BGH Urteil vom 26.03.2009 – I ZR 153/06
I. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
BGHZ:
BGHR:
ja
ja
ja
Verkündet am: 26. März 2009 Führinger Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Reifen Progressiv
UrhG §§ 35, 41
Ein einfaches Nutzungsrecht, das sich von einem ausschließlichen Nutzungs- recht ableitet, erlischt nicht, wenn das ausschließliche Nutzungsrecht aufgrund eines wirksamen Rückrufs wegen Nichtausübung (§ 41 UrhG) erlischt.
BGH, Urteil vom 26. März 2009 - I ZR 153/06 - OLG Köln LG Köln
Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhand-
lung vom 26. März 2009 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Bornkamm
und die Richter Pokrant, Dr. Schaffert, Dr. Bergmann und Dr. Koch
für Recht erkannt:
Die Revision gegen das Urteil des 6. Zivilsenats des Oberlandes-
gerichts Köln vom 14. Juli 2006 wird auf Kosten des Klägers zu-
rückgewiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger ist Programmierer. Er hat behauptet, alleiniger Urheber des
für Reifenhändler bestimmten Computerprogramms „Reifen Progressiv“ zu sein,
an dessen Erstellung er jedenfalls maßgeblich beteiligt gewesen ist. Die A.
GmbH
besaß das ausschließliche Nutzungsrecht an
diesem Programm einschließlich der Berechtigung, es zu verändern und wei-
terzuentwickeln. Sie räumte der Beklagten, einer Reifenhändlerin, mit Vertrag
vom 24. September 1997 gegen einmalige Zahlung eines bestimmten Betrages
ein einfaches Nutzungsrecht an der Software ein und schloss mit ihr am
31. Oktober 1997 einen Programmwartungsvertrag, in dem sie sich verpflichte-
te, der Beklagten gegen Zahlung einer jährlichen Gebühr die jeweils neueste
Version des Programms zur Verfügung zu stellen. Nachdem die A. GmbH
ihren Geschäftsbetrieb im September 2001 eingestellt und später Insolvenzan-
trag gestellt hatte, erklärte der Kläger gegenüber der A. GmbH mit Schreiben
vom 22. Juli 2003 gemäß § 41 UrhG den Rückruf des dieser eingeräumten aus-
schließlichen Nutzungsrechts.
Die A. GmbH hatte
im Jahre 2001 die P. AG
mit
dem Vertrieb
des Computerprogramms
betraut.
Das Berufungsgericht hat der P. AG in einem Vorprozess die Verwendung
des Programms mit der Begründung untersagt, der Kläger sei zumindest des-
sen Miturheber und habe einer Übertragung der Nutzungsrechte auf die P.
AG nicht zugestimmt.
Der Kläger ist der Auffassung, mit dem wirksamen Rückruf des aus-
schließlichen Nutzungsrechts der A. GmbH sei auch das einfache Nutzungs-
recht der Beklagten erloschen, so dass diese das Programm seitdem unbefugt
nutze. Zudem verwende die Beklagte eine ohne seine Zustimmung durch die
P. AG veränderte Version des Programms und verletze auch dadurch sein
Urheberrecht. Er nimmt die Beklagte auf Unterlassung und Schadensersatz
bzw. Herausgabe einer ungerechtfertigten Bereicherung in Höhe eines in das
Ermessen des Gerichts gestellten Betrages in Anspruch.
Das Landgericht hat die Klage abgewiesen (LG Köln GRUR-RR 2006,
357). Die Berufung ist ohne Erfolg geblieben (OLG Köln GRUR-RR 2007, 33).
Mit seiner vom Berufungsgericht zugelassenen Revision, deren Zurückweisung
die Beklagte beantragt, verfolgt der Kläger seinen Klageantrag weiter.
