Rechtsprechung / BPatG / 2007
BPatG Beschluss vom 12.06.2007 – 14 W (pat) 320/05
14. Senat
BUNDESPATENTGERICHT
_______________
(Aktenzeichen)
Verkündet am
12. Juni 2007
…
B E S C H L U S S
In der Einspruchssache
betreffend das Patent 44 01 589
… 08.05
hat der 14. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf
die mündliche Verhandlung vom 12. Juni 2007 unter Mitwirkung …
beschlossen:
Das Patent 44 01 589 wird mit folgenden Unterlagen beschränkt
aufrecht erhalten:
Bezeichnung: Verfahren zur Herstellung einer Siliziumnitrid-Keramik
Patentansprüche 1 und 2 gemäß Hilfsantrag VII
Beschreibung Seite 2 bis 16, beides überreicht in der mündlichen
Verhandlung vom 12. Juni 2007
G r ü n d e
I
Die Erteilung des Patents 44 01 589 mit der Bezeichnung
„Siliziumnitridkeramik und Verfahren zur Herstellung der Nitridkeramik“
ist am 17. März 2005 veröffentlicht worden. Das Patent umfasst 10 Patentansprüche, von denen die Patentansprüche 1 und 7 wie folgt lauten:
„1. Siliziumnitridkeramik umfassend Siliziumnitrid und ein Sinterhilfsmittel, dadurch gekennzeichnet, dass das Verhältnis der
Biegefestigkeit bei Zimmertemperatur von gebrannter Oberfläche
der so hergestellten Siliziumnitridkeramik zu der Biegefestigkeit
bei Zimmertemperatur einer bis zu einer Oberflächenrauheit von
R max=0,8 µm oder kleiner bearbeiteten Oberfläche 0,7 oder größer ist, wobei die Biegefestigkeit gemäß JIS R 1601 ermittelt wird.
7. Verfahren zur Herstellung einer Siliziumnitrid-Keramik nach
einem der Ansprüche 1 bis 6, umfassend die folgenden Schritte:
Vermischen von α-Si3N4-Pulver und β-Si3N4-Pulver, wobei ein
Rohstoffpulver erhalten wird, das die Formel:
0,05 ≤ β/(α + β) ≤ 0,5
(α bezeichnet das Gewicht von α-Si3N4-Pulver, β bezeichnet das
Gewicht von β-Si3N4-Pulver) erfüllt, wobei der Sauerstoffgehalt
des α-Si3N4-Pulvers von 1,40 bis 1,70 Gew.-% beträgt;
Formen des Rohstoffpulvers unter Bildung eines Formkörpers;
und
Brennen des Formkörpers bei einer Temperatur im Bereich von
1800 bis 2000 °C unter einer Stickstoffatmosphäre mit einem Atmosphärendruck von mindestens 0,101 MPa (1 atm).“
Gegen dieses Patent ist am 16. Juni 2005 Einspruch erhoben worden, der auf die
Behauptung gestützt ist, der erteilte Anspruch 7 beinhalte eine unzulässige Erweiterung und der Gegenstand des Streitpatents sei gegenüber dem durch die
Entgegenhaltungen
D1 DE 40 38 003 A1
D2 DE 42 33 602 A1
D3 JP-A-03/290, 370
D4 Sprechsaal, Vol. 120 (2), S. 96-99 (1987)
D5 Datenblatt HCST Alpha-Silicon Nitride Grade S1, Juni 90
belegten Stand der Technik nicht patentfähig.
Die Patentinhaberin verteidigt das Streitpatent nach Hauptantrag in vollem Umfang, hilfsweise im beschränkten Umfang und zwar auf der Grundlage der jeweils
in der mündlichen Verhandlung überreichten Patentansprüche 1 bis 10 gemäß
Hilfsantrag V, 1 bis 8 gemäß Hilfsantrag VI und 1 und 2 gemäß Hilfsantrag VII in
dieser Reihenfolge. Die dem Hilfsantrag V zugrundeliegenden Patentansprüche 1
und 5 haben folgenden Wortlaut:
„1. Verfahren zur Herstellung einer Siliziumnitrid-Keramik,
umfassend die folgenden Schritte:
Vermischen von α-Si3N4-Pulver und β-Si3N4-Pulver, wobei ein
Rohstoffpulver erhalten wird, das die Formel:
0,1 < β /(α + β) ≤ 0,50
(α bezeichnet das Gewicht von α-Si3N4-Pulver, β bezeichnet das
Gewicht von β-Si3N4-Pulver) erfüllt, wobei der Sauerstoffgehalt
des α-Si3N4-Pulvers von 1,40 bis 1,70 Gew.-% beträgt;
Zugeben eines Sinterhilfsmittels zu der erhaltenen Pulvermischung, ausgewählt aus Υ2Ο3, Υb2Ο3, Er2Ο3, Sc2Ο3, Mo2C, NbC,
WC, SiC, MoSi2 und WSi2;
Formen des Rohstoffpulvers unter Bildung eines Formkörpers;
und
Brennen des Formkörpers bei einer Temperatur im Bereich von
1800 bis 2000 °C unter einer Stickstoffatmosphäre mit einem Atmosphärendruck von mindestens 0,101 MPa (1 atm).
