BGH Urteil vom 10.12.2007 – II ZR 180/06
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
Verkündet am: 10. Dezember 2007 Vondrasek Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk: ja
BGHZ:
BGHR:
ja
ja
a) Die allgemeinen Kapitalaufbringungsregeln des GmbH-Rechts (§ 19 GmbHG) gel- ten auch bei der Komplementär-GmbH einer GmbH & Co. KG, ohne dass unter dem Gesichtspunkt einer "wirtschaftlichen Einheit" der beiden Gesellschaften ein "Sonderrecht" für die Kapitalaufbringung bei der Komplementär-GmbH anzuer- kennen wäre. Danach ist die Einlageforderung der (Komplementär-)GmbH nicht erfüllt, wenn die an sie gezahlten Einlagemittel umgehend als "Darlehen" an die von dem oder den Inferenten beherrschte KG weiterfließen (vgl. BGHZ 153, 107).
b) Aus den Kapitalerhaltungsregeln (§§ 30, 31 GmbHG) ergibt sich schon deswegen nichts anderes, weil diese Regeln erst nach dem ordnungsgemäß abgeschlosse- nen Kapitalaufbringungsvorgang anwendbar sind (vgl. Sen.Urt. v. 17. September 2001 - II ZR 275/99, ZIP 2001, 1997 f.).
BGH, Urteil vom 10. Dezember 2007 - II ZR 180/06 - OLG Jena LG Erfurt
Der
II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche
Verhandlung vom 3. Dezember 2007 durch den Vorsitzenden Richter
Prof. Dr. Goette und die Richter Kraemer, Dr. Strohn, Caliebe und Dr. Reichart
für Recht erkannt:
Auf die Rechtsmittel des Klägers wird unter Aufhebung des Urteils
des 6. Zivilsenats des Thüringer Oberlandesgerichts vom 28. Juni
2006 das Urteil der ersten Kammer für Handelssachen des Land-
gerichts Erfurt vom 28. Juni 2005 abgeändert und wie folgt ge-
fasst:
Die Beklagte zu 1 wird verurteilt, an den Kläger 20.451,68 € nebst
Zinsen hieraus i.H.v. 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz
seit 19. Juli 2003 zu bezahlen.
Die Beklagte zu 2 wird verurteilt, an den Kläger 10.225,84 € nebst
Zinsen hieraus i.H.v. 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz
seit 19. Juli 2003 zu bezahlen.
Von den Kosten des Rechtsstreits tragen die Beklagte zu 1 2/3,
die Beklagte zu 2 1/3.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger ist Insolvenzverwalter des Vermögens der P.
GmbH (nachfolgend Schuldnerin), die von den beiden Beklagten
am 14. Dezember 1996 gegründet worden ist. Satzungsgemäßer Gegenstand
ihres Unternehmens (§ 3 Abs. 1 Nr. 2 GmbHG) war laut Eintrag im Handelsre-
gister die Planung und Erbringung von Bauleistungen sowie "insbesondere" die
Übernahme der Komplementärfunktion in einer GmbH & Co. KG gleichen Na-
mens. Von dem Stammkapital der Schuldnerin i.H.v. 60.000,00 DM übernah-
men die Beklagte zu 1 40.000,00 DM (= 20.451,68 €) und die Beklagte zu 2
20.000,00 DM (= 10.225,84 €). Entsprechende Barbeträge übergaben die Väter
der Beklagten am 14. Dezember 1996 dem Geschäftsführer der Schuldnerin,
welche bis zuletzt kein eigenes Bankkonto unterhielt. Am 23. Dezember 1996
wurde der Gesamtbetrag von 60.000,00 DM mit der Kennzeichnung "Stamm-
einlage Verwaltungs GmbH" durch den Steuerberater der Gesellschaft, H.
S. (nachfolgend H.S.), auf das Bankkonto der GmbH & Co. KG zu dem
vereinbarten Zweck einer Darlehensgewährung seitens der Schuldnerin einbe-
zahlt. Kommanditisten der KG waren (und sind) die Beklagte zu 1 mit einer Ein-
lage von 40.000,00 DM sowie die Beklagte zu 2 und H.S. mit Einlagen von je
20.000,00 DM. Am 7. März 1997 wurde die Schuldnerin in das Handelsregister
eingetragen. Die in ihrer Bilanz aktivierte Darlehensforderung wurde seitens der
KG nie getilgt. Im Jahr 2001 wurde das Insolvenzverfahren über das Vermögen
der Schuldnerin und der KG eröffnet.
