Rechtsprechung / BPatG / 2003
BPatG Beschluss vom 04.02.2003 – 34 W (pat) 18/00
34. Senat
BUNDESPATENTGERICHT
_______________
(Aktenzeichen)
B E S C H L U S S
In der Beschwerdesache
betreffend das Patent 43 05 158
…
hat der 34. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts am
04. Februar 2003 durch den Vorsitzenden Richter Dipl.-Ing. Ulrich sowie die
Richter Hövelmann, Dr.-Ing. Barton und Dipl.-Phys. Dr.rer.nat. Frowein 10.99
beschlossen:
Auf die Beschwerde der Patentinhaberin wird der Beschluss der
Patentabteilung 45 des Deutschen Patent- und Markenamts vom
22. Februar 2000 aufgehoben und das Patent mit folgenden Unterlagen beschränkt aufrechterhalten:
Patentansprüche 1 bis 5
und Beschreibung Seiten 1 bis 9,
beides gemäß Hauptantrag als Anlage 1 eingegangen am
29. November 2002,
1 Blatt Zeichnung, Figur 1, gemäß Patentschrift.
G r ü n d e
I
Mit dem angefochtenen Beschluss hat die Patentabteilung das Patent widerrufen,
weil der Anspruch 1 mangels ausreichender Offenbarung keinen Bestand haben
könne. Im Merkmal e) sei nämlich angegeben, dass die Anpresskraft der Anpressvorrichtung regelbar sei. Der Streitpatentschrift sei aber nicht zu entnehmen, wie
eine Regelung bei Messung der von der Anpressvorrichtung erzeugten Anpresskraft erfolgen solle (S 5 Abs 3 des Beschlusses).
Gegen diesen Beschluss wendet sich die Beschwerde der Patentinhaberin. Sie
reicht mit Schriftsatz vom 28. November 2002 als Hauptantrag mit "Anlage 1" gekennzeichnete Unterlagen ein. Der darin neu gefasste Anspruch 1 lautet:
1. Wellpappenmaschine zur Herstellung einseitiger Wellpappe mit
a) einem Maschinengestell (1),
b) einem daran gelagerten, gemeinsam einen Riffelspalt (2) bildenden Riffelwalzenpaar, bestehend aus einer rotierend um
eine ortsfeste Achse (3) angetriebenen ersten Riffelwalze (4)
und einer mit dieser in Eingriff stehenden zweiten Riffelwalze (5),
c) einer gegen die erste Riffelwalze (4) zustellbaren, mit dieser einen Anpreßwalzenspalt (7) bildenden Anpreßwalz (8), die in einem Hebelpaar (9) um eine zur Rotationsachse (3) der ersten
Riffelwalze (4) parallele Achse (10) drehbar gelagert ist, wobei
die Hebel (12) des Hebelpaares (9) um eine zur Rotationsachse (3) der ersten Riffelwalze
(4) parallele Schwenkachse (13) schwenkbar am Maschinengestell (1) gelagert sind
und wobei am Hebelpaar (9) eine Anpreßvorrichtung (14) angreift, mittels derer die Anpreßwalze (8) mit einer Anpreßkraft
(A) in Radialrichtung zur ersten Riffelwalze (4) zum Verbinden
der durch den Anpreßwalzenspalt (7) geführten, in einer Beleimungsvorrichtung (15) der Wellpappenmaschine beleimten
Wellbahn (6) und einer ebenfalls durch den Anpreßwalzenspalt (7) geführten Deckbahn (16) beaufschlagt ist,
d) einem dem Hebelpaar zugeordneten Kraftsensor (24) zur Erfassung der von der Anpreßvorrichtung
(14) erzeugten
Anpreßkraft (A), und
e) einer eingangsseitig mit dem Kraftsensor (24) und ausgangsseitig mit einer Einstellvorrichtung (25) gekoppelten Regeleinrichtung (26), mittels der die Anpreßkraft (A) der Anpreßvorrichtung (14) und damit die im Anpreßwalzenspalt (7) herrschende Anpreßkraft über die Einstellvorrichtung (25) auf eine
Sollgröße regelbar ist,
f) wobei die Einstellvorrichtung (25) das Hebelpaar (9) entgegen
der Richtung der Anpreßkraft (A) der Anpreßvorrichtung (14)
abstützende, in dieser Richtung verschiebbare Anschläge (27)
aufweist, zwischen denen und dem Hebelpaar (9) der Kraftsensor (24) angeordnet ist.
Hieran schließen sich vier Unteransprüche an.
