BGH Urteil vom 21.06.2001 – IX ZR 69/00
IX. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
Verkündet am: 21. Juni 2001 Preuß Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
BGB § 765; AGBG § 3
Mußte der Gläubiger einer formularmäßig verlängerten Bürgschaft wegen der
bisherigen Gestaltung des Rechtsverhältnisses nicht mit einer - in der früheren
Bürgschaftsurkunde nicht enthaltenen - Haftungsausschlußklausel rechnen,
entfällt der Überraschungscharakter der Klausel nicht schon durch die Verwen-
dung von Fettdruck. Vielmehr bedarf es hier grundsätzlich eines individuellen
Hinweises des Bürgen an den Gläubiger.
BGH, Urteil vom 21. Juni 2001 - IX ZR 69/00 - OLG Celle
LG Verden
Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 21. Juni 2001 durch die Richter Stodolkowitz, Kirchhof, Dr. Fischer,
Dr. Zugehör und Dr. Ganter
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 14. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts Celle vom 20. Januar 2000 aufgehoben.
Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung
- auch über die Kosten des Revisionsverfahrens - an das Beru-
fungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Klägerin erteilte am 1. November 1995 der S. H. GmbH (i. f.:
H. GmbH oder Auftragnehmerin oder Streithelferin) den Auftrag, zum Pau-
schalpreis von 670.000 DM ein Gebäude zu sanieren und zu modernisieren.
Die Geltung der VOB war vereinbart. In dem Vertrag, der nicht ausgeführt wur-
de, verpflichtete sich die Auftragnehmerin zur Stellung einer Vertragserfül-
lungsbürgschaft in Höhe von 10 % der Auftragssumme.
Am 29. November 1995 übernahm die verklagte Bank im Auftrag der
H. GmbH zugunsten der Klägerin eine bis zum 30. Juni 1996 befristete Ver-
tragserfüllungsbürgschaft in Höhe von 67.000 DM. Daneben verbürgte sich die
Beklagte unter dem 21. Dezember 1995, befristet bis zum 31. März 1996, ge-
genüber einer KS ... GmbH (i. f.: KS GmbH), deren Gesellschafter teilweise
identisch sind mit Gesellschaftern der Klägerin, in Höhe von 300.000 DM für
die Vertragserfüllung durch die H. GmbH. An diese floß im Januar 1996 von
einem Konto der KS GmbH ein Betrag von 324.300 DM. Ob die Zahlung im
Auftrag und für Rechnung der Klägerin als Vorauszahlung auf die Vergütung
aus dem Bauvertrag vom 1. November 1995 geleistet wurde, ist zwischen den
Parteien streitig.
Die C., eine Kreditgeberin sowohl der Klägerin als auch der KS GmbH,
erbat mit Schreiben vom 16. April 1996 von der Beklagten eine Verlängerung
der Bürgschaft vom 21. Dezember 1995. Nachdem die hierzu befragte
H. GmbH ihr Einverständnis mitgeteilt hatte, erteilte die Beklagte unter dem
26. April 1996 der KS GmbH eine bis zum 31. Juli 1996 verlängerte und an-
sonsten mit der Bürgschaft vom 21. Dezember 1995 inhaltlich übereinstimmen-
de neue Bürgschaft. Unter dem 29. Mai 1996 teilte die C. der Beklagten mit, sie
habe nunmehr erfahren, daß die H. GmbH den Bauvertrag nicht mit der
KS GmbH, sondern mit der Klägerin geschlossen habe. Im Hinblick darauf rei-
che sie die Bürgschaft vom 26. April 1996 zurück mit der Bitte, als Auftraggeber
die Klägerin statt der KS GmbH aufzuführen. Im Einverständnis der H. GmbH
stellte die Beklagte daraufhin unter dem 12. Juni 1996 eine wunschgemäß ver-
änderte Bürgschaftsurkunde zur Verfügung. Mit Schreiben vom 11. Juli 1996
bat die C. die Beklagte unter Beifügung der Urkunden vom 29. November 1995
(über 67.000 DM) und vom 12. Juni 1996 (über 300.000 DM) darum, die Bürg-
schaften abermals zu verlängern und anschließend zurückzusenden. Mit Zu-
stimmung der Auftragnehmerin erteilte die Beklagte daraufhin unter dem
16. Juli 1996 zwei Bürgschaften mit verlängerter Laufzeit. Hierfür verwendete
sie neue Formulare, die erstmals die - im Fettdruck hervorgehobene - Klausel
enthielten: "Diese Bürgschaft umfaßt nicht Ansprüche auf Rückzahlung gelei-
steter Vorauszahlungen und Überzahlungen, sowie auf fristgerechte Erfüllung
der dem Auftragnehmer obliegenden Mängelgewährleistungen".
