Rechtsprechung / BGH

BGH Beschluss vom 01.02.2006 – XII ZB 236/05

XII. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

vom

1. Februar 2006

in der Unterbringungssache betreffend

Nachschlagewerk: ja

BGHZ:

BGHR:

ja

ja

a) Eine Vorlage an den Bundesgerichtshof nach § 28 Abs. 2 FGG ist nur dann zulässig, wenn im Vorlagebeschluss hinreichend dargelegt wird, dass das vorlegende Oberlandesgericht bei Befolgung der Rechtsansicht, von der es abweichen will, eine andere als die von ihm beabsichtigte Endentscheidung treffen müsste.

b) Der Betreuer ist als gesetzlicher Vertreter des Betreuten grundsätzlich be- fugt, in ärztliche Maßnahmen auch gegen den natürlichen Willen eines im Rechtssinne einwilligungsunfähigen Betreuten einzuwilligen.

c) Im Rahmen einer genehmigten Unterbringung nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB umfasst diese Befugnis ausnahmsweise auch das Recht, erforderlichenfalls einen der ärztlichen Maßnahme entgegenstehenden Willen des Betreuten zu überwinden (Fortführung des Senatsbeschlusses BGHZ 145, 297 ff.).

BGH, Beschluss vom 1. Februar 2006 - XII ZB 236/05 - OLG Celle

LG Verden AG Verden

Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 1. Februar 2006 durch die

Richter Sprick, Weber-Monecke, Prof. Dr. Wagenitz, Dr. Ahlt und Dose

beschlossen:

Die Sache wird zur Behandlung und Entscheidung in eigener Zu-

ständigkeit an das Oberlandesgericht Celle zurückgegeben.

Gründe

I.

1

1. Der 42-jährige Betroffene ist am 31. Oktober 2005 im Anschluss an ei-

nen körperlichen Angriff auf seinen 15-jährigen Sohn in der psychiatrischen Kli-

nik des Krankenhauses R. stationär aufgenommen worden. Bei der Untersu-

chung des Betroffenen wurde eine - mutmaßlich seit mehreren Jahren unbe-

handelte - paranoide Schizophrenie mit ausgeprägten formalen und inhaltlichen

Denkstörungen diagnostiziert. Auf Anregung des Krankenhauses wurde durch

einstweilige Anordnung des Amtsgerichts vom 1. November 2005 für den Be-

troffenen eine vorläufige rechtliche Betreuung mit den Aufgabenkreisen Ge-

sundheits- und Vermögenssorge, Entscheidung über die Unterbringung und

Geltendmachung von gesetzlichen Ansprüchen eingerichtet. Auf Antrag des

vorläufigen Betreuers Rechtsanwalt V. genehmigte das Amtsgericht durch Be-

schluss vom 4. November 2005 die geschlossene Unterbringung des Betroffe-

nen "unter Vornahme der notwendigen Untersuchungen und Heilbehandlungen,

auch zwangsweise" bis längstens zum 15. Dezember 2005. Diesem Beschluss

lag eine ärztliche Stellungnahme der psychiatrischen Klinik des Krankenhauses

R. vom 3. November 2005 zugrunde, wonach eine medikamentöse antipsycho-

tische Therapie indiziert sei, der Betroffene jedoch bei vollständig fehlender

Krankheitseinsicht die ihm angebotene orale Medikation verweigere. Durch ei-

nen ausschließlich stationären Aufenthalt ohne medikamentöse Behandlung sei

mit einer Besserung des Krankheitsbildes nicht zu rechnen. Durch weiteren Be-

schluss wies das Amtsgericht am 4. November 2005 einen Antrag auf öffent-

lich-rechtliche Unterbringung nach den Vorschriften des NdsPsychKG unter

anderem mit der Begründung zurück, dass von dem Betroffenen gegenwärtig

keine Fremdgefährdung ausgehe.

