BGH Urteil vom 20.09.2004 – II ZR 302/02
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk: ja
BGHZ:
BGHR:
nein
ja
BGB § 826 Gg
Verkündet am: 20. September 2004 Vondrasek Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
a) Der Gesellschafter einer GmbH und eine von ihm beherrschte Schwesterge-
sellschaft der GmbH haften den Gesellschaftsgläubigern jedenfalls nach
§ 826 BGB auf Schadensersatz, wenn sie der GmbH planmäßig deren Ver-
mögen entziehen und es auf die Schwestergesellschaft verlagern, um den
Zugriff der Gesellschaftsgläubiger zu verhindern und auf diese Weise das
von der Gesellschaft betriebene Unternehmen ohne Rücksicht auf die ent-
standenen Schulden fortführen zu können.
b) Das gilt auch dann, wenn die GmbH zum Zeitpunkt der schädigenden Hand-
lungen schon überschuldet ist, diese Überschuldung aber noch vertieft wird
mit der Folge, daß die Gläubiger schlechter dastehen als ohne die schädi-
genden Handlungen.
BGH, Urteil vom 20. September 2004 - II ZR 302/02 - Thüringer OLG in Jena
Landgericht Gera
Der
II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche
Verhandlung vom 20. September 2004 durch den Vorsitzenden Richter
Dr. h.c. Röhricht und die Richter Prof. Dr. Goette, Kraemer, Dr. Strohn und
Caliebe
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Klägers wird das Teilurteil des 3. Zivilsenats
des Thüringer Oberlandesgerichts in Jena vom 3. September
2002 insoweit aufgehoben, als die Klageanträge zu V bis VII ge-
genüber der Beklagen zu 2 und der Klageantrag zu VIII gegenüber
beiden Beklagten abgewiesen worden sind.
Die Beklagte zu 2 wird verurteilt, dem Kläger Auskunft darüber zu
erteilen, welche Krankenhausleistungen sie als Betreiberin einer
Akutklinik für Rheumatologie in E. ab dem 1. Juni 1998 er-
bracht und welches Entgelt sie hieraus bis zum 18. Juni 2002 ab-
gerechnet und eingenommen hat.
Es wird festgestellt, daß die Beklagten als Gesamtschuldner ver-
pflichtet sind, dem Kläger sämtliche über den Ausfall der vorbe-
zeichneten Einnahmen hinausgehenden Schäden zu ersetzen, die
der von dem Kläger verwalteten Klinik W. GmbH
im Zu-
sammenhang mit dem Entzug des Betriebes der vormals in
E.
betriebenen
Akutklinik
für
Rheumatologie
Ende
Mai/Anfang Juni 1998 und seiner späteren Vorenthaltung sowie
der Behinderung des wieder aufgenommenen Betriebes dieser
Akutklinik in den Räumlichkeiten der W.burg durch die Be-
klagten bereits entstanden sind und noch entstehen werden.
Zur Entscheidung über die Klageanträge zu VI und VII - insoweit
nur gegenüber der Beklagten zu 2 - wird die Sache an das Beru-
fungsgericht zurückverwiesen.
Von den Gerichtskosten in dem Beschwerde- und Revisionsver-
fahren tragen der Kläger 15 %, die Beklagten als Gesamtschuld-
ner 35 % und die Beklagte zu 2 weitere 50 %.
Die außergerichtlichen Kosten des Klägers in dem Beschwerde-
und Revisionsverfahren werden diesem selbst zu 18 %, den Be-
klagten als Gesamtschuldnern zu 40 % und der Beklagten zu 2 zu
weiteren 42 % auferlegt.
Die außergerichtlichen Kosten der Beklagten zu 1 in dem Be-
schwerde- und Revisionsverfahren tragen diese selbst zu 68 %
und der Kläger zu 32 %.
Die Beklagte zu 2 trägt ihre außergerichtlichen Kosten in dem Be-
schwerde- und Revisionsverfahren selbst.