Die Klägerin nimmt die Beklagte aus den beiden Bürgschaften auf Zah-
lung von zuletzt noch 324.300 DM in Anspruch. Sie behauptet, an die Auftrag-
nehmerin, welche die Erfüllung des Bauvertrages ernsthaft und endgültig ab-
lehne, die Klagesumme als Vorauszahlung geleistet zu haben. Die in den bei-
den Bürgschaftsurkunden vom 16. Juli 1996 enthaltenen Ausschlußklauseln,
die seinerzeit ihrer Aufmerksamkeit entgangen seien, erfaßten ihren Rückzah-
lungsanspruch nicht. Falls dies aber doch so sei, handele es sich um überra-
schende und unangemessene Klauseln (§§ 3, 9 AGBG). Die H. GmbH ist dem
Rechtsstreit als Streithelferin der Beklagten beigetreten. Die Vorinstanzen ha-
ben die Klage abgewiesen. Mit ihrer Revision verfolgt die Klägerin ihren An-
spruch weiter.
Entscheidungsgründe
Die Revision führt zur Aufhebung und Zurückverweisung.
I.
Das Berufungsgericht hat sein Urteil wie folgt begründet:
Für den - unterstellten - Anspruch der Klägerin gegen die Streithelferin
auf Rückzahlung der geleisteten Vorauszahlung habe die Beklagte nicht als
Bürgin einzustehen. Zwar decke eine Vertragserfüllungsbürgschaft normaler-
weise den Schadensersatzanspruch wegen Nichterfüllung und damit auch den
Anspruch auf Ersatz nutzlos geleisteter und sich als Mindestschaden darstel-
lender Vorauszahlungen. Insoweit habe die Beklagte ihre Bürgenhaftung aber
durch die Klauseln, daß die Bürgschaften Ansprüche auf Rückzahlung gelei-
steter Vorauszahlungen nicht umfaßten, ausgeschlossen. Es sei nicht ersicht-
lich, daß diese Klauseln gegen § 3 AGBG verstießen. Sie seien nämlich ohne
weiteres verständlich und durch Fettdruck hervorgehoben, so daß eine Kennt-
nisnahme durch den Kunden zu erwarten sei. Die für die Klägerin tätig gewor-
dene C. hätte die Klauseln auf jeden Fall bemerken müssen. Daß die C. zuvor
unter Zurücksendung der Originalurkunden vom 29. November 1995 und vom
12. Juni 1996 um Verlängerung der Bürgschaften gebeten habe, sei unerheb-
lich. Einen anderweitigen, nicht auf der Vorauszahlung beruhenden Schaden
habe die Klägerin nicht dargetan.
II.
Diese Erwägungen halten einer rechtlichen Überprüfung nicht stand.
Ob die tatrichterliche Auslegung, wonach der Ausschluß der Bürgen-
haftung auch den Anspruch der Klägerin auf Rückzahlung geleisteter Voraus-
zahlungen erfaßt, den Angriffen der Revision standhält, kann offen bleiben.
Selbst wenn der Ansicht des Berufungsgerichts in diesem Punkt zu folgen sein
sollte, kann sich die Beklagte auf die Ausschlußklauseln nicht berufen. Diese
sind jedenfalls im vorliegenden Fall überraschend und deshalb nicht wirksame
Bestandteile der Bürgschaftsverträge geworden (§ 3 AGBG).
