Rechtsprechung / BPatG / 2002
BPatG Beschluss vom 07.05.2002 – 33 W (pat) 253/01
33. Senat
BUNDESPATENTGERICHT
_______________
(Aktenzeichen)
B E S C H L U S S
In der Beschwerdesache
…
betreffend die Markenanmeldung 399 01 875.1
hat der 33. Senat (Marken-Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts in der
Sitzung vom 7. Mai 2002 unter Mitwirkung des Richters v. Zglinitzki als Vorsitzendem, der Richterin Dr. Hock und des Richters k.A. Kätker 10.99
beschlossen:
Auf die Beschwerde der Anmelderin wird der Beschluß der Markenstelle für Klasse 35 des Deutschen Patent- und Markenamts vom
31. Mai 2001 aufgehoben und die Sache zur erneuten Prüfung und
Entscheidung an das Deutsche Patent- und Markenamt zurückverwiesen.
G r ü n d e
I
Beim Deutschen Patent- und Markenamt ist am 15. Januar 1999 die Wortmarke
Zentralruf der Autoversicherer
für die Dienstleistungen
"Klasse 35: Werbung und Geschäftswesen; Aufstellung von
Statistiken; Erteilung von Auskünften in Geschäftsangelegenheiten sowie nach § 39 Abs 2 StVG; Vermittlung von Abschleppdiensten;
Klasse 38: Telekommunikationsdienstleistungen;
Klasse 39: Transportwesen; Abschleppen von Kraftfahrzeugen;
Rettung von Personen;
Klasse 42: Nachforschungen in Versicherungsangelegenheiten,
insbesondere auf dem Gebiet der Kraftfahrzeugversicherung; Erteilung von Auskünften über die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung eines Unfallgegners;
Vermittlung von Kontakt zur Kfz-Haftpflichtversicherung eines Unfallgegners oder einer eigenen
Kasko- und Haftpflichtversicherung; Entgegennahme
und Weiterleitung von Angaben zu einem Schadensereignis an den zuständigen Versicherer; Datenbankservice für in der BRD zugelassene Kfz mitsamt
den dazugehörigen Kfz-Versicherern; Ermittlung des
zuständigen Versicherers eines an einem Unfall
beteiligten Kraftfahrzeugs; Betreiben der Notrufabfrage an Bundesautobahnen; Bearbeitung der bei
den Notrufabfragen an Bundesautobahnen eingehenden Meldungen; Dienstleistungen im Hinblick auf die
Notrufabfrage an Bundesautobahnen, insbesondere in
Zusammenarbeit mit Polizei, Rettungsleitstellen und
ähnlichen Institutionen"
zur Eintragung in das Register angemeldet worden. Die ursprünglich ebenfalls
enthaltenen Dienstleistungen "telefonischer Bereitschaftsdienst für die vorgenannten Dienstleistungen" in der Klasse 42 hat die Anmelderin nach der
Beanstandung der Anmeldung gestrichen.
Die Markenstelle für Klasse 35 hat die Anmeldung durch den von einem Mitglied
des Patentamts erlassenen Beschluß vom 31. Mai 2001 gemäß §§ 8 Abs 2 Nr 1
und 2, 37 Abs 1 MarkenG wegen fehlender Unterscheidungskraft sowie wegen
eines Freihaltungsbedürfnisses an einer beschreibenden Angabe mit der Begründung zurückgewiesen, die Anmeldemarke stelle in ihrer konkreten Zusammensetzung hinsichtlich der beanspruchten Dienstleistungen eine unmittelbar beschreibende Angabe dar, da sie lediglich darauf hinweise, daß die beanspruchten
Dienstleistungen zentral erbracht werden und die Versicherten diese über eine
zentrale Rufnummer in Anspruch nehmen könnten. Die angemeldete Marke enthalte also eine beschreibende Angabe über die Art der Erbringung der Dienstleistungen.
Die Anmelderin hat gegen diese Entscheidung des Patentamts Beschwerde eingelegt. Sie beantragt,
den angefochtenen Beschluß aufzuheben,
und trägt im wesentlichen vor, sie akzeptiere, daß die Anmeldemarke von Hause
aus nicht schutzfähig sei. Sie mache aber Verkehrsdurchsetzung gemäß § 8
Abs 3 MarkenG geltend, die sie durch die Verkehrsbefragung und ein Gutachten
eines Meinungsforschungsinstituts nachweisen wolle. Sie biete unter der Bezeichnung "Zentralruf der Autoversicherer" seit rund 30 Jahren eine Dienstleistung an,
die den an einem Verkehrsunfall oder deren Abwicklung Beteiligten ermögliche,
die Kraftfahrzeugversicherung des Unfallgegners in Erfahrung zu bringen. Darüber
hinaus könne jeder Versicherungsnehmer über den "Zentralruf der Autoversicherer" mit seiner eigenen Kasko- und Kfz-Haftpflichtversicherung in Kontakt treten,
insbesondere im Falle des Abschlusses einer Pannendeckung. Der "Zentralruf der
Autoversicherer" sei 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche telephonisch und
über das Internet erreichbar. Sie sei bundesweit die einzige Anbieterin der genannten Dienstleistung und werbe auch in erheblichem Umfang.