2

Am 11. November 2005 richtete der Betroffene eine als sofortige Be-

schwerde gegen den zivilrechtlichen Unterbringungsbeschluss gewürdigte Ein-

gabe an das Amtsgericht, in der er unter anderem zum Ausdruck brachte, dass

eine "geschlossene Unterbringung nicht notwendig" sei und darüber hinaus ei-

ne "sofortige Beendigung der Medikamentenpflicht" verlangt werde. Im Zuge

des Beschwerdeverfahrens holte das Landgericht eine erneute ärztliche Stel-

lungnahme zur Erforderlichkeit der Unterbringung ein, die am 17. November

2005 durch das Krankenhaus R. erstellt wurde. Danach bestehe zur Therapie

des akuten Krankheitsbildes und zur Abwendung einer weiteren Chronifizierung

der Erkrankung ein fortgesetzter medikamentöser Behandlungsbedarf. Ein An-

halt für eine akut bestehende Eigengefährdung auf Grund der psychischen Er-

krankung finde sich jedoch nicht. Durch Beschluss vom 23. November 2005

wies das Landgericht die Beschwerde des Betroffenen als unbegründet zurück;

auf die von der Verfahrenspflegerin im Namen des Betroffenen eingelegte wei-

tere sofortige Beschwerde hob das Oberlandesgericht durch Beschluss vom

8. Dezember 2005 die landgerichtliche Entscheidung wegen unterlassener An-

hörung des Betroffenen auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück.

Nach erfolgter Anhörung wies das Landgericht die sofortige Beschwerde mit

Beschluss vom 13. Dezember 2005 erneut zurück. Gegen diese Entscheidung

wendet sich die Verfahrenspflegerin im Namen des Betroffenen mit einer neuer-

lichen weiteren sofortigen Beschwerde, mit der sie nach zwischenzeitlichem

Ablauf der Genehmigungsfrist für die Unterbringungsmaßnahme nunmehr die

Feststellung begehrt, dass die Unterbringung des Betroffenen bis zum 15. De-

zember 2005 rechtswidrig gewesen sei.

3

2. Das Oberlandesgericht hat die Sache gemäß § 28 Abs. 2 FGG dem

Bundesgerichtshof vorgelegt. Im Vorlagebeschluss hat das Oberlandesgericht

ausgeführt, dass es zwar die Auffassung des Landgerichts teile, wonach der

Betroffene auf Grund seiner psychischen Erkrankung behandlungsbedürftig sei.

Es halte das Rechtsmittel des Betroffenen gleichwohl für begründet, weil die

erteilte Genehmigung zur geschlossenen Unterbringung und zur Zwangsbe-

handlung gegen seinen Willen nach den allein in Betracht kommenden betreu-

ungsrechtlichen Grundsätzen rechtlich unzulässig und daher nicht genehmi-

gungsfähig sei. Mit dieser Rechtsansicht weiche es von den Entscheidungen

des OLG Schleswig vom 25. Januar 2002 (FamRZ 2002, 984 ff.), des OLG

München vom 30. März 2005 (FamRZ 2005, 1196 ff.) und des OLG Düsseldorf

- I-25 Wx 73/03 - vom 24. Juli 2003 (veröffentlicht in der Rechtsprechungsda-

tenbank bei www.justiz.nrw.de) ab, wonach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB eine vom

Unterbringungszweck umfasste Zwangsbehandlung auch gegen den natürli-

chen Willen eines im Rechtssinne einwilligungsunfähigen Betreuten ermögliche.

II.

5

Die Sache ist dem vorlegenden Oberlandesgericht zur Entscheidung in

eigener Zuständigkeit zurückzugeben. Die Vorlage ist nicht zulässig.

1. Eine Sache aus dem Bereich der freiwilligen Gerichtsbarkeit ist vom

Oberlandesgericht - unter Begründung seiner Rechtsauffassung - gemäß § 28

Abs. 2 FGG dem Bundesgerichtshof vorzulegen, wenn das Gericht von der auf

weitere Beschwerde ergangenen Entscheidung eines anderen Oberlandesge-

richts oder, falls über die Rechtsfrage bereits eine Entscheidung des Bundesge-

richtshofs vorliegt, von dieser abweichen will. Der Bundesgerichtshof hat zu

prüfen, ob in der streitigen Rechtsfrage tatsächlich ein Abweichungsfall vorliegt

und ob die begehrte Stellungnahme zu der Rechtsfrage für die Entscheidung

des von dem Oberlandesgericht vorgelegten Falles erheblich ist (Senatsbe-

schluss vom 5. Februar 1986 - IVb ZB 1/86 - FamRZ 1986, 460, 461). Erheblich

ist nur eine Abweichung im Ergebnis, nicht schon eine Abweichung in der Be-

gründung (BGH Beschluss vom 17. Oktober 1991 - V ZB 18/91 - NdsRPfl 1991,

298).