1. Ob die Klauseln aufgrund allgemeiner Umstände, insbesondere we-
gen einer Abweichung von dem Vertragstyp "Vertragserfüllungsbürgschaft" un-
gewöhnlich waren, kann dahinstehen. Der für die Anwendung des § 3 AGBG
vorausgesetzte Überrumpelungseffekt kann sich auch daraus ergeben, daß der
Vertragspartner nach den individuellen Begleitumständen des Vertragsschlus-
ses vernünftigerweise nicht mit einer solchen Klausel rechnen mußte
(BGHZ 102, 152, 159; 109, 197, 201; 130, 150, 154; BGH, Urt. v. 17. März
1994 - IX ZR 102/93, NJW 1994, 1656, 1657). Das kann insbesondere dann
der Fall sein, wenn die Klausel wesentlich von dem abweicht, was der Ver-
tragspartner des Verwenders als seine Vorstellungen und Absichten bei den
Verhandlungen zum Ausdruck gebracht hat, ohne daß ihm darin widersprochen
wurde (BGH, Urt. v. 17. März 1994 - IX ZR 102/93, aaO). Dabei beurteilt sich
die Abweichung von dem Erwartungshorizont des Vertragspartners nach einem
durch die konkreten Umstände überlagerten generellen Maßstab (BGHZ 109,
197, 202; BGH, Urt. v. 9. April 1987 - III ZR 84/86, NJW 1987, 2011; Ulmer, in:
Ulmer/Brandner/Hensen, AGBG 9. Aufl. § 3 Rn. 13a). Entscheidend ist das bei
dem Vertragspartner individuell vorhandene oder ihm individuell mögliche Um-
standswissen; welche Schlüsse aus diesen Erkenntnismöglichkeiten zu ziehen
waren, bestimmt sich demgegenüber nach einem objektiv-typisierenden Maß-
stab (Lindacher, in: Wolf/Horn/Lindacher, AGBG 4. Aufl. § 3 Rn. 37; vgl.
BGHZ 102, 152, 159; 130, 150, 154; BGH, Urt. v. 24. September 1980 - VIII ZR
273/79, NJW 1981, 117, 118; v. 9. April 1987 aaO).
Daß die Bürgschaften bei Wirksamkeit der fraglichen Klauseln völlig
entwertet wären, weil sie nach Sachlage überhaupt nur zur Absicherung der
- gemäß der Unterstellung des Berufungsgerichts geleisteten - Vorauszahlung
dienen konnten, hat hierbei außer Betracht zu bleiben. Ob eine Klausel für den
Vertragspartner überraschende Wirkung hat, muß im Lichte der für den Ver-
wender erkennbaren Umstände des Vertragsschlusses gesehen werden (BGH,
Urt. v. 8. Oktober 1975 - VIII ZR 81/74, NJW 1977, 195, 197; Staudinger/
Schlosser, BGB 13. Bearb. § 3 AGBG Rn. 13). Die Parteien haben nicht vor-
getragen, daß die Beklagte von der Vorauszahlung wußte. Indessen hat das
Berufungsgericht - wie die Revision mit Recht rügt - die Vorgeschichte der bei-
den streitgegenständlichen Bürgschaften, namentlich das Schreiben der C.
vom 11. Juli 1996, nicht hinreichend berücksichtigt. Beide Bürgschaften stellten
sich faktisch als Verlängerung bzw. Neufassung der früheren Bürgschaften dar.
Der streitgegenständlichen Bürgschaft vom 16. Juli 1996 über 300.000 DM wa-
ren die - jeweils befristeten - Bürgschaften vom 21. Dezember 1995, 26. April
1996 und 12. Juni 1996 vorausgegangen. Vor Ablauf der Befristung war
- einem Wunsch der Gläubigerseite entsprechend - die Bürgschaft vom
21. Dezember 1995 durch diejenige vom 26. April 1996 ersetzt worden. Diese
wiederum war durch die Bürgschaft vom 12. Juni 1996 abgelöst worden, nach-
dem der Beklagten bedeutet worden war, daß die Klägerin anstelle der
KS GmbH Gläubigerin sein sollte. Die Bürgschaft vom 16. Juli 1996 sollte die-
jenige vom 12. Juni 1996 verlängern, die am 31. Juli 1996 auslief. Der eben-
falls streitgegenständlichen Bürgschaft über 67.000 DM vom 16. Juli 1996 war
eine gleichartige Bürgschaft vom 29. November 1995 vorausgegangen. Diese
war zwar bereits am 30. Juni 1996 ausgelaufen. Es war jedoch klar, daß auch
die neu zu übernehmende Bürgschaft inhaltlich der früheren entsprechen soll-
te. Dies wurde darüber hinaus durch das Anforderungsschreiben der C. vom
11. Juli 1996 deutlich. Darin heißt es:
"...wir nehmen bezug auf das... am 11.07.1996 geführte Te-
lefonat und senden
Ihnen als Anlage die Original-
Bürgschaftsurkunden über DM 300.000,-- und DM 67.000,--
zurück. Über diese Bürgschaften dürfen Sie nur verfügen,
wenn sichergestellt ist, daß diese Bürgschaften für ein weite-
res Jahr verlängert werden und anschließend an die C. ... ge-
sandt werden.
