BGH Beschluss vom 19.01.2009 – II ZR 98/08
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
19. Januar 2009
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
GmbHG § 51 Abs. 3
Zu den Voraussetzungen einer Universalversammlung im Sinne von § 51 Abs. 3
GmbHG, bei deren Einberufung die Ladungsvorschriften nicht beachtet worden sind,
gehört nicht nur, dass alle Gesellschafter anwesend sind, sondern dass sie mit der
Abhaltung der Gesellschafterversammlung zum Zwecke der Beschlussfassung ein-
verstanden sind; das Einverständnis kann auch konkludent erteilt werden.
BGH, Beschluss vom 19. Januar 2009 - II ZR 98/08 - OLG Jena
LG Mühlhausen
Der II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat am 19. Januar 2009 durch
den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Goette und die Richter Kraemer, Dr. Strohn,
Caliebe und Dr. Reichart
gemäß § 544 Abs. 7 ZPO
beschlossen:
Auf die Beschwerde der Beklagten wird das Urteil des
6. Zivilsenats des Thüringer Oberlandesgerichts in Jena vom
10. März 2008 aufgehoben.
Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten des Nichtzulassungsbeschwerdeverfahrens, an
den 2. Zivilsenat des Berufungsgerichts zurückverwiesen.
Streitwert für das Beschwerdeverfahren: 50.000,00 €
Gründe
Die Beschwerde ist begründet und führt gemäß § 544 Abs. 7 ZPO unter
Aufhebung des angefochtenen Urteils zur Zurückverweisung an das Beru-
fungsgericht, wobei der Senat von der Möglichkeit des § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO
Gebrauch gemacht hat. Das Berufungsgericht hat bei seiner Annahme, die
- grundsätzlich zur Nichtigkeit der gefassten Beschlüsse führenden - Mängel
der Einberufung der Gesellschafterversammlung vom 29. August 2006 seien
nicht geheilt worden, weil keine Vollversammlung "zur Beschlussfassung" mit
Einverständnis des Klägers stattgefunden habe, den Anspruch der Beklagten
auf Gewährung rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) in entscheidungser-
heblicher Weise verletzt.
1. Noch zutreffend geht das Berufungsgericht davon aus, dass die hier
unstreitig vorliegenden, an sich zur Nichtigkeit der auf der Gesellschafterver-
sammlung gefassten Beschlüsse führenden Einberufungsmängel gemäß § 51
Abs. 3 GmbHG durch eine Vollversammlung (Universalversammlung) geheilt
werden können, wobei Voraussetzung einer solchen Vollversammlung ist, dass
nicht nur sämtliche Gesellschafter anwesend sind, sondern auch das Einver-
nehmen aller Anwesenden mit der Abhaltung der Gesellschafterversammlung
zum Zwecke der Beschlussfassung besteht (BGHZ 100, 264, 269 f.; Sen.Urt. v.
8. Dezember 1997 - II ZR 216/97, DStR 1998, 348; v. 11. Februar 2008
- II ZR 187/06, ZIP 2008, 757 Tz. 18; Baumbach/Hueck/Zöllner, GmbHG
18. Aufl. § 51 Rdn. 31 m.w.Nachw.; Scholz/K. Schmidt/Seibt, GmbHG 10. Aufl.
§ 51 Rdn. 32 f. m.w.Nachw.).
2. Das Berufungsgericht hat jedoch bei seiner Beurteilung, das Gesamt-
verhalten des Klägers in der Gesellschafterversammlung vom 29. August 2006
lasse die Annahme nicht zu, der Kläger sei mit der Abhaltung der Versammlung
zur Beschlussfassung einverstanden gewesen, den Vortrag der Beklagten nur
unvollständig zur Kenntnis genommen und die für die Richtigkeit dieser Darstel-
lung angetretenen Beweise durch Vernehmung der Zeugen nicht erhoben. Die-
ser Verstoß gegen den Anspruch der Beklagten auf Gewährung rechtlichen
Gehörs ist entscheidungserheblich, denn es ist nicht ausgeschlossen, dass das
Berufungsgericht nach der gebotenen Befragung der Zeugen zur Annahme des
Einverständnisses des Klägers mit der Abhaltung der Gesellschafterversamm-
lung zum Zwecke der Beschlussfassung gelangt wäre.
