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BGH Urteil vom 14.12.2005 – IV ZB 45/04
IV. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
14. Dezember 2005
in dem Rechtsstreit
Der IV. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat durch den Vorsit-
zenden Richter Terno, die Richter Dr. Schlichting, Seiffert, die Richterin
Dr. Kessal-Wulf und den Richter Dr. Franke
am 14. Dezember 2005
beschlossen:
Auf die Rechtsmittel des Beklagten werden der Beschluss
des 6. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Oldenburg vom
31. August 2004 und der Beschluss der 4. Zivilkammer
des Landgerichts Aurich vom 8. Juni 2004 aufgehoben.
Für den Rechtsstreit ist der Rechtsweg zu den ordentli-
chen Gerichten eröffnet.
Die Klägerin trägt die Kosten der Rechtsmittelverfahren.
Gegenstandswert: 2.000 €
Gründe:
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I. Die Klägerin verlangt von dem Beklagten die Erteilung einer
Rentenstartgutschrift. Die Parteien streiten vorab über die Zulässigkeit
des Rechtswegs.
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1. Der Beklagte, Dachverband der niedersächsischen Sparkassen
in der Rechtsform einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, ist Träger
einer nicht rechtsfähigen Zusatzversorgungseinrichtung im Sinne des § 3
des Tarifvertrags über die Versorgung der Arbeitnehmer kommunaler
Verwaltungen und Betriebe unter der Bezeichnung “Emder Zusatzversor-
gungskasse für Sparkassen“ (im Folgenden: ZVK). Gemäß § 1 Abs. 1
des Statuts der ZVK in der hier entscheidungserheblichen Fassung der
16. Änderung vom 12. März 2002 hat diese die Aufgabe, den Mitarbei-
tern öffentlich-rechtlicher Sparkassen und des Niedersächsischen Spar-
kassen- und Giroverbandes, sowie sonstiger Glieder der Sparkassenor-
ganisation eine zusätzliche Alters-, Erwerbsminderungs- und Hinterblie-
benenversorgung zu gewähren. Mitglieder der ZVK (gem. § 3 des Statuts
Beteiligte genannt) können öffentlich-rechtliche Sparkassen und andere
juristische Personen der Sparkassenorganisation sein, sofern sie das
Versorgungstarifrecht der Mitglieder der Vereinigung kommunaler Arbeit-
geberverbände oder ein diesem im Wesentlichen gleiches Tarifrecht an-
wenden (§ 3 Abs. 2 des Statuts). Aus dem Versicherungsverhältnis be-
zugsberechtigt sind die Versicherten, also regelmäßig die bei den Mit-
gliedern beschäftigten Arbeitnehmer oder ihre Hinterbliebenen. Das
Rechtsverhältnis zwischen den Kassenmitgliedern und der ZVK ist ge-
mäß § 11 Abs. 1 Satz 1 des Statuts ein privatrechtliches Versicherungs-
verhältnis. § 78 Abs. 1 des Statuts bestimmt demgemäß, dass gegen
Entscheidungen der ZVK vor den ordentlichen Gerichten Klage erhoben
werden kann. Organe der Kasse sind die Geschäftsleitung, der Kassen-
ausschuss und die Mitgliederversammlung (§ 4 des Statuts). Zur Zu-
sammensetzung des Kassenausschusses heißt es in § 6 Abs. 1 des Sta-
tuts, insoweit inhaltsgleich mit dem Statut in der gegenwärtig geltenden
Fassung der 26. Änderung vom 29. September 2005:
"Der Kassenausschuss besteht aus 13 Mitgliedern, und zwar
a) aus dem Vorsitzenden der Mitgliederversammlung als Vorsitzender des Kassenausschusses; sein Vertreter als Vorsitzender des Kassenausschusses ist ein vom Kas- senausschuss zu wählendes Mitglied nach Buchst. c);
b) aus sechs von der Mitgliederversammlung zu wählenden
Vertretern der Beteiligten;
c) aus sechs Vertretern, die aus dem Kreis der Versicher- ten zu bestellen sind; dabei sind unter Berücksichtigung der Zahl der Pflichtversicherten regionale Vertretungen zu berücksichtigen. Die Bestellung erfolgt durch die Auf- sichtsbehörde auf Vorschlag der Gewerkschaften, die als Tarifpartner zur Regelung der arbeitsrechtlichen Verhält- nisse bei den Mitgliedssparkassen auftreten. Die Vor- schläge der Gewerkschaften erfolgen im Benehmen mit den Personalräten der einzelnen Kassenmitglieder. Wer- den von den Gewerkschaften unterschiedliche oder nicht miteinander abgestimmte Vorschläge eingereicht, so ent- scheidet die Aufsichtsbehörde nach pflichtgemäßem Er- messen unter dem Gesichtspunkt der Ausgewogenheit."