Nach den Informationen unseres Kreditnehmers wurde mit
dem Bauvorhaben bisher noch nicht begonnen."
Wenn die Beklagte daraufhin kommentarlos zwei neue Bürgschaftsur-
kunden übersandte, in denen die Geltungsdauer der Bürgschaften bis zum
30. Juni 1997 erstreckt wurde, hatten weder die Klägerin noch die für diese
auftretende C. Anlaß zu der Annahme, die Beklagte könnte - erstmals - die
Gelegenheit benutzt haben, den Urkundentext zum Nachteil der Gläubigerseite
zu verändern. Insbesondere deshalb, weil die C. die Urkunden der Beklagten
zu treuen Händen überlassen hatte und sie aus der bedeutenderen Bürgschaft
- nämlich derjenigen über 300.000 DM, deren Geltungsdauer noch nicht abge-
laufen war - ohne weiteres Rechte hätte herleiten können, wenn die Beklagte
diese Bürgschaft nicht oder nur mit inhaltlichen Änderungen verlängert hätte,
durfte sie erwarten, daß die Beklagte etwaige Absichten in dieser Richtung
deutlich verlautbarte. Zwar hat die Beklagte in der Revisionsverhandlung dar-
auf hingewiesen, daß der Geschäftsführer der H. GmbH nach dem eigenen
(bestrittenen) Vortrag der Klägerin schon im Mai/Juni 1996 die Vertragserfül-
lung abgelehnt hatte. Dieser Hinweis ist jedoch unerheblich. Die angebliche
Erfüllungsverweigerung berührt das Valutaverhältnis und nicht das Leistungs-
verhältnis zwischen den Prozeßparteien. Selbst wenn die Klägerin davon aus-
gegangen sein sollte, daß die Beklagte die Leistungsverweigerung kannte,
durfte sie - zumal in dem Schreiben vom 11. Juli 1996 darauf aufmerksam ge-
macht worden war, daß "mit den Bauarbeiten noch nicht begonnen" worden
war - eine ausdrückliche Erklärung der Beklagten erwarten, falls diese aus der
Leistungsverweigerung der H. GmbH Konsequenzen ableiten wollte. Das
mußte auch der Beklagten klar sein. Die Klauseln, wonach die Bürgschaft für
den Anspruch auf Rückzahlung von Vorauszahlungen nicht gelten sollte, liefen
diesem berechtigten Erwartungshorizont der Gläubigerseite zuwider.
2. Die Ansicht des Berufungsgerichts, die überraschende Wirkung der
Klauseln sei ausgeschlossen, weil sie drucktechnisch so gestaltet seien, daß
die Beklagte mit ihrer Kenntnisnahme durch die Gläubigerseite habe rechnen
können, kann nicht geteilt werden.
Allerdings können Allgemeine Geschäftsbedingungen, mit denen der
Gegner des Verwenders nicht von vornherein rechnen mußte, die Eignung zur
Überrumpelung verlieren, wenn der Verwender durch einen eindeutigen Hin-
weis auf sie aufmerksam macht. Hinsichtlich der Intensität dieses Hinweises ist
jedoch zu differenzieren zwischen Allgemeinen Geschäftsbedingungen, mit
denen lediglich die Erwartung des Gegners des Verwenders auf eine ver-
tragstypkonforme und gebräuchliche Rechtsgestaltung enttäuscht wird, und
solchen, die der durch individuelle Umstände des Vertragsschlusses begrün-
deten Erwartung der Gegenseite widersprechen (vgl. Lindacher, aaO § 3
AGBG Rn. 37). Dies hat das Berufungsgericht nicht beachtet.
Der Überraschungscharakter einer allgemein ungewöhnlichen - etwa
nicht vertragstypkonformen - Klausel entfällt, wenn sie inhaltlich ohne weiteres
verständlich und drucktechnisch so hervorgehoben ist, daß erwartet werden
kann, der Gegner des Verwenders werde von ihr Kenntnis nehmen (BGHZ 130,
150, 155; BGH, Urt. v. 6. Dezember 1984 - IX ZR 115/83, NJW 1985, 848, 849;
v. 22. Mai 1991 - IV ZR 232/90, VersR 1991, 911, 912; v. 14. Dezember 1994
- IV ZR 3/94, NJW 1995, 784, 785; vgl. auch BGHZ 121, 107, 112).