Wegen der Kosten des ersten und zweiten Rechtszuges bleibt die
Kostenentscheidung dem Schlußurteil des Berufungsgerichts vor-
behalten.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger ist Verwalter in dem Gesamtvollstreckungsverfahren über das
Vermögen der Klinik W. GmbH (im folgenden: Schuldnerin). Die Schuldnerin
gehört zu dem Unternehmensverbund des F. M.. Ihre Alleingesellschafterin ist
die Beklagte zu 1, deren sämtliche Anteile von F. M. gehalten wurden und jetzt
auf dessen Ehefrau übertragen sind. Die Schuldnerin ist aus einer Abspaltung
von der - ebenfalls zu der M.-Gruppe gehörenden - "I.T.Z. E.-W. GmbH" (im
folgenden: ITZ GmbH) hervorgegangen. Die Schuldnerin firmierte zunächst un-
ter "I.T.Z. E. GmbH Fachklinik für Rheumatologie" und betrieb eine Rheumakli-
nik in E.. Die übertragende Gesellschaft ITZ GmbH betrieb ebenfalls eine Klinik,
und zwar im benachbarten Wei. auf einem Grundstück, das ursprünglich
- ebenso wie jetzt noch das Grundstück in E. - F. M. gehörte. M. veräußerte das
Grundstück an die "A. Fonds X KG" (im folgenden: A.), die es wiederum an die
ITZ GmbH vermietete. Wegen Mietrückständen geriet diese Gesellschaft in eine
Schieflage, die mittlerweile ebenfalls zu einem Gesamtvollstreckungsverfahren
mit dem Kläger als Verwalter geführt hat. Wegen der Haftung nach §§ 133, 135
UmwG kam auch die abgespaltene Schuldnerin
in Bedrängnis. Am
17. Dezember 1997 stellte die A. einen Antrag auf Eröffnung des Gesamtvoll-
streckungsverfahrens. Nachdem dieser Antrag zunächst zurückgewiesen wor-
den war, hob das Beschwerdegericht die Entscheidung am 7. April 1998 auf
und verwies die Sache an das Amtsgericht zurück.
In dieser Situation ließ F. M. am 7. Mai 1998 die Beklagte zu 2
gründen, deren Alleingesellschafterin die Beklagte zu 1 ist. Der Name der Be-
klagten zu 2 unterscheidet sich nur geringfügig von dem ursprünglichen Namen
der Schuldnerin ("Akutklinik" statt "Fachklinik"). Die Gründung erfolgte an einem
anderen Ort. Sodann wurde die Firma der Schuldnerin geändert und ihr Sitz
verlegt. Der Sitz der Beklagten zu 2 wurde anschließend nach E. ver-
legt. F. M. kündigte den mit der Schuldnerin geschlossenen Mietvertrag
über das Krankenhausgrundstück. Die damalige Geschäftsführerin der Schuld-
nerin, H. G., kündigte
in
ihrer Eigenschaft als Geschäftsführerin der
- ebenfalls
zu
der M.-Gruppe
gehörenden - K. GmbH
die mit
der Schuldnerin geschlossenen Bewirtschaftungsverträge. Nach einer von
H. G. einberufenen Mitarbeiterversammlung kündigten alle Mitarbeiter
der Schuldnerin ihre Arbeitsverhältnisse fristlos und erhielten neue Anstellungs-
verträge bei der Beklagten zu 2. Ab dem 1. Juni 1998 betrieb die Beklagte zu 2
die Klinik in E.. Über das bewegliche Anlagevermögen schloß die Be-
klagte zu 2 am 9. Juni 1998 einen Pachtvertrag mit der Schuldnerin.
Am 1. Juli 1998 wurde das Gesamtvollstreckungsverfahren über das Ver-
mögen der Schuldnerin eröffnet.
Der Kläger als Verwalter auch der ITZ GmbH läßt die Klinik in Wei.
- durch eine Betreibergesellschaft - weiterführen. Ebenso beabsichtigte er, als
Verwalter die Klinik in E. weiterzuführen. In diesem Zusammenhang erstritt er
ein - nicht rechtskräftiges - Urteil des VG Ge., in dem festgestellt wurde, daß die
Schuldnerin - und nicht die Beklagten zu 1 oder 2 - in den 3. Thüringer Kran-
kenhausplan für die Jahre 1998 bis 2000 aufgenommen war. Damit hatte allein
die Schuldnerin das Recht, Kassenpatienten zu behandeln.