Mit seiner Klage verlangt der Kläger als Insolvenzverwalter der Schuld-
nerin von den Beklagten - nach vergeblicher Zahlungsaufforderung mit Fristset-
zung zum 18. Juli 2003 - erneute Zahlung der nach seiner Ansicht nicht wirk-
sam geleisteten Stammeinlagen. Die Klage blieb in beiden Vorinstanzen erfolg-
los. Mit seiner - von dem Berufungsgericht zugelassenen - Revision verfolgt der
Kläger die geltend gemachten Ansprüche (nebst Zinsen seit 19. Juli 2003) wei-
ter.
Entscheidungsgründe
Die Revision ist begründet und führt zur antragsgemäßen Verurteilung
der Beklagten.
I. Das Berufungsgericht (ZIP 2006, 1534) meint, die Einlageverpflichtun-
gen der Beklagten seien durch die hierauf geleisteten Zahlungen ihrer Väter
vom 14. Dezember 1996 wirksam erfüllt worden. In der Weiterleitung der Beträ-
ge an die KG vom 23. Dezember 1996 sei kein erfüllungsschädlicher (mittelba-
rer) Einlagenrückfluss an die Beklagten als Gesellschafterinnen der KG, son-
dern eine zulässige Verwendung der Einlagemittel zu sehen. Eine Komplemen-
tär-GmbH (wie die Schuldnerin) handele ihrer Aufgabenstellung gemäß, wenn
sie Finanzmittel als Darlehen in die KG als die eigentliche Betriebsgesellschaft
einbringe und damit ein Verkehrsgeschäft tätige. Die wirtschaftliche Einheit der
GmbH & Co. KG, speziell auch die Haftung der Komplementär-GmbH gegen-
zierung der KG durch die Stammeinlagen ihrer Komplementär-GmbH zu gestat-
ten. Der Gefahr, dass die Stammeinlagen der GmbH über die KG an die Ge-
sellschafter beider Gesellschaften zurückflössen, werde durch die umfassende
Kapitalbindung der GmbH & Co. KG in ausreichendem Maße begegnet.
II. Das Berufungsurteil (zust. Kunkel/Lanzius, NZG 2007, 529; Priester,
EWiR 2006, 497; Ivo, EWiR 2007, 237; a.A. OLG Hamm NZG 2007, 395, Revi-
sion II ZR 272/06; Janzen, DB 2006, 2108, 2110; Werner, GmbHR 2006, 942 f.;
zweifelnd Wachter, BB 2006, 1647) hält revisionsrechtlicher Nachprüfung nicht
stand. Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts sind die Einlageverpflich-
tungen der Beklagten (§ 19 Abs. 1 GmbHG) durch die von ihren Vätern (als
Dritten i.S. von § 267 BGB) geleisteten Zahlungen vom 14. Dezember 1996
nicht wirksam getilgt worden, weil die dem Geschäftsführer der Schuldnerin
übergebenen Beträge ihm nicht zu freier Verfügung verbleiben, sondern alsbald
als Darlehen an die von den beiden Beklagten gemeinsam beherrschte KG wei-
terfließen sollten.
1. Nach der Rechtsprechung des Senats liegt eine für die Erfüllung der
Einlageschuld (§ 19 Abs. 1 GmbHG) erforderliche Leistung zu freier Verfügung
der Geschäftsführung nicht vor, wenn der eingezahlte Einlagebetrag abspra-
chegemäß umgehend als Darlehen an den Inferenten oder an ein mit ihm ver-
bundenes Unternehmen zurückfließt (BGHZ 153, 107, 109, 111). Vielmehr leis-
tet der Inferent hier unter dem Gesichtspunkt der Kapitalaufbringung nichts. Die
Darlehensabrede ist unwirksam und kann nicht dazu führen, dass die prinzipiell
unverzichtbare Einlageforderung - entgegen dem Schutzzweck des § 19 Abs. 2
Satz 1 GmbHG - durch eine in dieser Hinsicht schwächere Darlehensforderung
ersetzt wird (BGHZ 165, 113, 116; 165, 352, 356). Anders als das Berufungsge-
richt meint, kommen diese Grundsätze auch im vorliegenden Fall zur Anwen-
dung.