6

Dies zu überprüfen, muss das vorlegende Oberlandesgericht dem Bun-

desgerichtshof auf der Grundlage des im Vorlagebeschluss mitgeteilten Sach-

verhaltes und der dort zum Ausdruck gebrachten rechtlichen Beurteilung des

Falles ermöglichen. Aus dem Vorlagebeschluss muss sich deshalb durch im

einzelnen begründete Darlegungen ergeben, dass die Befolgung der abwei-

chenden Rechtsansicht bei dem zur Beurteilung stehenden Sachverhalt zu ei-

ner abweichenden Fallentscheidung führen würde (Senatsbeschlüsse BGHZ

82, 34, 36 f. und BGHZ 133, 384, 385 f.; vgl. weiterhin BGH Beschluss vom

23. Februar 1977 - IV ARZ [Vz] 2/77 - FamRZ 1977, 384, 385). Dementspre-

chend ist eine Vorlage nur dann zulässig, wenn das Oberlandesgericht darlegt,

dass es ohne Abweichung nicht dieselbe Endentscheidung treffen könnte (vgl.

8

auch KG OLGZ 1970, 58, 64; Bassenge/Herbst/Roth, FGG/RPflG, 10. Aufl.

§ 28 FGG Rdn. 5).

2. Nach diesen Maßstäben ist die Vorlage nicht zulässig.

a) Das Oberlandesgericht geht ersichtlich davon aus, dass eine medizi-

nische Unterbringung nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB grundsätzlich auch zur

Untersuchung und Behandlung derjenigen psychischen Krankheit oder Behin-

derung in Betracht kommt, die Grund für die Einrichtung einer rechtlichen

Betreuung gewesen ist (Anlasserkrankung). Hiergegen ist nichts zu erinnern.

Aus dem Wortlaut des Gesetzes und der Gesetzesbegründung ergeben sich

keine Anhaltspunkte für die Annahme, die Möglichkeiten der medizinischen Un-

terbringung seien auf die Zwecke der Untersuchung und Behandlung solcher

Krankheiten beschränkt, die zu der die Betreuungsbedürftigkeit begründenden

Krankheit oder Behinderung hinzugetreten sind (sog. Begleiterkrankung, vgl.

Begründung des Regierungsentwurfs BT-Drucks. 11/4528, S. 147; vgl. weiter-

hin RGRK/Dickescheid, BGB, 12. Aufl. § 1906 Rdn. 10; Damrau/Zimmermann,

Betreuungsrecht, 3. Aufl. § 1906 Rdn. 43; Erman/Roth, BGB, 11. Aufl. § 1906

Rdn. 17; MünchKomm/Schwab, BGB, 4. Aufl. § 1906 Rdn. 21).

9

b) Das Bundesverfassungsgericht hat bereits zur öffentlich-rechtlichen

Unterbringung ausgesprochen, dass die Fürsorge der staatlichen Gemeinschaft

auch die Befugnis einschließe, einen psychisch Kranken, der infolge seines

Krankheitszustands und der damit verbundenen fehlenden Einsichtsfähigkeit

die Schwere seiner Erkrankung und die Notwendigkeit von Behandlungsmaß-

nahmen nicht beurteilen oder trotz einer solchen Erkenntnis sich infolge der

Krankheit nicht zu einer Behandlung entschließen kann, zwangsweise in einer

geschlossenen Anstalt unterzubringen, um eine drohende gewichtige gesund-

heitliche Schädigung von dem Kranken abzuwenden. Doch auch dem psy-

chisch Kranken bleibt in weniger gewichtigen Fällen die "Freiheit zur Krankheit"

(BVerfGE 58, 208, 224 ff.). In deren Grenzen darf der Kranke gerade bei be-

handlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen selbst entscheiden, ob er das

Durchleben seiner Krankheit einer aus seiner Sicht unzumutbaren Behandlung

in einer psychiatrischen Klinik vorziehen will.

10

Dieser "Freiheit zur Krankheit" ist im Rahmen der Verhältnismäßigkeits-

prüfung auch bei der zivilrechtlichen Unterbringung Rechnung zu tragen (Se-

natsbeschluss BGHZ 145, 297, 305; vgl. auch BVerfG FamRZ 1998, 895, 896).

