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BGH Urteil vom 11.07.2006 – 1 StR 188/06

1. Strafsenat

BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

1 StR 188/06

URTEIL

vom

11. Juli 2006

in der Strafsache

gegen

wegen gefährlicher Körperverletzung

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 11. Juli 2006,

an der teilgenommen haben:

Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof

Nack

und die Richter am Bundesgerichtshof

Dr. Wahl,

Dr. Boetticher,

Dr. Kolz,

die Richterin am Bundesgerichtshof

Elf,

Bundesanwalt als Vertreter der Bundesanwaltschaft,

Rechtsanwalt als Verteidiger,

als Nebenkläger,

Rechtsanwalt als Vertreter des Nebenklägers,

Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Land-

gerichts Bamberg vom 30. November 2005 mit den Feststellungen

aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch

über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Schwurge-

richtskammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Von Rechts wegen

Gründe:

1

Die Angeklagte wurde wegen gefährlicher Körperverletzung, begangen

im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit, zu drei Jahren und sechs

Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Angeklagte hatte ihren inzwischen von ihr

geschiedenen Ehemann, den Nebenkläger, mit einem Messer in der Nähe des

Herzens verletzt. Von einem Tötungsvorsatz konnte sich die Strafkammer nicht

überzeugen.

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Die hierfür maßgebenden Erwägungen beanstandet die Staatsanwalt-

schaft mit ihrer auf die Sachrüge gestützten Revision zum Nachteil der Ange-

klagten, die auch vom Generalbundesanwalt vertreten wird, mit Erfolg als

rechtsfehlerhaft (I.). Außerdem, so trägt sie vor, wäre die Angeklagte nicht nur

zu bestrafen, sondern auch gemäß § 63 StGB in einem psychiatrischen Kran-

kenhaus unterzubringen gewesen (II.).

I.

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Die Beweiswürdigung enthält hinsichtlich des Schuldspruchs die Ange-

klagte begünstigende Rechtsfehler.

1. Zum Hintergrund und zum äußeren Geschehensablauf der Tat ist fol-

gendes festgestellt:

a) Aus der Ehe der Angeklagten mit dem Nebenkläger ging 2002 ein

Sohn hervor. Bereits während der Schwangerschaft war es zu Schwierigkeiten

gekommen. Sie hielt das Kind durch die "Unreinheit" von Geschlechtsverkehr

ohne Kondom für nachhaltig gefährdet. Bald nach der Geburt trennte sie sich

von ihrem Ehemann, weil sie glaubte, er kümmere sich "zu wenig oder nicht

richtig" um das Kind, und zog zu ihren Eltern. In der Folge kam es zu erhebli-

chen Auseinandersetzungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Um-

gangsrecht des Nebenklägers mit dem Kind. Er hatte längere Zeit wegen "Prob-

lemen" bei der Abholung des Kindes auf die Realisierung des ihm gerichtlich

eingeräumten Umgangsrechts verzichtet. Als er im März 2005 dieses Recht

nach längerer Zeit aber dann doch wahrnehmen wollte, wuchsen die bei ihr oh-

nehin starken Empfindungen von Angst und Wut weiter an. Am 15. März 2005

zerstach sie mit einem Messer den Reifen des PKWs ihres Ehemanns vor des-

sen Fahrschule.

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b) Zwei Tage später fuhr sie mit ihrem PKW in die Nähe der Fahrschule,

wo sie etwa 20 Minuten wartete. Sie war mit einem Schal vermummt und führte

in einer Plastiktüte ein, wie die Strafkammer ausdrücklich feststellt, "scharfes"

Küchenmesser mit sich. Kurz vor Ende des Fahrschulunterrichts (21.30 Uhr)

ging sie vermummt und bewaffnet zur Fahrschule und versteckte sich dort hin-

ter einer Mauer. Als ihr ahnungsloser Ehemann kam, wurde er von ihr "regel-

recht angesprungen". Sie führte "wortlos eine bogenförmige Stichbewegung von

außen nach innen in Richtung der linken Brustseite … und etwa parallel zu die-

ser aus". Sie vermied es, Griffspuren auf dem Messer zu hinterlassen, sondern

hatte unmittelbar nur die Plastiktüte in der Hand, die letztlich um den Griff des

Messers gewickelt war. Das Messer traf auf das Handy in der Hemdbrusttasche

des Nebenklägers, was auf die Stichrichtung keinen Einfluss hatte. Es drang

unterhalb der linken Brustwarze 5 bis 6 cm tief in den Oberkörper ein, wo eine

horizontal verlaufende "Stich- oder Schnittverletzung" entstand. Der Geschädig-

te war durch die Attacke gegen die Mauer geprallt, die Angeklagte stürzte zu

Boden. Sie floh, als der Geschädigte – der sie im Übrigen nicht erkannte – sie

verfolgte. Alsbald entledigte sie sich ihrer durch den Sturz beschädigten Klei-

dung und der sonstigen Tatutensilien, die sie in verschiedene Müllcontainer

warf.