5. Siliziumnitridkeramik umfassend Siliziumnitrid und ein Sinterhilfsmittel, erhältlich durch das Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4, wobei in der Keramik
(i)
die Biegefestigkeit der gebrannten Oberfläche bei
1400 C gleich 740 MPa oder größer ist und
(ii)
wobei das Verhältnis der Biegefestigkeit bei
Zimmertemperatur von gebrannter Oberfläche der so hergestellten
Siliziumnitridkeramik zu der Biegefestigkeit bei Zimmertemperatur
einer bis zu einer Oberflächenrauheit von Rmax = 0,8 µm oder kleiner bearbeiteten Oberfläche 0,7 oder größer ist, wobei die Biegefestigkeit gemäß JIS R 1601 ermittelt wird.“
Anspruch 1 gemäß Hilfsantrag VI unterscheidet sich vom Anspruch 1 gemäß
Hilfsantrag V durch die nach „(1 atm)“, hinzugefügten Angaben
„dadurch gekennzeichnet, dass
(i)
der Sauerstoffgehalt durch 1-20-stündiges Fluidisieren von
α-Si3N4-Pulver in einem Wärmeofen vergrößert wird, dessen
Temperatur auf 300 °C bis 800 °C eingestellt wird, oder
(ii) der Sauerstoffgehalt durch Rühren von α-Si3N4 in einer
Aufschlämmung, die eine Temperatur von 30 bis 80 °C hat, und in
der der Wassergehalt kontrolliert wird, erhöht wird.“
Anspruch 3 nach Hilfsantrag VI ist bis auf die (offensichtliche Schreibfehler
beinhaltende) Änderung der Rückbeziehung in „nach einem dem Anspruch 1 oder
2“ wörtlich identisch mit Anspruch 5 gemäß Hilfsantrag V. Patentanspruch 1 nach
Hilfsantrag VII ist mit Ausnahme der von „0,1<“ zu „0,05≤“ geänderten Untergrenze in der angegebenen Formel wortgleich mit Patentanspruch 1 nach
Hilfsantrag VI. Zum Wortlaut der auf die erteilten Ansprüche 1 und 7 unmittelbar
oder mittelbar rückbezogenen erteilten Ansprüche 2 bis 6 und 8 bis 10, der auf die
Ansprüche 1 und 5 nach Hilfsantrag V unmittelbar oder mittelbar rückbezogenen
Ansprüche 2 bis 4 und 6 bis 10 gemäß Hilfsantrag V, der auf die Ansprüche 1 und
3 gemäß Hilfsantrag VI mittelbar oder unmittelbar rückbezogenen Ansprüche 2
und 4 bis 8 gemäß Hilfsantrag VI sowie des auf den Verfahrensanspruch 1
rückbezogenen Anspruch 2 nach Hilfsantrag VII wird auf den Akteninhalt
verwiesen.
Die Einsprechende macht (auch) gegenüber dem Verfahrensanspruch 1 nach
Hilfsantrag V sowie den product- by-process - Ansprüchen 5 nach Hilfsantrag V
und 3 nach Hilfsantrag VI fehlende Patentfähigkeit gegenüber dem entgegengehaltenen Stand der Technik,
insbesondere einer Zusammenschau der
Literaturstellen (3) bis (5), geltend. Zu den zusätzlichen Angaben im Patentanspruch 1 nach Hilfsantrag VI und VII äußert sie sich in der Sache nicht.
Die Einsprechende beantragt,
das Patent zu widerrufen.