Gerade weil die mit der Behandlungsnotwendigkeit der Anlasserkrankung be-

gründete medizinische Unterbringung nach dem Wortlaut des Gesetzes nicht

an die engeren Voraussetzungen des § 1906 Abs. 1 Nr. 1 BGB - Suizidgefahr,

erhebliche Gesundheitsbeschädigung - gebunden ist (BT-Drucks. aaO, S. 147;

vgl. hierzu kritisch Rink, in HK-BUR [Stand Dezember 2004] § 1906 BGB

Rdn. 23, Bohnert, Unterbringungsrecht [2000], S. 50 f.), kommt dem Verhält-

nismäßigkeitsprinzip als notwendigem Korrektiv für die Eingriffe in das Frei-

heitsrecht des Betroffenen besondere Bedeutung zu (Staudinger/Bienwald,

BGB [1999], § 1906 Rdn. 30). Der drohende Gesundheitsschaden muss stets

so gewichtig sein, dass er den mit der beabsichtigten Unterbringungsmaßnah-

me verbundenen Freiheitseingriff zu rechtfertigen vermag. Für den Bereich ei-

ner neuroleptischen Medikation als notwendiger Heilbehandlung muss dabei in

jedem Einzelfall eine therapeutische Indikation bestehen und der mögliche the-

rapeutische Nutzen der Behandlung gegen die Gesundheitsschäden abgewo-

gen werden, die ohne die Behandlung entstehen würden. Dabei sind auch die

negativen psychischen Auswirkungen der Unterbringung auf den Betroffenen in

die Abwägung einzubeziehen (vgl. Jürgens/Marschner, Betreuungsrecht,

3. Aufl., § 1906 Rdn. 20).

11

c) Es liegt auf der Hand, dass ein noch strengerer Prüfungsmaßstab an-

zulegen ist, wenn die Freiheitsentziehung mit einer Zwangsbehandlung des Be-

troffenen - deren Zulässigkeit vorausgesetzt - verbunden werden soll. Dies folgt

schon daraus, dass in diesem Falle nicht nur die Unterbringung und ihre Dauer,

sondern auch der mit der Zwangsbehandlung verbundene Eingriff und dessen

Folgen in die gebotene Güterabwägung nach dem Grundsatz der Verhältnis-

mäßigkeit einzubeziehen sind (vgl. OLG Schleswig BtPrax 2003, 223, 224). Bei

der Prüfung, ob eine - insbesondere längerfristige - Behandlung eines unterge-

brachten Betroffenen unter Zwang dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit

noch entspricht, werden an die Gewichtigkeit des ohne Behandlung drohenden

Gesundheitsschadens, aber auch an die Heilungs- bzw. Besserungsprognose

strengere Anforderungen zu stellen sein. Dies legt gerade bei der Behandlung

psychischer Erkrankungen eine besonders kritische Prüfung des therapeuti-

schen Nutzens einer nur unter Zwang durchgeführten Medikation nahe (vgl.

hierzu Jürgens/Marschner aaO Rdn. 19).

12

d) Dem Vorlagebeschluss sind Erörterungen zur Verhältnismäßigkeit

nach diesen Maßstäben nicht zu entnehmen. Die Ausführungen zur Behand-

lungsbedürftigkeit der psychischen Erkrankung des Betroffenen rechtfertigen

noch nicht die Annahme, dass das Oberlandesgericht tatsächlich an der von

ihm beabsichtigten Beschwerdeentscheidung zugunsten des Betroffenen ge-

hindert wäre, wenn es der abweichenden Auffassung der Oberlandesgerichte

Schleswig, München und Düsseldorf von der rechtlichen Zulässigkeit einer

Zwangsbehandlung im Rahmen einer nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB genehmig-

ten medizinischen Unterbringung folgte. Nur wenn das Oberlandesgericht in

diesem Falle die von dem Landgericht auf der Grundlage des festgestellten

Sachverhalts getroffene Güterabwägung rechtlich billigen und deshalb die Be-

schwerde des Betroffenen zurückweisen müsste, läge tatsächlich ein Fall der

Divergenz vor. Dagegen wäre keine Divergenz gegeben, wenn das Oberlan-

desgericht auf der Grundlage des vom Landgericht festgestellten Sachverhalts

selbst dann eine Beschwerdeentscheidung zugunsten des Betroffenen treffen

würde, wenn es zwar die rechtliche Zulässigkeit einer Zwangsbehandlung im

Rahmen der medizinischen Unterbringung im Grundsatz bejahte, die Voraus-

setzungen für die Genehmigung einer solchen Maßnahme aber im vorliegenden

Fall nicht als gegeben ansähe.

III.

