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BGH Beschluss vom 29.06.2004 – X ZB 5/03

X. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

X ZB 5/03

BESCHLUSS

vom

29. Juni 2004

in dem Rechtsbeschwerdeverfahren

betreffend die Anmeldung eines ergänzenden Schutzzertifikats für Arzneimittel 199 75 057.2

Nachschlagewerk: BGHZ BGHR

ja : nein ja :

Polifeprosan

EG Art. 234; VO (EWG) 1768/92 Art. 1 Buchst. b; PatG § 16 a

Dem Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften werden zu Auslegung von Art. 1 Buchst. b der Verordnung (EWG) Nr. 1768/92 des Rates über die Schaf- fung eines ergänzenden Schutzzertifikats für Arzneimittel vom 18. Juni 1992 (ABl. EG L 182 v. 02.07.1992 im folgenden: Verordnung) folgende Fragen zur Vorabentscheidung vorgelegt:

a) Setzt der Begriff der "Wirkstoffzusammensetzung eines Arznei- mittels" im Sinne von Art. 1 Buchst. b der Verordnung voraus, daß die Bestandteile, aus denen die Zusammensetzung besteht, je für sich Wirkstoffe mit arzneilicher Wirkung sind?

b) Liegt eine "Wirkstoffzusammensetzung eines Arzneimittels" auch dann vor, wenn bei einer aus zwei Bestandteilen bestehenden Stoffzusammensetzung der eine Bestandteil ein bekannter arz- neilich wirksamer Stoff für eine bestimmte Indikation ist und der andere Bestandteil eine Darreichungsform des Arzneimittels er- möglicht, die eine veränderte Wirksamkeit des Arzneimittels für diese Indikation herbeiführt (in-vivo-Implantat mit kontrollierter Freigabe des Wirkstoffs zur Vermeidung toxischer Wirkungen)?

BGH, Beschl. v. 29. Juni 2004 - X ZB 5/03 - Bundespatentgericht

Der X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat am 29. Juni 2004 durch

den Vorsitzenden Richter Dr. Melullis, die Richter Prof. Dr. Jestaedt, Scharen,

Keukenschrijver und Asendorf

beschlossen:

Das Verfahren wird ausgesetzt.

Dem Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften werden zu

Auslegung von Art. 1 Buchst. b der Verordnung (EWG) Nr. 1768/92

des Rates über die Schaffung eines ergänzenden Schutzzertifikats

für Arzneimittel vom 18. Juni 1992 (ABl. EG L 182 v. 02.07.1992 im

folgenden: Verordnung) folgende Fragen zur Vorabentscheidung

vorgelegt:

1. Setzt der Begriff der "Wirkstoffzusammensetzung eines Arznei-

mittels" im Sinne von Art. 1 Buchst. b der Verordnung voraus,

daß die Bestandteile, aus denen die Zusammensetzung besteht,

je für sich Wirkstoffe mit arzneilicher Wirkung sind?

2. Liegt eine "Wirkstoffzusammensetzung eines Arzneimittels" auch

dann vor, wenn bei einer aus zwei Bestandteilen bestehenden

Stoffzusammensetzung der eine Bestandteil ein bekannter arz-

neilich wirksamer Stoff für eine bestimmte Indikation ist und der

andere Bestandteil eine Darreichungsform des Arzneimittels er-

möglicht, die eine veränderte Wirksamkeit des Arzneimittels für

diese Indikation herbeiführt (in-vivo-Implantat mit kontrollierter

Freigabe des Wirkstoffs zur Vermeidung toxischer Wirkungen)?

Gründe:

I. Die Anmelderin ist Inhaberin des in englischer Sprache mit Wirkung für

das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland erteilten europäischen Pa-

tents 0 260 415 (Grundpatent), das am 29. Juli 1987 angemeldet und dessen

Erteilung am 28. November 1996 veröffentlicht worden ist. Patentanspruch 1

lautet in der Verfahrenssprache Englisch:

"A high molecular weight polyanhydride prepared by polycondensa-

tion of dicarboxylic acids, the polyanhydride having a weight aver-

age molecular weight of greater than 20,000."

und in deutscher Übersetzung:

"Durch Polykondensation von Dicarbonsäuren hergestelltes ein ho-

hes Molekulargewicht aufweisendes Polyanhydrid eines massege-

mittelten Molekulargewichts von über 20.000."

