Gesetze / Rechtsprechung / BGH
BGH Beschluss vom 10.08.2005 – 2 StR 206/05
2. Strafsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
10. August 2005
in der Strafsache
gegen
wegen Nötigung u.a.
Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbun-
desanwalts und des Beschwerdeführers am 10. August 2005 gemäß § 349
Abs. 2 und 4 StPO beschlossen:
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landge-
richts Wiesbaden vom 20. Januar 2005, soweit er wegen Unter-
schlagung verurteilt worden ist, und im Gesamtstrafenausspruch,
jeweils mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.
Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung
und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an
das Amtsgericht Wiesbaden - Strafrichter - zurückverwiesen.
Die weitergehende Revision wird verworfen.
Gründe:
Das Landgericht hatte den Angeklagten durch Urteil vom 20. März 2003
wegen schweren Raubes zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs
Monaten verurteilt. Auf seine Revision hatte der Senat das Urteil durch Be-
schluss vom 18. Juli 2003 aufgehoben. Nunmehr hat das Landgericht den An-
geklagten wegen Nötigung und Unterschlagung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe
von einem Jahr verurteilt. Dagegen wendet sich die Revision mit Verfahrensrü-
gen und der Sachrüge.
Das Rechtsmittel hat mit der Rüge der Verletzung des § 265 StPO Er-
folg, soweit der Angeklagte wegen Unterschlagung verurteilt worden ist. Im Üb-
rigen ist es aus den zutreffenden Erwägungen in der Antragsschrift des Gene-
ralbundesanwalts im Sinne von § 349 Abs. 2 StPO unbegründet.
Nach den Feststellungen hatte der Angeklagte den Geschädigten am
16. April 2002 mit dem Messer bedroht, ihn durchsucht und ihm u. a. einen
200-Euroschein weggenommen, um die Zusage eines Gesprächs über die
Rückzahlung einer Kaution aus einem früheren Gaststättenpachtverhältnis zu
erzwingen, auf die der Angeklagte einen Anspruch zu haben glaubte. Nachdem
der Angeklagte am nächsten Tag von seinem Anwalt erfahren hatte, dass die
gegenseitigen Ansprüche aus dem Pachtverhältnis verjährt seien, kam es nicht
mehr zu diesem mit dem Geschädigten vereinbarten Gespräch. In der Folge
verbrauchte der Angeklagte das Geld für eigene Zwecke.
Die Revision beanstandet zu Recht, dass dem Angeklagten ein Hinweis
nach § 265 Abs. 1 StPO nicht erteilt worden ist.
Mit der zugelassenen Anklage war ihm vorgeworfen worden, einen
schweren Raub nach § 250 Abs. 2 Nr. 1 StGB begangen zu haben, indem er
dem Geschädigten unter Bedrohung mit einem Messer u. a. einen 200 Euro-
schein wegnahm und diesen behielt. Die davon abweichende Verurteilung we-
gen Nötigung und Unterschlagung ist zwar - entgegen der Auffassung der Re-
vision - mit dem angeklagten historischen Vorgang im Sinne von § 264 StPO
identisch. Die andere rechtliche Beurteilung hätte jedoch einen hier nicht er-
folgten Hinweis auf die Strafvorschriften erfordert, die das Landgericht ange-
wendet hat. Dass der Staatsanwalt und der Verteidiger in ihren Plädoyers die
von der Anklage abweichende rechtliche Beurteilung zu Grunde gelegt haben,
ersetzt den durch den Vorsitzenden zu erteilenden Hinweis nicht. Der Hinweis
war hier auch nicht deshalb entbehrlich, weil der Senat die vorangegangene
Verurteilung wegen Raubes aufgehoben hatte. Die Aufhebung war erfolgt, weil
das Landgericht es unterlassen hatte, bei den Feststellungen zur subjektiven
Tatseite und der Beweiswürdigung zu erörtern und zu entscheiden, ob der An-
geklagte an einen Zahlungsanspruch gegen das Tatopfer glaubte oder ob er
zumindest billigend in Kauf nahm, einen solchen Anspruch nicht zu haben.
Weitere Ausführungen zur rechtlichen Würdigung enthält der Senatsbeschluss
nicht.
Soweit der Angeklagte wegen Nötigung verurteilt worden ist, kann aus-
geschlossen werden, dass der Angeklagte sich auf den veränderten Tatvorwurf
anders als geschehen hätte verteidigen können. Dies wird auch von der Revi-
sion nicht aufgezeigt. Demgegenüber kann der Senat nicht ausschließen, dass
das Urteil, soweit der Angeklagte wegen Unterschlagung für schuldig befunden
worden ist, auf der Nichterteilung des Hinweises beruht. Die Verteidigung weist
zu Recht darauf hin, dass insoweit andere Verteidigungsstrategien denkbar
erscheinen. Die Verurteilung wegen Unterschlagung kann danach keinen Be-
stand haben. Die Aufhebung der insoweit verhängten Einzelstrafe (vier Mona-
te) führt zur Aufhebung der Gesamtstrafe.
Der neue Tatrichter wird bei der Bemessung einer neuen Gesamtstrafe
zu bedenken haben, dass eine Einbeziehung der Strafe aus dem Urteil des
Amtsgerichts Mainz vom 1. Juli 2003 in Betracht kommt, die der Angeklagte
zum Zeitpunkt der letzten Hauptverhandlung verbüßte.
Die Sache war nach § 354 Abs. 3 StPO an den Strafrichter, dessen
Strafgewalt ausreicht, zurückzuverweisen.
Rissing-van Saan Bode Otten
Fischer Roggenbuck