Rechtsprechung / Amtsgericht Brandenburg an der Havel / 2016
Amtsgericht Brandenburg an der Havel Beschluss vom 06.05.2016 – 31 C 355/15
Tenor§
1. Das Amtsgericht Brandenburg an der Havel erklärt sich für örtlich unzuständig.
2. Der Rechtsstreit wird auf Antrag der Klägerseite an das Amtsgericht M… verwiesen.
Gründe§
Die Entscheidung beruht auf § 281 Abs. 1 ZPO. Das angegangene Amtsgericht Brandenburg an der Havel ist hier unstreitig weder gemäß § 12 und § 17 ZPO (Sitz der Beklagten) noch nach § 21 ZPO (Niederlassung der Beklagten) oder gemäß § 29c (Haustürgeschäft) örtlich zur Entscheidung des Rechtsstreits berufen.
Erfüllungsort (§ 29 ZPO) für die hier konkret beantragte Rückzahlung der von den Klägern geleisteten „Darlehnsgebühren“ (Bearbeitungsgebühren) ist aber der Ort der kontoführenden Stelle in M… (BGH, NJW 2002, Seite 2703; OLG Düsseldorf, Beschluss vom 08.04.2013, Az.: I-3 Sa 1/13, u.a. in: Rpfleger 2013, Seiten 524 f. = MDR 2013, Seite 673; LG Kassel, NJW-RR 1989, Seite 106; Vollkommer, in: Zöller, Zivilprozessordnung, 31. Auflage 2016, § 29 ZPO, Rn. 25; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, Zivilprozessordnung, 74. Auflage 2016, § 29 ZPO, Rn. 20, „Bank“; Vollkommer, BB 1974, Seite 1316; Liesecke, WM 1975, Seiten 214 ff.; Patzina, in: Münchner Kommentar zur ZPO, 4. Auflage 2013, § 29 ZPO Rn. 24).
Zwar ist der Leistungs- und Erfüllungsort im Sinne des § 29 ZPO für einen Anspruch auf Rückzahlung eines gewährten Darlehens - soweit nichts anderes vereinbart ist - der Wohnsitz der Darlehensnehmer zur Zeit der Entstehung des Schuldverhältnisses (BGH, Urteil vom 07.12.2004, Az.: XI ZR 366/03, u.a. in: NJW-RR 2005, Seiten 581 ff.; BayObLG, Beschluss vom 31.07.2003, Az.: 1Z AR 76/03, u.a. in: NJOZ 2004, Seite 773; OLG Frankfurt/Main, Beschluss vom 17.08.2001, Az.: 21 AR 65/01, u.a. in: BeckRS 2001, Nr.: 30199834; OLG Stuttgart, Beschluss vom 27.10.1992, Az.: 9 AR 3/92, u.a. in: WM 1993, Seiten 17 f. = BB 1992, Seiten 2386 ff.; BayOblG, NJW-RR 1996, Seite 956;LG Köln, Urteil vom 26.05.2015, Az.: 21 O 361/14, u.a. in: BeckRS 2015, Nr.: 10865; Vollkommer, in: Zöller, Zivilprozessordnung, 31. Auflage 2016, § 29 ZPO, Rn. 25; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, Zivilprozessordnung, 74. Auflage 2016, § 29 ZPO, Rn. 20, „Bank“ und „Darlehen“), jedoch begehrt hier nicht die Bausparkasse eine Rückzahlung eines Darlehns von den Klägern. Vielmehr begehren die Kläger die Rückzahlung der von ihnen geleisteten „Darlehnsgebühren“ (Bearbeitungsgebühren) von der beklagten Bausparkasse, so dass vorliegend genau der entgegengesetzte Fall gegeben ist. Schuldner sollen hier nicht die Kläger als Inhaber des Kontos sein sondern vielmehr die beklagte Bausparkasse.
Insofern ist hier aber der Rechtsgrundsatz zu beachten, dass bei gegenseitigen Verträgen der Leistungsort für jede einzelne Verpflichtung gesondert zu bestimmen ist. Für einen Ersatzanspruch – also eine Geldschuld – ist dies gemäß § 270 BGB aber grundsätzlich der Sitz des vermeintlichen Schuldners, d.h. hier also der Sitz der beklagten Bausparkasse in M… (BGH, Urteil vom 07.12.2004, Az.: XI ZR 366/03, u.a. in: NJW-RR 2005, Seiten 581 ff.; BGH, Urteil vom 07.03.2002, Az.: IX ZR 293/00, u.a. in: WM 2002, Seiten 999 f.; BGH, BGHZ Band 44, Seiten 178 ff.; OLG Brandenburg, Beschluss vom 25.06.2013, Az.: 1 (Z) Sa 42/13, u.a. in: BeckRS 2013, Nr.: 12062; Hustedt, NZG 2011, Seite 972).
Aus diesem Grunde ist vorliegend auch der Sitz der Beklagten im Sinne des § 29 ZPO als vermeintliche Schuldnerin gemäß § 269 Abs. 1 und § 270 Abs. 1 und Abs. 4 BGB maßgebend und nicht der Wohnsitz der Kläger (Heinrich, in: Musielak, ZPO-Kommentar, 13. Auflage 2016, § 29 Rn. 22; OLG Stuttgart, BB 1992, Seite 2386; BayObLG, NJW-RR 1996, Seite 956; OLG Düsseldorf, RIW 2001, Seite 63). Die Beklagte müsste die ihr insofern ggf. obliegende Rückzahlung der Gebühren nämlich nur an ihrem Sitz in M… erbringen. Nach § 270 Abs. 4 BGB in Verbindung mit § 269 BGB sind Geldschulden im Zweifel nämlich am Sitz der Schuldnerin zu erfüllen. Dass Leistungshandlung und Leistungserfolg dabei häufig auseinanderfallen, ändert gemäß § 270 Abs. 4 BGB nichts daran, dass Leistungsort im Sinne des § 269 BGB der Sitz der Schuldnerin bleibt (BGH, Urteil vom 07.12.2004, Az.: XI ZR 366/03, u.a. in: NJW-RR 2005, Seiten 581 ff.; BGH, Urteil vom 07.03.2002, Az.: IX ZR 293/00, u.a. in: WM 2002, Seiten 999 f.; BGH, BGHZ Band 44, Seiten 178 ff.). Aufgrund des hilfsweise von der Klägerseite mit Schreiben vom 28.01.2016 gestellten und dann zudem mit Schreiben vom 11.04.2016 wiederholten Antrags hat sich daher das hier angegangene Amtsgericht Brandenburg an der Havel – nach Gewährung des rechtlichen Gehörs – nunmehr für unzuständig zu erklären und den Rechtsstreit an das örtlich zuständige Amtsgericht M… zu verweisen.