Patentanspruch 8 lautet:

"A composition comprising a matrix of high molecular weight accord-

ing to any one of Claims 1 to 7 and a biologically active substance."

und in deutscher Übersetzung:

"Masse, umfassend eine Matrix aus einem hohes Molekularge-

wicht aufweisenden Polyanhydrid nach einem der Ansprüche 1

bis 7 und einer biologisch aktiven Substanz."

Mit Bescheid vom 3. August 1999 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel

und Medizinprodukte für das Arzneimittel Gliadel die Zulassung als Fertigarz-

neimittel zur Anwendung an Menschen gemäß § 25 des Gesetzes über den

Verkehr mit Arzneimitteln vom 24. August 1976 (BGBl I. S. 2445) erteilt. In dem

Zulassungsbescheid heißt es:

"Bezeichnung des Arzneimittels:

Gliadel 7,7 mg

Darreichungsform:

Implantat

arzneilich wirksamer Bestandteil:

Carmustin 7,7 mg

sonstiger Bestandteil:

Polifeprosan 20 192,3 mg"

Das Arzneimittel dient der Behandlung rezidivierender Hirntumore. Es

handelt sich um einen sogenannten Wafer, der als Implantat in der Kopfhöhle

eingesetzt wird. Es wirkt in der Weise, daß der Wirkstoff Carmustin - eine hoch-

gradig zytotoxische Substanz - langsam aus dem polymeren, biologisch abbau-

baren Trägerstoff Polifeprosan freigesetzt wird. Carmustin war zum Zeitpunkt

der Patentanmeldung bereits bekannt. Nach dem Vorbringen der Antragstellerin

wird Carmustin mit inerten Trägern und Arzneimittel-Zusatzstoffen seit vielen

Jahren in der Chemotherapie zur intravenösen Einzelbehandlung von Hirntumo-

ren eingesetzt, wobei statistische Analysen gezeigt haben sollen, daß diese

Verwendung von Carmustin das Überleben von Patienten mit bösartigem Gliom

nicht signifikant verlängere (Beschwerdebegründung S. 4, Akten des Bundes-

patentgerichts Bl. 8 f.). Gegenüber dieser Verwendungsweise des Wirkstoffs

bewirkt der kombinierte Einsatz von Carmustin und Polifeprosan nach dem Vor-

bringen der Antragstellerin eine signifikant höhere Überlebensrate. Die Verwen-

dung von Polifeprosan soll es gestatten, eine deutlich höhere, aber dennoch

konstante Dosis des Wirkstoffs auf das Tumorbett zu übertragen. Eine solche

kontrollierte Freisetzung von Carmustin, das aufgrund der hohen Toxizität des

Stoffes bei Freisetzung auf einmal tödlich wirke, soll ohne die Verwendung des

biologisch abbaubaren Bestandteils Polifeprosan nicht möglich sein (Beschwer-

debegründung S. 5, SenA Bl. 17; Schriftsatz der Anmelderin an das DPMA v.

21.03.2001, Akte DPMA, Bl. 75 f.).

Polifeprosan ist ein durch Polykondensation von Dicarbonsäuren herge-

stelltes, ein hohes Molekulargewicht aufweisendes Polyanhydrid nach dem

Grundpatent. In dessen Beschreibung ist angegeben, die Erfindung wolle ins-

besondere weniger stark hydrophobe, ein hohes Molekulargewicht aufweisende

Polyanhydrid-Polymere zur Verwendung auf biomedizinischem Gebiet, insbe-

sondere zur kontrollierten Freisetzung biologisch aktiver Substanzen in-vivo

bereitstellen (Beschreibung des Grundpatents, deutsche Übersetzung S. 7). Die

erfindungsgemäßen Polyanhydrid-Polymere besitzen nach den weiteren Anga-

ben der Beschreibung des Grundpatents zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten,

insbesondere auf biomedizinischem Gebiet. Sie können zur Bildung einer biolo-

gisch erodierbaren Matrix zur gesteuerten oder kontrollierten Freigabe einer

biologisch aktiven Verbindung, zum Beispiel von Nahrungsmitteln, Arzneimitteln

und Verbindungen mit Einsatzmöglichkeiten in der Landwirtschaft, verwendet

werden (Beschreibung des Grundpatents, deutsche Übersetzung, S. 22). Car-

mustin ist eine biologisch aktive Substanz; ihre Kombination mit Polifeprosan

unterfällt Patentanspruch 8 des europäischen Patents 0 260 415.