Entscheidungsgründe
I. Das Berufungsgericht hat angenommen, die vom Kläger geltend ge-
machten Ansprüche seien nicht nach § 97 Abs. 1 UrhG begründet. Die Beklagte
habe ein Urheberrecht des Klägers nicht dadurch verletzt, dass sie das Pro-
gramm nach dem Rückruf weiter genutzt habe; das Nutzungsrecht der Beklag-
ten sei infolge des Rückrufs nicht erloschen. Veränderungen des Programms
und seiner Versionen bei der Beklagten hätten gleichfalls nicht zu einer Verlet-
zung von Urheberrechten des Klägers geführt. Zu den Auswirkungen des Rück-
rufs auf das Nutzungsrecht der Beklagten hat das Berufungsgericht ausgeführt:
Das einfache Nutzungsrecht der Beklagten am Programm sei selbst
dann nicht erloschen, wenn - was zu Gunsten des Klägers unterstellt werden
könne - der Kläger dessen alleiniger Urheber sei und das ausschließliche Nut-
zungsrecht der A. GmbH wirksam zurückgerufen habe. Nach § 41 Abs. 5
UrhG erlösche das ausschließliche Nutzungsrecht, das der Urheber einem An-
deren eingeräumt habe, mit Wirksamwerden des Rückrufs. Das Schicksal der
Nutzungsrechte, die dieser Andere seinerseits Dritten eingeräumt habe, sei in
§ 41 UrhG nicht geregelt. Grundsätzlich sei zwar anzunehmen, dass bei einem
Rechtsverlust des Lizenzgebers auch die Rechte des Lizenznehmers untergin-
gen und ohne weiteres an den Urheber zurückfielen. Bei einem Rückruf wegen
Nichtausübung des Nutzungsrechts werde diese Lösung jedoch den Interessen
der Beteiligten nicht gerecht. Es wäre widersprüchlich, die vom Inhaber eines
ausschließlichen Nutzungsrechts
in ordnungsgemäßer Ausübung dieses
Rechts verliehenen einfachen Nutzungsrechte nur deshalb entfallen zu lassen,
weil er nicht weitere einfache Nutzungsrechte vergeben habe. Aus der Sicht
des einfachen Lizenznehmers wäre dies nicht plausibel zu begründen. Dem
Interesse des Urhebers sei bereits dadurch genügt, dass er infolge des Rück-
rufs die ausschließlichen Nutzungsrechte wieder selbst anstelle des untätigen
vormaligen Inhabers verwerten könne.
II. Die gegen diese Beurteilung gerichtete Revision des Klägers hat kei-
nen Erfolg. Die geltend gemachten Ansprüche auf Unterlassung und Scha-
densersatz (§ 97 Abs. 1 UrhG) bzw. Herausgabe einer ungerechtfertigten Be-
reicherung (§ 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 2 BGB) sind nicht begründet, weil die Be-
klagte ein Urheberecht des Klägers nicht verletzt hat.
1. Die Beklagte hat ein Urheberrecht des Klägers nicht dadurch verletzt,
dass sie das Computerprogramm nach dem Rückruf des Nutzungsrechts der
A. GmbH durch den Kläger weiter genutzt hat. Das Berufungsgericht hat zu
Gunsten des Klägers unterstellt, dass der Kläger alleiniger Urheber des Compu-
terprogramms ist und das ausschließliche Nutzungsrecht der A. GmbH wirk-
sam nach § 41 UrhG zurückgerufen hat. Davon ist auch für die Revisionsin-
stanz auszugehen. Das Berufungsgericht hat mit Recht angenommen, dass mit
dem Wirksamwerden dieses Rückrufs zwar das ausschließliche Nutzungsrecht
der A. GmbH, nicht aber das einfache Nutzungsrecht der Beklagten erlo-
schen wäre, so dass die Beklagte auch nach dem Rückruf zur Nutzung des
Programms berechtigt war.
