Rechtsprechung / BPatG / 2006

BPatG Beschluss vom 30.10.2006 – 21 W (pat) 329/04

21. Senat

BUNDESPATENTGERICHT

_______________

(Aktenzeichen)

Verkündet am

30. Oktober 2006

B E S C H L U S S

In der Einspruchssache

gegen das Patent 199 61 799

… 08.05

hat der 21. Senat ( Technischer Beschwerdesenat ) des Bundespatentgerichts auf

die mündliche Verhandlung vom 30. Oktober 2006 unter Mitwirkung …

beschlossen:

Nach Prüfung des Einspruchs wird das Patent widerrufen.

G r ü n d e

I

Auf die am 21. Dezember 1999 beim Patentamt eingereichte Patentanmeldung ist

das nachgesuchte Patent 199 61 799 mit der Bezeichnung „Passives Sicherheitssystem eines Kraftfahrzeugs“ erteilt worden. Die Veröffentlichung der Erteilung ist

am 25. März 2004 erfolgt.

Gegen das Patent ist Einspruch erhoben worden.

Zur Begründung ihres Einspruchs verweist die Einsprechende unter anderem auf

die Entgegenhaltung

D7: DE 30 19 298 A1.

Sie macht geltend, dass aus dieser Druckschrift unter Einbeziehung impliziter Offenbarungen alle Merkmale des erteilten Patentanspruchs 1 bekannt oder zumindest nahegelegt seien.

Die Einsprechende beantragt,

das Patent vollumfänglich zu widerrufen.

Die Patentinhaberin beantragt,

das Patent auf Basis der am 13. Oktober 2006 eingereichten

neuen Patentansprüche 1 und 2 sowie der am 13. Oktober 2006

eingereichten angepassten Beschreibung und der einzigen Figur 1

der Patentschrift entsprechenden Figur beschränkt aufrecht zu erhalten.

Die Patentinhaberin vertritt die Auffassung, dass der Gegenstand des verteidigten

Patentanspruchs 1 neu sei und auf einer erfinderischen Tätigkeit beruhe.

Der mit Gliederungspunkten versehene, geltende Patentanspruch 1 lautet:

M1

Passives Sicherheitsgurtsystem eines Kraftfahrzeugs

M2

mit einem zugeordneten elektromotorischen Antrieb,

M3

der in Abhängigkeit von Sensorsignalen und einer aus den

Sensorsignalen abgeleiteten Wahrscheinlichkeit einer

Unfallsituation den Sicherheitsgurt in eine Sicherheits-

Zwischenstellung

M4

mit einer bestimmten Zugkraft

M5

reversibel vorspannt,

M6

wobei die Sicherheits-Zwischenstellung mit der bestimmten Zugkraft für eine vorgebbare Zeitdauer aufrechterhalten wird,

dadurch gekennzeichnet,

M7

dass der elektromotorische Antrieb (1) von einem Energiespeicher gespeist wird,

M8

welcher

für wiederholte reversible Bewegungen des

elektromotorischen Antriebs in einer bestimmten Zeit wieder aufladbar ist

M9

und der elektromotorische Antrieb über ein durch

Drehzahlreduzierung selbsthemmendes Getriebe eine

Gurtspule (14) eines Gurtaufrollers antreibt.

Hinsichtlich des verteidigten Unteranspruchs 2 sowie weiterer Einzelheiten wird

auf den Akteninhalt verwiesen.

II

Gemäß der eindeutigen Zuständigkeitsregelung in § 147 Abs. 3 PatG in der Fassung vom 9. Dezember 2004 liegt die Entscheidungsbefugnis über den unstreitig

zulässigen, am 30. Juni 2006 - d. h. vor Aufhebung des § 147 Abs. 3 PatG - noch

anhängigen Einspruch bei dem hierfür zuständigen 21. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts. Dieser hatte aufgrund öffentlicher

mündlicher Verhandlung zu entscheiden.

Der form- und fristgerecht erhobene Einspruch ist zulässig, denn die für die Beurteilung des behaupteten Widerrufsgrundes maßgeblichen tatsächlichen Umstände

sind von der Einsprechenden innerhalb der gesetzlichen Frist im Einzelnen so

dargelegt worden, dass die Patentinhaberin und der Senat daraus abschließende

Folgerungen für das Vorliegen bzw. Nichtvorliegen eines Widerrufsgrundes ohne

eigene Ermittlungen ziehen können.