Nach dem Vortrag der Rechtsbeschwerdebegründung handelt es sich bei

Polifeprosan um einen unverzichtbaren Bestandteil des Wirkprinzips des Arz-

neimittels Gliadel. Ohne das Vorhandensein des Polifeprosan-Wafers in dem

Arzneimittel Gliadel soll dem arzneilich wirksamen Bestandteil Carmustin kein

therapeutischer Wert zukommen; der Stoff als solcher wirke bei unmittelbarer

Freisetzung tödlich. Polifeprosan ist danach nicht ein bloßes Trägermaterial

oder ein bloßer Hilfsstoff, sondern ein Stoff, dessen Vorhandensein unverzicht-

bar ist, damit der Wirkstoff Carmustin in therapeutisch relevanter Weise zur Be-

handlung maligner Hirntumore eingesetzt werden kann. Die arzneiliche Wirkung

des Arzneimittels Gliadel werde deshalb nicht allein durch den arzneilich wirk-

samen Bestandteil Carmustin bestimmt, sondern erst durch die Verbindung mit

dem für eine spezielle Anwendung entwickelten Trägerstoff Polifeprosan erzielt.

Die durch das Grundpatent geschützte Verbindung aus Polifeprosan und der

biologisch aktiven Substanz Carmustin habe als Arzneimittel erst nach Ab-

schluß des arzneimittelrechtlichen Genehmigungsverfahrens wirtschaftlich ver-

wertet werden können.

Die Anmelderin hat die Erteilung eines ergänzenden Schutzzertifikats für

das Arzneimittel: Gliadel 7,7 mg Implantat (Carmustin 7,7 mg, Polifeprosan

20 192,3 mg) beantragt. Mit ihrem Hauptantrag hat sie die Erteilung des Zertifi-

kats für "N,N`-Bis-(2-chlorethyl)-N-nitroharnstoff in Kombination mit Polifepro-

san", mit dem Hilfsantrag lediglich für N,N`-Bis-(2-chlorethyl)-N-nitroharnstoff

beantragt. N,N`-Bis-(2-chlorethyl)-N-nitroharnstoff ist die chemische Bezeich-

nung für Carmustin.

Das Deutsche Patent- und Markenamt hat den Antrag auf Erteilung ei-

nes ergänzenden Schutzzertifikats mit Beschluß vom 16. Oktober 2001 mit der

Begründung zurückgewiesen, der polymere Trägerstoff Polifeprosan sei nicht

als eigener Wirkstoff im Sinne der Art. 1 Buchst. b, Art. 3 der Verordnung

(EWG) Nr. 1768/92 des Rates vom 18. Juni 1992 anzusehen. Vielmehr handle

es sich bei Polifeprosan um einen maßgeschneiderten Träger für den Wirkstoff

Carmustin und um eine innovative Lösung des Problems, Carmustin in genü-

gend hoher Wirkstoffkonzentration ins Zielgewebe zu bekommen. Für Carmu-

stin in Alleinstellung könne ein ergänzendes Schutzzertifikat nicht erteilt wer-

den, da Carmustin ein seit langem (vor 1998) zugelassener Wirkstoff sei.

Demgegenüber hat das französische Institut National de la Propriété In-

dustrielle ein dem Hauptantrag entsprechendes ergänzendes Schutzzertifikat

erteilt. Im Vereinigten Königreich wurde ein ergänzendes Schutzzertifikat für

"carmustine combined with polifeprosan" erteilt. Das niederländische Bureau

voor de Industriële Eigendom hat ein Schutzzertifikat für das Produkt "Carmu-

stine" erteilt.

Gegen den Beschluß des Deutschen Patent- und Markenamts hat die

Anmelderin Beschwerde eingelegt, die das Bundespatentgericht mit Beschluß

vom 25. November 2002 zurückgewiesen hat (BPatGE 46, 142 = GRUR 2003,

696). Mit der zugelassenen Rechtsbeschwerde verfolgt die Anmelderin ihr Be-

gehren auf Erteilung eines ergänzenden Schutzzertifikats weiter.

