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BGH Urteil vom 17.03.2005 – 5 StR 222/04

5. Strafsenat

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

vom 17. März 2005 in der Strafsache gegen

wegen Vergewaltigung u. a.

Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat aufgrund der Hauptverhand-

lung vom 16. und 17. März 2005, an der teilgenommen haben:

Vorsitzende Richterin Harms,

Richter Häger,

Richterin Dr. Gerhardt,

Richter Dr. Brause,

Richter Schaal

als beisitzende Richter,

Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof

als Vertreter der Bundesanwaltschaft,

Rechtsanwalt T ,

Rechtsanwalt V

als Verteidiger,

Justizangestellte

als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,

am 17. März 2005 für Recht erkannt:

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Land-

gerichts Hamburg vom 6. November 2003 mit den Feststel-

lungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung,

auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere

Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

– Von Rechts wegen –

G r ü n d e

Das Landgericht hat den Angeklagten zunächst wegen Vergewalti-

gung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Mißbrauch eines Kindes und ver-

suchter Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten

verurteilt. Der Senat hat dieses Urteil durch Beschluß vom 21. Mai 2003 auf

die Revision des Angeklagten aufgrund einer Verfahrensrüge aus § 338 Nr. 5

i.V. mit § 230 StPO aufgehoben. Nunmehr hat das Landgericht den Ange-

klagten erneut – mit gleichem Schuldspruch und gleichem Strafausspruch –

verurteilt. Die hiergegen gerichtete Revision des Angeklagten hat mit einer

Verfahrensrüge Erfolg.

Nach den vom Landgericht getroffenen Feststellungen verabredeten

der Angeklagte, der einen Lebensmittelladen betrieb, und die Mutter der Ne-

benklägerin am Ostersamstag, dem 14. April 2001, gegen 14.15 Uhr, als der

Laden bereits geschlossen war, daß die Nebenklägerin, die damals achtjäh-

rige L , sogleich anschließend für etwa zwei Stunden gegen ein Entgelt im

Laden Flaschen sortieren solle. Der Angeklagte schloß hinter sich und L

die Ladentür ab und faßte spätestens nunmehr den Entschluß, L sexuell

zu mißbrauchen. Er lockte L , die zunächst Flaschen sortierte, auf seinen

Schoß, zuerst an der Ladenkasse, dann in dem einige Stufen höher gelege-

nen Büro. L lief in den Laden zurück, kam jedoch – vom Angeklagten ver-

folgt – in das Büro zurück. Dort verlangte der Angeklagte, daß sie sich aus-

ziehen solle, woraufhin L sich weinend bis auf die Unterhose entkleidete.

Der Angeklagte zog seine Hose bis zu den Knien und seine Unterhose bis

zum halben Oberschenkel herunter, setzte sich, verlangte und erhielt einen

Zungenkuß. Danach forderte der Angeklagte L auf, seinen Penis in den

Mund zu nehmen, worauf es zum Oralverkehr bis zur Ejakulation in den

Mund des Kindes kam.

Der Angeklagte hat eingeräumt, L wie festgestellt in seinem Laden

beschäftigt zu haben. Er hat jedoch jedwedes sexuelle Verhalten bestritten.

Das Landgericht hat seine Überzeugung von der Tat im wesentlichen auf-

grund der Angaben des Mädchens gewonnen.

I.

Zwei Beweisanträge der Verteidigung auf Einholung eines Gutachtens

eines „Aussagepsychologen“ zur Überprüfung der Glaubhaftigkeit der Anga-

ben der Nebenklägerin hat das Landgericht unter Berufung auf eigene Sach-

kunde gemäß § 344 Abs. 4 Satz 1 StPO zurückgewiesen. Dies hält rechtli-

cher Prüfung nicht stand.

Allerdings ist die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von – auch kindli-

chen – Zeugen und der Glaubhaftigkeit ihrer Angaben grundsätzlich dem

Tatrichter anvertraut. Der Hinzuziehung eines Sachverständigen bedarf es

nur dann, wenn Besonderheiten des Einzelfalls eine Sachkunde erfordern,

die ein Richter – auch mit spezifischen forensischen Erfahrungen – norma-

lerweise nicht hat (st. Rspr. des Bundesgerichtshofs; vgl. nur BGHR StPO

§ 244 Abs. 4 Satz 1 StPO Sachkunde 4, 6, 12). Ein solcher besonderer Fall

liegt hier vor. Dies ergibt sich aus dem Zusammentreffen der folgenden spe-

ziellen Umstände:

