Rechtsprechung / BPatG / 2002

BPatG Beschluss vom 05.11.2002 – 17 W (pat) 11/02

17. Senat

BUNDESPATENTGERICHT

_______________

(Aktenzeichen)

Verkündet am

5. November 2002

B E S C H L U S S

In der Beschwerdesache

betreffend die Patentanmeldung P 198 50 430.6-34

hat der 17. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf

die mündliche Verhandlung vom 5. November 2002 durch den Vorsitzenden

Richter Dipl.-Phys. Grimm sowie die Richter Dr. Schmitt, Dipl.-Phys. Dr. Greis und

Dipl.-Ing. Schuster

beschlossen:

Die Beschwerde wird zurückgewiesen. 6.70

G r ü n d e

I.

Die am 27. Oktober 1998 beim Deutschen Patentamt eingegangene Patentanmeldung 198 50 430.6 – 34 mit der Bezeichnung

"Gasisolierte Hochspannungsschaltanlage mit einer

Trennschaltstrecke"

wurde am 21. November 2001 durch Beschluß der Prüfungsstelle für Klasse H01H

mit der Begründung zurückgewiesen, der angemeldete Gegenstand beruhe nicht

auf erfinderischer Tätigkeit.

Gegen diesen Beschluß richtet sich die Beschwerde der Anmelderin, mit der sie

ihr Patentbegehren auf der Grundlage des ursprünglich eingereichten Patentanspruchs (Hauptantrag) sowie mit drei Hilfsanträgen weiterverfolgt.

Der geltende (einzige) Patentanspruch gemäß Hauptantrag lautet:

Kapselungsabschnitt einer gasisolierten Hochspannungsschaltanlage

mit wenigstens einer innerhalb der Kapselung angeordneten Trennschaltstrecke, bei dem die Trennschaltstrecke aus zwei längs einer

Achse mit Abstand zueinander ortsfest angeordneten, jeweils aus einer

Vielzahl von federnden Kontaktfingern bestehenden Trennkontakten mit

jeweils einer haubenartigen Abschirmung und aus einem längs der

Achse verschiebbaren Kontaktbolzen besteht, wobei die haubenartige

Abschirmung und die federnden Kontaktfinger eines Trennkontaktes

jeweils an einem Kontaktträger befestigt sind und die beiden haubenartigen, aus einem Rohrstück geformten Abschirmungen jeweils eine Öffnung für den Durchtritt des Kontaktbolzens aufweisen, dadurch gekennzeichnet, daß jede haubenartige Abschirmung (24, 26) einstückig

mit dem jeweiligen Kontaktträger (10) ausgebildet und hinsichtlich des

Durchmessers ihrer Öffnung derart bemessen und im übrigen derart

geschlitzt (7) ist, daß sie zugleich die federnden Kontaktfinger (8) der

Trennkontakte bildet.

Der Patentanspruch 1 nach Hilfsantrag I lautet:

Trennkontakt (24, 25, 26) für eine innerhalb eines Kapselungsabschnittes einer gasisolierten Hochspannungsschaltanlage angeordneten Trennschaltstrecke (41), mit einer eine Einfahröffnung (16) für den

Durchtritt eines verschiebbaren Kontaktbolzens (11) bildenden Vielzahl

von miteinander verbundenen, federnden Kontaktfingern (8), dadurch

gekennzeichnet, dass die Kontaktfinger (8) durch in den Mantel eines

Rohrstückes eingebrachte Schlitze (7) gebildet sind, und dass die

Kontaktfinger (8) die Einfahröffnung (16) begrenzend, eine Kuppel über

der Grundfläche des Rohrstückes aufspannend, vom Umfang des

Rohrstückes auf dessen Längsachse zulaufen.

