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BGH Urteil vom 21.04.2009 – X ZR 153/04
X. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
X ZR 153/04
URTEIL
in der Patentnichtigkeitssache
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
Verkündet am: 21. April 2009 Anderer Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Druckmaschinen-Temperierungssystem II
EPÜ Art. 138 Abs. 1 lit. c, Art. 69 Abs. 1; PatG § 21 Abs. 1 Nr. 4, § 14 Abs. 1
Der Gegenstand des Patents geht nicht schon dadurch über den Inhalt der Anmel-
dung hinaus, dass er mit Begriffen gekennzeichnet ist, die in den Anmeldungsunter-
lagen als solche nicht verwendet worden sind, insbesondere, wenn damit längere
Umschreibungen in den ursprünglich eingereichten Unterlagen zusammenfassend
oder schlagwortartig umschrieben werden.
BGH, Urteil vom 21. April 2009 - X ZR 153/04 - Bundespatentgericht
Der X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhand-
lung vom 21. April 2009 durch den Vorsitzenden Richter Scharen und die Rich-
ter Keukenschrijver, Dr. Lemke, Gröning und Dr. Berger
für Recht erkannt:
Auf die Berufung der Klägerin wird das am 21. Juli 2004 verkündete
Urteil des 4. Senats (Nichtigkeitssenats) des Bundespatentgerichts
abgeändert:
Das europäische Patent 602 312 wird mit Wirkung für das Hoheits-
gebiet der Bundesrepublik Deutschland im Umfang der Patentan-
sprüche 1 bis 11 sowie 13 und 14, letztere soweit sie nicht auf Pa-
tentanspruch 12 zurückbezogen sind, für nichtig erklärt, soweit es
über folgende Fassung dieser Patentansprüche hinausgeht:
1. Druckmaschinen-Temperierungssystem für Rotationskörper ei-
ner Druckmaschine, mit folgenden Merkmalen:
1.1. es sind mindestens zwei verschiedene Arten von Kühl-
vorrichtungen vorgesehen, von welchen eine eine
Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung (120, 146, 142, 184,
174, 162, 138, 134, 132) zum Aufbringen von temperier-
tem Feuchtwasser (124) auf den betreffenden Rotations-
körper (6, 122) der Druckmaschine und die andere eine
Kaltwasser-Kühlvorrichtung (2, 107, 80, 82, 85, 88, 91)
zum Wärmeaustausch zwischen temperiertem Kaltwas-
ser und der Oberfläche einer Farbverreiberwalze (107)
der Druckmaschine ist;
1.2. die Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung enthält einen ers-
ten Vorratsbehälter (132) für das Feuchtwasser (124);
1.3. die Kaltwasser-Kühlvorrichtung enthält einen zweiten
Vorratsbehälter (80) für das Kaltwasser (130);
1.4. eine Kühlanlage (190) mit einem einzigen Kälteerzeuger
(192, 194, 196, 202, 204, 208) zur Kühlung von Kältemit-
tel und mit einer Wärmetauschervorrichtung (82, 83, 84,
88, 140, 93 und 140, 180, 162, 139, 138, 158, 174, 176)
zum Wärmeaustausch zwischen dem Kältemittel des
Kälteerzeugers und dem Feuchtwasser (124) sowie zwi-
schen dem Kältemittel des Kälteerzeugers und dem
Kaltwasser (130);
1.5. Mittel (66, 82, 86, 114, 138, 146, 184) zum wahlweisen
Umschalten zwischen der Betriebsart 'Feuchtwasser-
Offsetdruck' unter Verwendung der Feuchtwasser-
Auftragsvorrichtung mit oder ohne gleichzeitiger Kühlung
durch die Kaltwasser-Kühlvorrichtung und der Betriebsart
'wasserloser Offsetdruck' unter Verwendung der Kalt-
wasser-Kühlvorrichtung ohne gleichzeitiges Auftragen
von
Feuchtmittel
durch
die
Feuchtwasser-
Auftragsvorrichtung.
2. Temperierungssystem nach Anspruch 1,
dadurch gekennzeichnet,
dass die Wärmetauschervorrichtung mindestens zwei Wärme-
tauscher (84, 140) enthält, die vom Kältemittel des Kälteerzeu-
gers (192, 194, 196, 202, 204, 208) durchströmt werden, dass
mindestens einer der Wärmetauscher (84) vom Kaltwasser (Lei-
tungen 83, 85) durchströmt wird und einen Wärmeaustausch
zwischen dem Kaltwasser und dem Kältemittel erzeugt, und
dass mindestens ein anderer der Wärmetauscher (140) vom
Feuchtwasser (Leitungen 139, 180) durchströmt wird und einen
Wärmeaustausch zwischen dem Feuchtwasser und dem Käl-
temittel erzeugt.
3. Temperierungssystem nach Anspruch 1 oder 2,
dadurch gekennzeichnet,
dass der Kälteerzeuger einen Kältemittelkreislauf (192, 194,
196, 222) aufweist, welcher mit zwei zueinander parallelen Käl-
temittelzweigen (198, 199) versehen ist, durch welche gekühl-
tes Kältemittel strömt, dass jeder Kältemittelzweig Mittel (202,
204) zur Einstellung des Kältemitteldurchlasses enthält, dass
der eine Kältemittelzweig (198) in Wärmeaustausch (84) mit
dem Kaltwasser und der andere Kältemittelzweig (199) in Wär-
meaustausch (140) mit dem Feuchtwasser ist.
4. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche,
dadurch gekennzeichnet,
dass mindestens einem der beiden Vorratsbehälter (80, 132)
Mittel (91, 138, 66) zur Aufrechterhaltung eines bestimmten Ni-
veaus oder Niveaubereiches an darin enthaltenem Kaltwasser
oder Feuchtwasser zugeordnet sind.
5. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche,
gekennzeichnet durch
eine, einen Mikrocomputer enthaltende elektronische Steuerein-
richtung (66) zur Steuerung oder Regelung der Temperatur des
Feuchtwassers und/oder des Kaltwassers mittels der Kühlanla-
ge (190) in Abhängigkeit von einer Temperatur (68, 208, 214).
6. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche,
dadurch gekennzeichnet,
dass ein Kaltwasserkreislauf (80, 82, 83, 84, 85, 2, 107, 88) zur
Rezirkulation des Kaltwassers vom ersten Vorratsbehälter (80)
über
die Kühlanlage
(190)
zu
einer Kaltwasser-
Wärmeaustauschvorrichtung (2) der betreffenden Farbverrei-
berwalze (107) und wieder zurück zum ersten Vorratsbehälter
(80), vorgesehen ist.
7. Temperierungssystem nach Anspruch 6,
dadurch gekennzeichnet,
dass der Kaltwasserkreislauf (80, 84, 85, 2, 107, 88) eine aus
dem ersten Vorratsbehälter (80) Kaltwasser herausfördernde
erste Pumpe (82) aufweist, und dass stromabwärts der Pumpe
(82) eine Entlüftungsleitung (92) an den Kaltwasserkreislauf
angeschlossen ist, welche in den ersten Vorratsbehälter (80) für
Kaltwasser mündet.
8. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche,
dadurch gekennzeichnet,
dass ein Feuchtwasserkreislauf (132, 138, 139, 140, 180, 142,
170, 146, 120, 150, 154, 158) zur Rezirkulation des Feuchtwas-
sers vom zweiten Vorratsbehälter (132) über die Kühlanlage
(190) zu dem betreffenden Rotationskörper (6, 122) und wieder
zurück zum zweiten Vorratsbehälter (132), vorgesehen ist.
9. Temperierungssystem nach Anspruch 8,
dadurch gekennzeichnet,
dass der Feuchtwasserkreislauf (132, 138, 139, 140, 180, 142,
170, 146, 120, 150, 154, 158) eine Feuchtwasser aus dem
zweiten Vorratsbehälter (132) herausfördernde zweite Pumpe
(138) aufweist, und dass von einer stromabwärts der Kühlanla-
ge (190) gelegenen Stelle aus eine Bypassleitung (182) in den
zweiten Vorratsbehälter (132) zurückführt, über welche das
Feuchtwasser wahlweise in den zweiten Vorratsbehälter (132)
statt zu dem zu befeuchtenden Rotationskörper (6, 122) zu-
rückgeführt werden kann.
10. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche,
dadurch gekennzeichnet,
dass die Temperatur und/oder Strömungsgeschwindigkeit des
Kaltwassers in Abhängigkeit von einem Temperatur-Sollwert
und dem jeweiligen Temperatur-Istwert einer Druckplattenober-
fläche (4) eines Druckplattenzylinders (6) eingestellt oder gere-
gelt wird.
11. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche,
dadurch gekennzeichnet,
dass Kaltwasser (130) aus dem ersten Vorratsbehälter (80)
über einen weiteren Wärmetauscher (52) einer Blasluftkühlvor-
richtung (2) zur Kühlung von Luft, welche auf den betreffenden
Rotationskörper (6) geblasen wird, und alternativ oder gleichzei-
tig zu Farbverreiberwalzen (107) eines Farbwerkes (106), wel-
ches Druckfarbe von einer Farbquelle (108) auf die Druckplat-
tenoberfläche (4) überträgt, zu ihrer Kühlung zugeführt werden
kann.
13. Temperierungssystem nach einem der vorhergehenden An-
sprüche 1 bis 11,
dadurch gekennzeichnet,
dass der erste Vorratsbehälter (80) und der zweite Vorratsbe-
hälter (132) je mindestens einen Flüssigkeits-Niveausensor (91,
134) enthalten, der in Abhängigkeit vom Flüssigkeitsniveau ein
Signal erzeugt.
14. Temperierungssystem nach Anspruch 13,
dadurch gekennzeichnet,
dass die Wärmetauschervorrichtung der Kühlanlage (190) min-
destens zwei Wärmetauscher (84, 140) aufweist, die im Kälte-
mittelkreislauf parallel zueinander geschaltet sind und deren
Kältemittelströmung unabhängig voneinander einstellbar oder
regelbar (202, 208, 204, 214) ist, und zwar für jeden dieser
Wärmetauscher (84, 140) in Abhängigkeit von einem eigenen
Temperatur-Sollwert, dass mindestens einer (84) dieser Wär-
metauscher zur Kühlung des Kaltwassers (130) und mindestens
ein anderer (140) dieser Wärmetauscher zur Kühlung des
Feuchtwassers (124) dient.
Die weitergehende Berufung wird zurückgewiesen.
Von den Kosten des Rechtsstreits tragen die Klägerin neun Zehntel
und die Beklagte ein Zehntel.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Beklagte ist eingetragene Inhaberin des mit Wirkung für die Bundes-
republik Deutschland erteilten europäischen Patents 602 312 (Streitpatents),
das als Teilanmeldung zu der europäischen Stammanmeldung 553 447 (im
Folgenden nur: Anmeldung) unter Inanspruchnahme der Priorität der deutschen
Patentanmeldung 4 202 544 vom 30. Januar 1992 angemeldet worden ist. Es
umfasst 14 Ansprüche, deren erster in der Verfahrenssprache lautet:
"Druckmaschinen-Temperierungssystem für Rotationskörper einer
Druckmaschine, mit folgenden Merkmalen:
1.1
es sind mindestens zwei verschiedene Arten von Kühlvor-
richtungen vorgesehen, von welchen eine eine Feuchtwas-
ser-Auftragsvorrichtung (120, 146, 142, 184, 174, 162, 138,
134, 132) zum Aufbringen von temperiertem Feuchtwasser
(124) auf den betreffenden Rotationskörper (6, 122) der
Druckmaschine
und
die
andere
eine Kaltwasser-
Kühlvorrichtung (2, 107, 80, 82, 85, 88, 91) zum Wärmeaus-
tausch zwischen temperiertem Kaltwasser und der Oberflä-
che des betreffenden Rotationskörpers (6, 107) der Druck-
maschine ist;
1.2
die Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung enthält einen ersten
Vorratsbehälter (132) für das Feuchtwasser (124);
1.3
die Kaltwasser-Kühlvorrichtung enthält einen zweiten Vor-
ratsbehälter (80) für das Kaltwasser (130);
1.4
eine Kühlanlage (190) mit einem einzigen Kälteerzeuger
(192, 194, 196, 202, 204, 208) zur Kühlung von Kältemittel
und mit einer Wärmetauschervorrichtung (82, 83, 84, 88,
140, 93 und 140, 180, 162, 139, 138, 158, 174, 176) zum
Wärmeaustausch zwischen dem Kältemittel des Kälteerzeu-
gers und dem Feuchtwasser (124) sowie zwischen dem Käl-
temittel des Kälteerzeugers und dem Kaltwasser (130);
1.5 Mittel (66, 82, 86, 114, 138, 146, 184) zum wahlweisen Um-
schalten
zwischen
der Betriebsart
'Feuchtwasser-
Offsetdruck'
unter Verwendung
der Feuchtwasser-
Auftragsvorrichtung mit oder ohne gleichzeitiger Kühlung
durch die Kaltwasser-Kühlvorrichtung und der Betriebsart
'wasserloser Offsetdruck' unter Verwendung der Kaltwasser-
Kühlvorrichtung ohne gleichzeitiges Auftragen von Feucht-
mittel durch die Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung."