Zunächst ist zur Person der Nebenklägerin folgendes zu berücksichti-

gen: Sie lebte seit ihrer Geburt in besonders schwierigen Familienverhältnis-

sen, die in – von der Revision mitgeteilten – Vermerken des Jugendamtes

und der Sozialeinrichtung „Das Rauhe Haus“ geschildert sind. Die Mutter der

Nebenklägerin lebte danach alleinerziehend mit ihren vier Kindern aus zwei

Ehen und einer nichtehelichen Beziehung, war zeitweilig überfordert und sui-

zidal. Der häufige Wechsel ihrer Partner führte in ihrer Beziehung zu den

Kindern Probleme herbei. Die Nebenklägerin lernte ihren Vater erst im Jahr

2000 kennen, wollte weiteren Kontakt zu ihm, was auf Schwierigkeiten stieß.

Es treten folgende auf die festgestellte Tat und deren Schilderungen

durch die Nebenklägerin bezogene Besonderheiten hinzu: Eine Schulkame-

radin der Nebenklägerin war in deren unmittelbarem Wohnumfeld auf dem

Schulweg vergewaltigt und anschließend von dem Täter in einen Graben

geworfen worden, wo sie fast ertrunken wäre. Auf dieses Geschehen nahm

der Angeklagte nach den Bekundungen der Nebenklägerin mit der Bemer-

kung Bezug, er könne sie „auch in den Graben schmeißen“. In diesem Zu-

sammenhang kommen theoretisch eine Identifikation der Nebenklägerin mit

der Schulkameradin, eine entsprechende Übertragung oder auch ein Bemü-

hen der Nebenklägerin um Aufmerksamkeit in Betracht. Schon aus dem an-

gefochtenen Urteil ergeben sich mehrere Widersprüche und Variationen im

Verlauf der Aussage der Nebenklägerin. Die Verteidigung hat hierzu selbst

eingeholte schriftliche Stellungnahmen von zwei Sachverständigen dem

Landgericht vorgelegt. Insbesondere aus der Stellungnahme von

K ergibt sich, daß den zahlreichen Realkennzeichen in den Aussagen

der Nebenklägerin „mehrere geradezu eklatante Diskrepanzen im absoluten

Kernbereich der Aussage“ gegenüberstehen, so daß eine seltene „diskrepan-

te Befundlage“ gegeben sei. Bei Würdigung dessen verkennt der Senat nicht,

daß den beiden sachverständigen Stellungnahmen allein Informationen von

Seiten der Verteidigung zugrundegelegen haben. Auch ist folgendes nicht

ohne Belang: Nach den Feststellungen erfolgte die Erstaufnahme des Falles

durch die Polizei in der Weise, daß zunächst die Mutter der Nebenklägerin

der erschienenen Polizeibeamtin und deren zwei Kollegen den Sachverhalt

kurz schilderte. Dann nahm die Polizeibeamtin allein die Anzeige auf. „In Ge-

genwart ihrer Mutter und Großmutter berichtete L – zum Teil abwech-

selnd mit ihrer Mutter – … sodann von dem Vorfall mit dem Angeklagten“

(UA S. 10). In der von der Revision mitgeteilten Strafanzeige ist dagegen

dieser Vorgang so dargestellt, daß allein L s Mutter die Tat und das Rah-

mengeschehen geschildert hat. Namentlich hierbei kommt der Faktor der

inzwischen verstrichenen Zeit hinzu, auf den der Senat schon in seinem Be-

schluß vom 21. Mai 2003 durch Bezugnahme auf die Antragsschrift des

Generalbundesanwalts vom 23. April 2003 hingewiesen hat. Nach alledem

durfte die – wenngleich besonders erfahrene – Jugendschutzkammer sich

nicht auf ihre eigene Sachkunde verlassen.

II.

Für die neue Hauptverhandlung weist der Senat auf folgendes hin:

Es wird sich empfehlen, mit der Begutachtung der Glaubhaftigkeit der

Angaben der Nebenklägerin einen Sachverständigen zu beauftragen, der mit

der Sache bislang nicht befaßt war.

Der neue Tatrichter wird mit besonderer Sorgfalt den Beweiswert der

Spermaspur zu bestimmen haben.

Sollte die Beiordnung eines anderen Pflichtverteidigers beantragt wer-

den, so wird mit besonderer Umsicht zu prüfen sein, ob Gründe solcher Art,

wie sie zuletzt zur Entpflichtung eines Pflichtverteidigers geführt haben, nach

den geltenden rechtlichen Maßstäben eine Zurückweisung eines solchen

Antrags rechtfertigen würden.

Harms Häger Gerhardt

Brause Schaal