a) Die Frage, ob beim Erlöschen eines vom Urheberrecht (dem „Mutter-
recht“) abgespaltenen ausschließlichen oder einfachen Nutzungsrechts (des
„Tochterrechts“) die davon abgeleiteten ausschließlichen oder einfachen Nut-
zungsrechte (die „Enkelrechte“) gleichfalls erlöschen oder bestehen bleiben, ist
umstritten. Der Gesetzgeber hat für den Fall, dass der Inhaber des Rechts, der
das Nutzungsrecht eingeräumt hat, auf sein Recht verzichtet, mit der durch das
Gesetz zur Stärkung der vertraglichen Stellung von Urhebern und ausübenden
Künstlern vom 22. März 2002 (BGBl. I, S. 1155) eingefügten Regelung des § 33
Satz 2 UrhG bestimmt, dass die von ihm eingeräumten ausschließlichen und
einfachen Nutzungsrechte wirksam bleiben. Dem Vorschlag des sogenannten
Professorenentwurfs, darüber hinaus in § 33 Satz 3 UrhG zu regeln, dass im
Übrigen die Nutzungsrechte erlöschen, wenn das Recht, aufgrund dessen sie
eingeräumt worden sind, wegfällt (GRUR 2000, 765, 766 und 775), hat der Ge-
setzgeber nicht entsprochen. Die Streitfrage, ob Nutzungsrechte späterer Stufe
bestehen bleiben, wenn das Nutzungsrecht früherer Stufe erlischt, solle nicht
präjudiziert werden, sondern der Rechtsprechung zur Klärung überlassen blei-
ben (vgl. Begründung des Gesetzentwurfs, BT-Drucks. 14/6433, S. 16). In der
Rechtsprechung und im Schrifttum werden zu dieser Frage gegensätzliche Auf-
fassungen vertreten:
aa) Nach einer Ansicht erlöschen mit dem Tochterrecht auch die Enkel-
rechte (OLG München in Schulze RzU OLGZ 248, 1, 3 ff. m. Anm. W. Norde-
mann; OLG München FuR 1983, 605, 606 ff.; OLG Hamburg GRUR Int. 1998,
431, 435; GRUR 2002, 335, 336 f., dazu zustimmend Wandtke, EWiR 2001,
645 f.; LG Hamburg ZUM 1999, 858, 60, dazu zustimmend Schricker, EWiR
Rdn. 16, § 41 Rdn. 37; Kotthoff
in Dreyer/Kotthoff/Meckel, Urheberrecht,
2. Aufl., § 35 UrhG Rdn. 8; J.B. Nordemann in Fromm/Nordemann, Urheber-
Spautz, UrhG, 2. Aufl., § 35 Rdn. 6; Schricker/Schricker, Urheberrecht, 3. Aufl.,
§ 33 UrhG Rdn. 16, § 35 Rdn. 11; Schricker, Verlagsrecht, 3. Aufl., § 28 VerlG
Rdn. 27; J.B. Nordemann in Loewenheim, Handbuch des Urheberrechts, § 26
Rdn. 31; Schack, Urheber- und Urhebervertragsrecht, 4. Aufl., § 16 Rdn. 556;
Scheuermann, Urheber- und vertragsrechtliche Probleme der Videoauswertung
von Filmen [1990], S. 160 ff.; Lößl, Rechtsnachfolge in Verlagsverträge [1997],
S. 173 ff.; W. Nordemann, GRUR 1970, 174 ff.; Platho, FuR 1984, 135, 138;
vgl. auch OLG Stuttgart FuR 1983, 393, 397; Wandtke/Grunert in Wandtke/
Bullinger, UrhR, 3. Aufl., § 35 UrhG Rdn. 7 ff.; Ulmer, Urheber- und Verlags-
recht, 3. Aufl., S. 467 f.; vgl. weiter zum Patentrecht RGZ 142, 168, 170 f.; Ull-
mann in Benkard, PatG, 10. Aufl., § 15 Rdn. 107, m.w.N.). Diese Auffassung
stützt sich vor allem auf folgende Erwägungen:
(1) Der das Urheberrecht beherrschende und dem Urheberschutz die-
nende Zweckbindungsgedanke gebiete es, dass mit dem ausschließlichen Nut-
zungsrecht auch die abgeleiteten Nutzungsrechte an den Urheber zurückfielen.
Nach diesem allgemein anerkannten Rechtsgedanken, der in der Übertra-
gungszweckregel des § 31 Abs. 5 UrhG zum Ausdruck komme, hätten die ur-
heberrechtlichen Befugnisse die Tendenz, so weit wie möglich beim Urheber zu
verbleiben, damit dieser in angemessener Weise an den Erträgnissen seines
Werkes beteiligt werde. Hieraus folge, dass der Urheber nicht mehr Rechte
vergebe, als es dem Zweck des schuldrechtlichen Geschäfts entspreche, und
dass bei einem Fortfall des schuldrechtlichen Geschäfts und Erlöschen der ver-
gebenen Rechte auch die von diesen Rechten abgeleiteten Nutzungsrechte an
den Urheber zurückfielen (OLG Hamburg GRUR 2002, 335, 336 f.).