II. Vor einer Entscheidung über die Rechtsbeschwerde ist das Verfahren

auszusetzen und gemäß Art. 234 EG eine Vorabentscheidung zu den im Be-

schlußtenor gestellten Fragen zur Auslegung des Gemeinschaftsrechts einzu-

holen. Die Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften ist

geboten, weil die Entscheidung von der Auslegung des Gemeinschaftsrechts

(Art. 1 Buchst. b und Art. 3 Buchst. a und b der Verordnung) abhängt. Der Be-

griff "Wirkstoffzusammensetzung eines Arzneimittels" im Sinne von Art. 1

Buchst. b der Verordnung könnte in der Weise auszulegen sein, daß es sich bei

den Bestandteilen der Zusammensetzung um jeweils arzneilich wirksame Be-

standteile handeln muß; er könnte aber auch dahin auszulegen sein, daß eine

Wirkstoffzusammensetzung im Sinne der Verordnung auch dann vorliegt, wenn

ein arzneilich wirksamer Bestandteil mit einem zweiten Bestandteil ohne eigene

arzneiliche Wirkung in der Weise verbunden wird, daß erst durch die Verbin-

dung beider Bestandteile ein Arzneimittel entsteht, bei dem die an sich toxische

Wirkung des arzneilich wirksamen Stoffes durch den anderen Bestandteil im

Sinne eines als Arznei einsetzbaren Mittels beherrschbar wird.

1. Grundlage für die Beurteilung des Verlangens nach einem ergänzen-

den Schutzzertifikat ist § 16 a PatG. Die Vorschrift nimmt auf Art. 2 und 3 der

Verordnung Bezug, die die Bedingungen für die Erteilung des Zertifikats regeln.

Art. 2 bestimmt den Anwendungsbereich der Verordnung wie folgt:

"Für jedes im Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaates geschütztes Er-

zeugnis, das vor seinem Inverkehrbringen als Arzneimittel Gegen-

stand eines verwaltungsrechtlichen Genehmigungsverfahrens ge-

mäß der Richtlinie 65/65/EWG oder der Richtlinie 81/851/EWG ist,

kann nach den in dieser Verordnung festgelegten Bedingungen

und Modalitäten ein Zertifikat erteilt werden."

Nach Art 3 der Verordnung ist ein ergänzendes Schutzzertifikat zu ertei-

len, wenn - neben anderen Voraussetzungen - in dem Mitgliedsstaat, in dem

das Zertifikat angemeldet wird, zum Zeitpunkt dieser Anmeldung

a) das Erzeugnis durch ein in Kraft befindliches Grundpatent ge-

schützt ist und

b) für das Erzeugnis als Arzneimittel eine gültige Genehmigung für

das Inverkehrbringen gemäß der Richtlinie 65/65/EWG bzw. der

Richtlinie 81/851/EWG erteilt wurde.

Nach Art. 1 Buchst. b der Verordnung ist "Erzeugnis" der Wirkstoff oder

die Wirkstoffzusammensetzung eines Arzneimittels.

2. a) Nach Auffassung des Bundespatentgerichts sind diese Vorausset-

zungen nicht erfüllt. Es hat ausgeführt, Carmustin in Kombination mit Polifepro-

san sei kein Erzeugnis im Sinne der Verordnung, weil der Begriff der Wirkstoff-

zusammensetzung eines Arzneimittels im Sinne von Art. 1 Buchst. b der Ver-

ordnung bereits nach seinem Wortlaut mindestens zwei jeweils arzneilich wirk-

same Bestandteile voraussetze, das Arzneimittel Gliadel mit Carmustin aber nur

über einen arzneilich wirksamen Bestandteil verfüge. Polifeprosan sei kein

Wirkstoff, sondern werde ausweislich Seite 8 Zeile 47 (deutsche Übersetzung

S. 22, 2. Abs.) des Grundpatents lediglich als Matrix zur Einlagerung und kon-

trollierten Freisetzung von z.B. Nährstoffen verwendet (vgl. bereits BPatG,

Beschl. v. 08.02.1999 - 15 W (pat) 106/96, BPatGE 41, 56, 59 ff.; BPatG,

Beschl. v. 23.01.2001 - 14 W (pat) 8/99). Zudem beruft sich das Bundespatent-

gericht auf den allgemeinen Sprachgebrauch. Danach sei Wirkstoff bzw. Wirk-

stoffzusammensetzung ein Stoff bzw. eine Stoffzusammensetzung, die wirke.