a) Noch zutreffend sieht auch das Berufungsgericht einen entschei-
dungserheblichen Unterschied zwischen dem vorliegenden und dem Fall, der
dem Senatsurteil vom 2. Dezember 2002 (BGHZ 153, 107) zugrunde lag, nicht
schon darin, dass dort die an die GmbH gezahlten Einlagemittel an eine aus-
schließlich aus den Inferenten bestehende Gesellschaft (OHG) weitergereicht
wurden, während hier neben den beiden Beklagten auch noch der Steuerbera-
ter H. S. (mit einem Kommanditanteil von 20.000,00 DM) an der KG beteiligt
war. Der Tatbestand einer Umgehung der Kapitalaufbringungsregeln durch Hin-
und Herzahlen setzt eine personelle Identität zwischen dem Inferenten und dem
Zahlungsempfänger nicht voraus; es genügt vielmehr, dass der oder die Infe-
renten durch die Weiterleitung des Einlagebetrages bei wirtschaftlicher Betrach-
tung mittelbar in gleicher Weise begünstigt werden, wie durch eine unmittelbare
Leistung an sie selbst, was insbesondere bei der Leistung an ein von dem oder
den Inferenten beherrschtes Unternehmen der Fall ist (BGHZ 125, 141, 144;
153, 107, 111; 166, 8, 15 Tz. 18; 170, 47, 53 Tz. 15). Die beiden mit Komman-
ditanteilen von 40.000,00 DM und 20.000,00 DM beteiligten Beklagten be-
herrschten die KG zwar nicht jeweils einzeln. Das ist hier aber unerheblich, weil
beide Beklagte das gleichgerichtete Interesse verfolgten, die von ihnen jeden-
falls gemeinsam beherrschte KG mit der für ihren Betrieb erforderlichen Liquidi-
tät (über die angeblich eingezahlten Kommanditeinlagen hinaus) auszustatten
und dazu die an die GmbH zu zahlenden (und ihr gebührenden) Bareinlagebe-
träge zu verwenden (vgl. BGHZ 153, 107, 111; 166, 8, 15 Tz. 19). Von einer
entsprechenden Vor-Absprache der Beteiligten bei Begründung der Einlage-
schuld ist schon wegen des fehlenden Bankkontos der Schuldnerin, unabhän-
gig davon aber auch aufgrund des zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs
mit der Weiterleitung der Einlagemittel auszugehen (vgl. BGHZ 152, 37, 45;
153, 107, 109; Sen.Urt. v. 16. September 2002 - II ZR 1/00, ZIP 2002, 2045,
2048). Durch die gewählte Darlehenskonstruktion haben sich die Beklagten die
Aufbringung zusätzlicher Mittel zum Zwecke der maßgeblich in ihrem Interesse
liegenden Anschubfinanzierung des Betriebs der KG erspart. Die Situation ist
bei wirtschaftlicher Betrachtung unter dem Gesichtspunkt der Kapitalaufbrin-
gung nicht anders zu beurteilen als der Fall, dass sich der Inferent die Einlage-
mittel zurückzahlen lässt und damit der KG selbst ein Darlehen gewährt. Von
einer Barleistung zu freier Verfügung des Geschäftsführers der GmbH kann
unter den vorliegenden Umständen keine Rede sein. Vielmehr sollte die Barein-
lage von vornherein über die Schuldnerin als bloße Zahlstelle an die KG fließen
und der Schuldnerin nur ein (vermeintlicher) Darlehensrückzahlungsanspruch
verschafft werden (vgl. BGHZ 153, 107, 111).
b) Soweit demgegenüber das Berufungsgericht die Einlagenzahlung un-
ter dem Gesichtspunkt einer "wirtschaftlichen Einheit" der GmbH & Co. KG für
wirksam erachtet, ist das schon im Ansatz verfehlt. Einer entsprechenden Er-
wägung (so K.Schmidt, DB 1985, 1986) ist der Senat bereits im Urteil vom
25. November 1985 (II ZR 48/85, ZIP 1986, 161 f.) entgegengetreten. Davon
abzugehen, besteht - auch nach erneuter Prüfung unter dem Gesichtspunkt der
seither in Rechtsprechung und Schrifttum geführten Diskussion - kein Anlass.