Ein Fortbestehen der abgeleiteten Nutzungsrechte würde - so wird gel-
tend gemacht - die Rechte des Urhebers gegenüber den Rechten der Nut-
zungsberechtigten schwächen. So müsste der Urheber, der dem Lizenznehmer
wegen Nichtzahlung der Lizenzgebühren gekündigt und dessen ausschließli-
ches Lizenzrecht zum Erlöschen gebracht hätte, es hinnehmen, dass der Subli-
zenznehmer sein Werk weiter nutzte und der Lizenznehmer hierfür Lizenzge-
bühren erhielte; ihm bliebe nur die Möglichkeit, den Lizenznehmer auf Beendi-
gung des Lizenzvertrages mit dem Sublizenznehmer, auf Abtretung der Rechte
aus diesem Vertrag oder auf Schadensersatz in Anspruch zu nehmen. Er habe
jedoch ein berechtigtes wirtschaftliches Interesse, mit dem Sublizenznehmer
gegebenenfalls selbst einen neuen Lizenzvertrag zu schließen (Schricker, Ver-
lagsrecht aaO). Zudem könnte der Urheber, der trotz des Rückfalls des aus-
schließlichen Nutzungsrechts den Fortbestand eines einfachen Nutzungsrechts
zu dulden hätte, einem Dritten nur ein mit dem einfachen Nutzungsrecht be-
lastetes ausschließliches Nutzungsrecht einräumen. Dies würde seine Möglich-
keiten zur Verwertung seines Werkes wesentlich einschränken (Kotthoff in
Dreyer/Kotthoff/Meckel aaO).
(2) Ferner folge aus dem Grundsatz, dass niemand mehr Rechte verge-
ben könne, als er selbst besitze, und dem Umstand, dass es im Urheberrecht
keinen gutgläubigen Erwerb von Rechten gebe, dass mit der Berechtigung des
Inhabers des ausschließlichen Nutzungsrechts auch die Berechtigung des In-
habers des abgeleiteten Nutzungsrechts ende. Da das Enkelrecht nur eine
Teilbefugnis aus dem Tochterrecht sei, erlösche es gemeinsam mit diesem. Der
Erwerber des Enkelrechts werde in seinem Glauben an das Fortbestehen des
Tochterrechts nicht geschützt
(Kotthoff
in Dreyer/Kotthoff/Meckel aaO;
Schricker, Verlagsrecht aaO; J.B. Nordemann in Loewenheim aaO; Schack
aaO).
(3) Der Sublizenznehmer werde durch einen Rückfall seiner Nutzungs-
rechte an den Urheber nicht unzumutbar benachteiligt. Da der Lizenzvertrag
des Sublizenznehmers mit dem Lizenzgeber trotz des Entfallens des Lizenz-
rechts bestehen bleibe, könne der Sublizenznehmer dem Anspruch des Lizenz-
gebers auf Zahlung von Lizenzgebühren die Einrede des nichterfüllten Vertrags
entgegenhalten und vom Lizenzgeber gegebenenfalls Schadensersatz wegen
Nichterfüllung beanspruchen. Darüber hinaus sei es dem Sublizenznehmer un-
benommen, sich durch Vereinbarungen mit dem Lizenzgeber oder dem Urhe-
ber gegen die Folgen eines vorzeitigen Fortfalls seines Lizenzrechts abzusi-
chern (Möhring/Nicolini/Spautz aaO; Schricker, Verlagsrecht aaO; J.B. Norde-
mann in Loewenheim aaO). Schließlich sei es möglich, den Sublizenznehmer
durch vertragliche Regelungen zwischen dem Urheber und dem Lizenzgeber zu
schützen (vgl. Schricker, Verlagsrecht aaO; Ulmer aaO; zur Vertragsgestaltung
J.B. Nordemann in Fromm/Nordemann aaO § 31 UrhG Rdn. 36 ff.; Wente/
Herle, GRUR 1997, 96, 99 ff.); beispielsweise könne vereinbart werden, dass
bei einer Beendigung des Nutzungsrechts erster Stufe das Nutzungsrecht zwei-