b) Die Begriffe "Wirkstoff" und "Wirkstoffzusammensetzung" im Sinne von

Art. 1 Buchst. b der Verordnung als Bestandteil des europäischen Rechts sind

autonom auszulegen (vgl. EuGH, Urt. v. 07.12.1995 - Rs. C-449/93, Slg. 1995

I-4291, Rdn. 28 ff. - Rockfon; Lenz/Borchardt/Borchardt, EU- und EG-Vertrag,

3. Aufl. 2003, Art. 220 Rdn. 18 m.w.N.). Eine Legaldefinition dieser Begriffe ent-

hält die Verordnung nicht (vgl. Schlußanträge des Generalanwalts F. in

der Rs. C-392/97 v. 03.06.1999, Slg. 1999, 5555, 5565). Soweit ersichtlich ist

die Auslegung dieser Begriffe bislang auch nicht Gegenstand der Rechtspre-

chung des Europäischen Gerichtshofs gewesen. In seiner Entscheidung vom

16. September 1999 (Rs. C-392/97, Slg. 1999, 5555 ff. - Farmitalia) hat der Eu-

ropäische Gerichtshof jedoch entschieden, daß das Zertifikat nach der Verord-

nung ein Erzeugnis als Arzneimittel in allen dem Schutz des Grundpatents un-

terliegenden Formen erfassen kann, wenn das Erzeugnis in der in der arznei-

mittelrechtlichen Genehmigung genannten Form durch ein in Kraft befindliches

Grundpatent geschützt ist (EuGH, Urt. v. 16.09.1999, aaO, Slg. 1999, 5582,

Erwägungsgrund 22). Zur Begründung ist ausgeführt, daß anders das Ziel der

Verordnung, die Nachteile auszugleichen, die dem Patentinhaber durch die we-

gen der Notwendigkeit des Genehmigungsverfahrens verkürzten effektiven

Schutzdauer entstehen, nicht erreicht werden könne (EuGH, Urt. v. 16.09.1999,

aaO, Erwägungsgrund 19). Das könnte dafür sprechen, den Zweck des ergän-

zenden Schutzzertifikats in einer Verlängerung des Schutzes für die arzneilich

wirksamen Bestandteile des Arzneimittels zu sehen, so daß eine Gewährung

des Schutzes für eine Kombination, deren Schutzfähigkeit erst allein durch ei-

nen eine solche Wirkung unmittelbar nicht aufweisenden Bestandteil begründet

wird, nicht in Betracht käme.

c) Der durch die Richtlinie 83/570/EG in die Richtlinie 65/65/EWG des

Rates zur Anpassung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften über Arzneispe-

zialitäten eingefügte Art. 4 a Nr. 2 unterschied bei Arzneimitteln zwischen wirk-

samen Bestandteilen und Hilfsstoffen, deren Kenntnis für eine zweckgemäße

Verabreichung des Mittels erforderlich ist. Dem entspricht Art. 11 Nr. 2 der

Richtlinie 2001/83/EG des Europäischen Parlaments und des Rates zur Schaf-

fung eines Gemeinschaftskodexes für Humanarzneimittel, der zwischen Wirk-

stoffen und Arzneiträgerstoffen unterscheidet, deren Kenntnis für eine zweck-

gemäße Verabreichung des Mittels erforderlich ist. Art. 1 Buchst. a der Verord-

nung 1768/92 des Rates über die Schaffung eines ergänzenden Schutzzertifi-

kats für Arzneimittel definiert Arzneimittel als Stoff oder Stoffzusammensetzung,

das als Mittel zur Heilung oder zur Verhütung menschlicher oder tierischer

Krankheiten bezeichnet wird. Demgegenüber definiert Art. 1 Buchst. b der Ver-

ordnung das Erzeugnis als Wirkstoff oder Wirkstoffzusammensetzung eines

Arzneimittels. Die Unterscheidung zwischen "Stoff oder Stoffzusammenset-

zung" im Rahmen der Definition des Begriffs des Arzneimittels in Art. 1

Buchst. a der Verordnung und "Wirkstoff oder Wirkstoffzusammensetzung" im

Rahmen der Definition des Begriffs des Erzeugnisses in Art. 1 Buchst. b der

Verordnung könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, daß unter Erzeugnis nur

arzneilich wirksame Stoffe und Zusammensetzungen arzneilich wirksamer Stof-

fe in Betracht kommen. Stoffe oder Stoffzusammensetzungen, deren Kenntnis

für eine zweckmäßige Verabreichung des Mittels erforderlich ist, unterfallen bei

dieser Auslegung zwar der Definition des Arzneimittels nach Art. 1 Buchst. a

der Verordnung, sind aber keine Stoffe oder Bestandteile von Stoffzusammen-

setzungen im Sinne von Art. 1 Buchst. b der Verordnung, so daß für sie nach

dieser Auslegung ein ergänzendes Schutzzertifikat nicht erteilt werden kann

(vgl. Busse/Hacker, Patentgesetz, 6. Aufl., § 16 a PatG, Anhang Rdn. 11 ff.; vgl.