Der Patentanspruch 1 nach Hilfsantrag II hat folgenden Wortlaut:

Trennkontakt (24, 25, 26) für eine innerhalb eines Kapselungsabschnittes einer gasisolierten Hochspannungsschaltanlage angeordneten Trennschaltstrecke (41), mit einer eine Einfahröffnung (16) für den

Durchtritt eines verschiebbaren Kontaktbolzens (11) bildenden Vielzahl

von miteinander verbundenen, federnden Kontaktfingern (8), welche

durch in den Mantel eines Rohrstückes eingebrachte Schlitze (7) gebildet sind, und die Kontaktfinger (8) die Einfahröffnung (16) begrenzend,

eine Kuppel über der Grundfläche des Rohrstückes aufspannend, vom

Umfang des Rohrstückes auf dessen Längsachse zulaufen, wobei mit

dem Kontaktbolzen (11) elektrisch kontaktierbare Kontaktflächen der

Kontaktfinger (8) aus einem Teil der äußeren Mantelfläche des Rohrstückes gebildet sind.

Der Patentanspruch 1 des Hilfsantrags III unterscheidet sich von dem des Hilfsantrags II durch die Anfügung:

"und zur Halterung des Trennkontaktes (24, 25, 26) Laschen (14) mit

dem Mantel des Rohrstückes verbunden sind und die Laschen (14) von

der Kuppel geschirmt in das Innere des Rohrstückes ragen."

Wegen der abhängigen Patentansprüche nach den Hilfsanträgen I bis III wird auf

die Akte verwiesen.

Die Anmelderin begründet ihre Beschwerde damit, daß aus dem im Verfahren befindlichen Stand der Technik nach den Druckschriften

[1] DE 196 32 574 A1

[2] DE 196 12 995 C1

[3] A. Erk, M. Schmelzle: Grundlagen der Schaltgerätetechnik, Springer-

Verlag Berlin-Heidelberg-New York 1974, S. 232 - 237

[4] DE 31 05 133 C2

keine anmeldungsgemäßen Kontaktelemente bekannt seien. Jedenfalls sei durch

den entgegengehaltenen Stand der Technik der wesentliche Gedanke der vorliegenden Anmeldung, nämlich die haubenartige Abschirmung so zu gestalten, daß

die fingerartigen Kontakte selbst den Abschirmkörper, insbesondere für die Befestigungslaschen im Inneren bilden, nicht nahegelegt.

Zu den Hilfsanträgen macht sie geltend, die Offenbarung der dort beanspruchten

Gegenstände ergebe sich aus den Figuren 2 und 3, aus denen der Fachmann

ohne weiteres entnehme, daß die aus einem Rohrstück herausgearbeiteten Kontaktfinger eine Kuppel über der Grundfläche des Rohrstückes aufspannen und

vom Umfang des Rohrstückes auf dessen Längsachse zulaufen, wobei die Kontaktflächen durch einen Teil der Außenfläche des Rohrstücks gebildet würden.

Auch hierfür liefere der Stand der Technik kein Vorbild.

Die Anmelderin beantragt,

den angefochtenen Beschluß aufzuheben und das Patent mit folgenden Unterlagen zu erteilen:

Patentanspruch vom 27. Oktober 1998 (AT), Beschreibung S. 1 –

1a, eingegangen am 8. November 2000, S. 2 – 5 vom

27. Oktober 1998 (AT), 2 Bl. Zeichnungen mit Figuren 1 - 3, vom

27. Oktober 1998 (AT),

hilfsweise (Hilfsantrag I)

Patentansprüche 1 bis 4, eingegangen am 11. Januar 2002, sowie

die vorgenannten Beschreibung und Zeichnungen,

weiter hilfsweise (Hilfsantrag II)

Patentansprüche 1 bis 3 und Beschreibung gemäß "Hilfsantrag 2",

überreicht

in

der

mündlichen

Verhandlung

vom

05. November 2002,

schließlich hilfsweise (Hilfsantrag III)

Patentansprüche 1 und 2 sowie Beschreibung gemäß "Hilfsantrag 3", überreicht

in der mündlichen Verhandlung vom

05. November 2002.

II.