Dagegen entfällt bei Allgemeinen Geschäftsbedingungen, mit denen der
Gegner des Verwenders wegen der dem Vertragsschluß vorausgegangenen
konkreten Umstände nicht rechnen muß, die überraschende Wirkung grund-
sätzlich nur dann, wenn der Gegner einen individuellen Hinweis erhält; gegen-
über dem Normaldruck stärkere Drucktypen sind allein nicht geeignet, ihn hin-
reichend über die von dem Verwender angestrebte Änderung ins Bild zu setzen
(BGHZ 99, 203, 206; 131, 55, 59; vgl. ferner BGH, Urt. v. 24. September 1980
- VIII ZR 273/79, NJW 1981, 117, 118; v. 17. März 1994 - IX ZR 102/93,
NJW 1994, 1656, 1657; ebenso Lindacher, aaO § 3 AGBG Rn. 41).
Dies macht insbesondere der vorliegende Fall deutlich. Weil die Gläubi-
gerseite davon ausgehen durfte - und ersichtlich auch davon ausging -, die neu
hereingereichten Bürgschaftsurkunden unterschieden sich lediglich hinsichtlich
des Ablaufdatums von denen, die durch sie ersetzt wurden, sah sie keinen
Anlaß, sich auch den übrigen Text der neuen Urkunden näher anzusehen oder
sogar mit dem der früheren zu vergleichen. Sie hatte, falls sie sich von den frü-
heren keine Fotokopien gemacht hatte, nicht einmal die Möglichkeit dazu, weil
sie die Originalurkunden an die Beklagte zurückgegeben hatte.
Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts ändert daran nichts, daß
die Klägerin bei der Abwicklung der Bürgschaftsangelegenheit von einer in
Kreditsicherungsgeschäften erfahrenen Stelle, der C., betreut wurde und sich
dieser als Verhandlungsgehilfin bediente. Gleichgültig ist, ob der Klägerin die
Erkenntnismöglichkeiten der C. in entsprechender Anwendung des § 166 BGB
zugerechnet werden können (vgl. BGHZ 83, 293, 296 f; 102, 316, 320; BGH,
Urt. v. 7. Dezember 2000 - IX ZR 330/99, WM 2001, 734, 735). Diejenigen der
C. waren nicht besser als die der Klägerin. Die C. kannte nicht mehr und nicht
weniger Umstände als diese. Die Aufmerksamkeit, mit welcher die neuen Bürg-
schaftsurkunden zu überprüfen waren, richtete sich nach dem Grad des Ver-
trauens, das der Beklagten hinsichtlich der Umsetzung des ihr Aufgetragenen
berechtigterweise entgegengebracht wurde. Die individuellen Umstände vor
der Unterzeichnung der neuen Urkunden mußte eine geschäftserfahrene Bank
nicht anders werten als ein mit Kreditsicherheiten weniger vertrauter Teilneh-
mer am Rechtsverkehr. Da diese Umstände das Vertrauen rechtfertigten, es
gehe nur um eine Haftungsverlängerung, hatte auch die C. von sich aus keinen
Anlaß, die von der Beklagten neu ausgestellten Bürgschaftsurkunden daraufhin
zu überprüfen, ob sie über die erbetene Änderung hinaus weitere Abweichun-
gen, und zwar solche zu Lasten des Gläubigers, enthielten.
III.
Das Berufungsurteil ist somit aufzuheben (§ 564 Abs. 1 ZPO). Die Sa-
che ist an das Berufungsgericht zurückzuverweisen (§ 565 Abs. 1 Satz 1 ZPO),
weil sie noch nicht entscheidungsreif ist. Zwar ist der für Januar 1996 behaup-
tete Geldfluß zuletzt unstreitig geworden. Die Beklagte hat aber in Abrede ge-
stellt,
daß es sich dabei um eine Vorauszahlung der Klägerin auf den Werklohn ge-
mäß dem Vertrag vom 1. November 1995 gehandelt habe. Dem wird das Be-
rufungsgericht nunmehr nachgehen müssen.
Stodolkowitz Kirchhof Fischer
Zugehör Ganter