1) Der Senat hat erhebliche Bedenken hinsichtlich der Zulässigkeit des geltenden Patentanspruchs 1. Denn die Feststellung im Merkmal M8 des Anspruchs,

wonach der Energiespeicher für wiederholte reversible Bewegungen des elektromotorischen Antriebs in einer bestimmten Zeit wieder aufladbar sein soll, kann

den Anmeldungsunterlagen nicht entnommen werden. Dort ist vielmehr ausschließlich von einem wieder auffüllbaren Energiespeicher zur Erzeugung der reversiblen Bewegung die Rede, der sich beispielsweise durch einen Druckspeicher

realisieren lässt (vgl. den ursprünglichen Unteranspruch 3 sowie die Figur 3 und

die Beschreibung Seite 15, Zeile 6 bis 13 bzw. Offenlegungsschrift Spalte 6,

Zeile 62 bis Spalte 7, Zeile 1).

2) Es kann jedoch dahinstehen, ob der verteidigte Patentanspruch 1 durch die

ursprüngliche Offenbarung gedeckt

ist und ob sein Gegenstand den

Schutzbereich des Streitpatents erweitert. Denn nach dem Ergebnis der

mündlichen Verhandlung erweist sich dieser

- zweifelsohne gewerblich

anwendbare - Gegenstand als nicht mehr neu.

Aus der Entgegenhaltung D7(vgl. den Anspruch 1 und die Beschreibung Seite 10,

2. Absatz sowie die Figur 3 i. V. m. der Beschreibung Seite 14, letzter Absatz bis

Seite 16, 1. Absatz) ist bereits ein passives Sicherheitssystem eines Kraftfahrzeugs (automatischer Gurtaufroller für Sicherheitsgurte) bekannt [Merkmal M1],

mit einem zugeordneten elektromotorischen Antrieb (Motor 1) [Merkmal M2], der

in Abhängigkeit von Sensorsignalen und einer daraus abgeleiteten Wahrscheinlichkeit einer Unfallsituation ( Gefahrenfrüherkennungsgerät 25) den Sicherheitsgurt in eine Sicherheits-Zwischenstellung vorspannt [Merkmal M3], wobei diese

Vorspannung - infolge der Entladung des Kondensators (17) über den Motor (1) -

mit einer bestimmten Zugkraft erfolgt [Merkmal M4] und reversibel ist [Merkmal M5], da die Sicherheits-Zwischenstellung des Gurtes offensichtlich nur für

eine vorgebbare Dauer aufrechterhalten wird [Merkmal M6].

Die Merkmale M3, M5 und M6 sind in der Druckschrift D7 zwar nicht ausdrücklich

genannt, sie erschließen sich aber dem zuständigen Fachmann - einem mit der

Entwicklung passiver Sicherheitssysteme für Kraftfahrzeuge befassten, berufserfahrenen Diplom-Physiker - zwangsläufig aus der Tatsache, dass die Straffung

des Sicherheitsgurtes beim Stand der Technik durch ein Gefahrenfrüherkennungsgerät (25) und nicht etwa durch einen Crash-Sensor im eigentlichen Sinn

ausgelöst wird, dass demzufolge also keine eine echte Rückhaltewirkung entfaltende Gurtstraffung vorgesehen sein kann, sondern lediglich ein Verfahren des

Gurtes in eine Sicherheits-Zwischenstellung entsprechend dem Merkmal M3 des

verteidigten Patentanspruchs 1. Diese Zwischenstellung wird in Übereinstimmung

mit den Merkmalen M5 und M6 für eine bestimmte Zeit aufrechterhalten, da der

den Motor (1) versorgende Kondensator (17) nach seiner Entladung zunächst keinen Strom mehr an den Motor (1) liefern kann, nach erfolgter Wiederaufladung

jedoch für eine erneute Straffung des Gurtes zur Verfügung steht.

Die Patentinhaberin hat in der mündlichen Verhandlung demgegenüber den

Standpunkt vertreten, die Druckschrift D7 lehre lediglich einen einmaligen Straffungsvorgang des Sicherheitsgurtes im Crash-Fall. Zu diesem Zweck arbeite der

Motor im Überlastbetrieb. Das System kehre nach einer erfolgten Straffung nicht

wieder in seinen Ausgangszustand zurück. Soweit beim Stand der Technik von

einer Straffung des Gurtes die Rede sei, ohne dass ein Crash vorliege, diene

diese Straffung lediglich der Gewährleistung einer gleichmäßigen Zugkraft und

damit einer Erhöhung des Tragekomforts für die Fahrzeuginsassen.

