BGH Beschluss vom 22.09.2008 – II ZR 235/07
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
22. September 2008
in dem Rechtsstreit
Der II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat am 22. September 2008
durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Goette und die Richter Kraemer,
Caliebe, Dr. Reichart und Dr. Drescher
beschlossen:
Die Beschwerden der Klägerinnen zu 5, 10 und 11 gegen die
Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des 21. Zivilsenats des
Oberlandesgerichts München vom 17. September 2007 werden
zurückgewiesen.
Die Kosten des Nichtzulassungsbeschwerdeverfahrens werden
wie folgt verteilt:
Von den Gerichtskosten tragen die Klägerin zu 5 52 %, die Kläge-
rin zu 10 20 % und die Klägerin zu 11 28 %. Die Klägerin zu 5
trägt die außergerichtlichen Kosten der Beklagten zu 1 und 3. Von
den außergerichtlichen Kosten des Beklagten zu 2 tragen die Klä-
gerin zu 5 27 %, die Klägerin zu 10 30 % und die Klägerin zu 11
43 %. Die durch die Nebenintervention verursachten Kosten wer-
den der Klägerin zu 5 zu 42 %, der Klägerin zu 10 zu 24 % und
der Klägerin zu 11 zu 34 % auferlegt. Ihre eigenen außergerichtli-
chen Kosten tragen die Klägerinnen zu 5, 10 und 11 selbst.
Gründe
I. Die Nichtzulassungsbeschwerden der Klägerinnen zu 5, 10 und 11 sind
unbegründet, weil keiner der im Gesetz (§ 543 Abs. 2 ZPO) vorgesehenen
Gründe vorliegt, nach denen der Senat die Revision zulassen darf. Der Rechts-
streit der Parteien hat weder grundsätzliche Bedeutung, noch erfordert er eine
Entscheidung des Revisionsgerichts zur Fortbildung des Rechts oder zur Siche-
rung einer einheitlichen Rechtsprechung. Der Senat hat auch die Verfahrensrü-
gen geprüft und für nicht durchgreifend erachtet.
II. Das Berufungsurteil wird entgegen der Ansicht der Klägerinnen bereits
von der revisionsrechtlich einwandfreien Primärbegründung des Berufungsge-
richts getragen, dass sämtliche von diesen Klägerinnen geltend gemachten Er-
satzansprüche jedenfalls verjährt sind.
1. Die hierzu getroffenen tatrichterlichen Feststellungen des Berufungs-
gerichts, das im Wesentlichen auf die einwandfreien diesbezüglichen Feststel-
lungen im landgerichtlichen Urteils Bezug nimmt, beruhen entgegen der Ansicht
der Klägerinnen nicht auf zulassungsrelevanten, das rechtliche Gehör nach
Art. 103 Abs. 1 GG betreffenden Verfahrensfehlern.
a) Zwar haben die Klägerinnen - wie sie geltend machen - mit Schriftsatz
ihrer Prozessbevollmächtigten vom 4. September 2007 vortragen lassen, dass
"den Klägerinnen und Zedenten die beklagtenseits herangezogene Medienbe-
richterstattung über die Anklageerhebung nicht bekannt" gewesen sei; so sei
ihnen im Oktober 2001 weder bekannt gewesen, dass die Staatsanwaltschaft
im Jahr 2000 irgendwelche Vorgänge bei der Beklagten zu 1 untersucht habe,
noch hätten sie als "juristisch ungebildete Laien" gewusst, dass das "Ermitt-
lungsverfahren abgeschlossen" gewesen sei.
Hierauf lässt sich jedoch der - von den Klägerinnen insoweit geltend ge-
machte - Zulassungsgrund des § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, 2. Variante ZPO nicht
stützen, weil die Klägerinnen die ihrem Vorbringen entgegenstehenden tatsäch-
lichen Feststellungen des Berufungsgerichts nicht - wie es geboten gewesen
wäre - mit einem Tatbestandsberichtigungsantrag (§ 320 ZPO) angegriffen ha-
ben und nach ständiger Rechtsprechung des Senats eine Richtigstellung des
Tatbestandes nicht mit Hilfe einer Verfahrensrüge durchgesetzt werden kann
(vgl. nur: Senatsurteil vom 2. Juli 2007 - II ZR 111/05, ZIP 2007, 1942 Tz. 24
m.w.Nachw.). Hieran ändert nichts, dass die betreffenden Feststellungen des
Berufungsgerichts in den Entscheidungsgründen seines Urteils enthalten sind,
da zum Tatbestand insbesondere auch das in den Entscheidungsgründen wie-
dergegebene tatsächliche Vorbringen gehört (BGH, Urt. v. 29. April 1993
- IX ZR 215/92, ZIP 1993, 930, 931). Da es an einer Berichtigung des Tatbe-
standes nach § 320 ZPO fehlt, sind die tatsächlichen Feststellungen des Beru-
fungsgerichts für das weitere Verfahren bindend (§ 314 ZPO).