Die Patentinhaberin beantragt,
den angefochtenen Beschluss aufzuheben und das Patent mit den
im Beschlusstenor angeführten Unterlagen beschränkt aufrechtzuerhalten.
Sie ist der Ansicht, der beanspruchte Gegenstand sei in den Unterlagen ausreichend klar und vollständig offenbart und er werde durch den ermittelten Stand der
Technik auch nicht nahegelegt.
Die Einsprechende, die Fa. P… GmbH in H…, hat ihren
Einspruch mit Schriftsatz vom 18. Juni 2001 zurückgezogen.
Im Verfahren befinden sich neben den von der ehemaligen Einsprechenden konkret angesprochenen Entgegenhaltungen,
(1) DE 36 31 802 C2 und
(2) JP 2-99159 A mit deutscher Übersetzung,
noch die im Prüfungsverfahren vor der Patenterteilung in Betracht gezogenen
Druckschriften, DE-AS 1 511 062, US 5 116 448, US 3 904 473, EP 0 155 389 A1
und EP 0 144 536 A1. Der Senat sieht keine Veranlassung, den Stand der Technik nach der mit dem Einspruchsschriftsatz eingereichten Liste mit 37 weiteren
Druckschriften zu überprüfen, zumal die Einsprechende selbst nicht mehr darauf
Bezug genommen hat.
Wegen Einzelheiten wird auf den Akteninhalt verwiesen.
II
A) Die zulässige Beschwerde hat Erfolg. Das Patent ist antragsgemäß beschränkt
aufrechtzuerhalten.
Der Einspruch war zulässig.
Zu formalen Bedenken gegen die geltende Anspruchsfassung besteht kein Anlass. Anspruch 1 stützt sich auf die erteilten Ansprüche 1 und 2. Die Unteransprüche 2 bis 5 leiten sich von den erteilten Ansprüchen 3 bis 5 und 8 ab. Die in den
Ansprüchen vorgenommenen Streichungen und Änderungen sind rein redaktioneller Art.
Die ursprüngliche Offenbarung ist gegeben.
B) Der mit dem geltenden Hauptanspruch beanspruchte Gegenstand erfüllt die
Patentierungsvoraussetzungen.
1. Das Patent offenbart die Erfindung so deutlich und vollständig, dass sie ein
Fachmann ausführen kann.
Als Fachmann ist hier ein Diplom-Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau mit
Erfahrungen im Bau von Wellpappenmaschinen anzusehen.
Er erkennt ohne weiteres, dass das Bezugszeichen "A" im Merkmal c) des Anspruchs 1 unzutreffend ist, denn es steht nicht für die Anpresskraft, mit der die
Anpresswalze 8 in Radialrichtung zur ersten Riffelwalze 4 beaufschlagt ist, sondern – wie die Figur zeigt und wie auch in den Merkmalen e) und f) richtig angegeben – für die von der Anpressvorrichtung 14 erzeugte Anpresskraft.
Im Hinblick auf Merkmal f), wonach der Kraftsensor 24 zwischen den Anschlägen
27 und dem Hebelpaar 9 angeordnet ist, versteht der Fachmann außerdem die
Funktionsangabe im Merkmal d) so, wie dies in der Beschreibung auf Sp 4 Z 34
bis 40 geschildert ist. Danach erfasst der Kraftsensor 24 eine Kraft, "die sich –
unter Einbeziehung der Hebelverhältnisse – aus der Überlagerung der von den
Kolben-Zylinder-Antrieben 21 auf die Hebel 12 ausgeübten Kraft mit der im Anpresswalzenspalt 7 von der Welle 6 und Deckbahn 16 erzeugten Gegenkraft ergibt".
Da der Fachmann somit die geschilderten fehlerhaften Angaben in den Merkmalen
c) und d) erkennen kann und jedenfalls mit Hilfe der Beschreibung und der Figur
richtigzustellen vermag, kann nicht festgestellt werden, dass für ihn die an sich
problemlos verständliche technische Lehre unausführbar wäre.
2. Die mit geltendem Hauptanspruch beanspruchte Wellpappenmaschine ist neu.
Von der nächstkommenden Druckschrift, der US 5 116 448, von der auch schon in
der Streitpatentschrift (Sp 1 le Abs) ausgegangen wird, unterscheidet sich die
nunmehr beanspruchte Wellpappenmaschine durch die Merkmale d) bis f). Dieselben Merkmale sind auch in der einschlägig zu berücksichtigenden Entgegenhaltung (1) DE 36 31 802 C2 nicht verwirklicht. Die Entgegenhaltung (2)
JP 2 99159 A betrifft keine Wellpappenmaschinen, sondern insbesondere Druckereimaschinen; sie kann schon deshalb nicht neuheitsschädlich entgegenstehen.
