BGH Urteil vom 10.02.2000 – I ZR 97/98
I. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk: ja BGHZ : nein BGHR : ja
Verkündet am: 10. Februar 2000 Führinger Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
L-Carnitin
UWG § 1; AMG § 2 Abs. 1 Nr. 1 und 5, § 21; HWG § 3a; LMBG § 1 Abs. 1
Zur Frage der Arzneimitteleigenschaft eines L-Carnitin enthaltenden Präparats, das vom Hersteller als diätetisches Lebensmittel bezeichnet wird, aber - in Kapselform und verpackt in Faltschachteln mit Blisterstreifen - ausschließlich über Apotheken vertrieben wird.
BGH, Urt. v. 10. Februar 2000 - I ZR 97/98 - OLG Hamm LG Hagen
Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Ver-
handlung vom 10. Februar 2000 durch den Vorsitzenden Richter Prof.
Dr. Erdmann und die Richter Dr. v. Ungern-Sternberg, Starck, Pokrant und
Dr. Büscher
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Beklagten wird das Urteil des 4. Zivilsenats
des Oberlandesgerichts Hamm vom 5. Februar 1998 aufgehoben.
Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung,
auch über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zu-
rückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Beklagte ist ein pharmazeutisches Unternehmen, das u.a. ein Prä-
parat mit der Bezeichnung "B. " herstellt und vertreibt. Das nicht als Arznei-
mittel zugelassene Präparat wird in Packungen mit 20 bzw. 50 sogenannten
Capsetten vertrieben, die jeweils 500 mg L-Carnitin enthalten.
L-Carnitin ist eine körpereigene Substanz. Der tägliche Bedarf des Men-
schen wird durch eine "normale" Ernährung gedeckt, während bei vegetari-
scher Ernährung Mängel auftreten können.
Die Beklagte bewarb "B. " in der Zeitschrift "G. " (Ausgabe
Juli/August 1995) u.a. mit den Worten:
"Ob im Beruf, in der Freizeit oder im Sport. Immer ist der Grad Ihrer
Gesundheit die Grundlage für Ihre Leistungsfähigkeit. "B. " un-
terstützt die Leistungsbereitschaft Ihres Organismus, erhöht die
Ausschöpfung Ihres Energie-Potentials und optimiert Ihre Ausdau-
erleistungsfähigkeit. Darüber hinaus gleicht "B. " (L-Carnitin) ei-
nen gesteigerten Energiebedarf durch berufliche oder sportliche
Belastung schnell wieder aus."
Der damals verwendete Beipackzettel enthält u.a. den Hinweis "L-
Carnitin ist eine Transportsubstanz (Biocarrier) zur Erhaltung der muskulären
Ausdauerleistungsfähigkeit und der Pumpleistung des Herzens" sowie die An-
gabe "B. mit dem wichtigen L-Carnitin optimiert den Fettstoffwechsel, ver-
stärkt die körpereigene Leistungsfähigkeit, verkürzt die Regeneration, stimuliert
das Immunsystem, unterstützt die Herzleistung". Als "Verzehrempfehlung" ist
dort u.a. ausgeführt: "Täglich 1-2 Capsetten lutschen oder langsam kauen. Die
Einnahme geschieht am besten kurweise, d.h. über mehrere Wochen, mit an-
schließender Einnahmepause. So wird einer nachteiligen Beeinflussung der
körpereigenen L-Carnitin-Produktion vorgebeugt". Weiterhin werden dort Hin-
weise zur Einnahme bei sportlichen Belastungen sowie zum Zweck der "Mobili-
sation körpereigener Abwehrkräfte während der kalten Jahreszeiten und in der
Rekonvaleszenz (Genesungsphase)" gegeben.
In der Folgezeit änderte die Beklagte ihren Beipackzettel. Die Beipack-
zettel mit dem Stand Januar 1996 und Oktober 1997 weisen nicht mehr darauf
hin, daß "B. " (L-Carnitin) die Pumpleistung des Herzens erhalte und die
Herzleistung unterstütze. Die Beklagte hat nach ihrer Darstellung auch ihre
Werbung für "B. " verändert.
Der klagende Wettbewerbsverein ist der Ansicht, daß "B. " ein Arz-
neimittel sei. Die Beklagte handele deshalb wettbewerbswidrig, wenn sie das
Präparat in den Verkehr bringe und bewerbe, ohne daß es als Arzneimittel zu-
gelassen sei.
Der Kläger hat beantragt,
die Beklagte unter Androhung von Ordnungsmitteln zu verurteilen,
es zu unterlassen,
im geschäftlichen Verkehr zu Wettbe-
werbszwecken für das Mittel "B. " mit einer Tagesdosis von
500 mg L-Carnitin pro Capsette zu werben und/oder dieses Mittel
zu vertreiben, solange es nicht als Arzneimittel zugelassen ist.
Die Beklagte hat demgegenüber vorgebracht, "B. " sei kein Arznei-
mittel, sondern ein Nahrungsergänzungsmittel. Die Klage sei auch deshalb un-
begründet, weil der Kläger mit seinem Unterlassungsantrag ein abstraktes
Werbe- und Vertriebsverbot anstrebe, das nur begründet wäre, wenn L-Carnitin
seiner Natur nach nur als Arzneimittel verwendet werden könnte. Dies sei je-
doch nicht der Fall.
Das Landgericht hat mit seinem ersten Urteil die Klage abgewiesen, weil
der Kläger nicht nach § 13 Abs. 2 Nr. 2 UWG prozeßführungsbefugt sei. Auf
die Berufung des Klägers hat das Berufungsgericht diese Entscheidung mit der
Begründung aufgehoben, daß der Kläger die erforderliche Prozeßführungsbe-
fugnis besitze, und den Rechtsstreit an das Landgericht zurückverwiesen.