Die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde ist zulässig; sie ist jedoch unbegründet, weil die Gegenstände der Patentansprüche nach Hauptantrag wie auch

nach den Hilfsanträgen nicht patentfähig sind.

1. Hauptantrag

1.1 Der Fachmann, ein mit der Entwicklung von Schaltgeräten befaßter Fachhochschulabsolvent der Fachrichtung Elektrotechnik, entnimmt der vorliegenden

Anmeldung einen gasisolierten Hochspannungs-Trennschalter (Trenn-Erderschalter) mit einem verschieblichen Kontaktbolzen, der die Verbindung zwischen

den Festkontakten bildet rsp. diese Verbindung bei entsprechender linearer Bewegung trennt. Mit dem angemeldeten Gegenstand sollen der konstruktive Aufbau

der Trennstrecke vereinfacht und eine preisgünstige Herstellung der Festkontakte

ermöglicht werden (S. 2, Abs. 2 der Anmeldeunterlagen). Der geltende Patentanspruch 1 weist hierzu einen Kapselungsabschnitt einer gasisolierten Hochspannungsschaltanlage aus, in dem die Festkontakte haubenartig und einstückig ausgebildet sowie derart geschlitzt sind, daß sie in federnde Kontaktfinger auslaufen,

die den Kontaktbolzen umschließen und auf diese Weise den elektrischen Kontakt

herstellen. Wie der Fachmann der Beschreibung zu Figur 1 entnimmt, ist die beanspruchte "haubenartige Abschirmung" durch den Festkontakt selbst gegeben,

so daß eine separate Abschirmung entfällt.

1.2. Der Gegenstand des Patentanspruchs 1 ist neu, denn keine der im Verfahren

befindlichen Druckschriften beschreibt eine Hochspannungsschaltanlage mit allen

im Anspruch angegebenen Merkmalen. Sie beruht aber nicht auf erfinderischer

Tätigkeit, weil sie sich in naheliegender Weise aus dem Stand der Technik ergibt.

In der Druckschrift [1] ist anhand der Figur 1 ein einschlägiger Trenn-Erderschalter

mit einer Metallkapselung (13) beschrieben, bei dem zwischen den Festkontakten (39, 44, 51) ein Kontaktbolzen (43) linear bewegbar ist. Die Festkontakte sind

topf- (39) bzw. rohrförmig (44) ausgebildet und an der Innenwandung mit Spiralkontaktfedern (42, 47, 48) ausgestattet. Eine separate Abschirmung fehlt; der

Fachmann erkennt ohne weiteres, daß deren Funktion wie beim angemeldeten

Schalter vom im Inneren feldfreien Festkontakt-Topf (39) mit übernommen wird.

Als Überschuß über den vorbekannten Stand der Technik verbleibt beim geltenden Patentanspruch nach Hauptantrag, daß anstelle der Spiralfederkontakte jeweils eine einstückige, geschlitzte Haube mit federnden Kontaktfingern vorgesehen ist.

In dem Lehrbuch [3] ist ausgeführt, daß eine "Kontakttulpe" gemäß Bild 9.44a aus

einem Bronze- oder Messinggußteil mit selbstgefederten Kontaktfingern ein Minimum an Herstellungskosten erfordert (S. 235, Z. 3 bis 7). Der Fachmann, der als

Entwickler die preisgünstige Herstellung der Schalterbauteile immer im Blickfeld

haben muß (vgl. hierzu auch die Anmeldeunterlagen S. 2, Abs. 2), wird eine solche Ausbildung der Kontakte deshalb auch bei dem aus Druckschrift [1] bekannten Schalter ins Auge fassen und ist damit bereits, ohne besondere Schwierigkeiten überwinden zu müssen oder auf überraschende Hindernisse zu stoßen und

erfinderisch tätig werden zu müssen, beim Gegenstand des Patentanspruchs nach

Hauptantrag angelangt, denn mehr besagt dieser nicht.

