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BGH Beschluss vom 19.09.2007 – 3 StR 354/07
3. Strafsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
19. September 2007
in der Strafsache
gegen
wegen Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge u. a.
Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat auf Antrag des Generalbundes-
anwalts und nach Anhörung des Beschwerdeführers am 19. September 2007
einstimmig beschlossen:
Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts
Osnabrück vom 24. Mai 2007 wird als unbegründet verworfen, da
die Nachprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigung
keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat
Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tra-
gen.
Ergänzend bemerkt der Senat: Die Verteidigung hatte den Antrag ge-
stellt, über die vom sachverständigen Zeugen Dr. B. als Stich-
proben zum Wirkstoffgehalt analysierten 10 % der sichergestellten Heroin-
Päckchen hinaus alle weiteren Päckchen sachverständig untersuchen zu las-
sen; dies werde ergeben, dass in diesen überhaupt kein Heroin enthalten sei.
Das Landgericht hat den Antrag als Beweisermittlungsantrag angesehen, weil
ihm eine bloße Vermutung zu Grunde liege, die aufs Geratewohl geäußert wor-
den sei; die Aufklärungspflicht gebiete nicht, diesem Antrag nachzugehen. Die
hiergegen gerichtete Verfahrensrüge bleibt ohne Erfolg.
Dabei kann der Senat offen lassen, ob an der Rechtsprechung festzuhal-
ten ist, dass einem Antrag, mit dem zum Nachweis einer bestimmten Beweis-
tatsache ein konkretes Beweismittel bezeichnet wird, dennoch die Eigenschaft
eines Beweisantrags fehlt, wenn es sich bei der Beweistatsache um eine ohne
jede tatsächliche und argumentative Grundlage aufs Geratewohl, ins Blaue hin-
ein aufgestellte Behauptung handelt (vgl. BGH NStZ 1992, 397; StV 1993, 3;
1997, 567). Hiergegen könnte sprechen, dass der einen Beweisantrag voraus-
setzende Ablehnungsgrund der Verschleppungsabsicht (§ 244 Abs. 3 Satz 2,
§ 245 Abs. 2 Satz 3 StPO) nur Anwendung findet, wenn der Antragsteller um
die Unrichtigkeit seiner Beweisbehauptung weiß (vgl. BGHSt 21, 118; 29, 149,
151; BGH NStZ 1984, 230; 1986, 519; 1998, 207), und es daher nicht stimmig
erscheint, dass einem Beweisbegehren schon dann der Charakter eines Be-
weisantrags ermangeln soll, wenn zwar nach der sonstigen Beweislage und
auch einer etwaigen Begründung des Antragstellers für sein Begehren nichts
für die Richtigkeit seiner Behauptung spricht, ihm jedoch nach den Umständen
nicht argumentativ belegt werden kann, dass er die Unrichtigkeit seiner Be-
weisbehauptung kennt. Entschieden werden muss auch nicht, ob das Landge-
richt nach den Maßstäben der bisherigen Rechtsprechung die Beweisbehaup-
tung der Verteidigung zu Recht als aufs Geratewohl aufgestellt angesehen oder
nicht vielmehr verfahrensfehlerhaft deren Befugnis eingeschränkt hat, auch sol-
che Tatsachen zum Gegenstand eines Beweisantrags zu machen, deren Rich-
tigkeit sie lediglich für möglich hält (vgl. BGHSt 21, 118, 125; BGHR StPO § 244
Abs. 6 Beweisantrag 2, 15, 25). Denn die Rüge ist jedenfalls deswegen unbe-
gründet, weil das Urteil nicht auf der etwaigen fehlerhaften Behandlung des An-
trags beruht (s. § 337 StPO).
Das Landgericht hat in seinem Ablehnungsbeschluss die Vorgehenswei-
se des sachverständigen Zeugen bei der Wirkstoffuntersuchung im Einzelnen
dargestellt und es auf deren Grundlage - dem sachverständigen Zeugen fol-
gend - für tragfähig erachtet, von dem Wirkstoffgehalt der analysierten Teilmen-
ge auf denjenigen der Gesamtmenge des eingeführten Heroins hochzurechnen.