14

Für das weitere Verfahren weist der Senat auf Folgendes hin:

1. Der Senat hat in seiner Entscheidung vom 11. Oktober 2000 zur Unzu-

lässigkeit einer ambulanten medizinischen Zwangsbehandlung gegen den na-

türlichen Willen eines im Rechtssinne einwilligungsunfähigen Betreuten das

Folgende ausgeführt (Senatsbeschluss BGHZ aaO S. 307 f.):

15

Der Betreuer ist nach § 1902 BGB der gesetzliche Vertreter des Betreu-

ten, der dessen Angelegenheiten gemäß § 1901 Abs. 2 Satz 1 BGB so zu be-

sorgen hat, wie es dem Wohl des Betreuten entspricht. Durch die gesetzliche

Vertreterstellung wird die Rechtsmacht des Betreuers nach außen begründet.

Innerhalb seines Aufgabenkreises ist der Betreuer berechtigt, die Geschäfte

des Betreuten zu besorgen. Indessen ist mit der Einräumung dieser Rechts-

macht nicht zwingend die Macht verbunden, die getroffene Entscheidung auch

durchsetzen zu können. Gerade im grundrechtsrelevanten Bereich ist die

Rechtsmacht des gesetzlichen Vertreters beschränkt. Bei Minderjährigen wird

das Recht der Eltern, Anweisungen notfalls mit behördlicher Hilfe durchzuset-

zen, aus dem Erziehungsrecht und insbesondere aus § 1631 Abs. 3 BGB her-

geleitet. Auf diese Vorschrift verweist das Betreuungsrecht in § 1908 i Abs. 1

BGB jedoch nicht, weil die Funktionen des Betreuers in der Personensorge

nicht mit denjenigen der sorgeberechtigten Eltern vergleichbar sind. In der

Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist darauf hingewiesen wor-

den, dass der Vormund im Rahmen der Fürsorge öffentliche Funktionen wahr-

nimmt und sich daher der Mündel auch gegenüber Handlungen des Vormunds

auf seine Grundrechte berufen kann; nichts anderes gilt im Verhältnis des Be-

treuers zum Betreuten. Dies vorausgesetzt, greift der Gesetzesvorbehalt in

Artt. 2 Abs. 2, 104 Abs. 1 GG ein, und es bedarf zur Vornahme von Zwangs-

handlungen gegen den Widerstand des Betreuten einer Rechtsgrundlage durch

ein formelles Gesetz. Im grundrechtsrelevanten Bereich scheiden Analogien

oder der Rückgriff auf die allgemeinen Regelungen des Betreuungsrechts

(§§ 1896, 1901, 1902 BGB) aus, weil sonst nicht sichergestellt wäre, dass Ein-

griffe in die durch Gesetzesvorbehalt gesicherten Grundrechte des Betreuten

berechenbar und kontrollierbar bleiben.

16

2. Aus diesen Ausführungen lassen sich indessen keine Rückschlüsse

darauf ziehen, dass die vorhandenen gesetzlichen Regelungen (§ 1906 Abs. 1

Nr. 2 und Abs. 4 BGB) keine zureichende Rechtsgrundlage für eine zwangs-

weise Behandlung des Betreuten im Rahmen einer rechtmäßigen Unterbrin-

gungsmaßnahme darstellen können.

17

a) Das Betreuungsgesetz (vom 12. September 1990 BGBl. I, 2002) hat

nicht in Frage gestellt, dass der gesetzliche Vertreter eines im Rechtssinne

Einwilligungsunfähigen grundsätzlich für diesen in eine Untersuchung des Ge-

sundheitszustandes, eine Heilbehandlung oder einen ärztlichen Eingriff einwilli-

gen kann. Nicht einwilligungsfähige Betreute dürfen nicht von solchen Maß-

nahmen ausgeschlossen werden, weil ansonsten ihre gesundheitliche Versor-

gung und damit ihr Wohl an ihrer mangelnden Einsichts- oder Urteilsfähigkeit

scheitern würde. Aus diesem Grunde sind nach diesem Gesetz Zwangsbehand-

lungen, zwangsweise Untersuchungen oder zwangsweise ärztliche Eingriffe

nicht grundsätzlich verboten. Wer aufgrund seiner psychischen Krankheit oder

geistigen Behinderung seine Behandlungsbedürftigkeit nicht erkennen kann und

eine Behandlung deshalb ablehnt, dem soll nicht schon deshalb die Behand-

lung versagt werden (BT-Drucks. 11/4528, S. 72, 141).

