Rechtsprechung / BPatG / 2009

BPatG Beschluss vom 02.07.2009 – 12 W (pat) 45/04

12. Senat

BUNDESPATENTGERICHT

_______________

(Aktenzeichen)

Verkündet am

2. Juli 2009

B E S C H L U S S

In der Beschwerdesache

betreffend die Patentanmeldung 100 54 186.0-27

hat der 12. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf

die mündliche Verhandlung vom 2. Juli 2009 unter Mitwirkung des Vorsitzenden

Richters Dr.-Ing. Ipfelkofer, der Richterin Friehe sowie der Richter Dipl.-Ing.

Sandkämper und Dr.-Ing. Baumgart 08.05

beschlossen:

I. Der angefochtene Beschluss wird aufgehoben.

II. Das Patent wird mit folgenden Unterlagen erteilt:

- Patentansprüche 1 bis 5, überreicht in der mündlichen

Verhandlung,

- Beschreibung Seiten 1 bis 9, überreicht in der mündlichen

Verhandlung,

- Zeichnungen Fig. 1 und 2, eingegangen am 2. November 2000.

G r ü n d e

I.

Die Beschwerdeführerin ist Anmelderin der am 2. November 2000 eingereichten

Patentanmeldung 100 54 186.0 mit der Bezeichnung

„Transporteinheit“.

Die Prüfungsstelle für Klasse B 65 D des Deutschen Patent- und Markenamts hat

die Anmeldung mit Beschluss vom 6. Juli 2004 aus den Gründen des Bescheids

vom 13. April 2004 zurückgewiesen; die Gegenstände der der Prüfung zugrundeliegenden unabhängigen Ansprüche 1 und 4 wurden als nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit beruhend angesehen.

Gegen diesen Beschluss richtet sich die Beschwerde der jetzigen Anmelderin, auf

die die Anmeldung übertragen wurde.

Die Anmelderin verfolgt die Anmeldung mit einem neuen Anspruchssatz weiter

und stellt den Antrag,

den angefochtenen Beschluss aufzuheben und das Patent mit den

im Tenor dieses Beschlusses genannten Unterlagen zu erteilen.

Die geltenden Patentansprüche 1 bis 5 lauten (wobei im Anspruch 5 als redaktionelle Korrektur das Wort „Ansprüche“ in „Anspruch“ geändert wurde):

1. Transporteinheit mit folgenden Merkmalen:

1.1 mehrere Dämmstoffplatten (10) sind zu einem Stapel geschichtet,

1.2 mindestens ein Dämmstoffstreifen (14) ist in einer Umhüllung (16) kon

fektioniert,

1.3 der Dämmstoffstreifen (14) mit seiner Umhüllung (16) ist mit einer Un

terseite (10uu) der untersten Dämmstoffplatte (10u) oder mit einer gemein

samen Umhüllung (18) der Dämmstoffplatten (10) des Stapels über vereinzelte

Klebepunkte verklebt,

1.4 der Dämmstoffstreifen (14) verläuft senkrecht zu Längsseiten des Stapels

und im Wesentlichen über dessen gesamte Breite,

1.5 die Umhüllung (16) des Dämmstoffstreifens weist nur im Kontaktbereich zur

benachbarten Dämmstoffplatte (10u) Durchbrechungen auf.

2. Transporteinheit nach Anspruch 1, bei der mehrere Dämmstoffstreifen (14a,

14b) übereinander oder nebeneinander in der gemeinsamen Umhüllung (16)

konfektioniert sind.

3. Transporteinheit nach Anspruch 1 oder 2, bei der die Umhüllung (16, 18) aus

einer Folie besteht.

4. Transporteinheit nach Anspruch 3, bei der die Folie eine Kunststofffolie, ein

Papier oder ein imprägniertes Kraftpapier ist.

5. Transporteinheit nach Anspruch 1 oder 2, bei der die Umhüllung (16, 18) aus

einer Schrumpffolie besteht.

Im Verfahren sind folgende Entgegenhaltungen:

E1: EP 0 664 257 A1

E2: DE 198 42 721 A1

E3: DE 42 18 354 A1

E4: DE 100 39 662 A1

E5: EP 0 909 721 A1

E6: US 5 307 609 A.

Wegen weiterer Einzelheiten wird auf den Akteninhalt verwiesen.

II.

Die zulässige Beschwerde hat Erfolg.

1.