auch Benkard/Ullmann/Grabinski, EPÜ, 2003, Art. 63 Rdn. 15). Da es sich bei

dem streitbefangenen Stoff um eine Matrix als Träger für den Wirkstoff Carmu-

stin handelt, wäre nach dieser Auslegung der Antrag auf Erteilung eines ergän-

zenden Schutzzertifikats ausgeschlossen.

d) Diese Auslegung erscheint jedoch nicht zweifelsfrei. Der Begriff der

"Wirkstoffzusammensetzung eines Arzneimittels" setzt das Vorhandensein

mehrerer Wirkstoffe, die jeweils eigene arzneiliche Wirkung entfalten, nicht not-

wendigerweise voraus. Art. 1 Buchst. b der Verordnung in deutscher Fassung

spricht nicht von einer Kombination von (Einzel-)Wirkstoffen, sondern von einer

Wirkstoffzusammensetzung "des Arzneimittels". Dies ermöglicht auch ein Ver-

ständnis des Begriffs "Erzeugnis" dahingehend, daß als Wirkstoffzusammen-

setzung auch eine Kombination von Bestandteilen des Arzneimittels in Betracht

kommen kann, bei der ein Bestandteil (Wirkstoff) seine arzneiliche Wirksamkeit

aus der Kombination mit einem oder mehreren anderen Bestandteilen erhält,

ohne die seine spezifische arzneiliche Wirkung nicht erzielbar ist, der weitere

Bestandteil also nicht nur ein Hilfsstoff ist, dessen Kenntnis für eine zweckge-

mäße Verabreichnung des Mittels erforderlich ist, sondern dessen Kenntnis

notwendig ist, um die spezifische arzneiliche Wirksamkeit des Wirkstoffes zu

erzielen. Für eine solche Auslegung könnte auch die Begründung der Kommis-

sion zum ursprünglichen Verordnungsentwurf vom 11. April 1990, Kommissi-

onsdokument KOM

(90) 101 endg., Ratsdokument 6033/90, BR-

Drucks. 309/90, Nr. 29, sprechen. Danach sollen "alle im pharmazeutischen

Bereich durchgeführten Forschungstätigkeiten" privilegiert werden, vorausge-

setzt, sie führen zu einer patentierten Neuerung, "sei es, daß es sich um ein

neues Erzeugnis handelt, ein neues Verfahren zur Entwicklung eines neuen

oder bereits bekannten Erzeugnisses, eine neue Anwendung eines neuen oder

bereits bekannten Erzeugnisses oder eine neue Zusammensetzung unter Ein-

beziehung eines neuen oder bereits bekannten Erzeugnisses." Mit der Rechts-

beschwerdebegründung könnte daher anzunehmen sein, daß die Kombination

eines neu entwickelten Hilfsstoffes mit einem bereits bekannten Wirkstoff dann

der Erteilung eines ergänzenden Schutzzertifikats zugänglich ist, wenn dadurch

ein neues Arzneimittel entsteht, bei dem die arzneiliche Wirksamkeit des Wirk-

stoffs durch den nicht selbst arzneilich wirksamen weiteren Stoff definiert ist und

kontrolliert wird.

e) Die Fassungen des Verordnungstextes in der englischen, französi-

schen, spanischen und niederländischen Sprache lauten: "'Product' means the

aktive incredient or combination of active incredients of a medical product",

"'produit': le principe actif ou la composition de principes actifs du médicament",

"'producto': el principio activo o la composición de principios activos de un me-

dicamento" und "'produkt': de werkzam stof of de samenstelling van werkzame

stoffen van een geneesmiddel". Sie können in gleicher Weise wie die deutsche

Fassung dahin verstanden werden, daß die kombinierten Wirkstoffe je für sich

arzneilich wirksam (aktiv) sein müssen, als auch dahin, daß sich die arzneiliche

Wirksamkeit eines Stoffes durch die (selbst nicht arzneiliche) Wirksamkeit eines

Stoffes ergibt, mit dem der Wirkstoff kombiniert wird. Da der Anmelderin in an-

deren Staaten der Gemeinschaft ein ergänzendes Schutzzertifikat für Gliadel

erteilt worden ist, ist davon auszugehen, daß in diesen Staaten die genannten

Vorschriften der Verordnung im zuletzt genannten Sinne ausgelegt und ange-

wendet werden.

Melullis

Jestaedt

Scharen

Keukenschrijver

Asendorf