ter Stufe fortbestehe (vgl. BGH, Urt. v. 28.11.1985 - I ZR 89/83, ZUM 1986, 278
- Alexis Sorbas, und § 2 Abs. 5 lit. c Halbsatz 2 des zwischen dem Verband
deutscher Schriftsteller in der IG Medien und dem Börsenverein des Deutschen
Buchhandels e.V. vereinbarten Normvertrags für den Abschluss von Verlags-
verträgen vom 19. Oktober 1978 in der ab 1. April 1999 gültigen Fassung, wo-
nach der Bestand bereits abgeschlossener Lizenzverträge vom Erlöschen des
Verlagsrechts unberührt bleibt) oder der Urheber verpflichtet sei, dem Lizenz-
nehmer die Nutzung zu den bisherigen Bedingungen für die vereinbarte Lauf-
zeit zu gestatten (so § 2 Abs. 5 Satz 2 Halbsatz 1 der zwischen dem Börsen-
verein des Deutschen Buchhandels und dem Deutschen Hochschulverband
vereinbarten Musterverträge für wissenschaftliche Verlagswerke in der Fassung
des Jahres 2000).
bb) Nach anderer Ansicht bleiben jedenfalls bei einem vorzeitigen Fortfall
des früheren Nutzungsrechts die späteren Nutzungsrechte bestehen. So soll
zumindest bei einer außerordentlichen Beendigung des der Bestellung des Nut-
zungsrechts erster Stufe zugrunde liegenden schuldrechtlichen Vertrags - etwa
durch einvernehmliche Aufhebung oder durch einseitige Lossagung in Form
von Kündigung, Rücktritt oder Rückruf - und einem damit einhergehenden vor-
zeitigen Wegfall des Nutzungsrechts erster Stufe - sei es durch Erlöschen,
Rückfall oder Rückeinräumung - das Nutzungsrecht zweiter Stufe bestehen
bleiben (Haberstumpf in Büscher/Dittmer/Schiwy, Gewerblicher Rechtsschutz,
Urheberrecht, Medienrecht, § 35 UrhG Rdn. 4; ders., Handbuch des Urheber-
rechts, 2. Aufl. Rdn. 418; ders. in Haberstumpf/Hintermeier, Einführung in das
Verlagsrecht [1985], § 22 IV 2 d; ders. in FS Hubmann [1985], S. 127, 140 ff.;
Sieger, FuR 1983, 580, 585 ff.; Schwarz/Klingner, GRUR 1998, 103, 110 ff.;
Beck, Der Lizenzvertrag im Verlagswesen [1961], S. 82 ff.; v. Hase, Der Musik-
verlagsvertrag [1961], S. 44 ff.; Karow, Die Rechtsstellung des Subverlegers im
Musikverlagswesen [1970], S. 82 ff.; Lange, Der Lizenzvertrag im Verlagswe-
sen [1979], S. 92 ff.; Wohlfahrt, Das Taschenbuchrecht [1991], S. 147 ff.; vgl.
auch Wandtke/Grunert in Wandtke/Bullinger aaO § 35 UrhG Rdn. 9).
Diese Ansicht stützt sich vor allem auf die Interessenlage, die einen
Schutz des Sublizenznehmers gebiete. Der Sublizenznehmer werde durch ein
vorzeitiges Erlöschen seines Nutzungsrechts regelmäßig empfindlich getroffen,
weil er das Recht nicht bis zum vorgesehenen Ablauf der Nutzungsfrist verwer-
ten könne. Er könne daher möglicherweise nicht einmal die Aufwendungen
ausgleichen, die er für den Erwerb und zur Vorbereitung der Verwertung des
Nutzungsrechts gehabt habe. Der Sublizenznehmer könne zudem die Ursache
für die außerordentliche Auflösung des zwischen dem Urheber und dem Li-
zenznehmer geschlossenen Vertrags und die vorzeitige Beendigung des frühe-
ren Nutzungsrechts regelmäßig weder beeinflussen noch vorhersehen. Es wäre
unbillig, wenn er aufgrund von Umständen, die er nicht zu verantworten habe
und auf die er sich nicht einstellen könne, sein Nutzungsrecht verlöre und er-
hebliche wirtschaftliche Nachteile erlitte.