Festzuhalten ist vielmehr daran, dass die KG und ihre Komplementär-GmbH
hinsichtlich der Regeln über die Kapitalaufbringung und -erhaltung selbst dann
nicht als Einheit behandelt werden können, wenn die GmbH neben der Führung
der Geschäfte der KG keine weitere Tätigkeit ausübt. Denn zum einen können
der GmbH auch in diesem Fall eigene originäre Verbindlichkeiten, z.B. in Form
von Steuerschulden oder aufgrund von Aufwendungen, die von der KG nicht
erstattet werden, entstehen (Senat aaO; Wachter, GmbHR 2004, 1249, 1255;
Werner GmbHR 2006, 942 f.; a.A. ohne nähere Begründung Priester, EWiR
2006, 497 f.). Für Eigenschulden der GmbH haftet die KG - anders als die
GmbH für Schulden der KG (§ 128 HGB) - nicht. Zum anderen sind nicht nur
die Eigengläubiger der GmbH, sondern auch die Gläubiger der KG, die das
Recht haben, die persönlich haftende Gesellschafterin in Anspruch zu nehmen,
auf die Haftungsmasse der GmbH angewiesen. Wird aber die ihr gebührende
Stammeinlage umgehend als Darlehen an die KG weitergereicht, so hängt die
Solvenz der Komplementär-GmbH von vornherein von derjenigen der KG ab.
Das widerspricht der Funktion der Komplementär-GmbH als persönlich haften-
de Gesellschafterin, deren genuine Aufgabe es - entgegen der Ansicht des Be-
rufungsgerichts - keineswegs ist, Finanzmittel aus ihrem gesetzlichen Garantie-
kapital "in die KG als der eigentlichen Betriebsgesellschaft einzubringen" und
ihr als Darlehen mit mehr oder weniger zweifelhafter Aussicht auf Rückzahlung
zu belassen (vgl. auch v. Gerkan, WuB II G. § 19 GmbHG 2.03, 891, 892). Des-
wegen handelt es sich hier auch nicht, wie das Berufungsgericht meint, um ein
"Verkehrsgeschäft" (vgl. auch BGHZ 170, 47 Tz. 21 ff.). Soweit die Komplemen-
tär-GmbH aufgrund ihrer Haftung gemäß § 128 HGB Gläubiger der KG befrie-
digt, erwächst ihr ein grundsätzlich sofort fälliger Rückgriffsanspruch gegen die
Richtigerweise treffen bei der GmbH & Co. KG die unterschiedlichen Ka-
pitalschutzsysteme der Komplementär-GmbH einerseits und der KG anderer-
seits aufeinander, mit der Folge, dass die Gesellschafter beider Gesellschaften
ihre Einlageverpflichtungen ihnen gegenüber jeweils gesondert zu erfüllen und
die Vermögensmassen beider getrennt zu halten haben (vgl. K.Schmidt, Ge-
sellschaftsrecht, 4. Aufl. § 56 V 1 S. 1653 f.; Werner, GmbHR 2006, 942). Nach
der gesetzgeberischen Konzeption sind die Komplementär-GmbH und die KG
für die Zwecke der Kapitalaufbringung und -erhaltung grundsätzlich als jeweils
selbständige Unternehmen anzusehen (vgl. OLG Koblenz GmbHR 1989, 377 f.;
K.Schmidt aaO; Baumbach/Hueck/Fastrich, GmbHG 18. Aufl. § 30 Rdn. 33;
Pentz in Rowedder/Schmidt-Leithoff, GmbHG 4. Aufl. § 30 Rdn. 66). Ebenso
wenig wie nach bisheriger Rechtslage ein "Sonderrecht" der Kapitalaufbringung
für die in ein Cash-Pool-System einbezogenen Gesellschaften mit beschränkter
Haftung anzuerkennen ist (dazu BGHZ 166, 8), rechtfertigt das Interesse der an
einer GmbH & Co. KG maßgeblich beteiligten Gesellschafter, der Komplemen-
tär-GmbH geschuldete Einlagemittel in die KG als "eigentliche Betriebsgesell-
schaft" einzubringen, eine Abweichung von den geltenden Kapitalaufbringungs-
regeln. Das gilt gleichviel, ob die Komplementär-GmbH die Einlagemittel zur
Begleichung eigener oder von Verbindlichkeiten der KG (§ 128 HGB) aktuell
benötigt oder nicht (a.A. Priester aaO), und gilt im Übrigen erst recht dann,
wenn der satzungsgemäße Zweck der Komplementär-GmbH auch eine jeder-
zeit aufnehmbare eigenwirtschaftliche Betätigung einschließt, wie hier aus der
Registereintragung der Schuldnerin ersichtlich.