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Gemäß § 6 Abs. 5 des Statuts werden die Beschlüsse des Kas-
senausschusses mit einfacher Mehrheit gefasst. Stimmengleichheit
macht eine erneute Beschlussfassung erforderlich, bei der die Stimme
des Vorsitzenden - dieser ist gemäß § 6 Abs. 1 Satz 1 Buchst. a des Sta-
tuts gleichzeitig Vorsitzender der Mitgliederversammlung - für den Fall
erneuter Stimmengleichheit den Ausschlag.
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2. Das Landgericht hat den Rechtsstreit an das Arbeitsgericht ver-
wiesen. Die dagegen gerichtete sofortige Beschwerde des Beklagten hat
das Oberlandesgericht als unbegründet zurückgewiesen und die Rechts-
beschwerde zugelassen.
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Zur Begründung hat das Beschwerdegericht ausgeführt, bei der
ZVK handele es sich um eine gemeinsame Einrichtung der Tarifvertrags-
parteien im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b Fall 1 ArbGG und die
Klägerin mache ihr gegenüber Ansprüche geltend, die im rechtlichen Zu-
sammenhang mit dem Arbeitsverhältnis stünden. Eine paritätische Orga-
nisation, Verwaltung und Besetzung der Organe sei für die Annahme ei-
ner gemeinsamen Einrichtung nicht erforderlich. Es reiche aus, dass die
Tarifvertragsparteien stets die Möglichkeit hätten, der gemeinsamen Ein-
richtung ohne Rücksicht auf deren Rechtsform bindende Weisungen zu
erteilen. Dies werde ermöglicht, indem die im Statut getroffenen Rege-
lungen zur Versorgungsrente auf inhaltlichen Vorgaben des jeweiligen
Tarifvertrages beruhten.
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II. Die Rechtsbeschwerde ist statthaft und auch im Übrigen zuläs-
sig (§ 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO i.V. mit § 17a Abs. 4 Satz 4 GVG).
Sie führt zur Aufhebung der angefochtenen Entscheidung sowie der Ent-
scheidung des Landgerichts. Für den Rechtsstreit ist gemäß § 13 GVG
der Rechtsweg zu den ordentlichen Gerichten eröffnet, vor die alle bür-
gerlichen Rechtsstreitigkeiten gehören, für die nicht auf Grund von Vor-
schriften des Bundesrechts besondere Gerichte bestellt oder zugelassen
sind.
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1. Dass es sich bei einer Streitigkeit aus einem Rechtsverhältnis
zwischen einer Zusatzversorgungseinrichtung des öffentlichen Dienstes
und ihrem Versicherten bzw. Versorgungsempfänger um eine bürgerliche
Rechtsstreitigkeit im Sinne von § 13 GVG handelt, entspricht ständiger
Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGHZ 48, 35, 40 ff.; 142, 103;
BGH, Urteil vom 12. März 2003 - IV ZR 56/02 - VersR 2003, 719 unter 2
a, jeweils für die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder; Nach-
weise zur Rechtsprechung der Oberlandesgerichte bei Stürmer, NJW
2004, 2480, 2481). Er hat dabei maßgeblich auf das Zustandekommen
des Versicherungsverhältnisses durch privatrechtlichen Vertrag und die
satzungsgemäße Zuweisung von Streitigkeiten aus diesem Versiche-
rungsverhältnis an die ordentlichen Gerichte abgestellt sowie darauf,
dass eine gesetzliche Ermächtigung zur einseitigen Auferlegung von
Pflichten regelmäßig nicht besteht (BGHZ 48, 35, 38 f.). Mit entspre-
chender Begründung haben auch das Bundesverwaltungsgericht
(BVerwGE 6, 200 für die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder
sowie BVerwG DVBl 1960, 70 für die Zusatzversorgungskasse der Ge-
meinden und Gemeindeverbände des Landes Hessen) sowie das Bun-
dessozialgericht (BSGE 21, 5 für die Versorgungsanstalt der Deutschen
Bundespost) die bürgerlich-rechtliche Natur des Versicherungsverhält-
nisses mit einer Zusatzversorgungsanstalt bejaht.
