Beklagte ver-
geblich mit dem Hinweis in Zweifel, diese Schriften behandelten gegenüber
dem patentgemäßen Vorschlag artverschiedene Flachantennen. Soweit der
Beklagte hierbei darauf abstellt, daß das Gebrauchsmuster 82 12 076 von ei-
ner Anregung durch Dipole ausgehe, ist dem bereits entgegenzuhalten, daß
Seite 10 der Beschreibung dieses Gebrauchsmusters auch Flachantennen of-
fenbart, die mit Enden einer Streifenleitung arbeiten, so daß die bei dieser
Flachantenne als hauchdünne leitende Schicht auf das verwendete Dielektri-
kum aufgedampften Massenflächen - wie nach Anspruch 1 des Streitpatents -
strahlende Elemente in Form von Schlitzen ausbilden, die paarweise ausge-
richtet mit den Endbereichen des zentralen Leiters in elektromagnetischer
Kopplung zusammenwirken (Merkmal 5 d). Abgesehen davon waren für den
Fachmann im Prioritätszeitpunkt jedenfalls im Hinblick auf anzustellende Ver-
suche auch Flachantennen anderer Wirkweise durchaus von Interesse. Das
entnimmt der Senat dem Sachverständigengutachten, weil der gerichtliche
Sachverständige für die Vergleichbarkeit letztlich nur als entscheidend ange-
sehen hat, ob es sich jeweils um eine planare Mikro-Antenne handelt. Die An-
nahme, daß der Fachmann im Prioritätszeitpunkt sich von einer engeren Sicht
leiten ließ, würde auch der Erfahrung widersprechen, daß bei einer zielgerich-
teten Entwicklung, wie sie Diplomingenieure zu machen gewohnt sind, eine
ergebnisorientierte Betrachtungsweise vorherrscht. Daß im Streitfall Fehlvor-
stellungen oder andere Gründe den Fachmann hieran gehindert hätten, hat
auch der Beklagte nicht geltend gemacht.
Bei fachgemäßen Versuchen, wie sie im Können des Fachmanns im
Prioritätszeitpunkt lagen, waren schließlich auch die Ergebnisse gewährleistet,
welche die Streitpatentschrift für sich beansprucht und als überraschend be-
zeichnet (Sp. 4 Z. 46 ff., deutsche Übers. S. 7, 1. vollständiger Abs.). Das
schloß die Erlangung der Erkenntnis ein, daß bei der versuchsweise genutzten
Antenne die Aperturen in den dünnen Platten strahlende Elemente sind, die mit
den Endbereichen des zentralen Leiters in elektromagnetischer Kopplung zu-
sammenwirken, und daß diese Antenne deshalb nicht auf die Nutzung eines
Wellenleiters angewiesen ist. Dies gilt um so mehr, als - wie bereits erwähnt -
in dem Gebrauchsmuster 82 12 076 für ein Antennenelement mit Enden eines
Streifenleiters inmitten zweier dort unterbrochener, ansonsten durch massives
Dielektrikum beabstandeter Metallfolien vorbeschrieben war, daß man hier-
durch eine Kopplung zwischen aufeinander gerichteten Aperturen in als Er-
dungs- oder Masseflächen dienenden äußerst dünnen Leitern und dem Ende
des anderen Leiters (Streifenleiters) verwirklichen könne.
4. Die Ansprüche 2 bis 25 können aus den erörterten Gründen ebenfalls
keinen Bestand haben. Der Beklagte selbst macht nicht geltend, wegen der
insoweit beanspruchten Gestaltungen könne eine erfinderische Tätigkeit fest-
gestellt werden. Der gerichtliche Sachverständige hat in ihnen ebenfalls nur
Bekanntes oder Nahegelegtes ohne erfinderischen Gehalt gesehen. Ob hin-
sichtlich Anspruch 24 eine unzulässige Erweiterung gegeben ist, wie die Kläge-
rin geltend gemacht hat, kann deshalb dahinstehen.
5. Die Berufung des Beklagten kann auch nicht mit dem Hilfsantrag Er-
folg haben.
Nach der hilfsweise verteidigten Fassung des Anspruchs 1 sind die
Platten durch das zusätzliche Merkmal (1 f) gekennzeichnet, daß sie
1 f) im Bereich der Schlitze und des Mikro-Streifenleiters flach sind.
Hiermit soll - wie der Beklagte im Termin zur mündlichen Verhandlung
hat erläutern lassen - nur klargestellt werden, daß in den Antennenbereichen,
die für Empfang bzw. Aussendung besondere Bedeutung haben, die dünnen
Masseplatten eben ausgebildet sind. Eine solche Ausbildung war jedoch eine
für Flachantennen gebräuchliche Gestaltung. Auch insoweit kann auf die be-
reits abgehandelten Entgegenhaltungen verwiesen werden. Die unter 3. und 4.
gemachten Ausführungen gelten deshalb für das Streitpatent in der hilfsweise
verteidigten Fassung gleichermaßen.
6. Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 97 Abs. 1 ZPO, 121 Abs. 2
PatG.
Melullis
Scharen
Keukenschrijver
Schaffert
Asendorf