Nachdem die Angelegenheit durch eine Pressemitteilung öffentliche Be-
deutung erlangt hatte, verließen Ende Mai 2000 sämtliche Mitarbeiter der Be-
klagten zu 2 die Klinik in E. und zogen mit den Patienten und dem be-
weglichen Inventar in die Räume der Klinik in Wei. um. Seitdem wird die
Rheumaklinik unter der Verantwortung des Klägers betrieben.
Die Parteien machen wechselseitig Unterlassungs-, Auskunfts-,
Schadensersatz- und Herausgabeansprüche geltend. Im Revisionsverfahren
geht es noch um eine Stufenklage des Klägers gegen die Beklagte zu 2 und
eine Feststellungsklage gegen beide Beklagten. Insoweit hat der Kläger im
zweiten Rechtszug beantragt,
...
V.
die Beklagte zu 2 zu verurteilen, ihm Auskunft darüber zu er-
teilen, welche Krankenhausleistungen sie als Betreiberin
einer Akutklinik
für Rheumatologie
in E. ab dem
1. Juni 1998 erbracht und welches Entgelt sie hieraus bis
heute abgerechnet und eingenommen hat;
VI. die Beklagte zu 2 ferner zu verurteilen, erforderlichenfalls die
Richtigkeit und Vollständigkeit ihrer Angaben an Eides Statt
zu versichern;
VII. die Beklagten außerdem zu verurteilen, an ihn als Gesamt-
schuldner Schadensersatz in einer nach Erteilung der Aus-
kunft noch zu beziffernden Höhe nebst 5 % Zinsen p.a. hier-
aus über dem Basiszinssatz nach § 1 des DÜG seit Rechts-
hängigkeit (5. Juni 2001) zu zahlen;
VIII. zudem festzustellen, daß die Beklagten als Gesamtschuldner
verpflichtet sind, dem Kläger sämtliche darüber hinausge-
henden Schäden zu ersetzen, die der vom Kläger verwalte-
ten Klinik W. GmbH
im Zusammenhang mit dem
Entzug des Betriebes der vormals
in E. betriebenen
Akutklinik für Rheumatologie Ende Mai/Anfang Juni 1998
und seiner späteren Vorenthaltung sowie der Behinderung
des wieder aufgenommenen Betriebes dieser Akutklinik in
den Räumlichkeiten der W.burg durch die Beklagten be-
reits entstanden sind und noch entstehen werden.
Das Berufungsgericht hat u.a. diese Klageanträge durch Teilurteil abge-
wiesen. Mit seiner vom Senat zugelassenen Revision verfolgt der Kläger die
Anträge weiter, den Klageantrag zu VII jedoch nur noch gegenüber der Beklag-
ten zu 2.
Entscheidungsgründe
Die Revision ist begründet.
Die Beklagte zu 2 hat dem Kläger die begehrte Auskunft zu erteilen.
Außerdem ist festzustellen, daß beide Beklagten zum Schadensersatz ver-
pflichtet sind.
1. Die Klage ist zulässig. Insbesondere besteht für den Feststellungsan-
trag ein Feststellungsinteresse i.S. des § 256 Abs. 1 ZPO. Das hat das Beru-
fungsgericht rechtsfehlerfrei angenommen. Die Beklagten greifen das Urteil in-
soweit auch nicht an.
2. Die Beklagten sind dem Grunde nach verpflichtet, an den Kläger
Schadensersatz zu leisten.
Dabei kann offen bleiben, ob sich ein Schadensersatzanspruch bereits
aus § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. §§ 283 d, 266 StGB oder aus § 1 UWG ergibt.
