Rechtsprechung / BPatG / 2004
BPatG Beschluss vom 05.10.2004 – 27 W (pat) 173/03
27. Senat
BUNDESPATENTGERICHT
27 W (pat) 173/03 _______________________
(Aktenzeichen)
…
B E S C H L U S S
In der Beschwerdesache
betreffend die Marke 300 89 627 10.99
hat der 27. Senat (Marken-Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts durch die
Vorsitzende Richterin am Bundespatentgericht Dr. Schermer, den Richter
Dr. van Raden und die Richterin Prietzel-Funk am 5. Oktober 2004
beschlossen:
1. Auf die Beschwerde der Widersprechenden wird der Beschluss
der Markenstelle 25 des Deutschen Patent- und Markenamtes
vom 3. April 2003 aufgehoben.
2. Die Löschung der Marke 300 89 627 wird aufgrund des Widerspruchs aus der Marke 399 06 853 angeordnet.
3. Die Beschwerde der Widersprechenden hinsichtlich der Gemeinschaftsmarke 49 296 ist zur Zeit gegenstandslos.
G r ü n d e
I.
Gegen die Eintragung der Wort/Bildmarke
für die Waren
„Lederwaren, soweit in Klasse 18 enthalten; Lederwaren, nämlich
Lederbekleidung, Lederoberbekleidung, Lederunterwäsche“
ist Widerspruch eingelegt worden aus der prioritätsälteren Gemeinschaftsmarke
49 296
eingetragen unter anderem für die Waren
„Leder- und Lederimitationen sowie Waren daraus (soweit in
Klasse 18 enthalten), insbesondere Kleinlederwaren; Reise- und
Handkoffer; Taschen; Regen- und Sonnenschirme. Bekleidungsstücke für Damen, Herren und Kinder; Strümpfe; Kopfbedeckungen; Unterwäsche; Nachtwäsche; Badebekleidung; Bademäntel;
Gürtel; Schals; Accessoires, nämlich Kopftücher, Halstücher,
Schultertücher, Einstecktücher; Krawatten; Handschuhe; Schuhe;
Gürtel aus Leder“,
sowie aus der Wortmarke
BALDESSARINI
eingetragen unter der Nr. 399 06 853 unter anderem für die Waren
„Leder und Lederimitationen sowie Waren daraus (soweit in
Klasse 18 enthalten), insbesondere Kleinlederwaren; Reise- und
Handkoffer; Taschen; Regen- und Sonnenschirme; Gürtel aus Leder; Bekleidungsstücke für Damen, Herren und Kinder; Strümpfe;
Kopfbedeckungen; Unterwäsche; Nachtwäsche; Badebekleidung;
Bademäntel; Gürtel; Schals; Accessoires, nämlich Kopftücher,
Halstücher, Schultertücher, Einstecktücher; Krawatten; Handschuhe; Schuhe“.
Die Markenstelle der Klasse 25 des Deutschen Patent- und Markenamtes hat mit
Beschluss vom 3. April 2003 beide Widersprüche zurückgewiesen. Zur Begründung hat sie ausgeführt, auch bei Anlegung strengster Maßstäbe seien die sich
gegenüberstehenden Marken nicht verwechselbar, selbst wenn man davon ausgehe, dass auch die Gemeinschaftsmarke (als Wort/Bildmarke) von einem erheblichen Teil des Publikums nur mit ihrem Markenteil „Baldessarini“ benannt werde.