Die weiteren, bereits im Prüfungsverfahren vor der Patenterteilung berücksichtigten Druckschriften liegen weiter entfernt.
3. Die beanspruchte Wellpappenmaschine nach dem geltenden Anspruch 1 ist
ohne Zweifel gewerblich anwendbar. Sie beruht auch auf erfinderischer Tätigkeit.
3.1. Der nächstkommende Stand der Technik, die US 5 116 448, befasst sich mit
dem Problem von Temperaturveränderungen an einer Wellpappenmaschine zur
Herstellung einseitiger Wellpappe (vgl Sp 1 Z 50 bis Sp 2 Z 18). Da Temperaturänderungen der Walzen – zB durch das Aufheizen des Klebers – zu Temperaturänderungen des die Walzen haltenden Gestells und in der Folge zu Abstandsänderungen der Walzenachsen und damit zu Änderungen in der Weite des Walzenspaltes führen können, ergeben sich dadurch bei den hergestellten Wellpappen
Ausschussqualitäten. Um dies zu vermeiden, wird dort (vgl insb Fig 3 mit zugehöriger Beschreibung) ein Nachstellmechanismus vorgeschlagen, der über Exzenterscheiben 21 die Lage der Achse der Anpresswalze so verändert, dass der Walzenspalt konstant gehalten werden kann. Dieser Nachstellmechanismus wird von
einem Controller 34 gesteuert, der als Eingangssignal die Messwerte des Temperatursensors 33 verarbeitet (vgl insb Fig 4 bis 6 mit zugehöriger Beschreibung sowie Anspruch 1).
Die dort angestrebte Konstanthaltung der Größe S des Walzenspaltes, bei sich
ändernden Temperaturen, weist ersichtlich in eine andere Richtung als die Lehre
des Streitpatents. Hier wird die herrschende Anpresskraft im Anpresswalzenspalt 7 durch Konstant-Regelung der mit dem Kraftsensor 24 erfaßten Kraft konstant gehalten.
3.2. Die DE 36 31 802 C2 (1) betrifft zwar auch eine einseitige Wellpappenmaschine, jedoch ist bei dieser schon das streitpatentgemäße Merkmal b) des Anspruchs 1 nicht erfüllt, weil dort keine der Riffelwalzen 6, 6´, 7, 7´ eine ortsfeste
Achse besitzt. Diese Entgegenhaltung (vgl Sp 1 Abs 3) befasst sich mit der
Problematik des Wechsels des jeweiligen Riffelwalzensatzes und strebt dabei eine
verringerte Maschinen-Bauhöhe an. Einen Hinweis auf einen Kraftsensor, der über
eine Regeleinrichtung die Konstanthaltung der Anpresskraft im Anpresswalzenspalt bewirken könnte, erhält der Fachmann aus dieser Schrift nicht.
3.3. Einen Hinweis in dieser Richtung findet der Fachmann aber in der
JP 2-99159 A (2). Diese Entgegenhaltung betrifft zwar keine Wellpappenmaschinen, sondern ganz allgemein eine Vorrichtung zum Regulieren der Andruckkraft
zwischen zwei Rollen (vgl den Patentanspruch der Übersetzung) und beispielsweise deren Anwendung bei Druckereimaschinen (vgl S 8 le Abs bis S 9 oben der
Übersetzung). Sie liegt damit jedoch nicht außerhalb des Blickfeldes des hier zuständigen Fachmannes. Diesem war nämlich ganz allgemein bekannt, dass die
Qualität der Verklebung zwischen Wellbahn und Deckbahn ganz wesentlich von
der Anpresskraft im Anpresswalzenspalt abhängt (vgl dazu Sp 1 Abs 3, insb Z 44-
46 der Streitpatentschrift). Der Fachmann hatte somit Veranlassung die aus der
JP 2-99159 A (2) bekannte Rollenanpressdruck-Reguliervorrichtung auch bei einseitigen Wellpappenmaschinen, wie sie beispielsweise aus der US 5 116 448 bekannt sind, auszuprobieren.