Offen bleiben kann auch, ob eine Ersatzpflicht aus den vom Senat aufgestellten
Grundsätzen zur Haftung des Gesellschafters wegen existenzvernichtenden
Eingriffs (BGHZ 149, 10; 150, 61; 151, 181) folgt, was hinsichtlich der Beklagten
zu 2 als Schwestergesellschaft der Schuldnerin zweifelhaft erscheint. Denn
jedenfalls sind die Beklagten nach § 826 BGB zum Schadensersatz verpflichtet.
a) Das Berufungsgericht hat dazu gemeint, in der Einstellung des Ge-
schäftsbetriebes der Schuldnerin mit dem Ziel der Weiterführung durch die neu
gegründete GmbH liege keine sittenwidrige Schädigung der Gesellschaftsgläu-
biger, weil die Gesellschafter einer GmbH nicht verpflichtet seien, deren Ge-
schäftsbetrieb im bisherigen Umfang fortzuführen; jedenfalls könnten daraus
nur die Gesellschaftsgläubiger, nicht aber auch der Verwalter Ansprüche herlei-
ten. Das begegnet durchgreifenden Bedenken. Das Berufungsgericht hat den
Sachverhalt nicht erschöpfend gewürdigt und ist so zu einem unzutreffenden
Ergebnis gekommen.
b) Wie der Senat bereits in der Entscheidung BGHZ 151, 181, 183 ff.
(KBV) ausgeführt hat, haften der Gesellschafter einer GmbH und eine von ihm
beherrschte Schwestergesellschaft den Gläubigern der GmbH nach § 826 BGB
auf Schadensersatz, wenn sie der GmbH planmäßig deren Vermögen entzie-
hen und es auf die Schwestergesellschaft verlagern, um den Zugriff der Gesell-
schaftsgläubiger zu verhindern und auf diese Weise das von der Gesellschaft
betriebene Unternehmen ohne Rücksicht auf die entstandenen Schulden fort-
führen zu können. Aus dem von dem Berufungsgericht herangezogenen
Senatsurteil vom 12. Februar 1996 (II ZR 279/94, ZIP 1996, 637) ergibt sich
nichts anderes. Zwar sind die Gesellschafter einer GmbH nicht verpflichtet,
deren Geschäftsbetrieb im Interesse von Gesellschaftsgläubigern fortzuführen.
Sie können den Geschäftsbetrieb sogar mit dem Ziel der Weiterführung durch
eine neu gegründete Gesellschaft einstellen. Dabei müssen sie aber die für die
Abwicklung der GmbH geltenden Regeln beachten. Insbesondere dürfen sie
nicht außerhalb eines Liquidationsverfahrens planmäßig das Vermögen ein-
schließlich der Geschäftschancen von der alten Gesellschaft auf die neue Ge-
sellschaft verlagern und so den Gläubigern der alten Gesellschaft den Haf-
tungsfonds entziehen. Ein solches Verhalten widerspricht dem Anstandsgefühl
aller billig und gerecht Denkenden und ist damit sittenwidrig.
So liegt der Fall hier. Die Beklagte zu 1 hat durch die Gründung der Be-
klagten zu 2 mit einer der Firma der Schuldnerin fast gleichen Firma, durch die
Umbenennung der Schuldnerin und durch die Verlegung der Sitze beider Ge-
sellschaften die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß der Krankenhausbe-
trieb ohne nach außen erkennbaren Bruch von der neuen Gesellschaft fortge-
führt werden konnte. Der damalige Alleingesellschafter und -vorstand der Be-
klagten zu 1, F. M., hat sodann den auf 20 Jahre fest abgeschlossenen
Mietvertrag mit der Schuldnerin über das Krankenhausgrundstück fristlos ge-
kündigt und diese Kündigung durch die Geschäftsführerin der Schuldnerin
H. G., die zugleich als Geschäftsführerin der neu gegründeten Beklag-
ten zu 2 eingesetzt worden war, bestätigen lassen. Gleichzeitig hat H.
