Rechtsprechung / BPatG / 2002

BPatG Beschluss vom 09.10.2002 – 28 W (pat) 82/01

28. Senat

BUNDESPATENTGERICHT

_______________

(Aktenzeichen)

Verkündet am

9. Oktober 2002

B E S C H L U S S

In der Beschwerdesache

… 6.70

betreffend die Marke 396 39 148

hat der 28. Senat (Markenbeschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf die

mündliche Verhandlung vom 9. Oktober 2002 unter Mitwirkung des Vorsitzenden

Richters Stoppel sowie der Richterin Schwarz-Angele und des Richters Paetzold

beschlossen:

Die Beschwerde der Inhaberin der angegriffenen Marke wird zurückgewiesen.

G r ü n d e

I

Eingetragen für eine Vielzahl von Waren der Klassen 29 und 30 vor allem aus

dem Bereich der Milcherzeugnisse ist seit dem 7. September 1996 die Marke

Bumi.

Widerspruch eingelegt hat die Inhaberin der ebenfalls für diverse Milchprodukte

der Klassen 29 und 30 geschützten Marke 395 12 540

Müller Bumi,

die seit dem 13. November 1995 eingetragen ist.

Die Markenstelle für Klasse 29 des Deutschen Patent- und Markenamts hat die

Gefahr von Verwechslungen zwischen beiden Marken bejaht und die Löschung

der angegriffenen Marke im vollen Umfang angeordnet. Vor dem Hintergrund teils

identischer, teils sehr ähnlicher Waren, die sich dazu noch an Endverbraucher

richteten, hielten die Marken durch die Verwendung des identischen Bestandteils

"bumi", der neben der Firmenkennzeichnung die Widerspruchsmarke präge, keinen ausreichenden Abstand mehr ein.

Hiergegen richtet sich die Beschwerde der Markeninhaberin, die rügt, dass die

Markenstelle nicht ausreichend dem Grundsatz Rechnung getragen habe, dass

bei der Frage der Markenähnlichkeit allein auf den Gesamteindruck abzustellen

sei; angesichts der Marktgepflogenheiten auf dem angesprochenen Warengebiet,

den Hersteller des Produkts bevorzugt zum Gegenstand der Kaufentscheidung zu

machen, trete die Firmenkennzeichnung "Müller" in der Widerspruchsmarke nicht

in dem Umfang zurück, wie die Markenstelle angenommen habe, zumal die Produktkennzeichnung "Bumi" unübersehbar Anklänge an den Begriff "Buttermilch"

aufweise und schon deshalb die Widerspruchsmarke nicht allein prägen könne.

Die Markeninhaberin beantragt,

die angefochtenen Beschlüsse aufzuheben und den Widerspruch

zurückzuweisen.

Die Widersprechende beantragt,

die Beschwerde zurückzuweisen.

Sie schließt sich den Ausführungen der angefochtenen Beschlüsse an und verweist auf die höchstgerichtliche Rechtsprechung zur Frage der Verwechslungsgefahr bei Kombinationszeichen, die wie vorliegend aus einer bekannten Firmen-

und einer selbständig unterscheidungskräftigen Produktkennzeichnung zusammengesetzt sind.

II

Die zulässige Beschwerde der Markeninhaberin ist nicht begründet. Die Markenstelle hat zutreffend die Gefahr von Verwechslungen zwischen den Vergleichsmarken bejaht, § 9 Abs 1 Nr 2 MarkenG.

Die Beurteilung der Verwechslungsgefahr erfolgt unter Berücksichtigung aller

Umstände des Einzelfalles, wobei von einer Wechselbeziehung zwischen den in

Betracht kommenden Faktoren, insbesondere der Ähnlichkeit der Marken und der

Ähnlichkeit der damit gekennzeichneten Waren sowie der Kennzeichnungskraft

der Widerspruchsmarke auszugehen ist .

Da Benutzungsfragen nicht mehr aufgeworfen sind, ist hinsichtlich der Waren von

der Registerlage auszugehen, so dass sich identische bzw. hochgradig ähnliche

identische Waren gegenüberstehen, weshalb grundsätzlich bei der Prüfung der

Verwechslungsgefahr ein strenger Maßstab anzulegen ist, zumal sich sämtliche

Waren an Endverbraucher richten, die erfahrungsgemäß im Umgang mit Kennzeichnungen häufig eher nachlässig agieren. Der danach erforderliche deutliche

Abstand zur älteren Widerspruchsmarke wird von der jüngeren Marke nicht mehr

eingehalten.

Zwar werden die Marken in ihrer Gesamtheit wegen der deutlich unterschiedlichen

Länge nicht miteinander verwechselt werden und genau so wenig kann eine

Verwechslungsgefahr allein schon aus dem Umstand abgeleitet werden, dass die

sich gegenüberstehende Marken identische Bestandteile aufweisen, so daß die

Gefahr von Verwechslungen, wie auch die Beteiligten richtig erkannt haben, nur

dann in Betracht kommt, wenn der jüngeren Marke der Bestandteil "Bumi" der Widerspruchsmarke isoliert kollisionsbegründend gegenübergestellt wird.