Wegen der unmittelbar und mittelbar auf Patentanspruch 1 rückbezoge-
nen Ansprüche 2 bis 14 wird auf die Streitpatentschrift Bezug genommen.
Mit ihrer Nichtigkeitsklage hat die Klägerin geltend gemacht, der Gegen-
stand des Streitpatents sei unzulässig erweitert worden; seine Lehre sei auf-
grund offenkundiger Vorbenutzung eines Temperierungssystems mit einer Käl-
teanlage durch sie, die Klägerin, nicht patentfähig, sie sei nicht neu und beruhe
nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit. Dafür hat sie sich unter anderem auf die
deutschen Offenlegungsschriften 1 953 590 und 28 49 286 berufen.
Die Klägerin hat beantragt, das Streitpatent mit Wirkung für das Hoheits-
gebiet der Bundesrepublik Deutschland im Umfang der Patentansprüche 1 bis
11 sowie 13 und 14, sofern nicht unmittelbar oder mittelbar auf Patentan-
spruch 12 bezogen, für nichtig zu erklären. Die Beklagte hat beantragt, die Kla-
ge abzuweisen.
Durch das angefochtene Urteil hat das Bundespatentgericht die Klage
abgewiesen. Mit ihrer dagegen gerichteten Berufung verfolgt die Klägerin ihren
erstinstanzlichen Antrag weiter. Die Beklagte verteidigt das Streitpatent be-
schränkt in der aus der Urteilsformel ersichtlichen Fassung und mit Hilfsanträ-
gen, wegen deren Wortlauts auf die korrigierten Anlagen ihres Schriftsatzes
vom 17. April 2009 Bezug genommen wird.
Im Auftrag des Senats hat Prof. Dr.-Ing. B. W. , Universität S.
, ein schriftliches Gutachten erstellt, welches er in der mündlichen Verhand-
lung erläutert und ergänzt hat. Beide Parteien haben Privatgutachten einge-
reicht, die Klägerin ein solches von Prof. Dr.-Ing. H. , die Beklagte ein Gut-
achten von Dr.-Ing. B. .
Entscheidungsgründe
Die zulässige Berufung der Klägerin hat in der Sache nur insoweit Erfolg,
als das in zulässiger Weise beschränkt verteidigte Streitpatent im Umfang des
Angriffs der Nichtigkeitsklage ohne weitere Sachprüfung für nichtig zu erklären
ist, soweit es über die verteidigte Fassung hinausgeht (st. Rspr., vgl. BGHZ
170, 215 ff. - Carvedilol II). Im Übrigen war das Rechtsmittel zurückzuweisen.
I. 1. Das Streitpatent betrifft ein Temperierungssystem für Rotationskör-
per einer Druckmaschine. Die Druckwerke solcher Maschinen müssen im Be-
trieb gekühlt werden. Das kann der Streitpatentschrift zufolge auf verschiedene
Weise geschehen, nämlich indem Blasluftkühlvorrichtungen Kaltluft an die
Oberfläche der zylindrischen, rotierenden Druckplatten blasen, indem die Farb-
verreiberwalzen innen mit Kühlflüssigkeit durchströmt werden oder (gekühlte)
Befeuchtungsflüssigkeit auf die Oberfläche der Druckplatte aufgebracht wird.
Die Beschreibung gibt als Aufgabe der Erfindung an, das Temperie-
rungssystem so auszubilden, dass das Druckwerk der Maschinen wahlweise
mit einer dieser Kühlungsmodalitäten, kombiniert mit zweien davon oder mit
allen zusammen betrieben werden kann. Dies soll ohne umfangreiche Bau-
maßnahmen, vorzugsweise auf einfache Weise durch Umschalten von Ventilen
und ohne den Aus- oder Umbau von Maschinenteilen, erfolgen. Außerdem soll
das System preiswert hergestellt werden können und der zum Betrieb erforder-
liche Energieaufwand in jeder der drei Modalitäten gering sein.
2. Dafür schlägt das Streitpatent in Patentanspruch 1 in der hauptsäch-
lich verteidigten Fassung ein Druckmaschinen-Temperierungssystem für Rota-
tionskörper einer Druckmaschine vor (ohne Bezugszeichen) mit
1.
mindestens zwei verschiedenen Arten von Kühlvorrichtun-
gen,
1.1 wovon die eine eine Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung durch
Aufbringen von temperiertem Feuchtwasser auf den betref-
fenden Rotationskörper der Druckmaschine und
1.2
die andere eine Kaltwasser-Kühlvorrichtung zum Wärmeaus-
tausch zwischen temperiertem Kaltwasser und der Oberflä-
che einer Farbverreiberwalze ist,
wobei
2.1
die Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung einen ersten Vorrats-
behälter für das Kühlwasser und
2.2
die Kaltwasser-Kühlvorrichtung einen zweiten Vorratsbehäl-
ter für das Kaltwasser enthält,
mit
3.
einer Kühlanlage
3.1 mit einem einzigen Kälteerzeuger und
3.2 mit einer Wärmetauschervorrichtung zum Wärmeaustausch
zwischen
3.2.1 dem Kältemittel des Kälteerzeugers und dem Feuchtwasser
sowie zwischen
3.2.2 dem Kältemittel des Kälteerzeugers und dem Kaltwasser
und mit
4.