b) Jedenfalls für den hier zu beurteilenden Fall des wirksamen Rückrufs
eines ausschließlichen Nutzungsrechts nach § 41 UrhG teilt der Senat die auch
vom Berufungsgericht vertretene zuletzt genannte Ansicht, dass die vom aus-
schließlichen Nutzungsrecht abgeleiteten einfachen Nutzungsrechte nicht an
den Urheber zurückfallen (ebenso Haberstumpf in Büscher/Dittmer/Schiwy aaO
a.A. Schulze in Dreier/Schulze aaO § 41 Rdn. 37; J.B. Nordemann in Fromm/
UrhG Rdn. 28; Schack aaO § 16 Rdn. 556; vgl. zur Entscheidung des Beru-
fungsgerichts auch die ablehnenden Anmerkungen von Scherenberg, CR 2007,
8 ff. und Haupt, jurisPR-WettbR 12/2006, Anm. 6).
aa) Mit dem Gedanken der Zweckbindung der Nutzungsrechtseinräu-
mung (vgl. etwa BGH, Urt. v. 22.1.1998 - I ZR 189/95, GRUR 1998, 680, 682
- Comic-Übersetzungen, m.w.N.) lässt sich zwar begründen, weshalb das Erlö-
schen des zwischen dem Urheber und dem Nutzungsberechtigten geschlosse-
nen Verpflichtungsgeschäfts zu einem Rückfall des auf dessen Grundlage ein-
geräumten Nutzungsrechts führt. Daraus ist aber nicht ohne weiteres zu schlie-
ßen, dass zugleich die vom ersten Nutzungsberechtigten eingeräumten weite-
ren Nutzungsrechte an den Urheber zurückfallen. Die Einräumung dieser weite-
ren Nutzungsrechte hat ihre Grundlage nicht in der zwischen dem Urheber und
dem ersten Nutzungsberechtigten, sondern in einer zwischen diesem und dem
zweiten Nutzungsberechtigten geschlossenen Vereinbarung. Das Erlöschen
des ersten Verpflichtungsgeschäfts hat grundsätzlich nicht das Erlöschen dieser
weiteren Vereinbarung zur Folge.
bb) Aus dem Grundsatz, dass niemand mehr Rechte vergeben kann, als
er selbst besitzt, und dem Umstand, dass es im Urheberrecht keinen gutgläubi-
gen Erwerb von Rechten gibt, lässt sich gleichfalls nicht herleiten, dass mit der
Berechtigung des Inhabers eines Nutzungsrechts auch die Berechtigung des
Inhabers eines davon abgeleiteten Nutzungsrechts endet. Vom Zeitpunkt der
Beendigung des Vertrags und des Erlöschens des Nutzungsrechts an ist zwar
der bis dahin Nutzungsberechtigte nicht mehr berechtigt, weitere Nutzungsrech-
te einzuräumen, und auch ein gutgläubiger Dritter nicht imstande, ein Nutzungs-
recht von ihm zu erwerben. Dies steht jedoch der Annahme nicht entgegen,
dass der spätere Wegfall der Berechtigung des Verfügenden die Wirksamkeit
seiner früheren Verfügungen unberührt lässt und die wirksam eingeräumten
Enkelrechte rechtlich selbständig und vom Fortbestand des Tochterrechts un-
abhängig sind (vgl. Sieger aaO; Beck aaO S. 86 f.; v. Hase aaO S. 45; Karow
aaO S. 85; Lange aaO S. 96). Das Berufungsgericht hat zutreffend darauf hin-
gewiesen, dass die Regelung des § 33 Satz 2 UrhG, wonach die ausschließli-
chen und einfachen Nutzungsrechte wirksam bleiben, wenn der Inhaber des
Rechts, der das Nutzungsrecht eingeräumt hat, auf sein Recht verzichtet, er-
kennen lässt, dass der Verlust eines Nutzungsrechts nach der Vorstellung des
Gesetzgebers nicht zum Entfallen der daraus abgeleiteten Nutzungsrechte füh-
ren muss.