Dem zuletzt vorgetragenen Einwand der Patentinhaberin kann angesichts einer

entsprechenden Offenbarung in der D7 (vgl. hierzu Figur 3 i. V. m. Seite 14, letzter

Absatz bis Seite 15, 1. Absatz) zweifelsohne zugestimmt werden. Denn dort ist

ausgeführt, dass der Motor (1) über zwei gesondert oder gleichzeitig ansteuerbare

Wicklungen verfügt, welchen ein Regler (13) vorgeschaltet ist, dessen Aufgabe es

ist, dass unabhängig vom ungleichmäßigen Durchmesser des Gurtwickels auf der

Gurtaufwickelwelle stets eine konstante Zugkraft des Gurtes erzeugt wird.

Den weitergehenden Argumenten der Patentinhaberin vermag sich der Senat jedoch nicht anzuschließen. Denn dem zuständigen Fachmann ist auch ohne einen

ausdrücklichen Hinweis klar, dass der in Druckschrift D7 beschriebene, vom Gefahrenfrüherkennungsgerät (25) ausgelöste Vorgang der Gurtstraffung reversibel

sein muss, da die betroffenen Insassen ansonsten bis auf weiteres in ihren Sitzen

festgezurrt blieben, obgleich es tatsächlich nicht zu einem Unfall gekommen ist.

Eine derartige Sicherheitseinrichtung wäre technisch völlig sinnlos und ließe sich

wohl kaum vermarkten. Darüber hinaus ist beim Stand der Technik gemäß Druckschrift D7 (vgl. wiederum die Figur 3 und die Beschreibung Seite 10, 2. Absatz)

zwischen das Gefahrenfrüherkennungsgerät (25) und den Kondensator (17) ein -

zugegebenermaßen nicht näher beschriebenes - mit dem Kondensator in Wechselbeziehung (Pfeile!) stehendes Zeitglied (18) vorgesehen. Sinn und Zweck eines

solches Zeitgliedes kann nach dem Verständnis des Fachmanns nur sein, den

Entladungsvorgang des Kondensators (17) zu steuern, diesen beispielsweise also

dann zu unterbrechen, wenn es einer Aufrechterhaltung der Sicherheits-Zwischenstellung mangels eines weiterhin drohenden Unfalls nicht mehr bedarf. Entgegen der Auffassung der Patentinhaberin werden somit auch die Merkmale M3, M5 und M6 des verteidigten Patentanspruchs 1 durch den Stand der

Technik gemäß Entgegenhaltung D7 vorweggenommen.

Dies gilt auch für die noch verbleibenden Merkmale M7 bis M9. So wird der elektromotorische Antrieb (1) gemäß der Lehre der Entgegenhaltung D7 - wie bereits

dargelegt wurde - von einem Energiespeicher in Form des Kondensators (17) versorgt [Merkmal M7]. Dieser Energiespeicher ist zweifelsohne für wiederholte reversible Bewegungen des elektromotorischen Antriebs in einer bestimmten Zeit

wieder aufladbar [Merkmal M8], da er durch den Stromkreis (2) mit der Fahrzeugbatterie (3) verbunden ist (Figur 3, Beschreibung Seite 11, vorletzter Absatz bis

Seite 12, 1. Absatz), sobald der Schalter (4) betätigt wird. Dies ist der Fall, wenn

der Gurt nicht mehr vollständig aufgerollt, das heißt von einem Insassen angelegt

worden ist. Schließlich geht auch das Merkmal M9 aus der D7 hervor. Denn zwischen dem Motor (1) und der Gurtaufwickelwelle (67) ist bei diesem Stand der

Technik ein Untersetzungsgetriebe (75) vorgesehen (vgl. Unteranspruch 3 und die

Figuren 9a, 9b, Beschreibung Seite 22, 1. Absatz), welches zum einen die Drehzahl des Motors reduziert, zum anderen aber auch selbsthemmend wirkt. So verhält sich nämlich generell jede Untersetzung, wenn sie nicht von der Antriebs-,

sondern von der Abtriebsseite her bewegt werden soll.

Der verteidigte Patentanspruch 1 kann somit mangels Neuheit seines Gegenstandes den Bestand des angegriffenen Patents nicht rechtfertigen.

3) Mit dem geltenden Patentanspruch 1 fällt der einzige, auf diesen rückbezogene Unteranspruch.

4) Das Patent war demnach zu widerrufen.

gez.

Unterschriften