Die Patentinhaberin tritt dem Vorbringen der Einsprechenden entgegen und
beantragt,
das Patent in vollem Umfang aufrecht zu erhalten,
hilfsweise das Patent beschränkt aufrecht zu erhalten auf der
Grundlage der Patentansprüche 1 bis 10 (Hilfsantrag V),
weiter hilfsweise auf Grundlage der Patentansprüche 1 - 8
(Hilfsantrag VI),
weiter hilfsweise auf Grundlage der Patentansprüche 1 und 2
(Hilfsantrag VII),
sämtliche überreicht in der mündlichen Verhandlung,
sowie mit angepasster Beschreibung, ebenfalls überreicht in der
mündlichen Verhandlung.
Zur Stützung ihrer Darlegungen verweist sie auf die computergestützte englische
Übersetzung der zu D3 korrespondierenden, nachveröffentlichten japanischen
Patentschrift.
Wegen weiterer Einzelheiten des schriftlichen Vorbringens der Beteiligten wird auf
den Akteninhalt Bezug genommen.
II
1.
Der Einspruch ist frist- und formgerecht erhoben und mit Gründen
versehen. Er ist somit zulässig und führt zu dem aus dem Tenor ersichtlichen
Ergebnis.
2.
Die Zulässigkeit der den Anträgen der Patentinhaberin zugrundeliegenden
Patentansprüche ist in der mündlichen Verhandlung nicht mehr bestritten worden.
Der erteilte Anspruch 1 geht inhaltlich auf den ursprünglichen Anspruch 1 i. V. m.
Seite 10 Zeilen 34 bis 37 zurück.
Das Verfahren nach dem erteilten Anspruch 7 ist aus den ursprünglichen
Ansprüchen 7 und 8 i. V. m. Seite 9 Absatz 1 der ursprünglichen Beschreibung
abzuleiten. Der Angabe „Formgebung …, wie Pressformen, Strangpressen und
Schlickergießen, wobei ein Pressling mit der gewünschten Form erhalten wird“
(Unterstreichung hinzugefügt)
in der zitierten Textstelle der Beschreibung
entnimmt der Fachmann nicht nur, dass die Formgebung nicht auf die konkret
angeführten Verfahren beschränkt sein soll, sondern auf Grund der Nennung des
bekanntermaßen druckfreien Schlickergießens auch, dass der Begriff „Pressling“
irrtümlich gewählt wurde. Der Ersatz dieses Begriffes durch den Ausdruck
„Formkörper“ im erteilten Anspruch 7 (sowie im jeweiligen Anspruch 1 nach den
Hilfsanträgen) ist somit nicht zu beanstanden.
Die erteilten Ansprüche 2 bis 6 und 8 bis 10 entsprechen den ursprünglichen
Ansprüchen 2 bis 6 und 9 bis 11.
Die in die Ansprüche 1 nach den Hilfsanträgen zusätzlich aufgenommenen
Sinterhilfsmittel sind auf Seite 8 Zeilen 31/32 und Seite 12 Zeile 23 der
ursprünglichen Beschreibung bzw. in den Abschnitten [0039] und [0058] der
Streitpatentschrift offenbart, die zusätzlichen Maßnahmen in den Ansprüchen 1
nach Hilfsantrag VI und VII sind den ursprünglichen Ansprüchen 9 und 10 bzw.
den erteilten Ansprüchen 8 und 9 zu entnehmen.
Das in Anspruch 5 nach Hilfsantrag V bzw. in Anspruch 3 nach Hilfsantrag VI mit
(i) bezeichnete zusätzliche Merkmal der Siliziumnitridkeramik ist aus Tabelle 5 der
ursprünglichen Beschreibung bzw. der Streitpatentschrift abzuleiten.
Die Unteransprüche 2 bis 4 und 6 bis 10 nach Hilfsantrag V, 2 und 4 bis 8 nach
Hilfsantrag VI sowie der Unteranspruch 2 nach Hilfsantrag VII entsprechen den
erteilten Unteransprüchen 8 bis 10 und 2 bis 6, 10 und 2 bis 6 sowie 10, welche
- wie bereits abgehandelt - auf ursprünglichen Unteransprüchen basieren.
3.1 Der erteilte Patentanspruch 7 kann mangels Patentfähigkeit seines
Gegenstandes keinen Bestand haben.