Es hat damit der Sache nach den Antrag auch gestützt auf die ihm zum Analy-
severfahren vermittelte eigene Sachkunde zurückgewiesen (§ 244 Abs. 4
Satz 1 StPO). Hiergegen ist nichts zu erinnern. Nachdem sich das Landgericht
aufgrund der Darlegungen des sachverständigen Zeugen davon überzeugt hat-
te, dass es sich bei den von diesem gezogenen und analysierten Stichproben
um einen repräsentativen Anteil der insgesamt sichergestellten ca. 17,5 kg He-
roin handelte, durfte es von diesem im Wege der Schätzung auf die Gesamt-
wirkstoffmenge hochrechnen. Derartige Schätzungen bilden in aller Regel eine
im Rahmen der freien richterlichen Beweiswürdigung (§ 261 StPO) hinreichen-
de Grundlage für die Feststellung des Wirkstoffs sichergestellter Betäubungs-
mittel. Die Zulässigkeit von Schätzungen zur Ermittlung von Wirkstoffgehalten
aufgrund vorliegender Indizien ist selbst für die Fälle anerkannt, in denen das
Rauschgift, mit dem der Täter in strafbarer Weise umgegangen ist, nicht sicher-
gestellt werden konnte (vgl. BGHSt 32, 162, 164; 33, 8, 15; BGHR BtMG § 30
Abs. 1 Nr. 4 nicht geringe Menge 7; BGHR BtMG § 29 a Abs. 1 Nr. 2 Menge 7;
BGH, Beschl. vom 10. Mai 1985 - 2 StR 191/85 bei Schoreit NStZ 1986, 56). Ist
es in die Hände der Ermittlungsbehörden gelangt und sogar in repräsentativen
Stichproben analysiert worden, so kann in der Regel nichts anderes gelten; ins-
besondere bei der Sicherstellung größerer Betäubungsmittelmengen müsste
ansonsten ein unverhältnismäßiger Untersuchungsaufwand getrieben werden,
der weder für den Schuldspruch (Ermittlung der nicht geringen Menge; s. etwa
§ 29 a Abs. 1 Nr. 2, § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG) noch für die Zumessung der an-
gemessenen Strafe geboten ist. So lag es auch hier. Die deutliche Überschrei-
tung des Grenzwerts der nicht geringen Menge war schon wegen des gleichzei-
tig eingeführten Kokains sowie des analysierten Teils des sichergestellten He-
roins nicht zweifelhaft.
Die Verteidigung und der Angeklagte konnten ihre weitere Verfahrens-
führung auf die - insoweit rechtlich nicht zu beanstandenden - Darlegungen im
Zurückweisungsbeschluss ausrichten; es ist auszuschließen, dass sie andere
Verteidigungsmöglichkeiten gehabt hätten, wenn das Landgericht den Antrag
auch formal nicht nach den Maßstäben der Aufklärungspflicht (§ 244 Abs. 2
StPO), sondern nach denen des Beweisantragsrechts (§ 244 Abs. 4 Satz 1
StPO) abgelehnt hätte. Das Urteil beruht daher nicht auf der möglicherweise
rechtlich unzutreffenden Einordnung des Antrags.
Abschließend weist der Senat noch auf Folgendes hin: Wäre das Land-
gericht aufgrund etwaig vorhandener Indizien zu der Überzeugung gelangt,
dass die Beweisbehauptung unrichtig war und der Antragsteller dies auch wuss-
te, so hätte es - auch - in Betracht ziehen können, den Antrag wegen Ver-
schleppungsabsicht zurückzuweisen. Der Senat neigt mit dem 1. Strafsenat der
Auffassung zu, dass an der bisherigen Rechtsprechung nicht mehr festzuhalten
ist, wonach dieser Ablehnungsgrund nur Anwendung finden kann, wenn die Er-
hebung des beantragten Beweises das Verfahren erheblich verzögern würde
(vgl. BGH NJW 2007, 2501).
Becker RiBGH Miebach befindet sich Pfister in Urlaub und ist daher gehin- dert zu unterschreiben.
Becker
von Lienen Schäfer