BGH Beschluß vom 25.04.2002 – IX ZB 106/02
IX. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
25. April 2002
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
ZPO § 121 Abs. 1
Ist eine Vertretung durch Anwälte vorgeschrieben, ist bei Bewilligung von Prozeßko-
stenhilfe die Beiordnung eines zur Vertretung bereiten Rechtsanwalts nach Wahl
des Antragstellers zwingend. Dies gilt auch, wenn die antragstellende Partei (hier:
Insolvenzverwalter) selbst Rechtanwalt ist.
BGH, Beschluß vom 25. April 2002 - IX ZB 106/02 - OLG Oldenburg
LG Osnabrück
Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch den Vorsitzenden Richter
Dr. Kreft und die Richter Kirchhof, Raebel, Kayser sowie die Richterin
Dr. Vézina
am 25. April 2002
beschlossen:
Die weitere Beschwerde gegen den Beschluß des 4. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts Oldenburg vom 26. August 1996 wird auf
Kosten des Klägers als unzulässig verworfen.
Gerichtskosten für das Beschwerdeverfahren werden nicht erho-
ben (§ 8 GKG).
Gründe
I.
Mit Beschluß vom 2. April 1996 hat das Landgericht dem klagenden
Konkursverwalter für die in erster Instanz erhobene Anfechtungsklage Prozeß-
kostenhilfe gewährt, die beantragte Beiordnung eines Rechtsanwalts aber ab-
gelehnt, weil der Kläger als Rechtsanwalt den Prozeß selbst führen könne. Die
hiergegen von dem Kläger eingelegte Beschwerde hat das Oberlandesgericht
durch Beschluß vom 26. August 1996 zurückgewiesen. Gegen diesen Be-
schluß hat der Kläger mit an das Oberlandesgericht gerichtetem Schriftsatz
vom 11. September 1996 "Rechtsmittel" eingelegt. Dieses hat er mit weiterem
Schriftsatz vom 15. Oktober 2001 unter Hinweis darauf gerechtfertigt, daß ein
Fall "greifbarer Rechtswidrigkeit" vorliege. Das Oberlandesgericht hat das
Rechtsmittel dem Bundesgerichtshof zur Entscheidung vorgelegt.
II.
Gegen Entscheidungen der Oberlandesgerichte ist nach § 567 Abs. 4
ZPO in der bis 31. Dezember 2001 geltenden Fassung, welche im Streitfall
anwendbar ist (vgl. § 26 Nr. 10 EGZPO i.d.F. des Gesetzes zur Reform des
Zivilprozesses vom 27. Juli 2001, BGBl. I S. 1887, 1907 f), eine Beschwerde
nicht zulässig. Die Zulassung einer außerordentlichen Beschwerde wegen ei-
ner Verletzung von verfassungsmäßigen Rechten des Klägers kommt vorlie-
gend nicht in Betracht. Allerdings hat das Oberlandesgericht die zulässige er-
ste Beschwerde des Klägers gegen die teilweise Versagung der beantragten
Prozeßkostenhilfe (vgl. § 127 Abs. 2 Satz 2 ZPO a.F.) ohne vertretbare Gründe
zu Unrecht zurückgewiesen. Nach dem hier einschlägigen § 121 Abs. 1 ZPO
wird der Partei ein zur Vertretung bereiter Rechtsanwalt seiner Wahl beigeord-
net, wenn - wie hier - eine Vertretung durch Anwälte vorgeschrieben ist. Dies
ist in Rechtsprechung und Schrifttum nicht umstritten (vgl. OLG Brandenburg
Report 1995, 23; Stein/Jonas/Bork, ZPO 21. Aufl. § 121 Rn. 3). Nur in dem hier
nicht in Rede stehenden Anwendungsbereich des § 121 Abs. 2 ZPO kann sich
überhaupt die Frage stellen, ob von der Beiordnung eines Anwalts abgesehen
werden kann, weil die Partei oder ihr gesetzlicher Vertreter ein bei dem Pro-
zeßgericht zugelassener Rechtsanwalt ist (vgl. KG FamRZ 1994, 1397, 1398;
Thüringer LAG MDR 2000, 231 f).
Das macht trotzdem die in § 567 Abs. 4 Satz 1 ZPO a.F. ausdrücklich
ausgeschlossene Beschwerde nicht zulässig. Nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichtshofs reicht für die Zulassung eines außerordentlichen Rechts-
behelfs ein Verstoß gegen Verfahrensgrundrechte grundsätzlich nicht aus (vgl.
BGHZ 130, 97, 99; BGH, Beschl. v. 9. September 1997 - IX ZB 92/97,
ZIP 1997, 1757; v. 25. November 1999 - IX ZB 95/99, NJW 2000, 590). Dem
Anliegen, Grundrechtsverstöße nach Möglichkeit durch Abhilfe innerhalb der
jeweiligen Gerichtsbarkeit zu korrigieren, ist dadurch Rechnung zu tragen, daß
in solchen Fällen das Gericht, welches die Entscheidung erlassen hat, als be-
fugt angesehen wird, diese auf Gegenvorstellung hin selbst dann zu überprü-
fen und gegebenenfalls zu korrigieren, wenn sie nach dem Prozeßrecht grund-
sätzlich innerhalb der Instanz unabänderlich ist (BGH aaO sowie BGH, Beschl.
v. 7. März 2002 - IX ZB 11/02, WM 2002, 775 f = ZInsO 2002, 371 f).
Im Fall der abgelehnten Anwaltsbeiordnung im Rahmen von Prozeßko-
stenhilfe liegt die Verweisung auf Abhilfemöglichkeit um so näher, als eine sol-
che Entscheidung nicht in Rechtskraft erwächst und deshalb auf Gegenvor-
stellungen hin grundsätzlich jederzeit abänderbar ist.
Kreft Kirchhof Raebel
Kayser Vézina