2. Hilfsantrag I

Für den Trennkontakt nach Anspruch 1 des Hilfsantrags I müssen die vorgenannten Argumente in gleicher Weise gelten. Der Unterschied zum Hauptantrag besteht im wesentlichen in der Formulierung, wonach die Kontaktfinger eine "Kuppel

über der Grundfläche des Rohrstücks aufspannend vom Umfang des Rohrstückes

auf dessen Längsachse zulaufen" sollen. Der Fachmann, der zwangsläufig die

Beschreibung zu Hilfe nehmen muß, um herauszufinden, was mit "Kuppel" tatsächlich gemeint ist, findet diesen Begriff in den Anmeldeunterlagen zwar nicht, er

erfährt jedoch, daß der Trennkontakt eine "haubenartige Abschirmung" bildet, die

durch Gesenkpressen aus einem Rohrstück geformt und auf einem Teil ihrer

Länge mit Schlitzen versehen ist. Dabei werden durch die Schlitze federnde Kontaktfinger gebildet, die vom Schaltbolzen aufgespreizt werden (S. 5 der ursprünglichen Unterlagen). Nichts anderes kann der Fachmann den Anmeldeunterlagen

zum Merkmal "Kuppel" entnehmen. Genau diese konstruktive Ausbildung des

Festkontaktes ist aber wiederum aus der Druckschrift [3] a.a.O. bekannt, derzufolge die Kontakttulpe in selbstgefederte Kontaktfinger ausläuft (S. 235, Z. 5), was

nichts anderes bedeutet, als daß dort ebenfalls die Kontaktfinger, vom Umfang eines rohrförmigen Festkontaktteils ausgehend, auf die Rohr-Längsachse zulaufen

und entgegen ihrer Federwirkung vom beweglichen Kontakt aufgespreizt werden.

Die Sachlage bleibt damit unverändert. Auch der Patentanspruch 1 nach Hilfsantrag I ist nicht gewährbar. Mit ihm fallen die verbleibenden abhängigen Ansprüche,

die im übrigen zur Überzeugung des Senats ebenfalls nichts enthalten, was als

patentfähig unter Schutz gestellt werden könnte.

3. Hilfsanträge II und III

Die Patentansprüche nach den Hilfsanträgen II und III enthalten durchgängig und

jeweils gleichlautend das Merkmal, wonach

"mit dem Kontaktbolzen elektrisch kontaktierbare Kontaktflächen der

Kontaktfinger aus einem Teil der äußeren Mantelfläche des Rohrstückes gebildet sind".

Sie gehen damit über das hinaus, was der Fachmann den ursprünglichen Anmeldeunterlagen als Erfindung entnimmt. Weder ist dort in irgendeiner Weise von

"Kontaktflächen" die Rede, noch ist erwähnt, daß die Kontaktfinger so weit zum

Innenraum eingebogen sein sollen, daß sie über ihre eingezogene Außenfläche

mit dem beweglichen Bolzen kontaktieren. Auch die Figuren offenbaren nichts anderes. In Figur 1 stehen die Kontaktfinger stumpf im rechten Winkel auf dem beweglichen Kontaktbolzen auf; in den Figuren 2 und 3 ist schematisch der "haubenartige" Festkontakt für sich dargestellt. Dabei ist an der am weitesten nach innen ragenden Stelle der Kontaktfinger, also der mutmaßlichen Kontaktstelle mit

dem Kontaktbolzen, eine Kante eingezeichnet, die Innen- und Außenflächen der

Kontaktfinger trennt. Daß der Kontakt über deren Außenflächen zustande kommt,

kann der Fachmann somit nicht — wie die Anmelderin meint — schon alleine aus

den Figuren ersehen, um so weniger wird er davon ausgehen, das in Rede stehende und an keiner Stelle beschriebene Merkmal gehöre zur angemeldeten Erfindung.

Die Patentansprüche nach den Hilfsanträgen II und III sind somit sämtlich wegen

unzulässiger Änderung des ursprünglich angemeldeten Gegenstandes nicht gewährbar.

Grimm

Dr. Schmitt

Dr. Greis

Schuster

Bb