G., nun in ihrer Eigenschaft als Geschäftsführerin der Servicegesellschaft
K. GmbH, die mit der Schuldnerin geschlossenen Verträge über
Speiseversorgung und Zimmerservice/Haustechnik gekündigt. Nach der Be-
triebsversammlung der Schuldnerin hat H. G., nun wieder
in
ihrer
Eigenschaft als deren Geschäftsführerin, nichts unternommen, um die Massen-
kündigung aller Mitarbeiter der Schuldnerin zu verhindern. Sie hatte im Gegen-
teil sogar darauf hingewiesen, daß die Möglichkeit bestehe, zukünftig für die
Beklagte zu 2 zu arbeiten. Schließlich hat F. M. in einem Schreiben an
das Thüringer Ministerium für Soziales und Gesundheit (TMSG) vom 15. Juli
1998 erklärt:
"Bei der
ITZ GmbH, Fachklinik
für Rheumatologie, hat
sich durch eine steuerliche Betriebsaufspaltung ein möglicher
Haftungsanspruch ergeben. Zur Vermeidung einer Haftungsinan-
spruchnahme der Klinik
in E.
ist eine neue GmbH ge-
gründet worden und alle Mitarbeiter sind dort neu eingestellt.
Ebenso wurde der Mietvertrag und die Erklärung zur Übertragung
von Trägeraufgaben der neuen GmbH übertragen."
Das alles diente dazu, die Klinik in der Trägerschaft der neu gegründeten
Beklagten zu 2 weiterbetreiben zu können, ohne den Ansprüchen der Gläubiger
der Schuldnerin - insbesondere der A. - weiter ausgesetzt zu sein. Dem-
entsprechend rechnete ab dem 1. Juni 1998 nur noch die Beklagte zu 2 die er-
brachten Leistungen mit den Krankenkassen ab. Der Schuldnerin blieb als ein-
zige Einnahmequelle die Pacht für das Klinikinventar. Damit war die Abgabe
ihrer Geschäftstätigkeit an die Beklagte zu 2 nicht annähernd ausgeglichen.
Der Einwand der Beklagten, F. M. habe nur im eigenen Namen
gehandelt und auch mit den Kündigungen der K. GmbH hätten die
Beklagten nichts zu tun, ist unzutreffend. Die Beklagten müssen sich das Han-
deln von M. und G. gemäß § 31 BGB zurechnen lassen.
c) Entgegen der Ansicht der Beklagten kommt es für eine Haftung aus
§ 826 BGB dem Grunde nach nicht darauf an, ob die Schuldnerin zum Zeit-
punkt der schädigenden Handlungen bereits insolvenzreif war. Entscheidend ist
allein, daß die Gesellschaftsgläubiger infolge der Eingriffe in das Gesellschafts-
vermögen geschädigt worden sind. Das ist auch dann der Fall, wenn die Ge-
sellschaft schon überschuldet ist, diese Überschuldung aber noch vertieft wird
mit der Folge, daß die Gläubiger schlechter dastehen als ohne die schädigen-
den Handlungen. So liegt der Fall hier. Der Geschäftsbetrieb der Schuldnerin
war rentabel. Die Schuldnerin war nur deshalb insolvenzreif geworden, weil sie
genden Gesellschaft mithaftete. Hätte sie ihren Geschäftsbetrieb fortführen
können, wären demnach Überschüsse erwirtschaftet worden, die zur Befriedi-
gung der Gläubiger hätten verwendet werden können.
d) Das Verhalten der Beklagten war auch nicht nach §§ 1, 8 des Kran-
kenhausfinanzierungsgesetzes vom 10. April 1991 (BGBl. I S. 886, zuletzt ge-
ändert durch Gesetz vom 21. Dezember 1992, BGBl. I S. 2266) und des darauf
beruhenden Thüringer Krankenhausplanes gerechtfertigt. Dabei kann offen blei-
ben, ob entgegen dem nicht rechtskräftigen Urteil des Verwaltungsgerichts
Ge. vom 26. September 2001 die Beklagten zu 1 oder 2 - und nicht die
Schuldnerin - durch Bescheid des TMSG vom 17. April 1998 in den 3. Thüringer
Krankenhausplan für die Jahre 1998 bis 2000 aufgenommen waren und ob sich
daraus - wie die Beklagten meinen - eine Pflicht zum Betrieb des Krankenhau-
ses ergeben hat. Auch wenn nämlich eine solche öffentlich-rechtliche Pflicht der
Beklagten bestanden haben sollte, mußten die Beklagten bei der Erfüllung die-
ser Pflicht die allgemeinen zivilrechtlichen Vorschriften beachten. Insbesondere
waren sie nicht berechtigt, die Gläubiger der Schuldnerin planmäßig zu schädi-
gen, nur um in anderer Rechtsträgerschaft den Klinikbetrieb weiterführen zu
können.
