Rechtsprechung / Verwaltungsgericht Cottbus / 2023
Verwaltungsgericht Cottbus Beschluss vom 19.10.2023 – 1 K 773/23
1. Kammer · ECLI:DE:VGCOTTB:2023:1019.1K773.23.00
Tenor§
Der Bescheid des Beklagten vom 10. Juli 2023 wird in Ziffer 3. aufgehoben. Der Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 540,50 € nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweiligen Basiszinssatz seit dem 13.07.2023 zu zahlen.
Der Beklagte trägt die Kosten des Verfahrens.
Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.
Gründe§
I. Der Beklagte hat die mit der Klage geltend gemachten Ansprüche mit Schriftsatz seines Prozessbevollmächtigten vom 28. September 2023 anerkannt und er ist daher diesem Anerkenntnis gemäß zu verurteilen, § 173 S. 1 der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) i. V. m. § 307 S. 1 der Zivilprozessordnung (ZPO).
Die Möglichkeit eines Anerkenntnisurteils besteht grundsätzlich auch im Verwaltungsprozess. Anerkenntnis und Anerkenntnisurteil sind Ausdruck der Dispositionsmaxime, die den Beteiligten die Befugnis sichert, über den Streitgegenstand zu verfügen, und die sowohl im Zivil- als auch im Verwaltungsprozess anwendbar ist (Orth in: Gärditz, VwGO, 2013, § 173 Rn. 25). Die Beteiligten haben auch im Verwaltungsprozess demgemäß nicht nur die Möglichkeit, den Rechtsstreit durch übereinstimmende Erledigungserklärungen zu beenden, § 161 Abs. 2 VwGO – etwa nachdem der Beklagte eines Anfechtungs- und Leistungsbegehrens, anders als vorliegend, den angefochtenen Bescheid aufgehoben und die Zahlung angewiesen hat –, vielmehr stellt auch das Anerkenntnis im Grundsatz ein weiteres geeignetes Mittel dar, um einen Kläger ganz oder teilweise klaglos zu stellen (BVerwG, GB v. 07. Januar 1997 – 4 A 20/95 –, juris Rn. 5; Sächsisches OVG, Urt. v. 20. Februar 2017 – 3 A 792/16 –, juris Rn. 4; Sächsisches OVG, Urt. v. 25. Mai 2010 – 2 A 127/10 –, juris Rn. 2; Olbertz in: Schoch/Schneider/Bier, VwGO, 31. EL Juni 2016, § 156 Rn. 11 m. w. N.). Grundsätzliche Unterschiede zwischen den Verfahrensordnungen, die einem Anerkenntnisurteil im Verwaltungsstreitverfahren entgegenstehen würden, bestehen auch bei einer Verpflichtungs- oder Anfechtungsklage nicht (vgl.[zur Verpflichtungsklage] BVerwG, GB v. 07. Januar 1997 – 4 A 20/95 –, juris Rn. 5; VGH Baden-Württemberg, Urt. v. 12. September 1990 – 5 S 2776/89 –, juris Rn. 12; OVG für das Land Nordrhein-Westfalen, Beschl. v. 17. Oktober 2013 – 19 A 2460/12 –, juris Rn. 4; SächsOVG, Urt. v. 25. Mai 2010 – 2 A 127/10 –, juris Rn. 2; [zur Anfechtungsklage] VG Freiburg (Breisgau), Urt. v. 01. Juli 2020 – 1 K 2730/19 –, juris Rn. 29; VG Freiburg (Breisgau), Urt. v. 23. Februar 2012 – 4 K 2649/10 –, juris Rn. 18; VG Stuttgart, Urt. v. 15. Juli 2010 – 12 K 1288/10 –, juris Rn. 19; VG Leipzig, Urt. v. 10. Januar 2020 – 1 K 746/19 –, juris Rn. 8; Werner Neumann/Nils Schaks in: Sodan/Ziekow, VwGO, 5. Aufl. 2018, § 156 VwGO Rn. 8; a. A. ohne Begründung: BVerwG, Urt. v. 26. Februar 1981 – 3 C 6/80 –, juris Rn. 30; offen gelassen: BVerwG, Anerkenntnisurteil v. 27. September 2017 – 8 C 20/16 –, juris Rn. 4; zur Anwendbarkeit des § 307 S. 1 ZPO im Verfahren nach § 80 Abs. 7 VwGO: VG München, Beschl. v. 27. Mai 2016 – M 1 S7 16.1570 –, juris Rn. 17). Voraussetzung eines Anerkenntnisurteils ist lediglich, dass – was vorliegend unproblematisch zu bejahen ist – die zwingend erforderlichen Prozess- und Rechtsmittelvoraussetzungen erfüllt sind und die beklagte Partei die Verfügungsbefugnis über den materiell-rechtlichen Anspruch besitzt, welcher Streitgegenstand des gerichtlichen Verfahrens ist (OVG für das Land Nordrhein-Westfalen, Beschl. v. 17. Oktober 2013 – 19 A 2460/12 –, juris Rn. 4).
Die Entscheidung ergeht nach § 87a Abs. 1 Nr. 2 VwGO durch den Berichterstatter, der ohne mündliche Verhandlung entscheidet, § 173 S. 1 VwGO i. V. m. § 307 S. 2 ZPO. Nach § 173 S. 1 VwGO i. V. m. § 313b Abs. 1 S. 1 ZPO bedarf es eines Tatbestandes und der Entscheidungsgründe nicht, denn eine Sachprüfung des Gerichts findet (aufgrund des Anerkenntnisses folgerichtig) nicht statt (Olbertz in: Schoch/Schneider, VwGO, 44. EL März 2023, § 156 Rn. 11).
II. Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO.
Die Gerichtsgebühren ermäßigen sich von 3,0 Gebühren auf 1,0 Gebühr (Vorbem. 5.1 Nr. 5111 Ziffer 2. der Anlage 1 zu § 3 Abs. 2 GKG).
Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit des Urteils ergibt sich aus § 167 Abs. 1 S. 1 VwGO i. V. m. § 708 Nr. 1 ZPO.