b) Entgegen der Ansicht der Nichtzulassungsbeschwerde hat das Beru-
fungsgericht auch nicht unter Verstoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG den Vortrag
der Klägerin übergangen, dass weder in der Pressemitteilung der Staatsanwalt-
schaft noch in Medienberichten über die Anklageerhebung die jeweiligen Ad-
hoc-Mitteilungen erwähnt würden, auf die die Klägerinnen ihre Schadenser-
satzansprüche stützten und dass hieraus im Übrigen auch keine Kenntnis aller
anspruchsbegründenden Tatsachen habe gewonnen werden können.
Das Berufungsgericht hat dieses Vorbringen - wenn auch knapp - ge-
würdigt, indem es ausführt, dass der Umstand, dass die Klägerinnen bzw. die
Zedenten aufgrund der Presseberichterstattung über die Anklageerhebung nicht
alle Einzelheiten gekannt hätten, nichts daran ändere, dass sie spätestens seit
Herbst 2001 "von dem Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen Kenntnis
erlangt" hätten. Die vom Berufungsgericht ausdrücklich in Bezug genommenen
tatsächlichen Feststellungen des Landgerichtsurteils enthalten - unter B. I 4 b,
B. 2.3 sowie B. III der Entscheidungsgründe (LGU 18 ff.) - nähere Einzelheiten
hinsichtlich der insoweit erforderlichen Kenntniserlangung. Für die Kenntnis im
Sinne von § 852 BGB a.F. genügt insbesondere, dass nach der Überzeugung
des Tatrichters der Anspruchsberechtigte den Hergang der Schädigung in sei-
nen Grundzügen kennt und weiß, dass der Sachverhalt Anhaltspunkte für eine
Ersatzpflicht des Verantwortlichen bietet
(BGH, Urt. v. 29. Juni 1989
- III ZR 92/87, WM 1989, 1822, 1826).
2. Entgegen der Ansicht der Klägerinnen liegt auch nicht der Zulas-
sungsgrund der Sicherung der einheitlichen Rechtsprechung (§ 543 Abs. 2
Satz 1 Nr.2, 2. Variante ZPO) vor, weil das Berufungsgericht die Ansicht vertre-
ten hat, die Verjährungsfrist beginne bereits mit Kenntnis von der Anklageerhe-
bung.
a) Insoweit hat das Berufungsgericht keinen von höchstrichterlicher oder
obergerichtlicher Rechtsprechung abweichenden, die Entscheidung tragenden
Rechtssatz aufgestellt. Zwar kann der Verjährungsbeginn bei unübersichtlicher
oder zweifelhafter Rechtslage wegen Rechtsunkenntnis hinausgeschoben sein.
Das Berufungsgericht vertritt hier indessen aufgrund seiner vertretbaren Würdi-
gung des vorliegenden Einzelfalls die Auffassung, dass - positive - Kenntnis von
dem Schaden und der Person des Ersatzpflichtigen spätestens im Herbst 2001
im Zusammenhang mit der Kenntnis von der Anklageerhebung vorgelegen ha-
be.
b) Es liegt auch keine zulassungsrelevante Divergenz des Berufungsur-
teils zur Rechtsprechung des 5. Zivilsenats des Oberlandesgerichts München
vor, weil eine derartige Abweichung begriffsnotwendig voraussetzt, dass die
anders lautende Entscheidung bereits bei Erlass des angefochtenen Urteils exi-
stent war. Das war hier aber - wie auch die Beschwerde einräumt - nicht der
Fall.
3. Im Hinblick auf die abweichende Beurteilung der Verjährungsfrage
durch jenen 5. Zivilsenat des Oberlandesgerichts München ist auch nicht etwa
die Zulassung der Revision wegen Grundsatzbedeutung veranlasst.