Obwohl der Ehemann in der Nähe der Herzspitze getroffen wurde, trat

letztlich keine konkrete Lebensgefahr ein.

2. Von einem Tötungsvorsatz konnte sich die Strafkammer nicht über-

zeugen.

a) Worauf der Vorsatz eines Täters gerichtet war, ist eine sog. innere

Tatsache. Rückschlüsse hierauf sind in aller Regel nur möglich auf Grund sei-

ner eigenen Angaben oder auf Grund der äußeren Umstände (vgl. BGH NStZ-

RR 2005, 264, 265 m. w. N.).

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Die Angaben der Angeklagten hat die Strafkammer zu Recht ihren Fest-

stellungen nicht zu Grunde gelegt. Die Angeklagte hat das Geschehen nämlich

letztlich als eine Art Unfall geschildert; jedenfalls habe sie ihren Mann nicht ver-

letzen wollen.

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b) Es bleibt, so auch die Strafkammer, das Tatgeschehen, das ihr jedoch

als Grundlage für die Annahme eines Tötungsvorsatzes nicht genügte.

(1) Kann der Tatrichter tatsächliche Zweifel nicht überwinden und zieht

die danach gebotene Konsequenz (hier: Verurteilung nur wegen gefährlicher

Körperverletzung statt wegen - heimtückisch begangenen - Mordversuchs), so

hat dies das Revisionsgericht regelmäßig hinzunehmen. Die Beweiswürdigung

ist Sache des Tatrichters; es kommt nicht darauf an, ob das Revisionsgericht

angefallene Erkenntnisse anders gewürdigt oder Zweifel überwunden hätte.

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(2) Demgegenüber kann ein Urteil keinen Bestand haben, wenn die Be-

weiswürdigung rechtsfehlerhaft ist. Dies ist etwa der Fall, wenn sie widersprüch-

lich oder unklar ist, nicht alle wesentlichen Feststellungen in die Erwägungen

einbezieht oder nahe liegende Möglichkeiten unerörtert lässt oder ohne konkre-

te Begründung verwirft. Ist eine Reihe von Erkenntnissen angefallen, so ist eine

Gesamtwürdigung vorzunehmen. Ein auf einen feststehenden Kern gestütztes

Beweisanzeichen, dessen Bedeutung für sich genommen unklar bleibt, kann

nicht vorab isoliert nach dem Zweifelssatz beurteilt werden. Beweisanzeichen

können nämlich in einer Gesamtschau wegen ihrer Häufung und gegenseitigen

Durchdringung die Überzeugung von der Richtigkeit eines Vorwurfs begründen.

Auch im Übrigen gebietet der Zweifelssatz nicht, zugunsten des Angeklagten

Tatvarianten zu unterstellen, für deren Vorliegen das Beweisergebnis keine

konkreten Anhaltspunkte erbracht hat (st. Rspr.; vgl. nur zusammenfassend

BGH NJW 2002, 2188, 2189; NStZ-RR 2005, 147; 264, 265 jew. m. w. N.).

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3. An alledem gemessen enthält die Beweiswürdigung der Strafkammer

die Angeklagte begünstigende Rechtsfehler:

Die Strafkammer stellt darauf ab, dass die Angeklagte das Messer nicht

in die "Körpermitte" richtete, sondern eine Stichbewegung parallel zum Brustbe-

reich durchführte. Zudem sei der Stich "keineswegs mit Wucht" geführt worden.

Darüber hinaus könne selbst dann, wenn man (doch) davon ausginge, dass die

Angeklagte die Möglichkeit des Todes ihres Mannes erkannt habe, bei einer

"spontanen, unüberlegten oder in affektiver Erregung begangenen Einzelhand-

lung" nicht auf das erforderliche voluntative Element des Vorsatzes geschlos-

sen werden.

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a) Angesichts der Feststellung, der Stich sei wegen der "Nähe zur Herz-

spitze“ (potentiell) lebensgefährlich gewesen, ist die Annahme, es spreche ge-

gen einen Tötungsvorsatz, dass die Angeklagte ihren Mann (nicht in der Kör-

permitte, sondern) unmittelbar unter der linken Brust verletzt habe, nicht ohne

weiteres einsichtig.

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b) Die Annahme, der Stich sei "keineswegs mit Wucht" geführt worden,

ist nicht rechtsfehlerfrei begründet.