Entgegen der Ansicht der Revision hat das Berufungsgericht nicht über-
sehen, dass im Streitfall die Nutzungsrechtsüberlassung Dauerleistungscharak-
ter hat und der Lizenzgeber nach dem Erlöschen seines Nutzungsrechts nicht
mehr die Rechtsmacht hat, seinem Lizenznehmer das Nutzungsrecht weiterhin
zu vermitteln (vgl. W. Nordemann, GRUR 1970, 174, 175). Das einfache Nut-
zungsrecht hat - wie auch das ausschließliche Nutzungsrecht - keinen schuld-
rechtlichen, sondern dinglichen Charakter (Schricker/Schricker, Urheberrecht,
vor §§ 28 ff. UrhG Rdn. 49 m.w.N. auch zur Gegenansicht). Der Lizenzgeber
muss dem Lizenznehmer das Nutzungsrecht daher nicht während der Dauer
des Lizenzverhältnisses fortwährend in seinem Bestand vermitteln, vielmehr ist
das Enkelrecht nach seiner Abspaltung vom Tochterrecht von dessen Fortbe-
stand unabhängig (vgl. Wohlfahrt aaO S. 151).
cc) Bei der gebotenen Abwägung der - oben unter II 1 a dargestellten -
Interessen des Urhebers einerseits und des Sublizenznehmers andererseits ist
im Falle eines - hier gegebenen - Rückrufs von Nutzungsrechten nach § 41
UrhG die dieser Bestimmung zugrunde liegende Wertung zu berücksichtigen.
Die Vorschrift des § 41 Abs. 5 UrhG regelt zwar allein, dass mit dem Wirksam-
werden eines Rückrufs das zurückgerufene Nutzungsrecht erlischt; ob die aus
dem zurückgerufenen Nutzungsrecht abgeleiteten Nutzungsrechte erlöschen
oder fortbestehen, ist in § 41 UrhG dagegen nicht ausdrücklich bestimmt. Die
dieser Regelung zu entnehmende gesetzliche Wertung spricht jedoch dafür,
dass beim wirksamen Rückruf eines ausschließlichen Nutzungsrechts wegen
Nichtausübung die davon abgeleiteten einfachen Nutzungsrechte bestehen
bleiben.
Nach § 41 Abs. 1 Satz 1 UrhG kann der Urheber ein ausschließliches
Nutzungsrecht zurückrufen, wenn dieses von seinem Inhaber nicht oder nur
unzureichend ausgeübt wird und dadurch berechtigte Interessen des Urhebers
erheblich verletzt werden. Da die Bestimmung nicht zwischen ausschließlichen
Nutzungsrechten erster oder späterer Stufe unterscheidet, kommt es nicht dar-
auf an, ob der Urheber selbst das ausschließliche Nutzungsrecht vergeben oder
der Inhaber eines ausschließlichen Nutzungsrechts seinerseits das ausschließ-
liche Nutzungsrecht als ein Recht zweiter oder späterer Stufe eingeräumt hat.
Der Urheber kann den Rückruf daher auch gegenüber dem Inhaber eines abge-
leiteten ausschließlichen Nutzungsrechts erklären. Mit dem Wirksamwerden
des Rückrufs fällt ein solches ausschließliches Nutzungsrecht weiterer Stufe
unmittelbar an den Urheber zurück (Schricker/Schricker, Urheberrecht aaO § 41
UrhG Rdn. 11 m.w.N.).