Denn die beiden Markenteile des jüngeren Zeichens bildeten erkennbar einen einheitlichen Gesamtnamen. Es seien keine Gründe ersichtlich, weshalb die angesprochenen Verkehrsteilnehmer nur dem Nachnamen „baldessari“ eine prägende
Wirkung beimessen sollten. Einen Erfahrungssatz, dass Gesamtnamen vom Verkehr regelmäßig auf einen Namensteil verkürzt würden, gebe es nicht. Eine Verkürzung auf nur einen Namensteil könne vielmehr nur bei Vorliegen besonderer
Umstände angenommen werden. Solche seien hier schon deswegen nicht
gegeben, weil es sich bei „leni baldessari“ nicht um eine beliebige, sondern auch
vom Klangbild her zusammengehörige Namensfolge handele, die eine prägnante
Gesamtwirkung entfalte und die Einheitlichkeit von Vor- und Familiennamen besonders betone. Eine geradezu willkürliche Aufspaltung dieses fantasievollen Gesamtnamens sei auszuschließen. Stelle man daher die Zeichen in ihrer Klangfolge
insgesamt gegenüber, so ergäben sich so offensichtliche Unterschiede, dass die
Gefahr von Verwechslungen ausgeschlossen werden könne. Schriftbildlich unterschieden sich die gegenüberstehenden Marken ebenfalls hinreichend. Ebenso
scheide die Gefahr einer assoziativen Verwechslung der Marken aus, weil Übereinstimmungen in einzelnen unselbständigen Markenbestandteilen nicht geeignet
seien, die hohen Anforderungen an die Annahme einer mittelbaren Verwechslungsgefahr zu erfüllen, und der Verkehr den übereinstimmenden Bestandteil auch
nicht als Stammzeichen der Widersprechenden werten werde.
Gegen diesen Beschluss richtet sich die Beschwerde der Widersprechenden. Zur
Begründung führt sie aus, der Name „baldessari“ sei in dem jüngeren Zeichen so
charakteristisch, dass der Verkehr diesen als alleinigen Markennamen ansehen
und ihn mit den Widerspruchsmarken – bei identischen Waren – verwechseln
werde, zumal die Marke BALDESSARINI eine der großen, bekannten und geschätzten Designermarken der im Markt weithin bekannten Widersprechenden sei
und der Verkehr - fälschlich - annehmen werde, es bestünden geschäftliche Beziehungen und Verbindungen zwischen den Beteiligten.
Die Widersprechende beantragt,
den angefochtenen Beschluss aufzuheben und die Löschung der
Marke 300 89 627 anzuordnen.
Die Markeninhaberin hat sich im Widerspruchsverfahren zunächst von einem Inlandsvertreter vertreten lassen. Nach der Niederlegung seines Mandats schon im
Widerspruchsverfahren hat die Markeninhaberin trotz gerichtlicher Aufforderung
keinen neuen Inlandsvertreter benannt.
II.
Die zulässige Beschwerde ist begründet. Die angegriffene Marke ist zu löschen,
weil die Gefahr der Verwechslung zwischen der angegriffenen Marke und jedenfalls der Widerspruchsmarke 399 06 853 „BALDESSARINI“ im Sinne des §§ 42
Abs. 2 Nr. 1, 9 Abs. 1 Nr. 2 MarkenG besteht.
Gemäß § 9 Abs. 1 Nr. 2 MarkenG kann eine Marke gelöscht werden, wenn wegen
ihrer Ähnlichkeit mit einer angemeldeten oder eingetragenen Marke mit älterem
Zeitrang und der Identität oder der Ähnlichkeit der durch die beiden Marken erfassten Waren oder Dienstleistungen für das Publikum die Gefahr von Verwechslungen besteht, einschließlich der Gefahr, dass die Marken gedanklich miteinander in Verbindung gebracht werden.
Die Verwechslungsgefahr ist nach ständiger Rechtsprechung unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalles zu beurteilen. Hierzu gehören insbesondere
die Ähnlichkeit der sich gegenüberstehenden Marken, die Ähnlichkeit der mit ihnen gekennzeichneten Waren sowie die Kennzeichnungskraft der älteren Marke.
Dabei besteht zwischen diesen Faktoren eine Wechselbeziehung in der Weise,
dass ein geringerer Grad der Ähnlichkeit der Marken durch einen höheren Grad
der Ähnlichkeit der Waren oder eine erhöhte Kennzeichnungskraft der älteren
Marke ausgeglichen werden kann (vgl EuGH GRUR 1998, 387, 389 Tz. 22 –
Sabèl/Puma; GRUR Int. 1999, 734, 736 – Lloyd; BGH GRUR 2000, 506, 508 –
ATTACHÉ/TISSERAND; GRUR 2004, 235, 237 – Davidoff II; GRUR 2004, 239 –
DONLINE). Das bedeutet, dass bei starker Ähnlichkeit oder gar Identität der Waren und einer normalen Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke die Gefahr
von Verwechslungen schon bei einer geringeren Ähnlichkeit der Marken anzunehmen sein kann.