Aus D3 ist ein Verfahren zur Herstellung einer Siliziumnitridkeramik bekannt, das
folgende Schritte umfasst:
-
Vermischen von 85 bis 95 Gew.-% Si3N4-Pulver, welches
α-Si3N4-Pulver als Hauptkomponente in Anteilen von 60 bis
100 Gew.-% enthält (Rest β-Si3N4), mit 2 bis 10 Gew.-% β-Si3N4
sowie 2 bis 15 Gew.-% eines Sinterhilfsmittels. Bei Einsatz von
reinem α-Si3N4 (100 Gew.-%) liegt das Verhältnis von β-Si3N4 zur
Summe von α- + β-Si3N4 rechnerisch bei 0,02 (2/97) bis 0,1
(10/95); wird Si3N4-Pulver mit geringerem Gehalt an α-Si3N4 als
Komponente (A) eingesetzt, so muss der Bereich zwangsläufig
höher liegen. Die im erteilten Anspruch 1 aufgeführte Formel wird
daher mit den Mengenverhältnissen nach D3 mindestens teilweise
erfüllt. Der Hinweis der Patentinhaberin auf die Beispiele in der
B2-Schrift mit 3, 5 und 3% an β-Si3N4 kann zu keiner anderen
Beurteilung
führen,
da
der Offenbarungsgehalt
eines
Patentdokumentes nicht auf die Beispiele beschränkt ist (vgl. auch
T 666/89 ABl EPA 1993, 495 insbes. Nr. 5 der Entscheidungsgründe) und im Anspruch 1 der B2-Schrift identische Mengen wie
in D3 angegeben sind. Im Übrigen ergibt sich nach Beispiel 2
unabhängig davon, ob die 85 Gew.-% in Absatz 2 der Seite 5 auf
α- oder Gesamt-Si3N4 bezogen werden, ein β/(α + β)-Verhältnis >
0,05.
-
Formen des gemischten Pulvers unter Bildung eines
„geformten Artikels“ (= Formkörper)
-
Sintern des geformten Artikels bei einer Temperatur im
Bereich von 1750 bis 2200°C unter einer Stickstoffatmosphäre
von 1 bis 100 atm, somit mindestens 1 atm. Der im Anspruch 1
gewählte
Ausdruck
„Brennen“
für
die
identische
Verfahrensmaßnahme kann keinen Unterschied zum Sintern
nach D3 begründen. Die von der Patentinhaberin geltend
gemachte Auswahl eines (engeren) Temperaturbereiches kann
nicht anerkannt werden. Es ist keine Temperatur im Bereich
1800 bis 2000°C vorstellbar, die nicht in den (weiteren) Bereich
von 1750 bis 2200°C fällt. Nach gefestigter Rechtsprechung ist
der
engere Bereich
damit
vorweggenommen
(BGH
GRUR 1992, 842 - Chrom-Nickel-Legierung; GRUR 2000, 591
- Inkrustierungsinhibitoren; Mitt. 2002, 16 - Filtereinheit).
Wie schon im Prüfungsverfahren vor dem Deutschen Patent- und Markenamt
festgestellt, ist in D3 kein Sauerstoffgehalt des eingesetzten α-Si3N4-Pulvers
definiert; dies gilt auch
für die nachveröffentlichte Übersetzung der
korrespondierenden B2-Schrift.
Wird aber im Verfahren nach D3 ein handelsübliches α-Si3N4 z. B. gemäß D5
(1. Seite unter Chemical Composition), deren Vorveröffentlichung für den Senat
auf Grund des auf Seite 1 rechts unten angegebenen Druckdatums 6/90 außer
Zweifel steht, mit einem Ο2-Gehalt im Bereich von 1,6 bis 2 Gew.-% oder ein
α-Si3N4 mit dem in D4 (S. 98 re. Sp. Abs. 2) für Si3N4 allgemein als vorteilhaft für
das Sinterverhalten
herausgestellten
geringem
aber
ausreichendem
Sauerstoffgehalt (ca. 1,5 Gew.-%) eingesetzt (nach der hier lediglich gutachtlich
zu wertenden englischen Übersetzung der B2-Schrift
letzte Seite
ist
handelsübliches α-Si3N4 verwendbar!), so ergibt sich unmittelbar ein Verfahren mit
sämtlichen Merkmalen des erteilten Anspruchs 7.