Die aus der JP 2-99159 A (2) bekannte Vorrichtung umfasst – entsprechend dem
Merkmal c) des hier geltenden Anspruchs 1 – eine in einem Maschinengestell
(Maschinenrahmen 10) ortsfest gelagerte erste Walze (ortsfeste Rolle 11), gegen
die eine Anpresswalze (verlagerbare Rolle 12) zustellbar gelagert ist. Die Anpresswalze 12 ist in einem Hebelpaar (bewegliche Arme 13) um eine zur Rotationsachse der ersten Walze parallele Achse 14 drehbar gelagert, wobei die Hebel
13 des Hebelpaares um eine zur Rotationsachse der ersten Walze 11 parallele
Schwenkachse (in den Figuren 2 und 3 von (2) ist diese rechts unterhalb der Bezugsziffer 13 ohne eigene Bezugsziffer zu erkennen) schwenkbar gelagert sind.
An dem Hebelpaar 13 greift eine Anpressvorrichtung (Druckkraft-Vorrichtung 15)
an, mittels der die Anpresswalze 12 mit einer Anpresskraft in Radialrichtung zur
ersten Walze 11 beaufschlagbar ist (vgl Fig 2 und 3 von (2)).
Entsprechend dem Merkmal d) des streitpatentgemäßen Anspruchs 1 ist auch dort
(vgl inbes die Figuren 1 bis 3) dem Hebelpaar 13 wirkungsmäßig ein Kraftsensor
(Lastmessgerät 21) zur Erfassung der von der Anpressvorrichtung 15 erzeugten
Anpresskraft (vergleiche den Patentanspruch der Übersetzung von (2)) zugeordnet.
Und auch dort kann eine Einstellvorrichtung (das entlang des Stützbettes 17 des
Stützgestells 16 verlagerbare Keilelement 18; s S 7 le Abs der Übersetzung) automatisch (vgl S 8 Abs 2 der Übersetzung) verlagert werden. Das bedeutet, der
Fachmann würde eine Regeleinrichtung eingangsseitig mit dem Kraftsensor 21
und ausgangsseitig mit der Einstellvorrichtung (16, 17, 18) koppeln und so die im
Anpresswalzenspalt herrschende Anpresskraft auf eine Sollgröße regeln lassen.
Somit ist das Merkmal e) des geltenden Anspruchs 1 in (2) zumindest in naheliegender Weise offenbart.
Durch (2) nicht nahegelegt ist jedoch das Merkmal f) des nunmehr geltenden Anspruchs 1, nämlich die Einstellvorrichtung 25 so auszubilden, dass das Hebelpaar
9 entgegen der Richtung der Anpresskraft der Anpressvorrichtung 14 abstützende,
in dieser Richtung verschiebbare Anschläge 27 aufweist, zwischen denen und
dem Hebelpaar 9 der Kraftsensor 24 angeordnet ist.
Demgegenüber ist nämlich gemäß der JP 2-99159 A (vgl insbes S 6 Abs 2 der
Übersetzung) die Einstellvorrichtung (16-21) auf der einen Seite (der rechten Seite
gemäß Fig 2, 3) in einem Stützbett 17 an einem Drehpunkt 17A drehbar gelagert
und liegt über das Last-Messgerät 21 auf der festen Stütze 20 auf. Die Höhenverstellbarkeit wird dort durch ein auf dem Stützbett verschiebbares Keilelement 18
bewirkt. Somit wird in diesem Stand der Technik weder nahegelegt, die Einstellvorrichtung so auszubilden, dass Anschläge in Gegenrichtung zur Anpresskraft
verschiebbar sind, noch dass zwischen diesen Anschlägen und dem Hebelpaar
der Kraftsensor angeordnet ist.
3.4. Die von der ehemaligen Einsprechenden im Verfahren nicht mehr angezogenen restlichen im Verfahren zu berücksichtigenden Druckschriften aus dem Prüfungsverfahren vor der Patenterteilung wurden vom Senat überprüft. Sie kommen
dem Gegenstand des Patentbegehrens weder einzeln noch in der Zusammenschau mit anderen näher.
4. Somit beruht der Gegenstand des Anspruchs 1 nach dem Hauptantrag auf einer
erfinderischen Leistung. Der Anspruch 1 hat daher Bestand.
Mit ihm sind die Unteransprüche 2 bis 5 bestandsfähig, da sie nicht platt selbstverständliche Ausgestaltungen des Gegenstandes nach diesem Anspruch 1 zum
Inhalt haben.
Eines Eingehens auf die Hilfsanträge bedurfte es bei dieser Sachlage nicht.
Ch. Ulrich
Hövelmann
Dr. Barton
Dr. Frowein
Bb