An dieser Rechtsprechung hält der Senat fest. Die Anwendung der
durch sie entwickelten Grundsätze führt dazu, auch die Rechtsbeziehung
zwischen der Klägerin und der ZVK dem bürgerlichen Recht zuzuordnen.
2. Zur Entscheidung über den Rechtsstreit sind auch nicht die Ar-
beitsgerichte berufen (§ 13 Halbs. 2 GVG, § 2 ArbGG).
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a) Die Voraussetzungen von § 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. a ArbGG,
wonach bürgerliche Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern oder ihren
Hinterbliebenen und ihren Arbeitgebern über Ansprüche, die mit dem Ar-
beitsverhältnis in rechtlichem oder unmittelbar wirtschaftlichem Zusam-
menhang stehen, vor die Arbeitsgerichte gehören, sind schon dem Wort-
laut nach nicht erfüllt. Parteien des Rechtsstreits im vorliegenden Fall
sind die Klägerin als Versicherte sowie der Beklagte als Körperschaft
des öffentlichen Rechts in seiner Eigenschaft als Träger der ZVK, der
demnach nicht in der Funktion eines Arbeitgebers auftritt (BAG ZTR
2004, 603; vgl. auch BVerfG DÖD 1999, 135, 136). Ob bei einer Streitig-
keit über die Höhe einer Betriebsrente der vom Gesetz geforderte Zu-
sammenhang mit dem Arbeitsverhältnis besteht, kann deshalb dahinste-
hen.
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b) Die ZVK ist auch keine Sozialeinrichtung des privaten Rechts im
Sinne des § 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b Fall 2 ArbGG. Nach dem Wortlaut
dieser Vorschrift sind in den Zuständigkeitsbereich der Arbeitsgerichte
nur Streitigkeiten mit in der Rechtsform des privaten Rechts organisier-
ten Einrichtungen einbezogen. Die ZVK ist eine organisatorisch verselb-
ständigte Einrichtung des Beklagten, der insgesamt öffentlich-rechtlich
organisiert ist. Darauf, dass das Rechtsverhältnis der ZVK mit der Kläge-
rin als Versicherter privatrechtlich ausgestaltet ist, kommt es nicht an
(BAGE 35, 221, 225; vgl. auch Matthes in Germelmann/Matthes/Müller-
Glöge/Prütting, ArbGG 5. Aufl. § 2 Rdn. 93).
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c) Die ZVK ist auch keine gemeinsame Einrichtung der Tarifver-
tragsparteien im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b Fall 1 ArbGG.