Mitteln zum wahlweisen Umschalten zwischen
4.1
der Betriebsart "Feuchtwasser-Offsetdruck" unter Verwen-
dung der Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung
4.1.1 mit gleichzeitiger Kühlung durch oder
4.1.2 ohne gleichzeitige Kühlung durch die Kaltwasser-
Kühlvorrichtung
4.2
und der Betriebsart "wasserloser Offsetdruck" unter Verwen-
dung der Kaltwasser-Kühlvorrichtung ohne gleichzeitiges
Auftragen von Feuchtmittel durch die Feuchtwasser-
Auftragsvorrichtung.
3. Dazu sind folgende Erläuterungen angezeigt.
a) Beim "Feuchtwasser-Offsetdruck" (auch: Nassoffset) handelt es sich
um das zum Prioritätszeitpunkt herkömmliche und damals vorherrschende Off-
set-Druckverfahren, bei dem die Druckplatte vor dem Druck mit einer (kühlbe-
dürftigen) Flüssigkeit, regelmäßig Wasser, dem Alkohol zugesetzt wird, und die
das Streitpatent als "Feuchtwasser" bezeichnet, benetzt wird. Beim Offsetdruck,
einem Flachdruckverfahren, sind die Bereiche, die Druckfarbe übertragen sol-
len, relativ lipophil und die Bereiche der Druckplattenoberfläche, die keine
Druckfarbe übertragen sollen, relativ hydrophil und lipophob gehalten. Nach
dem Auftragen des Feuchtwassers benetzen sich dementsprechend nur die
lipophilen Bereiche der Druckplatte mit der öligen Offsetdruckfarbe, während
der aufgetragene Feuchtmittelfilm in den hydrophilen Bereichen ausreichend
stabil ist, um eine Benetzung mit der Druckfarbe zu verhindern.
b) Beim "wasserlosen Offsetdruck" im Sinne von Merkmal 4.2 der Merk-
malsgliederung werden die nicht druckenden Stellen im Allgemeinen von einem
Silikongummi gebildet. "Feuchtwasser" kommt dann nicht zum Einsatz. Der
wasserlose Offsetdruck ist zwar seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts be-
kannt, konnte sich aber, auch nachdem das japanische Unternehmen Toray in
den 70er Jahren mit der - in der Streitpatentschrift erwähnten und für dieses
Verfahren speziell konzipierten - Toray-Druckplatte hervorgetreten war, bis zum
Prioritätstag nur in Spezialsegmenten erfolgreich behaupten.
c) Der Wortlaut des verteidigten Patentanspruchs 1 weist dem "wasser-
losen Offsetdruck" allein die innenseitige Kühlung der Farbverreiberwalzen mit
hindurchströmender Kühlflüssigkeit zu, die in der Streitpatentschrift als "Kalt-
wasser" bezeichnet ist und für die Wasser verwendet wird, welches mit Zu-
satzmitteln versetzt sein kann (Merkmale 1.2, 4.2). Eine Blasluftkühlung mit Hil-
fe von Kaltwasser ist mithin nicht Voraussetzung für die Verwirklichung der Er-
findung nach dem verteidigten Patentanspruch 1.
Angesichts dessen kann keine entscheidende Bedeutung für die Ausle-
gung des Patents dem Umstand zukommen, dass die Blasluftkühlung in den
Ausführungsformen mitbeschrieben war und ist. Damit wird die Erfindung ledig-
lich in ihren gesamten Möglichkeiten dargestellt. Die Schlussfolgerung, die Blas-
luftkühlung müsse notwendig vorhanden sein, kann deshalb ebenso wenig ge-
zogen werden, wie dies aus dem Umstand hervorgeht, dass die diesem
Element zugeordnete Bezugsziffer (2) bei den Bezugszeichen für die Kaltwas-
ser-Kühlvorrichtung aufgeführt ist. Dies dient der Vollständigkeit der Beschrei-
bung, erlaubt aber ebenfalls nicht die Auslegung, dass eine Blasluftkühlung
notwendig vorhanden sein muss.
d) Die Bezeichnung des Feuchtwasser- bzw. wasserlosen Offsetdrucks
als "Betriebsart" in Patentanspruch 1 ist im Lichte des Gegenstands des An-
spruchs zu sehen, der sich auf ein Druckmaschinen-Temperiersystem be-
schränkt, das unter Verwendung der Feuchtwasser-Auftrags- bzw. der Kaltwas-
serkühlvorrichtung (Merkmale 4.1, 4.2) betrieben wird. Die Übertragung des
Druckbilds auf den Druckträger, namentlich die Umrüstung der auf den Druck-
zylinder aufgebrachten, jeweils nur für den Feuchtwasser- oder den wasserlo-
sen Druck geeigneten Druckplatten oder gar der Druckbetrieb selbst, also die
Herstellung von Druckerzeugnissen, ist vom Gegenstand der Erfindung nicht
eingeschlossen.
II. Der Gegenstand des Streitpatents geht nicht über den Inhalt der frühe-
ren Anmeldung in der ursprünglich eingereichten Fassung (Art. 138 Abs. 1 lit. c,
2. Alt. EPÜ) hinaus.
1. Das betrifft zum einen die Kennzeichnung beanspruchter Vorrich-
tungsteile
als
"Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung",
"Kaltwasser-
Kühlvorrichtung" und "Kälteerzeuger". Denn der Inhalt einer Anmeldung wird
nicht schon dadurch erweitert, dass der Gegenstand des erteilten Schutzrechts
mit Begriffen umschrieben ist, die in den Anmeldungsunterlagen als solche
nicht benutzt worden sind. Das gilt namentlich dann, wenn damit längere Um-
schreibungen in den Anmeldungsunterlagen zusammenfassend oder schlag-
wortartig bezeichnet werden. Entscheidend ist, dass diesen Oberbegriffen oder
Schlagworten in den Anmeldungsunterlagen als zur Erfindung gehörend be-
handelte Elemente eindeutig und in der Weise lückenlos und abschließend zu-
geordnet sind, dass keine Auslassungen oder Hinzufügungen vorliegen. Solche
Erweiterungen zeigt die Berufung nicht auf und sie sind auch nicht erkennbar.
Vielmehr lassen sich den beanstandeten Begriffen die dazu korrespondieren-
den Angaben in den Anmeldungsunterlagen eindeutig zuordnen.
