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BPatG Beschluss vom 08.08.2005 – 20 W (pat) 312/03

20. Senat

BUNDESPATENTGERICHT

_______________

(Aktenzeichen)

Verkündet am

8. August 2005

B E S C H L U S S

In der Einspruchssache

betreffend das Patent 100 53 252

… 6.70

hat der 20. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf

die mündliche Verhandlung vom 8. August 2005 durch den Vorsitzenden Richter

Dipl.-Phys. Dr. Bastian, die Richterin Martens sowie die Richter

Dipl.-Phys. Dr. Zehendner und Dipl.-Ing. Höppler

beschlossen:

Das Patent wird widerrufen.

G r ü n d e

I

Im Einspruch ist fehlende Patentfähigkeit wegen mangelnder Neuheit bzw mangelnder erfinderischer Tätigkeit geltend gemacht worden.

Die Einsprechende beantragt,

das Patent zu widerrufen.

Die Patentinhaberin beantragt,

das Patent wie erteilt aufrechtzuerhalten (Hauptantrag), hilfsweise

in der Fassung des Patentanspruches 1 gemäß Schriftsatz vom

22. September 2003 (Hilfsfassung I), weiter hilfsweise mit Patentanspruch 1 in der Fassung überreicht in der mündlichen Verhandlung (Hilfsfassung II).

In der mündlichen Verhandlung wurde folgende Druckschrift erörtert:

(1) WO 98/34320 A2.

Die Patentinhaberin überreicht in der mündlichen Verhandlung drei Seiten aus

dem „Deutschen Wörterbuch“ des Bertelsmann Lexikon-Verlags mit den Spalten

1486-1488 und 3226-3228, und verweist auf die dort angeführten Begriffe „geschwungen“ und „Schwingen“. Angaben zum Veröffentlichungsdatum sind aus

den überreichten Seiten nicht ersichtlich.

Der Patentanspruch 1 nach Hauptantrag lautet (Aufzählungszeichen hinzugefügt):

„1. Formteil

zur Halterung eines Exciters

für einen

Flachmembranlautsprecher mit

a) einem eine Spule aufnehmenden Innenring (10), der mit der

schallabgebenden Membran verklebt ist und

b) einem mit dem Innenring (10) über eine Mehrzahl geschwungen ausgebildeter Brückenstege (22) verbundenen Außenring (16)

c) zur Befestigung eines oder mehrerer Magnetsysteme,

dadurch gekennzeichnet, dass

d) wenigstens zwei Gruppen von über den Umfang verteilten

Brückenstegen (22) vorgesehen sind, wobei die wenigstens

zwei Gruppen in wenigstens zwei mit unterschiedlichem Abstand zur schallabgebenden Membran liegenden Ebenen

angeordnet sind.“

Der Patentanspruch 1 gemäß Hilfsfassung I unterscheidet sich davon durch Einfügung eines Kommas nach den Worten „verklebt ist“ in der Merkmalsgruppe a)

sowie einer geänderten Merkmalsgruppe b) wie folgt:

„b) einem mit dem Innenring (10) über eine Mehrzahl von von der Innenkante des Außenrings (16) zur Außenkante des Innenrings (10) geführten, S-förmig geschwungen ausgebildeten Brückenstegen (22)

verbundenen Außenring (16)“

Der Patentanspruch 1 nach Hilfsfassung II weist dieselben Merkmale wie der Anspruch 1 nach Hilfsfassung I auf und außerdem ist am Ende dieses Anspruchs 1

nach Streichung des Punktes eine weitere Merkmalsgruppe

„und der Außenring (16) rechtwinklig zur Ringebene von der Membran wegweisende Hakenzungen (18), die aus der Innenmantelfläche

des Außenrings (16) nach innen gerichtet sind, zum einschnappenden Eingriff in die an ihm zu befestigenden Magnetsysteme aufweist.“

angefügt.

Die Einsprechende führt aus, die Gegenstände der Patentansprüche 1 nach

Hauptantrag bzw Hilfsfassung I seien nicht neu, der Gegenstand nach Hilfsfassung II beruhe nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit.