Wegen der übrigen Einzelheiten des Vorbringens der Anmelderin wird auf ihre
Schriftsätze Bezug genommen.
II
Der Senat hebt die angefochtene Entscheidung der Markenstelle des Patentamts
gemäß § 70 Abs 3 Nr 3 MarkenG auf, ohne in der Sache selbst zu entscheiden,
weil die Anmelderin im Beschwerdeverfahren erstmalig die Verkehrsdurchsetzung
der angemeldeten Marke "Zentralruf der Autoversicherer" gemäß § 8 Abs 3
MarkenG geltend macht und dazu neue Tatsachen vorträgt.
Die Markenstelle hat die Schutzfähigkeit der angemeldeten Marke zwar zunächst
zutreffend wegen der Schutzhindernisse gemäß § 8 Abs 2 Nr 1 und 2 MarkenG
verneint. Dies räumt die Beschwerdeführerin auch ein, so daß es hierzu keiner
weiteren Ausführungen bedarf. Da die Anwendung der Vorschriften des § 8 Abs 2
Nr 1 und 2 MarkenG jedoch im Falle der Verkehrsdurchsetzung gemäß § 8 Abs 3
MarkenG ausgeschlossen ist, wird die Entscheidung nunmehr von der Prüfung
und Beurteilung der Eintragungsvoraussetzungen nach §§ 8 Abs 3, 37 Abs 2
MarkenG abhängen.
Nach Auffassung des Senats reicht der Vortrag der Anmelderin - im vorliegenden
außergewöhnlichen Fall - allerdings nur hinsichtlich eines Teils der beanspruchten
Dienstleistungen zur sog. Glaubhaftmachung aus.
Da das Erfordernis der vorherigen Glaubhaftmachung nur verhindern soll, daß in
aussichtslosen Fällen aufwendige Ermittlungen angestellt werden müssen, sind
überzogene Anforderungen zwar nicht gerechtfertigt; vielmehr reicht aus, daß
nach dem schlüssigen Vortrag und den vorgelegten Unterlagen eine Verkehrsdurchsetzung als möglich erscheint (vgl Althammer/Ströbele, Markengesetz,
6. Auflage 2000, § 8 Rdn 211; Richtlinie Markenanmeldungen BlPMZ 1995, 378,
389 f).
Die Angaben der Anmelderin, die sich weitgehend mit Kenntnissen des Senats
decken, insbesondere auch aus einer Internet-Recherche - demnach wenden sich
etwa 500.000 Unfallopfer oder deren Rechtsanwälte pro Jahr an den "Zentralruf
der Autoversicherer" -, beziehen sich aber nur auf die beanspruchten Dienstleistungen
"Erteilung von Auskünften über die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung eines Unfallgegners; Vermittlung von Kontakt zur
Kfz-Haftpflichtversicherung eines Unfallgegners oder einer eigenen
Kasko-
und Haftpflichtversicherung; Entgegennahme
und
Weiterleitung von Angaben zu einem Schadenereignis an den
zuständigen Versicherer; Datenbankservice für in der BRD zugelassene Kfz mitsamt den dazugehörigen Kfz-Versicherern; Ermittlung des zuständigen Versicherers eines an einem Unfall beteiligten
Kraftfahrzeugs."
Daher sollte das Dienstleistungsverzeichnis der Anmeldung vor Aufnahme von
Ermittlungen der Markenstelle und vor der Endverbraucherbefragung durch ein
Meinungsforschungsinstitut noch dementsprechend eingeschränkt werden (vgl
Althammer/Ströbele aaO; Richtlinie Markenanmeldungen aaO).
Da es sich bei dem "Zentralruf der Autoversicherer" offenbar um eine seit etwa
drei Jahrzehnten bestehende monopolartige Einrichtung der gesamten Branche
der Kraftfahrzeug-Versicherungsunternehmen handelt, wird die Markenstelle hinsichtlich der Fragestellungen und der Auswertung der in den breiten Kreisen der
Straßenverkehrsteilnehmer erforderlichen Meinungsumfrage auch besonders darauf zu achten haben, inwiefern die Bezeichnung "Zentralruf der Autoversicherer"
tatsächlich einem bestimmten Unternehmen zugeordnet wird (vgl dazu: EuGH
GRUR 1999, 723, 727 Ez 46, 47 - Chiemsee).
v. Zglinitzki
Dr. Hock
Kätker
Cl