Anders als die Beschwerde meint, stellt das Berufungsgericht im vorlie-
genden Fall nicht allein auf den Umstand der Anklageerhebung ab. Vielmehr
ändert nach seiner Auffassung die Tatsache, dass die Klägerinnen bzw. die
Zedenten aufgrund der Presseberichterstattung über die Anklageerhebung nicht
alle Einzelheiten des Ermittlungsverfahrens gekannt hätten, nichts daran, dass
sie spätestens im Herbst 2001 gemäß dem Gesetz "von dem Schaden und der
Person des Ersatzpflichtigen Kenntnis erlangt" hatten. Nach den - von dem Be-
rufungsgericht in Bezug genommenen - tatsächlichen Feststellungen des Land-
gerichts hatten die Klägerinnen/Zedenten die erforderliche Kenntnis "spätestens
mit der Erhebung der Anklage gegen die Beklagten zu 2 und 3 vom 16. Oktober
2001 durch die Staatsanwaltschaft München I". Sie haben nämlich u.a. vorge-
tragen, dass die Beklagte zu 1 im Mai 2001 einen Geschäftsbericht vorgelegt
habe, aus dem ihre finanzielle Belastung durch den "Formel-1-Einstieg" ersicht-
lich gewesen sei. Aufgrund dessen ist der Tatrichter zu der revisionsrechtlich
einwandfreien Überzeugung gelangt, die Klägerinnen/Zedenten hätten bereits
spätestens seit der Vorlage jenes Geschäftsberichts Kenntnis von der in der
Ad-hoc-Mitteilung vom 22. März 2000 nicht angegebenen Option auf den Er-
werb weiterer 25 %, sowie davon gehabt, dass die Beklagte zu 1 im Jahre 2000
statt eines Gewinns einen Verlust von 2,8 Milliarden DM erwirtschaft gehabt
habe.
4. Soweit die Beschwerde in den Ausführungen des Berufungsgerichts
zum Beginn der dreijährigen Verjährungsfrist "spätestens im Herbst 2002" einen
symptomatischen Rechtsfehler sieht, fehlt es bereits an der erforderlichen Re-
levanz für den behaupteten Zulassungsgrund der Sicherung einer einheitlichen
Rechtsprechung. Dieser Angriff richtet sich lediglich gegen eine nicht entschei-
dungstragende Alternativerwägung des Berufungsgerichts, weil dieses - wie
bereits erwähnt - auf der Grundlage der insoweit in Bezug genommenen, revisi-
onsrechtlich einwandfreien Feststellungen des Landgerichts primär davon aus-
gegangen ist, dass die Klägerinnen bzw. die Zedenten schon früher - nämlich
(spätestens) im Herbst 2001 - "von dem Schaden und der Person des Ersatz-
pflichtigen Kenntnis erlangt" hatten.
Unter Zugrundelegung dieser Feststellungen erweist sich die Primärer-
wägung, dass die Verjährung spätestens im Herbst 2001 begonnen habe, als
zutreffend. Denn die Verjährung nach § 852 Abs. 1 BGB a.F. beginnt mit positi-
ver Kenntnis des Geschädigten von dem Schaden, einschließlich des Scha-
denshergangs und des Schädigers (vgl. nur BGH, Urt. v. 10. April 1990
- VI ZR 174/89, VersR 1991, 1032). Nach dieser Vorschrift war bei Einreichung
der Klage am 31. Dezember 2005 die Verjährung bereits vollendet.
III. Auf die Angriffe der Beschwerde gegen die weiteren Hilfserwägungen
des Berufungsgerichts kommt es mangels Entscheidungserheblichkeit nicht
mehr an.
IV. Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 544 Abs. 4 Satz 2,
2. Halbs. ZPO abgesehen.
V. Streitwert: 207.058,06 € (Klägerin zu 5: 55.455,91 €; Klägerin zu 10:
62.300,00 €; Klägerin zu 11: 89.302,15€)
Goette Kraemer Caliebe
Reichart Drescher
Vorinstanzen:
LG München I, Entscheidung vom 09.11.2006 - 12 O 25580/05 -
OLG München, Entscheidung vom 17.09.2007 - 21 U 5658/06 -