Die Anmeldung betrifft eine Transporteinheit, die aus einem Stapel geschichteter Dämmstoffplatten mit an der Unterseite des Stapels mittels Verklebung

fixierten Dämmstoffstreifen besteht (vgl. Anspruch 1 in der ursprünglichen Fassung gemäß DE 100 54 186 A1).

Ein auf dem Gebiet der Dämmstoffplattenherstellung tätiger Diplomingenieur der

Fachrichtung Maschinenbau - als vorauszusetzender Durchschnittsfachmann insoweit vertraut mit den Anforderungen an die Transportfähigkeit zu bildender

Gebinde von Dämmstoffplatten und deren Handhabung am Einsatzort - versteht

bei Durchsicht der Anmeldungsunterlagen den Aufbau der geltend beanspruchten

Transporteinheit in seiner kombinatorischen Wirkung wie folgt:

In einer Anordnung senkrecht zu Längsseiten des Stapels übernehmen die

Dämmstoffstreifen zusammen mit der untersten Dämmstoffplatte die Funktion

einer Palette, wobei die Dämmstoffstreifen Auflagekörper für den darauf stehenden Stapel bilden (vgl. Absatz [0022], Satz 1 und Absatz [0003]). Ein Gabelstapler kann in den Bereich zwischen den Auflagekörpern einfahren und die

Transporteinheit bewegen (Absatz [0024]).

Derartige Transporteinheiten werden auf einer Baustelle auch auf feuchten

Oberflächen oder in Pfützen abgestellt; durch die Umhüllung der Auflagekörper

wird in der Aufstandsfläche ein Schutz für das enthaltene Dämmmaterial vor

Eindringen von Feuchtigkeit erreicht (vgl. Absatz [0007], Zeile 68f). Weil die

Durchbrechungen der den Dämmstoffstreifen umhüllenden Folie im Kontaktbereich zur benachbarten Dämmstoffplatte und somit auf der Oberseite der Auflagekörper angeordnet sind, schaffen diese die Möglichkeit einer „Durchlüftung“,

wodurch die Bildung von Kondenswasser verhindert wird (vgl. Absatz [0015],

Satz 1 und Absatz [0017]). Nach Entfernen der umhüllenden Folie am Verarbeitungsort können diese Dämmstoffstreifen somit ebenfalls zur Dämmung eingesetzt werden (vgl. Absatz [0028]).

Weil diese Umhüllung eine mehr oder weniger geschlossene Fläche bietet, lässt

sich diese - bei entsprechender Anordnung der Klebepunkte - sehr viel leichter mit

ggf. stark porösem Dämmstoffmaterial verbinden als Dämmstoffplatten mit stark

poröser Oberfläche untereinander (vgl. Absatz [0007], Zeilen 58 bis 63 i. V. mit

Absatz [0015], Zeilen 53 bis 59).

2.

Das geltende Patentbegehren ist zulässig.

Alle Merkmale der Lehre des geltenden Anspruchs 1 sind als zur Erfindung

gehörend ursprünglich offenbart. Diese ergibt sich aus dem ursprünglichen Anspruch 1 gemäß der DE 100 54 186 A1 (Merkmale 1, 1.1, 1.2 und 1.4 gemäß der

Kennzeichnung in der geltenden Fassung des Anspruchs 1) und umfasst die im

Absatz [0022] und in den Absätzen [0025] bis [0027] der Offenlegungsschrift

beschriebenen alternativen Ausführungsformen der Verklebung untereinander

(Merkmal 1.3). Das darüber hinaus enthaltene Merkmal 1.5 ist aus dem Absatz

[0015] ableitbar und im Zusammenhang mit Absatz [0013] auch als die Erfindung

tragend offenbart: Soweit die Umhüllung nur im Kontaktbereich zur benachbarten

Dämmstoffplatte Durchbrechungen aufweist, kann sie weiterhin als Schutz gegen

das Eindringen von Feuchtigkeit insoweit dienen, als - wie ursprünglich offenbart -

„zumindest“ in diesem Kontaktbereich vorhandene Durchbrechungen beim Abstellen des Stapels „in Pfützen“ nicht von Wasser beaufschlagt sind.

In den Unteransprüchen 2 bis 5 sind die Rückbezüge richtiggestellt, diese Ansprüche entsprechen ansonsten den ursprünglichen Fassungen der in DE 100 54

186 A1 enthaltenen Ansprüche 3 und 5 bis 7.

Die neuen Beschreibungsseiten sind gegenüber der ursprünglichen Fassung

lediglich entsprechend überarbeitet.

3.