Die Patentinhaberin ist der Auffassung, die Gegenstände des jeweils geltenden

Patentanspruchs 1 nach Hauptantrag und beider Hilfsfassungen seien gegenüber

dem Stand der Technik nicht nur neu, sondern beruhten auch auf erfinderischer

Tätigkeit. Eine S-förmig geschwungene Ausbildung der Brückenstege sei dem

Stand der Technik nicht zu entnehmen. Zur Auslegung der S-förmig geschwungenen Ausbildung verweist die Patentinhaberin auf die Definition in den überreichten

Seiten des Deutschen Wörterbuches und auf Abs 0024 der Patentschrift. Nach

Abs 0024 weist ein Brückensteg „eine geschwungene Form von wenigstens zwei

gegeneinander gerichteten Biegungen aus der geraden Erstreckung heraus“ auf.

Außerdem würden beim Gegenstand nach den Fig 9-11 der Druckschrift (1) die

Brückenstege (arms 28) nicht wie beim Gegenstand des Patentanspruches 1 nach

Hauptantrag bzw der Hilfsfassung I oder II zwischen der Innenkante des

Außenrings zur Außenkante des Innenrings verlaufen und die Brückenstege seien

nicht mit der Außenkante des Innenrings verbunden, sondern mit Pfosten (posts

38).

II

Der Einspruch ist zulässig, er führt zum Widerruf des Patentes.

Als Fachmann ist hier ein Diplomingenieur für Maschinenbau mit Erfahrung in der

Entwicklung von Kunststoff-Formteilen für akustische Schallgeber anzusetzen.

Zum Hauptantrag und zur Hilfsfassung I

Die Gegenstände der Patentansprüche 1 gemäß Hauptantrag und gemäß Hilfsfassung I umfassen jeweils den Gegenstand des enger gefassten Patentanspruchs 1 gemäß Hilfsfassung II. Nachdem letzterer - wie die nachfolgenden

Ausführungen zur Hilfsfassung II zeigen - nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit

beruht, sind auch die Patentansprüche 1 nach Hauptantrag und Hilfsfassung I

nicht rechtsbeständig.

Zur Hilfsfassung II

Der Gegenstand des Patentanspruches 1 gemäß Hilfsfassung II mag zwar neu

sein, er beruht jedoch nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit.

Die Druckschrift (1) beschreibt eine Exiterhalterung für einen Flachmembranlautsprecher (panel-form radiator loudspeaker, vgl S 1 Z 16 bis S 2 Z 6). In der Ausbildung gemäß Anspruch 4 (mit Rückbezügen auf die Ansprüche 1-3) dieser

Druckschrift (1) weist die Halterung ein Befestigungsteil (coupling member 12) zur

Befestigung eines Magnetsystems (magnet assembly 5, 6, 7) und ein Trägerteil

(carrier 9) auf, das mittels eines Spulenformteils (coil former member 4) eine daran

befestigte Spule (coil 3) aufnimmt. Das Befestigungsteil (coupling member 12) ist

mit dem Trägerteil (carrier 9) über Aufhängungen (suspension means 24) verbunden (vgl Anspruch 4 iVm den Ansprüchen 1-3).

Ein Ausführungsbeispiel für ein Befestigungsteil (coupling member 12), ein Trägerteil (carrier 9) und eine Aufhängung (suspension 24) ist in Fig 6 offenbart. Danach ist das Befestigungsteil (coupling member 12) als Außenring 12 und das

Trägerteil als Innenring 9 ausgebildet, wobei der Außenring 12 mit dem Innenring

9 über drei von von der Innenkante des Außenrings 12 zur Außenkante des Innenrings 9 geführte, als Brückenstege 28 ausgebildete Aufhängungen (array of three

arms 28) verbunden ist (S 8 Z 11-26). Aus Fig 6 ist außerdem ersichtlich, dass die

Brückenstege 28 über den Umfang der beiden Ringe 9, 12 verteilt angeordnet

sind.

Anspruch 20 aus Druckschrift (1) offenbart zudem eine Ausführungsform, bei der

die Brückenstege 28 zueinander axial beabstandet (axially spaced) sind. Das einzige Ausführungsbeispiel der Druckschrift (1), das explizit mit axial beabstandeten

Brückenstegen 28 ausgeführt ist, beschreibt zwar Brückenstege 28, die im Unterschied zum Gegenstand von Anspruch 1 nach Hilfsfassung II von der Außenkante

des Außenrings 12 zur Außenkante des Innenrings 9 verlaufen. Die Ausbildung

mit axial beabstandeten Brückenstege 28 (suspension components) nach Anspruch 20 soll jedoch durch die in diesem Anspruch angeführte Bezugsziffer 24

insbesondere für die in Fig 6 gezeigte Anordnung der Brückenstege 28, dem Außenring 12 und dem Innenring 9 gelten, da keine der weiteren Figuren eine Bezugsziffer 24 enthält. Diese Zuordnung legt es dem Fachmann nahe, das Ausführungsbeispiel gemäß Fig 6 derart weiterzubilden, dass die Brückenstege 28 in

zwei Ebenen und damit auch in zwei Gruppen angeordnet sind. Nachdem weiterhin, wie durch S 3 Z 11-13 der Druckschrift (1) ausgeführt, die Stirnseite (face) des