Die "Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung" dient, wie der Begriff es erwar-
ten lässt, der Aufbringung der für den Nassoffsetdruck erforderlichen gekühlten
Flüssigkeit auf die Druckkörperoberfläche. Welche Merkmale sie aufweist, er-
schließt sich dem Fachmann aus den Anmeldungsunterlagen einschließlich der
Figuren, insbesondere der Figur 2 (Feuchtwasserwanne und -vorlauf- sowie
Entlüftungsleitung [120, 142, 174], zweite Pumpe [138], zweiter Vorratsbehälter
[132], Ventile [146, 184], Alkohol- und Niveausensor [162, 134]).
Der Begriff "Kaltwasser-Kühlvorrichtung" fasst in gleicher Weise ur-
sprungsoffenbarte Lösungsmittel zusammen. Diese Vorrichtung bezieht sich auf
die Kühlung mittels Blasluft-Kühlvorrichtung 2 und die Kühlung der Farbverreib-
erwalzen 107 (Sp. 7 Z. 50 ff.), deren Versorgung mit "Kaltwasser" der erste Vor-
ratsbehälter 80 zugeordnet ist, von dem aus das Kühlmedium mithilfe der Pum-
pe 82 über die Kaltwasservorlaufleitung 85 an die Kühlungsorte gepumpt wird
und wohin es über die Kaltwasserrücklaufleitung zurückfließt, wobei das Kalt-
wasserniveau im Behälter mit einem Niveausensor 91 überwacht wird (Sp. 5
Z. 58 übergreifend Sp. 6 Z. 1 ff.; Z. 56; Sp. 7 Z. 36 ff.).
Der Begriff "Kälteerzeuger" wird in Anspruch 1 als Synonym für den in
den Anmeldungsunterlagen offenbarten "einzigen Kältemittelkreislauf" verwen-
det. Die deckungsgleiche Zuordnung der jeweiligen Merkmale ergibt sich aus
den übereinstimmend verwendeten Bezugszeichen (vgl. Anmeldung Sp. 10
Z. 14 ff.).
2. Der Gegenstand des Streitpatents ist ferner nicht dadurch unzulässig
erweitert, dass die Blasluftkühlung lediglich fakultativ vorgesehen ist. Dem ste-
hen nicht die soeben gemachten Ausführungen zur "Kaltwasser-Kühlvor-
richtung" und deren Offenbarung in den Ursprungsunterlagen entgegen. Von
der Frage, welche Elemente dem Begriff der Kaltwasser-Kühlvorrichtung zuge-
ordnet werden können, zu trennen ist die Frage, ob zu einem Temperierungs-
system, so wie es Gegenstand der ursprünglichen Anmeldungsunterlagen ist,
notwendig eine Blasluftkühlung gehört oder ob danach lediglich vorgesehen ist,
dass neben der Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung eine Kaltwasser-
Kühlvorrichtung vorhanden ist, die allein in der Kühlung der Farbverreiberwal-
zen bestehen kann. Letzteres ist der Fall.
a) Für die Beantwortung kommt es nicht auf die etwaigen subjektiven
Vorstellungen des Erfinders bzw. Anmelders an - für die der Betrieb des Tem-
peratursystems mit einer Blasluft-Kühlvorrichtung nach den Umständen im Zeit-
punkt der Stammanmeldung durchaus im Vordergrund gestanden haben mag -,
sondern maßgeblich ist allein der objektive Gehalt der Anmeldungsunterlagen.
Deren Auslegung (vgl. dazu Sen.Beschl. v. 8.7.2008 - X ZB 13/06, GRUR 2008,
887 - Momentanpol II) ergibt, dass die Blasluft-Kühlvorrichtung nicht zwingend
zu jedem patentgemäßen Temperierungssystem gehört.
b) Die Kühlungsmöglichkeiten beim wasserlosen Offsetdruck sind in den
Anmeldungsunterlagen so dargestellt, dass die Oberfläche der Druckplatte da-
bei entweder durch Blasluft- oder durch Kaltwasserkühlung der Farbverreiber-
walzen oder durch beide Systeme zugleich gekühlt werden kann (vgl. Sp. 7
Z. 31 ff.: "Die Oberfläche 4 der Druckplatten 6 kann durch Luft 40, 41, 42 der
Blasluftkühlvorrichtung 2 und/oder durch Kaltwasserkühlung der Farbverreiber-
rollen gekühlt…werden"). Dabei versteht der Fachmann eine Kühlung der Ober-
fläche der (auf den Druckzylinder aufgespannten) Druckplatten durch Kaltwas-
serkühlung der Farbverreiberwalzen als mittelbare Übertragung von Kälte von
einem auf einen anderen Rotationskörper oder über mehrere solche Körper
hinweg.
Somit stehen nach der Anmeldung Blasluftkühlung und Kühlung der
Farbverreiberwalzen
für sich wahlweise auch einzeln als Kaltwasser-
Kühlvorrichtungen zur Verfügung. Das kommt in den Anmeldungsunterlagen im
Übrigen auch an anderer Stelle zum Ausdruck (Sp. 8 Z. 7 ff.), wodurch unter-
strichen wird, dass der Einsatz einer Blasluftkühlung für ein patentgemäßes
Temperierungssystem nicht konstitutiv ist. Damit stimmt schließlich überein,
dass auch der gerichtliche Sachverständige die Blasluftkühlung im wasserlosen
Offsetdruck technisch nicht als unabdingbar erforderlich ansieht. Die europäi-
sche Teilanmeldung kann für einen Gegenstand eingereicht werden, der nicht
über den Inhalt der früheren Anmeldung hinausgeht (Art. 76 Abs. 1 Satz 2
EPÜ). Wie oben dargelegt (I 3 d), ergibt die Auslegung der Anmeldungsunterla-
gen, dass die Betriebsart der Blasluft-Kühlvorrichtung schon danach nur fakulta-
tiv vorgesehen war.