18

b) Die wohl überwiegende Ansicht in Literatur und Rechtsprechung geht

daher davon aus, dass § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB die Zwangsbehandlung einwil-

ligungsunfähiger Betroffener gegen deren natürlichen Willen während der

- gerichtlich genehmigten - stationären Unterbringung ermöglicht (OLG Mün-

chen aaO; OLG Düsseldorf aaO; OLG Schleswig FamRZ 2002 aaO und BtPrax

2003 aaO; Palandt/Diederichsen, BGB, 65. Aufl. § 1906 Rdn. 10; Bamberger/

Roth/Müller, BGB, § 1906 Rdn. 7; AnwKomm/Heitmann, BGB § 1904 Rdn. 11;

jurisPK/Bieg/Jaschinski, BGB § 1906 Rdn. 47; Damrau/Zimmermann aaO

§ 1904 Rdn. 16; Bienwald/Sonnenfeld/Hoffmann, Betreuungsrecht, 4. Aufl.

§ 1906 BGB Rdn. 101; Knittel, Betreuungsgesetz § 1906 Rdn. 22c f.; Probst,

Betreuungs- und Unterbringungsverfahren [2005] Rdn. 177 a.E.; Posselt-Wen-

zel, Medizinische Eingriffe bei geistig behinderten Menschen [2004], S. 82 ff.).

Auch der Senat hat in seinem Beschluss vom 11. Oktober 2000 an anderer

Stelle zum Ausdruck gebracht, dass eine Zwangsbehandlung in den gesetzlich

geregelten Fällen einer nach dem Maßstab des Verhältnismäßigkeitsgrundsat-

zes zulässigen medizinischen Unterbringungsmaßnahme nach § 1906 BGB

grundsätzlich in Betracht kommen kann (BGHZ aaO, S. 306).

19

An dieser Auffassung hält der Senat fest. Soweit dagegen eingewendet

wird, dass bei der gewaltsamen Zuführung zur Unterbringung das Grundrecht

der Freiheit der Person (Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG), bei der Zwangsbehandlung

gegen den Widerstand des Betroffenen hingegen das Recht auf körperliche

Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 1 Satz 1 GG) betroffen sei und das Betreuungsrecht

für einen Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit keine Er-

mächtigungsgrundlage enthalte (vgl. Marschner RuP 2005, 47, 50 und RuP

2001, 132, 133 f.; vgl. weiterhin OLG Celle RuP 2005, 196 f.; OLG Jena RuP

2003, 29), vermag der Senat dem nicht zu folgen.

20

Es sind - auch im Hinblick auf die grundrechtliche Relevanz - zwei ver-

schiedene Fragen voneinander abzugrenzen. Zum einen bedarf es der Klä-

rung, ob der Betreuer entgegen dem Willen des Betreuten in eine medizinische

Maßnahme einwilligen darf. Zum anderen stellt sich die Frage, ob und in wel-

chen Fällen er einen entgegenstehenden Willen des nicht einsichts- und steue-

rungsfähigen Betreuten überwinden kann (vgl. Heide, Medizinische Zwangsbe-

handlung [2001], S. 156 f.).

21

aa) Grundsätzlich greifen alle mit einer Einwirkung auf die körperliche In-

tegrität verbundenen Untersuchungen, Heilbehandlungen und ärztlichen Eingrif-

fe in das Grundrecht des Patienten auf körperliche Unversehrtheit ein, auch

wenn diese Maßnahmen medizinisch angezeigt sind und nach den Regeln der

ärztlichen Kunst durchgeführt werden. Dieser Eingriff ist allerdings dann ge-

rechtfertigt, wenn eine Einwilligung des Grundrechtsträgers vorliegt. Ist der

Grundrechtsträger zur Einwilligung nicht in der Lage, erteilt sein gesetzlicher

Vertreter die Einwilligung. Dies gilt auch im Betreuungsrecht (vgl. BVerfG NJW

2002, 206, 207; Di Fabio in Maunz/Dürig, Grundgesetz [Stand Februar 2004],

Art. 2 Abs. 2 GG Anm. 69). Dem Betreuer steht kraft des gesetzlichen Vertre-

tungsverhältnisses (§ 1902 BGB) die grundsätzliche Befugnis zu, an Stelle ei-

nes nicht einsichts- oder steuerungsfähigen Betreuten in Untersuchungen des

Gesundheitszustands, in Heilbehandlungen und in ärztliche Eingriffe einzuwilli-

gen, sofern nicht unter den Voraussetzungen des § 1904 BGB hierzu die Ge-

nehmigung des Vormundschaftsgerichts zusätzlich erforderlich ist. Dabei ergibt

sich aus § 1901 Abs. 3 Satz 1 BGB auch für die Frage der Einwilligung in me-

dizinische Maßnahmen, dass der Betreuer den Wünschen des Betreuten nicht

entsprechen muss, wenn sie dessen Wohl zuwiderlaufen. Zum Wohl des Be-

treuten gehören in diesem Sinne auch die Erhaltung seiner Gesundheit und die

Verringerung oder Beseitigung von Krankheiten; dieses Wohl darf durch seine

mangelnde Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit nicht gefährdet werden (BT-