Im vorliegenden Fall sind die Waren der jüngeren Marke von dem Oberbegriff
„Bekleidungsstücke“, für den die Widerspruchsmarke geschützt ist, voll umfasst,
so dass Warenidentität vorliegt. Die Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke,
die aus dem - auch als Modelabel verwendeten - Namen des seit langem für die
Widersprechende tätigen Designers „Baldessarini“ besteht, ist aufgrund der starken Marktpräsenz der mit „Baldessarini“ gekennzeichneten Waren an der oberen
Grenze des durchschnittlichen Bereichs anzusiedeln (vgl dazu Ströbele/Hacker,
MarkenG, 7. Aufl., § 9 Rdn. 290).
Unter diesen Umständen kann der Abstand, den die angegriffene Marke zu der
Widerspruchsmarke 399 06 853 hält, nicht als ausreichend erachtet werden, um in
klanglicher Hinsicht die Gefahr von Markenverwechslungen auszuschließen.
Die Ähnlichkeit kollidierender Marken ist grundsätzlich im Rahmen eines Vergleichs der Zeichen im Klang, im (Schrift)Bild und im Bedeutungsgehalt zu überprüfen, weil Marken auf die angesprochenen Abnehmerkreise in klanglicher, bildlicher und begrifflicher Hinsicht wirken (stRspr., EuGH GRUR 1998, 387, 389 Tz.
23 – Sabèl/Puma; GRUR Int. 1999, 734, 736 Tz. – Lloyd; BGH GRUR 1999, 241,
243 – Lions; 1999, - Schlüssel; GRUR 2000, 506, 508 – ATTACHÉ/TISSERAND).
Die Markenstelle hat insoweit zwar zutreffend ausgeführt, dass die angegriffene
Marke bei der rein visuellen Wahrnehmung in ihrem durch das auffallende Bildemblem mitgeprägten Gesamteindruck keinen Anlass für Verwechslungen mit der
Widerspruchsmarke bietet. Jedoch wahrt die angegriffene Marke den hinreichenden Zeichenabstand in klanglicher Hinsicht nicht. Bei der klanglichen Wiedergabe
eines aus Wort- und Bildbestandteilen zusammengesetzten Zeichens gilt der Erfahrungssatz, dass sich der Verkehr regelmäßig nur an den Wortbestandteilen orientiert, weil diese die einfachste Form der Benennung im mündlichen Geschäftsverkehr bilden (stRspr., BGH aaO – Lions; GRUR 2002, 167, 169 – Bit/Bud; 2002,
- Frühstücksdrink I; 2004, 778, 779 – EURO 2000). Die sich gegenüberstehenden
Markenworte lauten in ihrer vollständigen Form „Baldessarini“ und „leni baldessari“. Wird die angegriffene Marke mit ihrem vollständigen Wortbestandteil „leni
baldessari“ benannt, ist aber kaum damit zu rechnen, dass der kurze Vorname
„leni“ vom angesprochenen Verkehr akustisch immer bewusst wahrgenommen
wird. Dagegen spricht einerseits die ungewöhnliche Länge des als Nachname romanischsprachigen Ursprungs ohne weiteres erkennbaren Worts „baldessari“, das
wegen seiner vokalreichen klangtragenden Wirkung den Gesamteindruck dominiert und den kurzen Vornamen akustisch stark überlagert. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass das Zeichen „leni baldessari“ beim mündlichen Warenkauf
vielfach eher schnell gesprochen wird, was der Gefahr des Überhörens des Vornamens zusätzlich Vorschub leistet. Hinzu kommt als weiterer wesentlicher Gesichtspunkt, dass es sich, wie oben bereits ausgeführt, bei der Widerspruchsmarke „Baldessarini“ um einen im Inland beachtlichen Verkehrskreisen bekannten
Designernamen handelt. Begegnet ihnen der Name „leni baldessari“, wird wegen
der starken Klangähnlichkeit mit dem Namen „Baldessarini“ ein jedenfalls nicht zu
vernachlässigender Teil dieser Verkehrskreise nur dem Nachnamen „Baldessari“
Beachtung schenken, und auch deshalb den kurzen Vornamen nicht wahrnehmen. Wer aber den Namen „baldessari“ hört, wird annehmen, den Designernamen
„Baldessarini“ vor sich zu haben, sei es, weil er nicht mehr genau weiß, ob dieser
Designer nun „baldessari“ oder „Baldessarini“ heißt, oder weil er glaubt, der Sprecher habe die zusätzliche Silbe „-ni“ versehentlich nicht wiedergegeben.