3. Die Ursprungsanmeldung ist auch nicht durch Eröffnung einer vierten
Kühlbetriebsart, nämlich die Kombination des Feuchtwasser-Offsetdrucks mit
gleichzeitiger Kühlung durch die Kaltwasser-Kühlvorrichtung (Merkmal 4.1.1),
erweitert. Allerdings sind in der Beschreibung ausdrücklich nur drei Druckarten
erwähnt (Sp. 8 Z. 6 ff.). Zum Offenbarungsgehalt gehört aber auch, was der
Fachmann aus den Zeichnungen als zu der angemeldeten Erfindung gehörend
erfährt. Wie der Sachverständige in der mündlichen Verhandlung erläutert hat,
schließt der Fachmann aus der schematischen Darstellung des gesamten Sys-
tems in Figur 2 und dabei insbesondere aus dem Umstand, dass an den Vor-
laufleitungen zwischen Vorratsbehältern und Kühlvorrichtungen Ventile ange-
bracht sind, dass gleichzeitig die Feuchtwasser-Auftragsvorrichtung und die
Kaltwasserkühlung bei dem Nassoffsetdruck genutzt werden kann, der nach der
angemeldeten Erfindung möglich ist. Nur dies steht im Übrigen auch im Ein-
klang mit den Erkenntnissen, die der Stand der Technik bot, weil bereits in der
1971 veröffentlichten deutschen Offenlegungsschrift 1 953 590 als nachteilig
beschrieben ist, entweder nur die Temperatur des Befeuchtungsmittels oder die
bestimmter Walzen des Farbwerks zu beeinflussen, und vorgeschlagen wird,
neben der Temperierung des Feuchtwassers auch die der Farbverreiber-
und/oder Auftragswalzen zu steuern und zu regeln.
4. Zu Unrecht macht die Klägerin geltend, die "Mittel zum Umschalten"
(Merkmal 4) seien in der Stammanmeldung nicht offenbart. Dieses Merkmal
definiert ebenfalls eindeutig die zugeordneten Elemente, deren ursprüngliche
Offenbarung die Klägerin nicht in Zweifel zieht. Ob und inwieweit der Fachmann
imstande ist, anhand dieser Angaben das wahlweise Umschalten zwischen den
verschiedenen Betriebsarten nachzuarbeiten, ist keine Frage der unzulässigen
Erweiterung, sondern allenfalls eine solche der nicht hinreichend deutlichen und
vollständigen Offenbarung (dazu unten III 2).
5. Der Gegenstand des Streitpatents ist schließlich nicht durch die einlei-
tende Bezeichnung als "Druckmaschinen-Temperierungssystem für Rotations-
körper einer Druckmaschine" anstelle des ursprünglich verwendeten Begriffs
"Druckplatten-Temperierungssystem für eine Druckmaschine" erweitert. Denn
der nunmehr gewählten - wie übrigens auch der ursprünglichen - Bezeichnung
kommt kein eigener Kennzeichnungsgehalt zu; sie beinhaltet keine Handlungs-
anweisung, die über das hinausginge, was die oben aufgeführten und - wie
ausgeführt - bereits zur Anmeldung gehörenden Merkmale nicht ohnehin defi-
nierten. Insbesondere auch die Wortwahl "Rotationskörper" ist durch die An-
meldungsunterlagen gedeckt, weil sowohl bei dem angemeldeten Gegenstand
als auch nach dem nunmehr verteidigten Anspruch nicht nur die Druckplatte an
der Kühlung teilhaben kann.
III. Die Klägerin stützt die Nichtigkeitsklage im Zusammenhang mit der
Merkmalsgruppe 4 im Berufungsrechtszug erstmals auch auf den Nichtigkeits-
grund der unzureichenden Offenbarung der Erfindung (Art. 138 Abs. 1 lit. b
EPÜ; Art. 2 § 6 Abs. 1 Nr. 2 IntPatÜG). Die darin liegende Klageänderung (Keu-
kenschrijver, Nichtigkeitsverfahren, 3. Aufl. Rdn. 127, 244 m.w.N.) ist als sach-
dienlich zuzulassen.
1. Zu Unrecht macht die Klägerin geltend, die Erfindung sei nicht so deut-
lich und vollständig offenbart, dass ein Fachmann sie ausführen könne, weil
nicht offenbart sei, auf welche Weise im Zusammenhang mit einem wahlweisen
Umschalten zwischen Betriebsarten (Merkmalsgruppe 4) der dazu ebenfalls
erforderliche Wechsel der Druckplatten vom Feuchtwasser- zum wasserlosen
Offsetdruck bewerkstelligt werden solle. Wie ausgeführt (oben I 3 d), ist Ge-
genstand des Streitpatents allein die Bereitstellung eines Druckmaschinen-
Temperierungssystems, welches unter anderem derart ausgebildet sein soll,
dass in kurzer Zeit und ohne umfangreiche Baumaßnahmen von der einen Be-
triebsart auf eine andere umgestellt werden kann (europäische Patentanmel-
dung 553 447 Sp. 1 Z. 33 ff.). Die Bestimmung "zum wahlweisen Umschalten"
in der Merkmalsgruppe 4 bringt dementsprechend lediglich zum Ausdruck, dass
auf den Druckbetrieb mit der einen oder anderen Kühlungstechnik soll umge-
stellt werden können. Maßnahmen zur Umstellung des Druckvorgangs als sol-
chen müssen deshalb nicht offenbart werden.
2. Die Erfindung ist nicht deshalb unzureichend offenbart, weil nicht aus-
geführt ist, welche Mittel letztlich das Umschalten zwischen den verschiedenen
Kühlbetriebsarten bewirken. Das Erfordernis der ausführbaren Offenbarung be-
deutet nicht, dass die Lehre alle im Einzelnen zur Erreichung des erfindungs-
gemäßen Ziels erforderlichen Schritte detailliert beschreiben müsste. Es reicht
aus, wenn dem Fachmann ein generelles Lösungsschema an die Hand gege-
ben wird. Unschädlich ist, wenn er bei der Nacharbeitung auf Unvollkommen-
heiten stößt, die er als solche erkennt und mit Hilfe seines Wissens im Sinne
der Erfindung überwinden kann, ohne selbst erfinderisch tätig werden zu müs-
sen (vgl. Sen.Urt. v. 4.11.2008 - X ZR 154/05, Tz. 20 m.w.N.). So verhält es
sich hier. Als Umschaltmittel sind ein Mikrocomputer der Steuereinrichtung (66)
und die damit regelbaren Ventile (86, 114, 146, 184) sowie eine zweite Pumpe
(138) vorgesehen. Der Fachmann schloss daraus, dass das Umschalten durch
regelungstechnische Maßnahmen, namentlich durch entsprechende Program-
mierung des Mikrocomputers der Steuerungseinheit, erreicht werden sollte. Die
dafür erforderlichen Schritte vermochte er am Prioritätstag, gegebenenfalls mit
Unterstützung durch einen Regelungstechniker, ohne Entfaltung erfinderischer
Tätigkeit zu vollziehen.