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aa) Gemeinsame Einrichtungen im Sinne der genannten Vorschrift
sind von den Tarifvertragsparteien geschaffene und von ihnen abhängige
Organisationen, deren Zweck und Organisationsstruktur durch Tarifver-
trag festgelegt wird (BVerfGE 55, 7, 9; BAGE 61, 29, 34; vgl. auch Stau-
dinger/Richardi, BGB [1999] Vorbem. zu §§ 611 ff. Rdn. 671). In seinem
Urteil vom 28. April 1981 (BAGE 35, 221) hat das Bundesarbeitsgericht
als Kriterien für eine gemeinsame Einrichtung einerseits die Kontrollbe-
fugnisse der Tarifvertragsparteien herangezogen, insbesondere deren
Möglichkeit, der jeweiligen Einrichtung rechtlich bindende Weisungen zu
erteilen, andererseits die paritätische Organisation, Verwaltung und Be-
setzung der Organe der Einrichtung. Der Begriff der gemeinsamen Ein-
richtung setze jedenfalls nicht voraus, dass ein tariffähiger Arbeitgeber
schon bei der Errichtung der Zusatzversorgungsanstalt mit einer oder
mehreren Gewerkschaften zusammenwirke. Eine soziale Einrichtung
werde nicht dadurch zu einer gemeinsamen Einrichtung der Tarifver-
tragsparteien, dass bei der Zusammensetzung der Organe den Vorgaben
des Personalvertretungsrechts Rechnung getragen werde und auf die-
sem Wege den Gewerkschaften Einflussmöglichkeiten eröffnet würden
(BAG aaO S. 227). In Fortführung dieser Entscheidung hat es in seinem
Urteil vom 25. Januar 1989 maßgeblich auf den Gesichtspunkt einer kraft
Satzung festgelegten paritätischen Aufsicht und Kontrolle über die jewei-
lige Einrichtung abgestellt (BAGE 61, 29, 36 f.; vgl. auch ErfK/Schaub,
§ 4 TVG 5. Aufl. Rdn. 40 f.; Hensche in Däubler [Hrsg.], TVG § 1
Rdn. 938). Für die im vorliegenden Fall zu beurteilende Zusatzversor-
gungseinrichtung des Beklagten hat das Bundesarbeitsgericht mangels
unmittelbarer Kontroll- und Weisungsrechte der Tarifvertragsparteien de-
ren Eigenschaft als Einrichtung im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 4 Buchst. b
Fall 1 ArbGG verneint; solche Einwirkungsmöglichkeiten seien für die
Annahme einer gemeinsamen Einrichtung konstituierend (BAG ZTR
2004, 603). Darauf, dass die betreffende Einrichtung Leistungen auf
Grund von Tarifverträgen erbringt und die Tarifpartner somit Leistungs-
voraussetzungen und Leistungsumfang gemeinsam bestimmen, komme
es nicht an (BAG aaO).
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bb) Gemessen daran ist - mit dem Bundesarbeitsgericht - für die
ZVK die Eigenschaft einer gemeinsamen Einrichtung der Tarifvertrags-
parteien zu verneinen, weil jedenfalls eine paritätische Einflussmöglich-
keit beider Tarifvertragsparteien auf ihre Geschäftsführung und Verwal-
tung nicht festgestellt werden kann. Die Klägerin weist zutreffend darauf
hin, dass bei der Konstituierung des 13-köpfigen Kassenausschusses
nach § 6 des Statuts nur sechs Vertreter aus dem Kreis der Pflichtversi-
cherten durch die Aufsichtsbehörde auf Vorschlag der Tarif schließenden
Gewerkschaften im Benehmen mit den Personalräten der einzelnen Kas-
senmitglieder bestellt werden. Es fehlt auch an hinreichenden Weisungs-
rechten der Gewerkschaften, die zudem bei der Wahl des Vorsitzenden
des Kassenausschusses kein Mitbestimmungsrecht haben. Dieser ist
nämlich zugleich Vorsitzender der Mitgliederversammlung (§ 6 Abs. 1
Satz 1 Buchst. a des Statuts) und wird aus dem Kreis der Vorstände der
niedersächsischen Sparkassen gewählt. Der Kassenausschuss seiner-
seits fasst seine Beschlüsse mit Stimmenmehrheit (§ 6 Abs. 5 Satz 1 des
Statuts), wobei die Stimme des Vorsitzenden letztlich den Ausschlag
gibt. So können die auf gewerkschaftlichen Vorschlag hin berufenen
Kassenausschussmitglieder zahlenmäßig jederzeit überstimmt werden.
Verfassung und Verfahren der ZVK dienen daher nicht der Sicherung pa-
ritätischer Mitbestimmung der Gewerkschaften als Tarifvertragspartei,
sondern der Mitwirkung der Versicherten aufgrund sachgerechter Be-
nennung durch die Gewerkschaften (so auch LAG Niedersachsen, Be-
schluss vom 14. April 2005 - 6 TA 122/04 B - nicht veröffentlicht).
Terno Dr. Schlichting Seiffert
Dr. Kessal-Wulf Dr. Franke
Vorinstanzen:
LG Aurich, Entscheidung vom 08.06.2004 - 4 O 207/04 -
OLG Oldenburg, Entscheidung vom 31.08.2004 - 6 W 89/04 -