Drucks. aaO, S. 147). Ist dem Betreuungsrecht damit eine generelle Rechts-

grundlage dafür zu entnehmen, dass der Betreuer auch gegen den natürlichen

Willen des Betreuten in eine medizinische Maßnahme einwilligen kann, stellt

der mit der medizinischen Maßnahme verbundene Eingriff in die körperliche

Unversehrtheit des Betreuten weder für einen im Rahmen seiner gesetzlichen

Befugnisse handelnden Betreuer noch für das auf der Grundlage der vom Be-

treuer erteilten Einwilligung handelnde ärztliche Personal eine rechtswidrige

Einschränkung der Grundrechte des Betroffenen dar. Für diese Beurteilung ist

es ohne Belang, ob der Betroffene die ärztliche Maßnahme geduldet hat oder

ob ein der ärztlichen Maßnahme entgegenstehender natürlicher Wille des Be-

treuten zuvor überwunden worden ist.

22

bb) Hiervon zu unterscheiden ist die Frage, ob der Betreuer befugt ist,

den einer medizinischen Maßnahme entgegenstehenden Willen des Betreuten

durch Zwang zu überwinden. Allein aus den gesetzlichen Vertretungsvorschrif-

ten der §§ 1901, 1902 BGB kann der Betreuer eine solche Zwangsbefugnis

nicht herleiten, weil diese Vorschriften für sich genommen keine hinreichende

Bestimmung von Inhalt, Gegenstand, Zweck und Ausmaß der vom Betreuten

unter Zwang zu duldenden Behandlung ermöglichen, was im grundrechtsrele-

vanten Bereich wegen des Gesetzesvorbehalts jedoch zwingend erforderlich

ist. Derartige Bedenken lassen sich gegen § 1906 Abs. 1 Nr. 2 und Abs. 4 BGB

indessen nicht erheben.

23

Nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB ist eine Unterbringung des Betreuten

durch den Betreuer zulässig, solange sie zum Wohle des Betreuten erforderlich

ist, weil eine Untersuchung des Gesundheitszustands, eine Heilbehandlung

oder ein ärztlicher Eingriff notwendig ist, ohne die Unterbringung des Betreuten

nicht durchgeführt werden kann und der Betreute auf Grunde einer psychischen

Krankheit oder geistigen oder seelischen Behinderung die Notwendigkeit der

Unterbringung nicht erkennen oder nicht nach dieser Einsicht handeln kann. Die

fehlende Einsicht oder die fehlende Steuerungsmöglichkeit muss sich zwar

nach dem Wortlaut der Vorschrift nicht auf die Notwendigkeit der Untersuchung,

der Heilbehandlung oder des Eingriffs beziehen, sondern auf die Notwendigkeit

der Unterbringung. Dies ist sprachlich ungenau, da schon nach der Gesetzes-

begründung ersichtlich die fehlende Behandlungseinsicht im Vordergrund stand

(BT-Drucks. aaO S. 147; vgl. auch Damrau/Zimmermann aaO § 1906 Rdn. 48;

Rink in HK-BUR aaO Rdn. 26).

24

Da eine medizinische Maßnahme nur dann als notwendig im Sinne von

§ 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB angesehen werden kann, wenn sie rechtlich zulässig

ist, kann der Betreute auf dieser Rechtsgrundlage nur untergebracht werden,

wenn er während der Unterbringung auch behandelt werden darf (vgl. Damrau/

Zimmermann aaO Rdn. 50). Sähe man die zwangsweise Überwindung eines

der Behandlung entgegenstehenden Willens des Betreuten auch im Rahmen

einer Unterbringungsmaßnahme als unzulässig an, würde der Anwendungsbe-

reich des § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB von vornherein auf die - eher seltenen - Fäl-

le beschränkt, in denen der Betreute zwar die Notwendigkeit der medizinischen

Maßnahme bejaht oder jedenfalls trotz fehlender Behandlungseinsicht keinen

der medizinischen Maßnahme entgegenstehenden natürlichen Willen manifes-

tiert, in denen er aber nicht die Notwendigkeit der Unterbringung einsieht. Die

Vorschrift kann daher sinnvoll nur dahin ausgelegt werden, dass der Betreute

die notwendigen medizinischen Maßnahmen, in die der Betreuer zu seinem

Wohl eingewilligt hat und derentwegen der Betreute untergebracht werden darf,

unabhängig von seinem möglicherweise entgegenstehenden natürlichen Willen

während der Unterbringung zu dulden hat.