Im übrigen ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Namenskombination „leni baldessari“ von einem noch beachtlichen Teil des Verkehrs von vorneherein allein mit
dem Familiennamen „baldessari“ wiedergegeben wird. Zwar hat der Verkehr bei
einer Namenskombination, die ihre eigentliche Individualisierungsfunktion nicht
zuletzt durch den Vornamen erhält, kaum Anlass, sich nur den Nachnamen einzuprägen und das Zeichen allein nach ihm zu benennen (vgl. BGH GRUR 2000,
233, 234 liSp – RAUSCH/ELFIE RAUCH). Gleichzeitig hat der Bundesgerichtshof
aber betont, daß die Frage, wie der Verkehr eine Kombination aus Vor- und
Familiennamen benennt, einer je nach der Art der Namensbildung differenzierenden Beurteilung bedarf, wobei – ausnahmsweise - auch die Bekanntheit des
Familiennamens mit einbezogen werden kann, aus dem die ältere Marke besteht
(BGH aaO – RAUSCH/ELFI RAUCH).
Ausgehend von diesen Grundsätzen ist vorliegend bei der Namenskombination
„leni baldessari“ die dominierende Wirkung des für die deutschen Verkehrskreise
sehr ungewöhnlichen und klangvollen Familiennamens „baldessari“ nicht von der
Hand zu weisen. Diesen Namen werden sie als das prägende charakteristische
Element auffassen und schon deshalb auf die Abkürzung „leni“ für Magdalena bzw
italienisch Maddalena weniger achten. Auch die beachtliche Länge des insgesamt
sechs Silben aufweisenden Gesamtnamens stellt einen Faktor dar, der den Verkehr davon abhalten kann, das Zeichen „leni baldessari“ beim mündlichen Warenkauf im Geschäft oder bei mündlichen, auch telefonischen, Empfehlungen, Anfragen oder Auskünften vollständig wiederzugeben (vgl auch BGH GRUR 1999, 241,
244 reSp – Lions). Hinzu kommt, dass der Nachname „baldessari“ in der jüngeren
Marke – wie oben bereits ausgeführt - mit dem einem beachtlichen Teil der
inländischen Verbraucher geläufigen Designernamen „Baldessarini“ eine sehr
starke Ähnlichkeit aufweist, welche die Aufmerksamkeit der Verbraucher oder
jedenfalls eines erheblichen Teils der Verbraucher in erster Linie auf diesen
Nachnamen lenkt und ihn veranlasst, die Waren der angegriffenen Marke nur mit
„baldessari“ zu benennen. Wem aber die Kennzeichnung „baldessari“
im
Geschäftsverkehr begegnet, wird aus den bereits dargelegten Gründen
annehmen, es handele sich um den
ihm bekannten Designernamen
„Baldessarini“.
Nach alledem war die Löschung der angegriffenen Marke 300 89 627 aufgrund
des Widerspruchs aus der Marke 399 06 853 in vollem Umfang anzuordnen. Damit ist das Verfahren hinsichtlich des Widerspruchs aus der weiteren Marke GM
49 296 derzeit gegenstandslos (vgl. Ströbele/Hacker, MarkenG, 7. Aufl., § 70
Rn. 8). Es wird weitergeführt, wenn die Löschungsanordnung aufgrund der Marke
399 06 853 nicht rechtskräftig wird.
Es sind keine Gründe für eine Abweichung von dem Grundsatz des § 71 Abs. 1
Nr. 2 MarkenG ersichtlich, dass jeder Beteiligte seine Kosten selbst trägt.
Dr. Schermer
van Raden
Prietzel-Funk
Na