IV. Der Gegenstand des Streitpatents ist patentfähig (Art. 52 ff. EPÜ).
1. Der Gegenstand des Streitpatents ist neu (Art. 54 EPÜ).
Die deutsche Offenlegungsschrift 1 953 590 offenbart jedenfalls keine
Kühlanlage mit einem einzigen Kälteerzeuger (Merkmal 4). Das Gleiche gilt für
den Prospekt "Sulzer - Kältezentrum" (Anl. K 6). Der Prospekt von technotrans
für Kältezentralen für Offsetrotationen (Anl. K 7) offenbart jedenfalls nicht die
Merkmalsgruppe 4. Die deutsche Offenlegungsschrift 28 49 286 bezieht sich
auf eine Kühlvorrichtung für flüssige Schmier-, Arbeits- und/oder Kühlmittel, die
schon die druckmaschinenspezifischen Merkmale 1.1 und 1.2 und darüber hin-
aus auch nicht die Merkmalsgruppe 4 aufweist. Das Wasserkreislaufschema
vom 30. Januar 1987 (technotrans TemperierungsSysteme, Anl. K 12 i.V. mit
K 19-21) sieht keinen direkten Wärmeaustausch zwischen dem Kältemittel des
Kälteerzeugers und dem Feuchtwasser vor; dieses wird vielmehr über den Kalt-
wasserkreislauf gekühlt. In der Bedienungsanleitung für das "technotrans Tem-
perierungsSystem" (Anl. K 18), die sich auf Anlagen wie die in K 12 dargestellte
bezieht, ist zudem, wie der gerichtliche Sachverständige unwidersprochen und
überzeugend dargelegt hat, eine Offenbarung der Merkmale 2.1 und 2.2 eben-
so wenig ersichtlich wie eine solche der Merkmalsgruppe 4. Die deutsche Aus-
legeschrift 1 119 877 offenbart Mittel zum wahlweisen Umschalten zwischen
Nass- und Trockenoffset (Merkmal 4), darüber hinaus aber kein Temperie-
rungssystem.
2. Verhandlung und Beweisaufnahme haben keine zureichenden tat-
sächlichen Anhaltspunkte dafür ergeben, dass der Gegenstand von Patentan-
spruch 1 in der zuletzt verteidigten Fassung dem Fachmann durch den Stand
der Technik nahegelegt war (Art. 56 EPÜ).
a) Die Weiterentwicklung von Druckmaschinen-Peripheriegeräten wie
dem vom Streitpatent unter Schutz gestellten Temperierungssystem wurde zum
Prioritätszeitpunkt, wie in der Erörterung mit dem Sachverständigen und den
Parteien erarbeitet worden ist, nicht von den Druckmaschinenherstellern selbst
vorangetrieben. Sie wurde von Systemanbietern geleistet und im Falle eines
Geräts der kältetechnischen Systemausstattung vorwiegend, abgesehen von
auf dem Gebiet der Kältetechnik erfahrenen Technikern, von Ingenieuren mit
Fachhochschulabschluss geleistet. Diese verfügten über zusätzliche Erfahrung
in den druckmaschinenspezifischen Anforderungen und zogen gegebenenfalls
für die Auslegung der Kältesysteme Druckereifachleute hinzu.
b) Zweifel, dass die Erfindung diesem Fachmann nahegelegt war, erge-
ben sich allerdings nicht daraus, dass zu deren Lösung die Merkmalsgruppe 4
gehört.
aa) Druckmaschinen, die mit allen drei in Betracht kommenden Kühlsys-
temen (Kühlung des Feuchtwassers, innenseitige Kühlung der Farbverreiberrol-
len, Blasluftkühlung) ausgerüstet sind, sind aus der deutschen Offenlegungs-
schrift 1 953 590 bekannt. Dass die Blasdüse für die Luftkühlung nach der ge-
nannten Schrift auf den Gummizylinder gerichtet ist, um die Oberflächentempe-
ratur des Gummituchs zu beeinflussen, und nicht auf den Druckplattenzylinder,
könnte aber unerheblich sein, weil der Fachmann die Möglichkeit, mit der Blas-
düse statt des Gummituchs die Druckplatte zu kühlen, als Alternative in Be-
tracht gezogen haben könnte.
bb) In dieser deutschen Offenlegungsschrift sind Mittel zum Umschalten
von der einen auf die andere Kühlbetriebsart (Merkmalsgruppe 4) entgegen der
Ansicht der Klägerin nicht offenbart, sondern nur Mittel zum Ein- und Abschal-
ten der Kältemaschinen i.V. mit dem unabhängigen Regeln der Temperatur des
Befeuchtungsmittels sowie der Walzen (Beschreibung S. 16 ff. i.V. mit Fig. 3).
Um zur Merkmalsgruppe 4 zu gelangen, musste der Fachmann jedoch lediglich
erkennen, dass Mittel wie elektronisch gesteuerte Schaltungen, die eine Kälte-
maschine einschalten, wenn eine bestimmte Vorlauftemperatur unterschritten
wird und die die Maschine wieder abschalten, wenn diese Temperatur erreicht
ist, nur geringfügig abgewandelt werden mussten, um von einer auf eine oder
mehrere andere Betriebsarten umzuschalten oder eine Betriebsart zuzuschal-
ten. Dazu bedurfte es zum Prioritätszeitpunkt, auch vor dem Hintergrund des
fortgeschrittenen Stands der Regelungstechnik, keiner besonderen fachmänni-
schen Fähigkeiten.
c) Dagegen kann nicht angenommen werden, dass dem Fachmann
durch den Stand der Technik nahegelegt war, das Temperierungssystem mit
einer Kühlanlage auszustatten, die nur einen einzigen Kälteerzeuger (Merk-
malsgruppe 3) vorsieht.
aa) Die deutsche Offenlegungsschrift 1 953 590 gab ihm dafür keine An-
regung. Die dort offenbarte Temperaturregelungseinrichtung weist eine Mehr-
zahl von im Prinzip gleich ausgebildeten und individuell temperaturgeregelten
Kühlvorrichtungen auf (S. 15), mit denen die Temperatur der Walzen und des
Befeuchtungsmittels unabhängig voneinander auf unterschiedliche Werte gere-
gelt werden (Beschreibung S. 16 ff.). Ein solches System gibt Hinweise auf ei-
nen dezentralen Aufbau. Da dieser Aufbau ein als solches sachgerecht funktio-
nierendes Kühlungskonzept darstellt, erscheint es nicht geeignet, den Fach-
mann zur Verwendung eines einzigen Kälteerzeugers zu führen.
bb) Die Erfindung war dem Fachmann auch nicht durch die in der deut-
schen Offenlegungsschrift 28 49 286 offenbarte Kühlvorrichtung nahegelegt.