Grundsätzlich wird einer Marke durch ihre Eintragung Schutz nur in der eingetragenen Form gewährt, da im Eintragungsverfahren nur die Schutzfähigkeit der angemeldeten Marke in ihrer Gesamtheit geprüft wird. Daraus folgt jedoch nicht, daß

bei der Prüfung der Gefahr von Verwechslungen zwischen einer jüngeren Marke

und einer älteren Widerspruchsmarke ausnahmslos von der jeweiligen Marke in

ihrer Gesamtheit auszugehen ist. Maßgebend ist vielmehr jeweils der Gesamteindruck der betreffenden Marke, der in Ausnahmefällen vorrangig auch durch einen

von mehreren Bestandteilen bestimmt werden kann. Kollisionsbegründend ist ein

solcher Bestandteil nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs dann, wenn

er den Gesamteindruck der Marke dergestalt prägt, daß neben ihm ein weiterer

oder mehrere andere Bestandteile in den Hintergrund treten.

Setzt sich eine Marke - wie hier die Widerspruchsmarke - aus einer Herstellerangabe und einem weiteren Bestandteil zusammen, so ist im Einzelfall zu prüfen, ob

die Herstellerangabe etwa deshalb in den Hintergrund tritt, weil die angesprochenen Verkehrskreise sich vorrangig anhand einer in der Marke neben der Herstellerangabe enthaltenen anderen Bezeichnung orientieren. Als maßgebliche Kriterien für die Beurteilung dieser Frage kommt es neben der Bekanntheit oder zumindest Erkennbarkeit des Firmennamens der Widersprechenden auch auf die

Kennzeichnungskraft des neben diesem in der Widerspruchsmarke enthaltenen

Bestandteils sowie die Bezeichnungsgewohnheiten auf dem maßgeblichen Warensektor an (BGH GRUR 2002, 342 "Astra/Estra Puren" mwNachw.).

Dass vorliegend die Widersprechende für ihren Firmennamen einen "hohen Bekanntheitsgrad" in Anspruch nimmt, wird auch von der Markeninhaberin nicht in

Abrede gestellt; soweit sie aus diesem Umstand allerdings schließt, dass schon

deshalb der weitere Bestandteil "Bumi" den Gesamteindruck der Widerspruchsmarke nicht prägen könne, kann dem nicht gefolgt werden. Das wäre nur dann der

Fall, wenn sich die angesprochenen allgemeinen Verkehrskreise auf dem hier

relevanten Warengebiet bei aus mehreren Bestandteilen zusammengesetzten

Marken tatsächlich ausschließlich an der Unternehmensbezeichnung orientieren

oder dieser gegenüber anderen Warengebieten eine vergleichsweise stärkere

Bedeutung zumessen würden. Nun ist zwar unübersehbar, dass bei Milchprodukten die Vermarktungsstrategien verstärkt auf die Herausstellung der Herstellerangabe setzen ("...alles Müller", "Ehrmann, keiner macht mich mehr an" usw),

um so den Verbraucher an Produkte eines bestimmten Unternehmens zu binden.

Diese Praxis ist indes nicht durchgängig, sondern ersichtlich auch abhängig von

der Kennzeichnungskraft der jeweils gewählten Produktbezeichnung; je griffiger

und einschlägiger die Produktmarke ist, um so mehr tritt die Herstellerangabe als

überflüssig in den Hintergrund. Bei aus Firmen- und Produktkennzeichnung kombinierten Marken erhält in diesen Fällen die kennzeichnungskräftige Produktbezeichnung dann Vorrangstellung und wird vom Verkehr als die eigentliche Warenkennzeichnung angesehen mit der Folge, dass in markenregisterrechtlicher

Sicht dieser Bestandteil damit den Gesamteindruck der Marke prägt. So liegen die

Dinge auch im vorliegenden Fall, da es sich bei dem in beiden Marken identischen

Wort "Bumi" um einen im Kontext der beanspruchten Waren reinen Phantasiebegriff handelt, der sich aufgrund seiner Kürze und Prägnanz sowie der

sprechenden Anklänge etwa an das Wort "Buttermilch" ideal als Produktkennzeichnung eignet und vom Verkehr auch entsprechend aufgegriffen wird. Für den

Senat bestehen daher keine Bedenken, diesen Bestandteil der Widerspruchsmarke isoliert kollisionsbegründend heranzuziehen, so dass sich identische Markenwörter gegenüberstehen, was angesichts der Warensituation zwangsläufig zur

Annahme einer unmittelbaren Verwechslungsgefahr führt.

Bei dieser Sach- und Rechtslage konnte die Beschwerde der Markeninhaberin

keinen Erfolg haben. Zu einer Kostenentscheidung besteht keine Veranlassung,

MarkenG § 71.

Stoppel

Schwarz-Angele

Paetzold

Bb