Innenrings (carrier 9) mit der schallabgebenden Membran (resonant member) mit

Klebemitteln fest verbunden ist, weisen zwangsläufig auch die axial beabstandeten Brückenstege 28 in der Ausführungsform nach Anspruch 20 einen unterschiedlichen Abstand zur schallabgebenden Membran auf.

Die Befestigung des Magnetsystems (magnet assembly 5, 6, 7) erfolgt nach Anspruch 6 mit Einschnappmitteln (latch means 13), die, wie bspw in den Fig 1-3 gezeigt, am Außenring 12 rechtwinklig zur Ringebene des Außenrings 12 und von

der Membran wegweisend angeordnet sein können. Der beispielhaften Darstellung gemäß Fig 1-3 ist ferner zu entnehmen, dass die Einschnappmittel 13 nach

innen, dh zur Mitte der Außenrings 12, gerichtete hakenförmige Zungen aufweisen, die offensichtlich einen einschnappenden Eingriff an dem äußeren Rand des

am Außenring 12 zu befestigenden Magnetsystems ermöglichen.

Die Einschnappmittel 13 sind zwar bei dem in Fig 2, 3 gezeigten Ausführungsbeispiel nicht wie beim Gegenstand des Patentanspruchs 1 nach Hilfsfassung II aus

der Innenfläche des Außenrings 12 heraus, sondern am oberen äußeren Rand

des Außenrings 12 nach innen gerichtet ausgebildet. Die genaue Anordnung der

Einschnappmittel 13 am Außenring 12 zum Befestigen des Magnetsystems an

dem Außenring liegt aber im Ermessen des Fachmannes, der sie zB in Abhängigkeit von den Abmessungen des Magnetsystems 5, 6, 7 wählt.

Schließlich ist nach Anspruch 21 der Druckschrift (1) der Außenring 12 zusammen

mit dem Innenring 9 und den Brückenstegen 28 wie auch bei dem Gegenstand

von Anspruch 1 nach Hilfsfassung II als Formteil ausgebildet (moulded integrally).

Das Argument der Patentinhaberin, wonach beim Gegenstand des Patentanspruchs 1 nach Hilfsfassung II das die Form der Brückenstege 22 definierende

Merkmal „S-förmig geschwungen“ so auszulegen sei, dass die Brückenstege 22

eine geschwungene Form von wenigstens zwei gegeneinander gerichteten Biegungen aus der geraden Erstreckung heraus aufweisen, überzeugt nicht. Nach

Abs 0017 der Patentschrift sind die (Brücken)-Stege 22 deshalb „S“-förmig geschwungen ausgebildet, um eine rechtwinklige Krafteinleitung in die Ringe (dh

Außenring 16 und Innenring 10) zu erhalten, während annähernd parallel zu den

Ringen verlaufende Bereiche die gute Flexibilität jedes einzelnen Stegs 22 rechtwinklig zur Schwingfläche gewährleisten. Dies trifft offensichtlich auch auf die in

Fig 6 der Druckschrift (1) gezeigten Brückenstege 28 zu, deren Form der Fachmann überdies ohne weiteres als S-förmig geschwungen auslegt. Es kann offen

bleiben, ob die Brückenstege 28 auch zwei gegeneinander gerichtete Biegungen

aus der geraden Erstreckung heraus aufweisen, da sich diese Merkmale zwar im

Abs 0024 der Streitpatentschrift, jedoch nicht im Patentanspruch 1 nach Hilfsfassung II wiederfinden. Auch die Definition des Wortes geschwungen in dem überreichten Auszug des Deutschen Wörterbuches hilft hier nicht weiter, da die dortige

Auslegung keine S-förmige Schwingung betrifft.

In Anbetracht der Sachlage kann die Frage, ob die Patentansprüche 1 nach

Hauptantrag und nach Hilfsfassung I bzw II zulässig sind, dahingestellt bleiben.

Dr. Bastian

Richterin Martens und Richter Dr. Zehendner sind wegen Urlaubs verhindert zu unterschreiben.

Dr. Bastian

Höppler

Pr