Gegenstand des Rückrufs kann nach Wortlaut sowie Sinn und Zweck der
Regelung allerdings stets nur ein ausschließliches Nutzungsrecht sein. Das
Rückrufsrecht wegen Nichtausübung nach § 41 UrhG dient dem ideellen Inter-
esse des Urhebers am Bekanntwerden seines Werkes (vgl. Begründung des
Regierungsentwurfs, BT-Drucks. IV/270, S. 60) und seinem materiellen Interes-
se an dessen Verwertung (Schricker/Schricker, Urheberrecht aaO § 41 UrhG
Rdn. 4 m.w.N. auch zur Gegenansicht, die § 41 UrhG allein dem Urheberper-
sönlichkeitsrecht zuordnet). Ein einfaches Nutzungsrecht versperrt dem Urhe-
ber nicht eine anderweitige Nutzung und steht daher einer Verwertung und ei-
nem Bekanntwerden seines Werkes nicht entgegen (Schricker/Schricker, Urhe-
berrecht aaO § 41 UrhG Rdn. 11 m.w.N.).
Der Urheber wird beim wirksamen Rückruf eines ausschließlichen Nut-
zungsrechts demnach nicht übermäßig in einer Nutzung seines Rechts beein-
trächtigt, wenn die vom ausschließlich Nutzungsberechtigten erteilten einfachen
Nutzungsrechte fortbestehen. Diese hindern ihn nicht daran, aufgrund des an
ihn zurückgefallenen ausschließlichen Nutzungsrechts neue Nutzungsrechte zu
vergeben. Da er der Erteilung weiterer Nutzungsrechte durch den Inhaber des
ausschließlichen Nutzungsrechts zugestimmt hat (§ 35 Abs. 1 Satz 1 UrhG),
muss er es hinnehmen, dass sein ausschließliches Nutzungsrecht beim Rück-
fall mit einfachen Nutzungsrechten belastet ist.
2. Die Revision macht weiterhin geltend, die Beklagte habe das Urheber-
recht des Klägers dadurch verletzt, dass sie bearbeitete bzw. umgearbeitete
Versionen der Software „Reifen Progressiv“ benutze, ohne dass diesen Bear-
beitungen bzw. Umarbeitungen eine auf den Kläger als Berechtigten zurückzu-
führende Legitimationskette zugrunde liege. Die Vorinstanzen hätten den Vor-
trag des Klägers nicht zur Kenntnis genommen, dass in der Zeit von September
2001 bis Juli 2003 nicht die A. GmbH, sondern die hierzu auf keinen Fall be-
fugte P. AG Änderungen an der Software bei der Beklagten vorgenommen
habe. Damit hat die Revision ebenfalls keinen Erfolg.
Das Landgericht, auf dessen Ausführungen das Berufungsgericht sich
zur Begründung seiner Annahme, die Beklagte habe das Urheberrecht des Klä-
gers auch nicht infolge von Veränderungen des Programms und seiner Versio-
nen verletzt, bezogen hat, hat den von der Revision als übergangen gerügten
Vortrag des Klägers auf den Seiten 28 und 29 seines Schriftsatzes vom 11. Ok-
tober 2005 nicht unberücksichtigt gelassen. Die Ausführungen, die der Kläger in
diesem Schriftsatz - nach seiner dortigen Darstellung lediglich „colorandi cau-
sa“ - zu Veränderungen des Quellcodes durch „die Beklagte“ gemacht hat,
betreffen, wie das Landgericht zutreffend angenommen hat, erkennbar nicht die
Beklagte des vorliegenden Rechtsstreits, sondern die P. AG, gegen die der
Kläger in einem Vorprozess ein Unterlassungsurteil erstritten und anschließend
wegen eines Verstoßes gegen die Unterlassungsverpflichtung ein Ordnungsmit-
telverfahren eingeleitet hatte. Mit den vom Kläger in diesem Schriftsatz behaup-
teten Veränderungen am Quellcode, die der Zeuge N. im Auftrag „der
Beklagten“ - also der P. AG - bei dem Unternehmen Reifen S. bis ein-
schließlich September 2003 vorgenommen haben soll, hat die Beklagte dem-
nach bereits nach dem eigenen Vorbringen des Klägers nichts zu tun.
III. Danach ist die Revision des Klägers mit der Kostenfolge aus § 97
Abs. 1 ZPO zurückzuweisen.
Bornkamm
Pokrant
Schaffert
Bergmann
Koch
Vorinstanzen:
LG Köln, Entscheidung vom 16.11.2005 - 28 O 349/05 -
OLG Köln, Entscheidung vom 14.07.2006 - 6 U 224/05 -