Der Hinweis der Patentinhaberin, nach D3 werde
in einem organischen
Lösungsmittel vermischt, womit für den Fachmann offensichtlich eine Oxidation
von Si3N4 vermieden werden solle, vermag an der Beurteilung der vorstehend
dargestellten Zusammenschau von D3 mit D4 und/oder D5 als naheliegend nichts
zu ändern. Er sagt nämlich nichts - und damit auch keine Einschränkung - über
den Sauerstoffgehalt des eingesetzten α-Si3N4 aus, das - wie erwähnt -
handelsüblich sein kann. Eine Verhinderung einer Aufoxidation beim Mischen und
Sintern steht in völliger Übereinstimmung mit dem bereits erwähnten Hinweis in
D4, einen geringen aber ausreichenden Sauerstoffgehalt von ca. 1,5 Gew.-%
anzustreben. Die Angaben in der vorgelegten Übersetzung können somit dem
Fachmann keine Rechtfertigung liefern, ein derartiges Pulver von Vornherein als
völlig ungeeignet zu bewerten und nicht einmal einen orientierenden Versuch in
Betracht zu ziehen. Eine derartige Interpretation der Entgegenhaltung wäre mit der
fachmännischen Sorgfalt, die von einem mit der Entwicklung von neuartiger
Si3N4-Keramik befassten Verfahrensingenieur, Physiker oder Chemiker mit
akademischem Abschluss zu verlangen ist, nicht vereinbar.
3.2. Der erteilte Patentanspruch 1 muss - wie die übrigen erteilten Ansprüche -
schon deshalb mit dem nicht rechtsbeständigen Anspruch 7 fallen, weil über das
Streitpatent bzw. den Hauptantrag der Patentinhaberin nicht in Teilen entschieden
werden kann.
Unabhängig hiervon ist jedoch festzuhalten, dass auch der Gegenstand dieses
Erzeugnisanspruches keine Patentfähigkeit aufweist. Nach dem Wortlaut des
erteilten Anspruchs 7 muss sich bei Einhaltung der in diesem Verfahrensanspruch
festgelegten Maßnahmen eine Siliziumnitridkeramik nach Anspruch 1 ergeben,
also mit dem in diesem Erzeugnisanspruch angegebenen Verhältnis der gemäß
JIS R 1601 ermittelten Biegefestigkeiten. Diese im Stand der Technik nicht
beschriebene Eigenschaft stellt sich somit zwangsläufig bei Durchführung des
naheliegenden Verfahrens ein; eine Siliziumnitridkeramik mit dieser Eigenschaft ist
somit ebenfalls durch den Stand der Technik nahegelegt.
4.
Der Hilfsantrag V der Patentinhaberin scheitert an der fehlenden Patentfähigkeit des Verfahrens nach Anspruch 1 und/oder der nach diesem Verfahren
erhältlichen Siliziumnitridkeramik gemäß Anspruch 5.
Zu den bereits vom erteilten Anspruch 7 umfassten Maßnahmen des Anspruchs 1
nach Hilfsantrag V wird zur Vermeidung von Wiederholungen auf die
Ausführungen unter II.3.1. verwiesen, die auch die gemäß Hilfsantrag V höhere
Untergrenze von 0,1 in der angegebenen Formel betreffen.
Die Zugabe des Sinterhilfsmittels Υ2Ο3 kann keinen Beitrag zur erfinderischen
Tätigkeit leisten, da sie in D3 vorbeschrieben ist. Betrachtungen, ob und inwieweit
die Zugabe anderer in Anspruch 1 nach Hilfsantrag V aufgeführter Sinterhilfsmittel
dem beanspruchten Verfahren zu einer erfinderischen Qualität verhelfen könnten,
erübrigen sich, weil über Anspruch 1 nicht teilweise entschieden werden kann.
Die nach dem Verfahren nach Anspruch 1 gemäß Hilfsantrag V erhältliche
Siliziumnitridkeramik nach Anspruch 5 gemäß Hilfsantrag V ergibt sich wiederum
zwangsläufig als Erzeugnis dieses Verfahrens und muss daher zwangsläufig auch
die mit (i) bezeichnete Biegefestigkeit der gebrannten Oberfläche bei 1400 °C
aufweisen. Diese Siliziumkeramik stellt somit das Ergebnis nahegelegten Handelns dar und ist daher auch als solche nahegelegt.
5.
Dem Verfahren nach Anspruch 1 gemäß Hilfsantrag VI
ist die
Patentfähigkeit zuzuerkennen. Die Einsprechende selbst räumt ein, dass die
beiden im Kennzeichen aufgeführten alternativen Verfahrensmaßnahmen in
entgegengehaltenen Druckschriften nicht vorbeschrieben sind und deshalb nicht
nahegelegt sein können. Bei dieser Sachlage sieht der Senat keine Veranlassung,
eigene Ermittlungen zu diesen Maßnahmen anzustellen.
