BGH Beschluss vom 28.01.2002 – II ZB 23/01
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
vom
28. Januar 2002
in dem Rechtsstreit
Der II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat am 28. Januar 2002
durch den Vorsitzenden Richter Dr. h.c. Röhricht, die Richter Dr. Hesselberger,
Prof. Dr. Henze, Kraemer und die Richterin Münke
beschlossen:
Die sofortige Beschwerde gegen den Beschluß des 6. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts Koblenz vom 15. Oktober 2001 wird auf
Kosten der Streithelferin zurückgewiesen.
Beschwerdewert: 600,00 DM = 306,78 €
Gründe
I. Der Kläger war geschäftsführender Gesellschafter einer im August
1991 in Konkurs gegangenen GmbH, deren Geschäftsanteile er und sein Mit-
gesellschafter Anfang 1990 an die Streithelferin des beklagten Konkursver-
walters, eine Bank, zur Sicherung ihrer Forderungen gegen die GmbH verpfän-
det hatten. Zusätzlich wurde die Streithelferin durch Landesbürgschaften abge-
sichert, aus denen sie nach ihrem Vortrag ca. 2,7 Mio. DM erlöst hat.
Mit seiner Klage hat der Kläger die Feststellung einer von dem Beklag-
ten bestrittenen Forderung auf rückständiges Geschäftsführergehalt zur Kon-
kurstabelle begehrt, in Höhe eines Teilbetrages von 257.820,76 DM mit dem
Vorrang des § 61 Abs. 1 Nr. 1 a KO. Er hat dazu vorgetragen, die Streithelferin
habe die Gemeinschuldnerin nach der Verpfändung der Geschäftsanteile der-
art beherrscht, daß ihm kein unternehmerischer Spielraum verblieben und er
deshalb als Arbeitnehmer im Sinne von § 61 Abs. 1 Nr. 1 a KO zu behandeln
sei. Das Landgericht hat der Klage überwiegend stattgegeben und den Streit-
wert auf 600,00 DM festgesetzt, weil aus der geringen Konkursmasse auch auf
die Forderungen mit dem Rang des § 61 Abs. 1 Nr. 1 KO keine Quote zu er-
warten sei. Die Streithelferin hat Berufung eingelegt und zum Wert des Be-
schwerdegegenstandes (§ 511 a ZPO) darauf hingewiesen, daß der Kläger
masseerhöhende Ansprüche des Beklagten gegen sie unter dem Gesichts-
punkt des Eigenkapitalersatzes behauptet habe, weil sie (entsprechend den
Grundsätzen in BGHZ 119, 191 ff.) einer Gesellschafterin der Gemeinschuld-
nerin gleichzustellen sei und sie daher den Verwertungserlös aus den Landes-
bürgschaften und sonstigen Sicherheiten
in Höhe von
insgesamt
2.717.720,23 DM entsprechend § 31 GmbHG an die Konkursmasse herauszu-
geben habe. Das Berufungsgericht hat den Wert des Beschwerdegegenstan-
des auf bis zu 1.500,00 DM festgesetzt und die Berufung der Streithelferin ge-
mäß §§ 511 a, 519 b Abs. 2 ZPO als unzulässig verworfen. Dagegen richtet
sich die sofortige Beschwerde der Streithelferin.
II. 1. Die sofortige Beschwerde der Streithelferin ist zulässig. Das bloße
Untätigbleiben des Beklagten im Berufungs- und Beschwerdeverfahren steht
dem nicht entgegen, weil darin noch kein Widerspruch im Sinne von § 67 ZPO
(BGH, Urt. v. 16. Januar 1997 - I ZR 208/94, NJW 1997, 2385) zu sehen ist.
Die Zulässigkeit der Nebenintervention (§ 66 Abs. 1 ZPO) ist hier mangels ei-
nes Antrages gemäß § 71 ZPO nicht zu prüfen.