a) Das Berufungsgericht hat lediglich darauf abgestellt, dass die übrigen
Gesellschafter aus der Tatsache, dass der Kläger sich an den Verhandlungs-
tisch gesetzt und ihnen gegenüber eine "einladende Handbewegung" gemacht
habe, nicht auf ein Einverständnis des Klägers – auch – mit der Beschlussfas-
sung hätten schließen dürfen.
b) Die Beklagte hat jedoch darüber hinaus mehrfach vorgetragen und
durch Zeugen unter Beweis gestellt, dass dem Kläger zunächst vor Beginn der
Versammlung die Tagesordnungspunkte bekannt gegeben worden seien. Auf
die "ausdrückliche" Frage, ob er mit den Tagesordnungspunkten und der
Durchführung der Gesellschafterversammlung hierzu unter Verzicht auf jedwe-
de Formen und Fristen einverstanden sei, habe er seine Zustimmung erteilt. Er
habe sich erst nach Bekanntgabe der Tagesordnungspunkte an den Verhand-
lungstisch gesetzt und eine Handbewegung gemacht, dass sich die übrigen
Gesellschafter ebenfalls setzen sollten, was diese - erst - daraufhin getan hät-
ten. Der Kläger habe sodann an den Abstimmungen zu den einzelnen Tages-
ordnungspunkten durch Stimmenthaltung mitgewirkt und sich lediglich gewei-
gert, das über die Gesellschafterversammlung gefertigte Protokoll zu unter-
zeichnen.
c) Zwar entspricht es der Rechtsprechung des Senats, dass die Tatsa-
che allein, dass ein Gesellschafter bei einer Vollversammlung anwesend ist und
sich an der Abstimmung beteiligt, nicht zwingend bedeuten muss, dass von ei-
ner die Einladungsmängeln heilenden Vollversammlung auszugehen ist (siehe
nur Sen.Urt. v. 8. Dezember 1997 - II ZR 216/97 aaO). Es ist daher für die
Feststellung, ob der Kläger durch seine Anwesenheit und Mitwirkung an der
Gesellschafterversammlung deren Abhaltung einschließlich der Beschlussfas-
sung konkludent zugestimmt hat, von entscheidender Bedeutung, wie er sich
nach Bekanntgabe der Tagesordnungspunkte, während des Verlaufs der Ver-
sammlung und bei den Abstimmungen verhalten hat.
3. Die danach erforderliche tatrichterliche Klärung wird das Berufungsge-
richt in dem wiedereröffneten Berufungsverfahren durch Würdigung des gesam-
ten Sachvortrags der Beklagten und durch Befragung der von der Beklagten
benannten Zeugen herbeizuführen haben.
Sollte die Beweisaufnahme ergeben, dass der Kläger, wie er behauptet,
nur wie paralysiert am Tisch gesessen, geschwiegen und sich nicht etwa aus-
drücklich der Stimme enthalten, sondern auch insoweit nur geschwiegen habe,
spräche dies eher gegen eine konkludente Zustimmung. Sollte er hingegen, wie
die Beklagten behaupten, in Kenntnis der Tagesordnungspunkte und auch auf
Nachfrage ausdrücklich mit der Abhaltung einer Gesellschafterversammlung zu
den Tagesordnungspunkten einverstanden gewesen sein, sich zu diesen in ir-
gendeiner Form geäußert und z.B. auf die entsprechende Frage des Versamm-
lungsleiters ausdrücklich erklärt haben, dass er sich der Stimme zu den jeweili-
gen Beschlüssen enthalte, würde ein solches Verhalten auf eine konkludente
Zustimmung - auch - zur Beschlussfassung hindeuten.
Goette Kraemer Strohn
Caliebe Reichart
Vorinstanzen:
LG Mühlhausen, Entscheidung vom 16.05.2007 - 1 HKO 101/06 -
OLG Jena, Entscheidung vom 10.03.2008 - 6 U 530/07 -