Dem Hilfsantrag VI der Patentinhaberin kann indessen nicht stattgegeben werden,
da über diesen Antrag insgesamt entschieden werden muss und die Siliziumnitridkeramik nach Anspruch 3 dieses Hilfsantrags nicht patentfähig ist. Bezüglich
der im Anspruch festgelegten Eigenschaften liegt kein Unterschied zu Anspruch 5
nach Hilfsantrag V vor, so dass hinsichtlich deren Beurteilung das bereits zu
diesem Anspruch Ausgeführte gilt.
Die Patentinhaberin beruft sich nun darauf, dass mit der Rückbeziehung auf
Anspruch 1, dessen kennzeichnende Maßnahmen (i) oder (ii) unbestritten erfinderisch seien, auch die erfinderische Tätigkeit des hiernach erhältlichen Produkts
getragen werden müsse.
Dem kann der Senat nicht folgen. Aus der Eigenschaft des Erzeugnisanspruchs
folgt, dass es auf die Patentfähigkeit des beanspruchten Erzeugnisses ankommt,
nicht aber auf die Patentfähigkeit des Verfahrens, durch welche das Erzeugnis im
Patentanspruch gekennzeichnet wird (Benkard PatG 10. Aufl. § 4 Rdnr. 56). Der
Erzeugnisanspruch stellt nämlich das Erzeugnis unabhängig vom Herstellungsweg
unter Schutz.
Die Patentinhaberin macht geltend, die kennzeichnenden Maßnahmen des
Anspruchs 1 bewirkten eine höhere Festigkeit der Siliziumnitridkeramik und
verweist in diesem Zusammenhang insbesondere auf Beispiel 16 (mit (i) einer
Biegefestigkeit der gebrannten Oberfläche bei 1400 °C von 800 MPa, einer
Biegefestigkeit der bearbeiteten Oberfläche bei Zimmertemperatur von 1100 MPa,
einer Biegefestigkeit der gebrannten Oberfläche bei Zimmertemperatur von
990 MPa sowie
(ii) einem Verhältnis der beiden Biegefestigkeiten bei
Zimmertemperatur von 0,90). Anspruch 3 nach Hilfsantrag VI umfasst aber u. a.
auch die weiteren nach Anspruch 1 gemäß Hilfsantrag VI hergestellten Beispiele
15 und 18 mit (i) (einer Biegefestigkeit bei 1400°C von 740 mPa und (ii) einem
Verhältnis der Biegefestigkeiten bei Zimmertemperatur von größer/gleich 0,7
(0,83). Derartige Siliziumnitridkeramiken entstehen aber bereits in naheliegender
Weise nach dem Verfahren gemäß Anspruch 1 nach Hilfsantrag V, welches durch
keines der in Rede stehenden kennzeichnenden Merkmale des Anspruchs 1 nach
Hilfsantrag VI charakterisiert ist. Dies bedeutet, dass keines dieser Verfahrensmerkmale zwangsläufig zu besonders hohen Biegefestigkeiten führen muss und
damit mittelbar einen Beitrag zur erfinderischen Tätigkeit des Erzeugnisses nach
der geltenden Anspruchsformulierung liefern könnte, was nach der erwähnten
Rechtsprechung erforderlich ist, jedoch möglicherweise von der Patentinhaberin
verkannt wird.
Für die Untersuchung der Frage, ob ein mit den Festigkeitswerten bzw.
-verhältnissen nach Beispiel 16 weiter eingeschränkter Erzeugnisanspruch
rechtsbeständig gewesen wäre, bleibt kein Raum, da ein dahingehender Antrag
der Patentinhaberin nicht vorliegt, obwohl der Senat seine Auffassung nach der
Zwischenberatung deutlich hat erkennen lassen und versucht hat, auf sachdienliche Anträge hinzuwirken (BGH GRUR 1989,103 - Verschlussvorrichtung für
Gießpfannen; GRUR 1983,171 - Schneidhaspel).
6.
Der mit Anspruch 1 gemäß Hilfsantrag VI mit Ausnahme der (wieder wie im
erteilten Anspruch 1) auf 0,05 herabgesetzten Untergrenze in der Formel
wortgleiche Anspruch 1 gemäß Hilfsantrag VII ist sinngemäß aus den unter II.5.
dargelegten Gründen rechtsbeständig.
Mit ihm hat der auf eine besondere Ausführungsform des Verfahrens nach
Anspruch 1 gerichtete Anspruch 2 nach Hilfsantrag VII Bestand.
gez.
Unterschriften