2. Das Rechtsmittel hat aber in der Sache keinen Erfolg.
a) Zutreffend und insoweit von der Streithelferin unbeanstandet geht das
Berufungsgericht davon aus, daß der für die Zulässigkeit der Berufung der
Streithelferin gemäß § 511 a ZPO maßgebende Wert der Beschwer des Be-
klagten (vgl. BGH, Urt. v. 16. Januar 1997 - I ZR 208/94, NJW 1997, 2385 f.)
nicht nach dem Nennwert der erstinstanzlich zur Konkurstabelle festgestellten
Forderung, sondern nach der voraussichtlich auf sie entfallenden Kon-
kursquote zu bemessen
ist
(vgl. BGH, Urt. v. 16. Dezember 1999
- IX ZR 197/98, WM 2000, 211 f.). Entsprechendes ergibt sich aus §§ 148 KO,
182 InsO, wobei hier dahinstehen kann, ob für die Beurteilung der Zulässigkeit
der - nach Inkrafttreten der Insolvenzordnung eingelegten - Berufung § 182
InsO oder - mit Rücksicht auf Art. 103 EGInsO - noch § 148 KO heranzuziehen
war, der dem Gericht ein "freies Ermessen" bei der Wertbestimmung einräumte
(einschränkend hierzu BGH, Urt. v. 9. September 1999 - IX ZR 80/99, ZIP
1999, 1811 f.). Beide Vorschriften gelten sowohl für den Gebühren- als auch
für den Zuständigkeits- und Rechtsmittelstreitwert unter Einschluß des Wertes
des Beschwerdegegenstandes im Sinne von § 511 a ZPO (vgl. BGH aaO), und
zwar auch im Fall eines Rechtsmittels des Verwalters (oder seines Streithel-
fers) gegen die erstinstanzliche Feststellung einer Forderung zur Konkurs-
bzw. Insolvenztabelle (vgl. BGH, Urt. v. 28. Januar 1953 - VI ZR 49/52, LM
Nr. 1 zu § 148 KO).
b) Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin hat das Berufungsge-
richt ohne Rechtsfehler angenommen, daß auf die erstinstanzlich festgestellte
Forderung des Klägers auch in der Rangklasse des § 61 Abs. 1 Nr. 1 a KO
keine Quote entfällt und daher der Wert des Beschwerdegegenstandes des
Beklagten 1.500,00 DM nicht übersteigt (§ 511 a ZPO).
Wie die Streithelferin in der Vorinstanz unter Zugrundelegung der Anga-
ben des Beklagten selbst eingeräumt hat und in ihrer Beschwerdebegründung
einräumt, reicht die vorhandene Konkursmasse - ohne Hinzurechnung der an-
geblichen Forderung gegen die Streithelferin aus Eigenkapitalersatz - schon
nicht aus, um die Massekosten und -schulden zu decken. Einen masseerhö-
henden Anspruch gegen die Streithelferin hat das Berufungsgericht im Ergeb-
nis zu Recht verneint. Der Beklagte selbst hat auf Anfrage des Berufungsge-
richts erklärt, daß die angebliche Forderung nach seiner Auffassung nicht be-
stehe und daher als Streitwert der Klage allenfalls ein symbolischer Betrag
(von 1,00 DM) in Betracht komme. Des weiteren hat die Streithelferin, wie das
Berufungsgericht feststellt, zur Hauptsache unwidersprochen vorgetragen, die
Einschaltung des Wirtschaftsprüfers Dr. H. in die Geschäftsführungsbelange
der Gemeinschuldnerin bzw. deren Überwachung durch ihn sei nicht auf ihr
Betreiben, sondern auf Betreiben des Landesbürgschaftsausschusses erfolgt.
Infolgedessen hat die Streithelferin, welche den Wert des Beschwerdegegen-
standes gemäß § 511 a Abs. 1 Satz 2 ZPO glaubhaft zu machen hat, schon
nicht dargetan, daß sie als Pfandgläubigerin der Geschäftsanteile nach den
Grundsätzen in dem Senatsurteil vom 13. Juli 1992 (II ZR 251/91, BGHZ 119,
191 = NJW 1992, 3035) einer Gesellschafterin der Gemeinschuldnerin gleich-
zustellen war. Soweit die Beschwerdeführerin rügt, das Berufungsgericht setze
sich mit seiner Beurteilung ihres Rechtsverhältnisses zu der Gemeinschuldne-
rin über die gegenteiligen - mit der Berufung angegriffenen - Feststellungen
des
Landgerichts zur Begründung der Arbeitnehmereigenschaft des Klägers hin-
weg, wird verkannt, daß es für den Wert des Beschwerdegegenstandes im
Sinne von § 511 a ZPO nur auf den rechtskraftfähigen Inhalt der angefochte-
nen Entscheidung ankommt (vgl. Musielak/Ball, ZPO 2. Aufl. vor § 511 Rdn. 15
m.w.N.), ihre Begründungselemente aber nicht in Rechtskraft erwachsen.
Röhricht
Henze
Hesselberger
Kraemer
Münke