c) Unter dem Gesichtspunkt der Kapitalaufbringungsregeln fehlgehend
ist schließlich die Ansicht des Berufungsgerichts, es liege bei der hier gegebe-
nen Fallkonstellation - anders als bei derjenigen
im Senatsurteil vom
2. Dezember 2002 (BGHZ 153, 107) - deshalb kein unzulässiges Hin- und
Herzahlen, sondern eine wirksame Einlageleistung der Beklagten vor, weil bei
der GmbH & Co. KG durch entsprechende Anwendbarkeit von §§ 30, 31
GmbHG verhindert werde, dass die Inferenten auf die an die KG weitergeleite-
ten Einlagemittel Zugriff nehmen könnten (i.d.S. auch OLG Köln GmbHR 2002,
968; K.Schmidt, DB 1985, 1986; ders. Gesellschaftsrecht aaO, S. 1655;
Kunkel/Lanzius, NZG 2007, 527, 529). Richtig ist zwar, dass nach ständiger
Rechtsprechung des Senats Zahlungen aus dem Vermögen einer GmbH & Co.
KG an deren Kommanditisten in entsprechender Anwendung der §§ 30, 31
GmbHG unzulässig sind, wenn dadurch mittelbar eine Unterdeckung des
Stammkapitals der Komplementär-GmbH eintritt (vgl. BGHZ 60, 324, 328 f.; 69,
274, 279; 110, 342, 358; 123, 289, 296; Sen.Urt. v. 6. Juli 1998 - II ZR 284/94,
ZIP 1998, 1437 f.). Abgesehen davon, dass in diesem Fall der Anspruch aus
§ 31 GmbHG analog nicht der Komplementär-GmbH, sondern der KG zusteht
(vgl. BGHZ 60, 324, 329 f.; 110, 342, 346), betrifft das jedoch lediglich den As-
pekt und die Regeln der Kapitalerhaltung, deren Anwendung einen ordnungs-
gemäß abgeschlossenen Kapitalaufbringungsvorgang voraussetzt (vgl. Sen.Urt.
v. 17. September 2001 - II ZR 275/99, ZIP 2001, 1997 f.). Dieser unterliegt, wie
aus den unterschiedlichen Vorschriften der §§ 19 und 30 GmbHG hervorgeht,
seinen eigenen, für ihn maßgeblichen Regeln, die hier, wie bereits dargelegt,
nicht beachtet worden sind (vgl. oben 1 a).
Dagegen können die - mangels eines ordnungsgemäß abgeschlossenen
Kapitalaufbringungsvorgangs ohnehin nicht anwendbaren - Kapitalerhaltungs-
stoß gegen die Grundsätze ordnungsgemäßer Kapitalaufbringung setzt in den
Fällen der Weiterleitung des Einlagebetrages an ein von dem Inferenten be-
herrschtes Unternehmen nicht voraus, dass der Inferent dadurch einen unmit-
telbaren Zugriff auf den Einlagebetrag erlangt, den er z.B. auch bei "darlehens-
weiser" Weiterleitung an eine andere von ihm beherrschte GmbH nicht erhielte,
soweit und solange dort durch eine Entnahme des Betrages eine Unterbilanz
entstünde oder vertieft würde (§ 30 GmbHG; vgl. z.B. BGHZ 136, 125, 127).