25

cc) Dieser Beurteilung steht auch § 70 g Abs. 5 Satz 2 FGG nicht entge-

gen. Richtig ist zwar, dass der Betreuer nach dieser Vorschrift nur bei der Zu-

führung zu einer Unterbringung nach § 70 Abs. 1 Nr. 2 FGG einen Anspruch auf

Unterstützung durch die zuständige Behörde hat, die ihrerseits aufgrund be-

sonderer gerichtlicher Entscheidung auch Gewalt anwenden darf. Auch wenn

demnach die Behörde den Betreuer nach erfolgter Unterbringung nicht mehr zu

unterstützen hat, lässt sich hieraus gegen die Zulässigkeit von Zwangsbehand-

lungen nichts entnehmen. Nach den Vorstellungen des Gesetzgebers bedarf

der Betreuer bei der eigentlichen Unterbringungsmaßnahme keiner behördli-

chen Unterstützung, weil er das Anstaltspersonal zur Unterstützung hinzuzie-

hen kann (Beschlussempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses BT-

Drucks. 11/6949, S. 84; vgl. auch Keidel/Kayser, FGG 15. Aufl. § 70g Rdn. 17).

Ersichtlich aus dem gleichen Grund enthält das Gesetz auch keine dem § 70g

Abs. 5 FGG entsprechende Vorschrift für den Vollzug unterbringungsähnlicher

Maßnahmen (§ 70 Abs. 1 Nr. 3 FGG), weil der personale Anwendungsbereich

des § 1906 Abs. 4 BGB von vornherein auf die in einer Einrichtung lebenden

Betreuten beschränkt ist und der Betreuer dort regelmäßig Hilfe bei der Aus-

übung von Zwang zu finden vermag.

26

Der Senat verkennt nicht, dass zufolge des beschränkten Anwendungs-

bereichs von § 70g Abs. 5 FGG der Vollzug einer von dem Betreuer genehmig-

ten Zwangsmaßnahme keiner weiteren vormundschaftsgerichtlichen Genehmi-

gung und damit keiner unmittelbaren gerichtlichen Kontrolle unterliegt, sofern

nicht zur Durchsetzung des Behandlungszwanges die Bewegungsfreiheit des

freiheitsentziehend Untergebrachten durch Maßnahmen nach § 1906 Abs. 4

BGB zusätzlich eingeschränkt werden soll (vgl. hierzu BayObLG FamRZ 1994,

721, 722 m.w.N.). Dieses Problem ist indessen vom Gesetzgeber erkannt und

das Genehmigungserfordernis für die Einwilligung in eine medizinische Maß-

nahme bewusst nicht davon abhängig gemacht worden, ob der Betreute die

Behandlung freiwillig oder nur unter Zwang duldet (BT-Drucks. 11/4528, S. 92).

27

3. Die Sache gibt weiterhin Anlass zu dem Hinweis, dass in der Geneh-

migung einer Unterbringung nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB die von dem Betreu-

ten zu duldende Behandlung so präzise wie möglich anzugeben ist, weil sich

nur aus diesen Angaben der Unterbringungszweck sowie Inhalt, Gegenstand

und Ausmaß der von dem Betreuten zu duldenden Behandlung hinreichend

konkret und bestimmbar ergeben (vgl. OLG Düsseldorf FamRZ 1995, 118); da-

zu gehören bei einer Behandlung durch Verabfolgung von Medikamenten in der

Regel auch die möglichst genaue Angabe des Arzneimittels oder des Wirkstof-

fes und deren (Höchst-) Dosierung sowie Verabreichungshäufigkeit; insoweit

kann es sich empfehlen, vorsorglich auch alternative Medikationen für den Fall

vorzusehen, dass das in erster Linie vorgesehne Medikament nicht die erhoffte

Wirkung hat oder vom Betreuten nicht vertragen wird.

Sprick

Weber-Monecke

Wagenitz

Ahlt

Dose

Vorinstanzen:

AG Verden, Entscheidung vom 01.11.2005 - 4 XVII 273/05 -

LG Verden, Entscheidung vom 13.12.2005 - 1 T 146/05 -

OLG Celle, Entscheidung vom 21.12.2005 - 17 W 132/05 -