e) Unerheblich ist auch die Behauptung der Beklagten, der Kläger selbst
habe bei einer Besprechung am 16. April 1998 mit Mitarbeitern der Beklagten
die Maßnahmen vorgeschlagen, die dann in der Folgezeit durchgeführt worden
seien und wegen derer er nun Schadensersatz verlange. Am 16. April 1998 war
das Gesamtvollstreckungsverfahren noch nicht eröffnet. Der Kläger war ledig-
lich als Gutachter im Auftrag des Insolvenzgerichts tätig. Erklärungen, die der
Kläger in dieser Eigenschaft abgegeben haben sollte, können ihm in seiner
Eigenschaft als Verwalter nicht zugerechnet werden. Die Rechtslage ist inso-
weit nicht anders, als wenn ein Sequester unter Geltung der Konkursordnung
ein Rechtsgeschäft vorgenommen und es anschließend in seiner Eigenschaft
als Konkursverwalter wegen Gläubigerbenachteiligung angefochten hat. Auch
das war nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zulässig (BGHZ 86,
190, 195 f.; 97, 87, 91; 118, 374, 380 f.). Die etwaigen Erklärungen des Klägers
sind auch nicht geeignet, dem Verhalten von F. M. und H. G.
den Vorwurf der Sittenwidrigkeit zu nehmen. Der Kläger war zu jener Zeit noch
nicht damit beauftragt, im Interesse der Gläubiger das Vermögen der Schuldne-
rin zu verwalten. Erst recht gehörte es nicht zu seinen Aufgaben, den übrigen
Beteiligten Hinweise für ihr Verhalten vor der Eröffnung des Gesamtvoll-
streckungsverfahrens zu geben. Seine Äußerungen können daher nichts daran
ändern, daß die Beklagten nach den allgemeinen Grundsätzen die volle Ver-
antwortung für das Verhalten ihrer Organe tragen.
f) Den somit dem Grunde nach bestehenden Schadensersatzanspruch
aus § 826 BGB kann der Kläger als Verwalter in dem Gesamtvollstreckungsver-
fahren geltend machen (vgl. BGH, Urt. v. 24. Oktober 1973 - VIII ZR 82/72, WM
1973, 1354, 1355; v. 28. Januar 1986 - VI ZR 201/84, NJW 1986, 1174, 1175;
Kuhn/Uhlenbruck, KO 11. Aufl. § 6 Rdn. 40; ebenso jetzt § 92 InsO). Der Scha-
den besteht in einer Verkürzung der Masse und betrifft damit sämtliche Gläubi-
ger.
g) Als Rechtsfolge der sittenwidrigen Schädigungshandlungen sind die
Beklagten verpflichtet, den Zustand herzustellen, der bestehen würde, wenn sie
diese Handlungen nicht vorgenommen hätten. Dann hätte der Kläger die
Rheumaklinik von Beginn des Gesamtvollstreckungsverfahrens an fortgeführt
und die Entgelte für die ab dem 1. Juni 1998 erbrachten Krankenhausleistungen
vereinnahmt, wenn auch vermindert um die mit dem Krankenhausbetrieb ver-
bundenen Kosten. Weiter wären dem Kläger die sonstigen, von dem Feststel-
lungsantrag erfaßten Schäden nicht entstanden.
3. Danach ist - da weitere Feststellungen nicht erforderlich sind - der
Auskunftsklage und der Feststellungsklage stattzugeben. Hinsichtlich der zwei-
ten und dritten Stufe der Stufenklage ist die Sache an das Berufungsgericht
zurückzuverweisen. Eine Zurückverweisung an das Landgericht (vgl. BGH, Urt.
v. 22. Mai 1981 - I ZR 34/78, NJW 1982, 235, 236; v. 24. Mai 1995
- VIII ZR 146/94, WM 1995, 1774, 1775) kommt nicht in Betracht, da die
Stufenklage erst im Berufungsrechtszug erhoben worden ist.
Röhricht
Goette
Kraemer
Strohn
Caliebe