Insofern wäre auch in diesem Fall der Rückzahlungsanspruch der Einlagegläu-
bigerin aus der mit der zweiten GmbH getroffenen (in Wahrheit rechtsunwirk-
samen; vgl. BGHZ 165, 113, 116; 165, 352, 356) "Darlehensabrede" mittelbar
geschützt. Der Anspruch der zweiten GmbH aus § 31 GmbHG entspräche dem-
jenigen der KG in dem oben genannten Fall. Darauf kommt es indessen in den
genannten Weiterleitungsfällen nicht an. Vielmehr liegt hier der Verstoß gegen
die Grundsätze ordnungsgemäßer Kapitalaufbringung schon darin, dass die
einer GmbH geschuldeten Bareinlagemittel von dem Inferenten realiter nicht ihr,
sondern einer anderen von ihm beherrschten Gesellschaft zur Verfügung ge-
stellt werden, er sich also einer - ihm als Gesellschafter obliegenden - zweifa-
chen Finanzierungsaufgabe durch einmalige Leistung für Rechnung sowie zum
Nachteil der ersten Gesellschaft und ihrer Gläubiger entledigt. Soweit dieses
Vorgehen darauf abzielt, der einen Gesellschaft anstelle der ihr geschuldeten
Bareinlage einen "Darlehensrückzahlungsanspruch" gegen die andere Gesell-
schaft zu verschaffen, befreit das den Inferenten schon nach der gesetzlichen
Regelung des § 19 Abs. 5 GmbHG nicht von seiner Bareinlageverpflichtung,
wobei dahinstehen kann, ob es sich um eine verdeckte Sacheinlage i.e.S. han-
delt (so BGHZ 153, 107, 111; Sieger/Wirtz, ZIP 2005, 2277 f.; a.A. Bayer,
GmbHR 2004, 445, 451; einschränkend BGHZ 165, 113, 117), wie die Revision
meint. Die Regeln der Kapitalaufbringung (und der Kapitalerhaltung) können
zwar nicht verhindern, dass das Stammkapital einer GmbH im Lauf der Zeit
durch Verluste aufgezehrt wird; sie sollen aber sicherstellen, dass der Gesell-
schaft die ihr von dem Inferenten geschuldeten (Bar-)Einlagemittel real zur Ver-
fügung gestellt werden. Hinsichtlich der Kapitalaufbringung bei der Komplemen-
tär-GmbH einer GmbH & Co. KG gilt nichts anderes; sie unterliegt - als GmbH -
den dargestellten Grundsätzen des GmbH-Rechts mit der Folge, dass die Ein-
lageschuld der Beklagten fortbesteht.
2. Die von den Beklagten hinsichtlich einer vermeintlichen "Differenzhaf-
tung" erhobene Verjährungseinrede greift nicht durch. Der dem Kläger zuste-
hende Anspruch auf erneute Einlagenzahlung (§ 19 Abs. 1 GmbHG) unterlag
gemäß Art. 229 § 6 Abs. 4 Satz 1 EGBGB bis zum 1. Januar 2002 der 30-
jährigen Verjährungsfrist des § 195 a.F. BGB (vgl. BGHZ 153, 107, 111;
Sen.Urt. v. 24. Juli 2000 - II ZR 202/98, WM 2000, 2301, 2303 f.) und von da an
ursprünglich der dreijährigen Verjährungsfrist des § 195 n.F. BGB, welche
durch die im Jahr 2003 erhobene Klage gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB ge-
hemmt wurde.
3. Der Zinsanspruch des Klägers rechtfertigt sich aus §§ 20 GmbHG, 288
Abs. 1 Satz 1 BGB.
Goette
Kraemer
Strohn
Caliebe
Reichart
Vorinstanzen:
LG Erfurt, Entscheidung vom 28.06.2005 - 1 HKO 252/03 -
OLG Jena, Entscheidung vom 28.06.2006 - 6 U 717/05 -