Der Gegenstand des geltenden Anspruchs 1 erfüllt die Patentierungsvoraussetzungen.

3a.

Die zweifellos gewerblich anwendbare Transporteinheit nach Anspruch 1

erweist sich gegenüber dem im Verfahren ermittelten Stand der Technik als neu;

so ist keiner der Entgegenhaltungen einschließlich der gemäß § 3 (2) Satz 1 PatG

berücksichtigungsfähigen E4 eine Transporteinheit mit umhüllten, als Auflagekörper dienenden Dämmstoffstreifen bekannt, bei denen diese Umhüllung nur im

Kontaktbereich zur benachbarten Dämmstoffplatte Durchbrechungen aufweist

(Merkmal 1.5 in der geltenden Fassung des Anspruchs 1).

3b.

Der Gegenstand nach Anspruch 1 beruht auch auf einer erfinderischen

Tätigkeit.

Die nächstkommende Druckschrift DE 198 42 721 A1 (E2) vermittelt dem Fachmann die Lehre, Dämmstoffplatten aus Mineralwolle zur Bildung einer untergreifbaren Transporteinheit zu einem Stapel zu schichten und an der Unterseite

dieses mit einer Umhüllung zu versehenden Stapels Auflagerkörper bildende

Tragelemente aus Dämmmaterial mit der aufliegenden Dämmstoffplatte zu verkleben, vgl. dort Ansprüche 1 und 19 bis 21 sowie Spalte 4, Zeilen 32 bis 36. Für

das dort in den Figuren 7 und 8 gezeigte Ausführungsbeispiel ist eine streifenförmige Ausbildung der Auflagerkörper beschrieben, vgl. Spalte 7, Zeilen 24 bis

28. Die E2 offenbart somit bereits eine die Merkmale 1.1 und 1.4 aufweisende

Transportvorrichtung.

Weil die E2 im Kern die Bildung eines selbsthaltenden Stapels von Dämmstoffplatten durch ein die Platten miteinander durch ein Adhäsion erzeugendes

Verbindungselement behandelt (vgl. den kennzeichnenden Teil des Anspruchs 1

dort), erkennt der Fachmann in der dort als Weiterbildung nach dem Anspruch 28

und insoweit ergänzend vorgeschlagenen Folienumhüllung - vgl. auch Spalte 5,

Zeilen 4 bis 6 - eine Maßnahme zum Schutz vor Witterungseinflüssen für den

Transport und die Lagerung auf der Baustelle, worauf in dieser Druckschrift auch

hingewiesen ist, vgl. hierzu Spalte 1, Zeilen 14 bis 17.

Auch dort sollen die „wesentlichen Bestandteile der Verpackung ebenfalls zu

Dämmzwecken verwendet werden können“ - vgl. Spalte 2, Zeilen 34 bis 46 - was

jedenfalls dann möglich ist, wenn die Auflagerkörper „aus dem gleichen Material

wie die Dämmstoffplatten (…) bestehen“ (vgl. Spalte 6, Zeilen 25 bis 29). Daher

schließt der Fachmann aus den Angaben zu möglichen Umhüllungen der Bestandteile „Dämmstoffplatten und/oder die Trägereinrichtung“ der Transporteinheit

in den Ansprüchen 28 oder 30 in E2, vgl. auch Spalte 5, Zeilen 6 bis 10, demnach

hierfür eine Folie „in Wicklungen um die Dämmstoffplatten und/oder die Tragelemente geführt werden soll“, auch auf die Variante einer gesonderten Umhüllung

lediglich für die Tragelemente - neben einer schützenden Umwicklung des Stapels

von Dämmstoffplatten für sich oder einer gemeinsamen Umwicklung der Einheit

aus Stapel und Auflagerkörpern. Mithin geht aus E2 auch das Merkmal 1.2 hervor.

Eine Anregung zum Vorsehen von Durchbrechungen gemäß Merkmal 1.5 ergibt

sich allerdings hieraus nicht - zumal der Fachmann wegen des angestrebten

Witterungsschutzschutzes (vgl. a. a. O.) hiervon abgehalten war. Erst recht kann

diese Entgegenhaltung keine Anregung auf das in Kombination beanspruchte

Merkmal vermitteln, diese Durchbrechungen nur im Kontaktbereich zur benachbarten Dämmstoffplatte in der Umhüllung vorzusehen. Denn Hinweise, dass eine

solche Maßnahme Vorteile aufgrund einer Durchlüftung bzw. Vermeidung von

Kondenswasser bieten könnte, lassen sich dieser Entgegenhaltung nicht entnehmen.