Diese Schrift befasst sich mit dem - heterogenen - Kühlungsbedarf von Werk-
zeugmaschinen, nämlich von deren zur Schmierung von Lagern, Spindelstö-
cken, Getrieben oder dergleichen benötigten Schmiermitteln, der Kühlung in
geschlossenen Kreisläufen unter relativ hohem Druck zirkulierender Arbeitsmit-
tel wie Hydrauliköl und schließlich der (erneuten) Kühlung flüssiger (erwärmter)
Kühlmittel, die insbesondere bei Zerspanungsmaschinen die Abfuhr der Wärme
aus Werkzeug, Werkstück und entstehenden Spänen bezwecken. Das techni-
sche Problem, diese drei in unterschiedlichen Kreisläufen zirkulierenden Kühl-
medien zentralisiert zu kühlen, löst diese Schrift durch drei eigenständige, den
einzelnen Kühlmedienkreisläufen zugeordnete Verdampfer, die mit einer Kälte-
maschine in der Weise verbunden sind, dass alle drei Verdampfer gemeinsam
mit dem Ausgang eines Kondensators einerseits und dem Eingang eines Ver-
dichters andererseits verbunden sind. Damit lag zwar durchaus eine Kühlanlage
vor, die die Merkmale 3.1 und 3.2 aufwies und im Übrigen den technisch abwei-
chend ausgestalteten Kühlobjekten angepasst war.
cc) Wie die eingehende Erörterung mit dem Sachverständigen zur Über-
zeugung des Senats aber ergeben hat, hat der zur Prioritätszeit tätige Fach-
mann bei der Konstruktion eines hier interessierenden Systems eine Schrift wie
die deutsche Offenlegungsschrift 28 49 286 nicht berücksichtigt.
(1) Der angesprochene Fachmann hat sich für die Lösung der ihm inso-
weit angetragenen Entwicklungsaufgabe mit den von Konkurrenten gefundenen
Lösungen einschließlich der eventuell auf diesem Gebiet erteilten und ange-
meldeten Schutzrechte vertraut gemacht, ergänzend gegebenenfalls Kompen-
dien zur Kältetechnik zurate gezogen und vielleicht noch Fachtagungen be-
sucht. Breiter angelegte Untersuchungen, namentlich die Ausschöpfung aller an
den Patentklassifikationen ansetzenden grundlegenden Recherchemöglichkei-
ten, wurde unter den zeitlichen Vorgaben und sonstigen Sachzwängen, denen
die Suche nach einer industriell nutzbaren Lösung schon seinerzeit unterlag,
ebenso als den üblichen Aufwand überschreitend angesehen, wie etwa die Ein-
schaltung eines Fachhochschulinstituts zu Forschungszwecken.
(2) Keine Bedeutung kann dabei dem Umstand beigemessen werden,
dass in der Offenlegungsschrift erwähnt wird, die der Erfindung zugrunde lie-
genden Kühlprobleme könnten unter anderem auch bei Druckmaschinen auftre-
ten. Maßgeblich dafür, ob eine Schrift für einen nach Weiterentwicklung trach-
tenden Fachmann von Interesse erscheint, ist nicht, wie der Anmelder die An-
wendungsmöglichkeiten seiner Erfindung einschätzt, sondern, ob diese Anmel-
dung im Radius der Erkundigungen liegt, deren Einbeziehung der Fachmann in
Erwägung zieht. Das ist hier aus den dargelegten Gründen zu verneinen.
dd) Der Gegenstand von Patentanspruch 1 war dem Fachmann nicht
durch das mit den Anlagen K 12, K 19-21 gezeigte Temperiersystem nahege-
legt. Abgesehen von der Frage, inwieweit dieses der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht worden ist, gab seine Ausgestaltung ohne einen direkten Wärmeaus-
tausch zwischen dem Kältemittel des Kälteerzeugers und dem Feuchtwasser,
sondern mit einer Hintereinanderschaltung (Kaskadenschaltung) der Kreisläufe
für das Kaltwasser und für das Feuchtwasser, bei der die gesamte Wärmelast
ausschließlich über das Kaltwasser zum Wärmetauscher (84) abgeführt wird,
dem Fachmann keine Anregung für die streitpatentgemäße Lösung.
ee) Es kann schließlich auch nicht angenommen werden, die vom Streit-
patent vorgeschlagene Lösung habe bereits auf Grund des allgemeinen Fach-
wissens und des regelmäßig vorhandenen fachmännischen Strebens nach Ver-
besserung vorhandener Lösungen nahegelegen. Einen einzigen Kälteerzeuger
einzusetzen, stellt eine komplexe Verbesserung dar, die gleichermaßen kosten-
günstig ist, indem sie Material einspart, wie sie die Reparaturanfälligkeit des
Systems durch die verminderte Zahl von eingebauten Einzelteilen herabsetzt,
den Platzbedarf für das Aggregat deutlich reduziert und damit dem stets drän-
genden Bedürfnis nach räumlicher Platzersparnis entspricht und die gegenüber
einer Anlage mit mehreren Kältemaschinen zudem eine verbesserte Energiebi-
lanz aufweisen kann. Das bedingt Überlegungen in ganz unterschiedliche Rich-
tungen. Eine so vielseitige Weiterentwicklung kann nicht als das ohne Weiteres
zu erwartende Ergebnis der Befassung eines durchschnittlich befähigten, um
Weiterentwicklung bemühten Fachmanns gesehen werden.
3. Die angegriffenen Unteransprüche haben mit dem verteidigten Haupt-
anspruch Bestand.
V. Die Kostenentscheidung beruht auf § 92 Abs. 1, § 97 Abs. 1 ZPO i.V.
Scharen
Keukenschrijver
Lemke
Gröning
Berger
Vorinstanz:
Bundespatentgericht, Entscheidung vom 21.07.2004 - 4 Ni 17/03 (EU) -