Der Sachverständige hat, so die Strafkammer, überzeugend ausgeführt,

unter Berücksichtigung der Kratzspuren auf dem Handy seien "keinerlei

Schlussfolgerungen hinsichtlich des Kraftaufwandes, mit dem das Messer ge-

führt wurde, möglich". Mangels sonstiger Anhaltspunkte für eine mit Kraft ge-

führte Stichbewegung sei daher, so die Strafkammer, zu Gunsten der Ange-

klagten von einem nur "geringen Kraftaufwand" bei der Tat auszugehen.

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Diese Beweiswürdigung ist lückenhaft. Die Angeklagte hat ihren Mann so

heftig angesprungen, dass er an die Mauer prallte und sie selbst auf den Boden

fiel. Dies spricht für einen nicht unerheblichen Kraftaufwand bei dem Sprung.

Sprung und Messereinsatz fielen zusammen. Es ist jedoch nicht erörtert, wie-

weit die Kraft des Sprunges Rückschlüsse auf die Kraft des Messereinsatzes

zulässt oder gebietet. Die Annahme, dass hier jeder Zusammenhang ausge-

schlossen ist, erscheint eher fern liegend; sie liegt jedenfalls nicht so nahe,

dass auf jede Erörterung verzichtet werden könnte.

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c) Selbst wenn jedoch näheres nicht festzustellen ist, hätte die in Rede

stehende Frage nicht vorab nach dem Zweifelssatz ("zu Gunsten") der Ange-

klagten beurteilt werden dürfen.

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d) Unklar im Zusammenhang mit dem Stich ist auch Folgendes:

Der Sachverständige hat ausgeführt, da der Geschädigte nur ein Hemd

getragen habe, habe es keines großen Kraftaufwandes bedurft, "um das …

Hemd nebst Unterhemd sowie die Haut zu durchdringen. Danach sei es ohne-

hin vom Zufall abhängig, wie tief die Klinge eindringe, weil nach dem Durchdrin-

gen der Haut kein nennenswerter Widerstand mehr gegeben sei". Hierauf geht

die Strafkammer nicht näher ein. War es aber vom "Zufall" abhängig, wie tief

das Messer eindrang, so ist um so weniger ersichtlich, wieso sich aus der letzt-

lich vergleichsweise glimpflichen Tatfolge für die Angeklagte günstige Gesichts-

punkte ergeben sollen. Dies hat auch der Generalbundesanwalt (auch schon in

seinem Terminsantrag vom 25. April 2006) im Einzelnen zutreffend dargelegt.

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e) Auch gegen die Ausführungen zum voluntativen Element des Vorsat-

zes bestehen Bedenken. Zwar ist der rechtliche Ansatz der Strafkammer zutref-

fend; es ist jedoch nicht erkennbar, wieso die bewaffnete und vermummte An-

geklagte, die insgesamt geraume Zeit erst in ihrem PKW und dann hinter einer

Mauer auf den Angeklagten gewartet hat, spontan gehandelt haben könnte. Die

nicht näher ausgeführte Feststellung, sie habe sich "spätestens" bei dessen

Erscheinen zum Angriff gegen ihren Mann entschlossen, vermag nicht zu ver-

deutlichen, warum sie sich schon vorher vermummt, bewaffnet und versteckt

haben sollte.

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4. Es mag dahinstehen, ob jeder der aufgeführten Gesichtspunkte für

sich genommen notwendig die Aufhebung des Urteils bewirken müsste. Jeden-

falls in ihrer Gesamtheit führen sie dazu, dass das Urteil keinen Bestand haben

kann.

II.

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Infolge der Aufhebung des Schuldspruchs ist auch über den Rechtsfol-

genausspruch neu zu befinden, ohne dass es auf das hiergegen gerichtete

Vorbringen der Revision noch ankäme.

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Der Senat sieht jedoch Anlass zu folgenden Hinweisen:

1. Bei der Angeklagten liegt eine Persönlichkeitsstörung vor, die etwa

von einem "hochgradig negativen Selbstbild", einer "nur geringen Aggressions-

neigung bei einer überdurchschnittlichen Aggressionshemmung" und der Unfä-

higkeit, "selbständig Entscheidungen zu treffen", gekennzeichnet ist. All dies

führt dazu, dass die Angeklagte "kaum in der Lage ist, eigene Ansprüche gel-

tend zu machen und andere Meinungen zu relativieren". Die Diagnose einer

Persönlichkeitsstörung sagt jedoch nichts darüber aus, ob sie i. S. d. §§ 20, 21

StGB "schwer" ist. Hierfür ist maßgebend, ob es im Alltag außerhalb des ange-

klagten Delikts zu Einschränkungen des beruflichen und sozialen Handlungs-

vermögens gekommen ist (st. Rspr.; vgl. zuletzt BGH NStZ-RR 2006, 199

m. w. N.; vgl. auch Boetticher/Nedopil/Bosinski/Saß NStZ 2005, 57, 60). Hierfür

ist bisher wenig ersichtlich. Die Angeklagte hat während ihrer Ehe den Haushalt

versorgt und in der Fahrschule die Büroarbeiten erledigt. Nach der von ihr aus-

gehenden Trennung zog sie zu ihren Eltern, war in geringem Umfang bei einer

Reinigungsfirma tätig und versorgte ihr Kind.

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2. Die genannten Symptome der Persönlichkeitsstörung (z. B. eine be-

sondere Aggressionshemmung) sprechen an sich nicht dafür, dass die Ange-

klagte für andere Menschen gefährlich werden könnte. Ihre Bedeutung für eine

erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit bei einem massiven Aggressionsde-

likt wird daher nicht ohne weiteres erkennbar. Die Strafkammer hat jedoch zu-

sätzlich zu der festgestellten Persönlichkeitsstörung auch noch einen explosi-

onsartigen Affektdurchbruch bei der Tat bejaht.

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Dabei ist im Ansatz auch nicht verkannt, dass hiergegen insbesondere

das planmäßige und auf Sicherung bedachte Verhalten der Angeklagten

- vor der Tat (bewaffnen; vermummen; verstecken);

- bei der Tat (Spurenvermeidung am Messer; Wortlosigkeit, sonst wäre sie nahe

liegend an der Stimme erkannt worden);

- nach der Tat (planmäßige Beseitigung sämtlicher Gegenstände, deren Besitz

sie hätte belasten können an verschiedenen Orten);

spricht (vgl. nur BGH NStZ 2005, 149, 150; BGH NStZ-RR 2005, 264, 265 jew.

m. w. N.; vgl. auch Boetticher und andere aaO 61); die Strafkammer beschränkt

sich jedoch auf die Feststellung, gleichwohl sei das Tatbild mit der Annahme

eines Affekts vereinbar. Konkret begründet ist dies nicht, insbesondere das Vor-

tatgeschehen und das eigentliche Tatgeschehen sind in diesem Zusammen-

hang nicht angesprochen.

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3. Ist aber weder die Annahme einer schweren Persönlichkeitsstörung

noch die eines affektiven Durchbruchs rechtsfehlerfrei begründet, so gilt dies

auch für die auf eine Kombination beider Gesichtspunkte gestützte Annahme

erheblich verminderter Schuldfähigkeit. Dementsprechend fehlt es bisher auch

an einer Grundlage für eine Unterbringung gemäß § 63 StGB.

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4. Das Verhalten der Angeklagten erscheint jedoch gekennzeichnet

durch eine Mischung überwertiger Ideen (hinsichtlich des Kindes) und erhebli-

cher irrationaler Ängste und anderer negativer Emotionen, die offenbar der Ne-

benkläger bei ihr auslöst. Verdeutlicht wird dies etwa an ihrer Äußerung in der

Hauptverhandlung, sie habe "Angst gehabt, dass … er nicht aufhöre, dem Kind

weh zu tun". Tatsächlich haben dem Kind Treffen mit dem Nebenkläger zuneh-

mend mehr "Spaß gemacht". Dies hat eine Diplom-Psychologin von der Caritas

bekundet, die bei diesen Treffen, die in Räumlichkeiten der Caritas stattfanden,

dabei war. Objektivierbare Anhaltspunkte für ein wie auch immer beschaffenes

Fehlverhalten des Nebenklägers sind auch im Übrigen nicht ersichtlich.

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Es erscheint daher jedenfalls nicht fern liegend und dementsprechend

prüfungs- und erörterungsbedürftig, ob eine schwere andere seelische Abartig-

keit i. S. d. §§ 20, 21 StGB im Hinblick auf ein überdauerndes Vorstellungsge-

füge ohne realen Hintergrund ("Wahnsyndrom") vorliegt.

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Gegebenenfalls erschiene dann die Frage nach Gefährlichkeit und Un-

terbringung in einem erkennbar anderen Licht als bei der bisherigen Annahme

eines eher persönlichkeitsfremden affektiven Durchbruchs, der, so die Straf-

kammer, auch deshalb nicht (mehr) auf eine künftige Gefährlichkeit der Ange-

klagten hindeutet, weil sie durch die bisherige Haft beeindruckt ist.

Nack Wahl Boetticher

Kolz Elf