Im Übrigen ergeben sich aus E2 auch keine Anregungen zu einer Verklebung

mittels vereinzelter Klebepunkte entsprechend Merkmal M1.3. Denn zur Verklebung der Tragelemente mit der auf ihnen auflastenden Dämmstoffplatte schlägt

die E2 die Befestigung über eine Kleberschicht, ggf. unter Verwendung von Folien

als Trägermaterial und somit eine flächige Ausbildung der Klebeverbindung vor

(vgl. Spalte 4, Zeilen 48 bis 51 und Spalte 6, Zeilen 64 bis 66).

Ähnliches gilt für die in E3 beschriebene Transporteinheit, die eine Verbindung der

aus Dämmmaterial bestehenden Auflagekörper mittels einer den Stapel von

Dämmstoffplatten und die Auflagekörper gemeinsam umgebenden Folie in einer

Anordnung lehrt, bei der die Unterseite der Auflagerkörper gegen Eindringen von

Wasser geschützt ist, vgl. dort Anspruch 1 und Spalte 3, Zeilen 40 bis 55 im

Zusammenhang mit Figur 2. Dort ist ebenfalls die allseitige Umhüllung der

Auflagerkörper mittels einer Folie vorgeschlagen, vgl. dort Anspruch 18 und

Spalte 4, Zeilen 56 bis 64. Die E3 lehrt als Alternative zudem das oberflächliche

Imprägnieren oder Behandeln der zu Dämmzwecken weiterverwendbaren Auflagekörper mittels wasserabweisenden Mitteln, vgl. Spalte 5, Zeilen 41 bis 64.

Mithin lassen sich auch dieser Entgegenhaltung keine Anregungen entnehmen,

eine Umhüllung mit Durchbrechungen für die Dämmstoffstreifen vorzusehen und

diese darüber hinaus mittels vereinzelter Klebepunkte am Dämmstoffplattenstapel

zu verkleben.

Aus der Entgegenhaltung E5 geht zwar ein mit Durchbrechungen in Form von

Löchern versehener Verpackungsfilm zur Bildung von Transporteinheiten durch

die gemeinsame Umhüllung von Produkten auf einer Palette hervor - vgl. dort

Anspruch 1 sowie Absätze [0020] und [0025] im Zusammenhang mit der Figur 1.

Gemäß deren Lehre soll der perforierte Verpackungsfilm durch Sicherstellung

einer Ventilation eine Überhitzung so verpackter Lebensmittel vermeiden - vgl.

Absatz [0005]. Ein Schutz gegen Eindringen von Feuchtigkeit ist dort nicht

vorgesehen und mit einem derart vorbereiteten Verpackungsfilm auch nicht

möglich; von der Anwendung einer Durchbrechungen aufweisenden Umhüllung

zum Schutz von Dämmstoffen vor Witterungseinflüssen war der Fachmann daher

abgehalten.

Aber selbst wenn der Fachmann Durchbrechungen in der Umhüllung von

Dämmstoff zur Erzielung einer Durchlüftung in Betracht ziehen würde, wäre er

nicht bei der beanspruchten Transporteinheit. Hierzu müssten die Durchbrechungen gemäß Merkmal 1.5 ausschließlich im Kontaktbereich zu aufliegenden weiteren Elementen der Transporteinheit vorgesehen werden. Anregungen in diese Richtung lassen sich der Entgegenhaltung nicht entnehmen,

vielmehr würde der Fachmann bei Bedarf auf die in E3 a. a. O. angegebenen, vom

hier Beanspruchten wegführenden Alternativen zum Schutz der Auflagekörper zurückgreifen, die eine Durchlüftung auf andere Weise sicherstellen. Somit führt

auch eine gemeinsame Betrachtung der Druckschriften E2, E3 und E5 nicht zur

beanspruchten Transporteinheit.

Die in der mündlichen Verhandlung im Hinblick auf die Patentierungsvoraussetzung zugrunde liegender erfinderischer Tätigkeit noch erörterte Druckschrift E1

wie die im Prüfungsverfahren berücksichtigte Druckschrift E6 kommen dem

vorliegend beanspruchten Gegenstand nicht näher.

Patentanspruch 1 in der verteidigten Fassung ist somit gewährbar.

4.

Die Unteransprüche 2 bis 5 werden vom Anspruch 1 mitgetragen und

können sich diesem anschließen.

Dr. Ipfelkofer

Friehe

Sandkämper

Dr. Baumgart

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