Auch mit seinem zweiten Urteil hat das Landgericht die Klage abgewie-
sen. Der Kläger hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt. Im Beru-
fungsverfahren hat er neben seinem Hauptantrag einen Hilfsantrag gestellt,
nach dem - unter den Voraussetzungen des Hauptantrags - die Werbung und
der Vertrieb des Mittels "B. " verboten werden sollen, falls dabei zusätzlich
bestimmte, im einzelnen aufgeführte Angaben verwendet werden.
Das Berufungsgericht hat die Beklagte nach dem Hauptantrag verurteilt.
Mit ihrer Revision, deren Zurückweisung der Kläger beantragt, verfolgt
die Beklagte ihren Klageabweisungsantrag weiter.
Entscheidungsgründe
Die Revision führt zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur Zurück-
verweisung des Rechtsstreits an das Berufungsgericht.
I. Das Berufungsgericht hat die Ansicht vertreten, die Beklagte sei ver-
pflichtet, es zu unterlassen, ihr L-Carnitin-Präparat "B. " zu bewerben und
zu vertreiben, wenn dieses nicht als Fertigarzneimittel zugelassen sei.
Der Kläger erstrebe mit seiner Klage nicht ein abstraktes Werbe- und
Vertriebsverbot für L-Carnitin-Präparate der Beklagten. Sein Antrag beziehe
sich vielmehr auf das - pro Capsette 500 mg L-Carnitin enthaltende - Präparat
"B. " mit seinem konkreten Erscheinungsbild, wie es sich unverändert aus
den als Anlage eingereichten Abbildungen der Verpackung und den vorgeleg-
ten Packungen selbst ergebe.
Die Beklagte handele wettbewerbswidrig, weil sie in Kenntnis der maß-
gebenden Umstände das Präparat "B. " bewerbe und vertreibe, ohne daß
dieses als Arzneimittel zugelassen sei. "B. " sei ein Arzneimittel, kein diäte-
tisches Lebensmittel. Das darin enthaltene L-Carnitin sei eine Substanz ohne
eigenen Brennwert, die beim Stoffwechsel für den Transport aktiver langketti-
ger Fettsäuren an den Ort benötigt werde, an dem die Fettsäuren "verbrannt"
würden. Nach der Auskunft des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizin-
produkte vom 14. Januar 1997 sei "B. " unter die Produkte einzuordnen, die
als "Designer-food" angeboten würden. Solche Produkte würden - ungeachtet
ihrer Aufmachung als diätetische Lebensmittel - wegen der ihnen zugeschrie-
benen Wirkungen auf Fitneß und Leistungssteigerung angewendet und wiesen
pharmakologische Wirkungen auf. Selbst wenn dieser - nicht begründeten -
Behördenäußerung keine entscheidende Bedeutung beigemessen werden
sollte, ergebe sich aus den sonstigen Stellungnahmen keine andere Zuordnung
des Präparats "B. ". Dies gelte auch für die Allgemeinverfügung des Bun-
desministeriums für Gesundheit vom 26. Januar 1994 (BAnz. Nr. 25 v. 5.2.1994
S. 995) über die Einfuhr und das Inverkehrbringen carnitinhaltiger Nahrungser-
gänzungsmittel und die Monographie "L-Carnitin" des Bundesgesundheitsamts
(BAnz. Nr. 11 v. 17.1.1990 S. 247 f.). Die Problematik, ob es aus gesundheitli-
chen Gründen eine absolute Grenze für den Zusatz von L-Carnitin bei Le-
bensmitteln gebe, sei ersichtlich noch nicht gelöst.
Die Einordnung von "B. " als Arzneimittel oder als Lebensmittel könne
demnach lediglich anhand seiner Verwendungsmöglichkeiten, der Indikations-
hinweise, der Gebrauchsanweisung und der Aufmachung vorgenommen wer-
den. Danach sei das Präparat als Arzneimittel anzusehen.
Die Verpackung, insbesondere die für Arzneimittel übliche Art der Ab-
packung der Capsetten, und der Hinweis, die Capsetten sollten gelutscht wer-
den, deuteten eher auf ein Arzneimittel hin. Die Bezeichnung als "diätetisches
Lebensmittel" stehe dem nicht entgegen. Entscheidend sei jedoch, daß die Be-
klagte in ihrer - in "G. " erschienenen - Werbeanzeige ihrem Produkt
eine Zielrichtung gegeben habe, die auf die Beeinflussung des Zustands und
der Funktionen des Körpers, nicht auf den Ausgleich von Ernährungsdefiziten,
hinweise. Der dadurch hervorgerufene Eindruck werde durch die Hinweise im
(alten) Beipackzettel unterstützt. Die einmal gewählte Festlegung des Produkts
als Arzneimittel durch die Art der Werbung und die Gestaltung des Beipack-
zettels werde nicht dadurch aufgehoben, daß die Beklagte sich nunmehr ver-
stärkt an Sportler wende und die früheren Hinweise auf die Erhaltung der
Pumpleistung des Herzens usw. nicht mehr wiederhole. Nach wie vor werde
auf die Einordnung von "B. " als Arzneimittel durch Angaben hingewiesen
wie "aktiviert das Immunsystem" und "erhöht die Streßtoleranz bei sportlicher
Belastung". Bei dieser Sachlage sei es nicht mehr erheblich, in welchem Um-
fang ein Mangel von L-Carnitin im menschlichen Körper ersetzt werden dürfe,
ohne daß es zu einer Überdosierung komme.
II. Diese Beurteilung hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stand. Das
Berufungsgericht ist zwar zutreffend davon ausgegangen, daß ein Verstoß ge-
anspruch nach § 1 UWG begründen kann (vgl. BGH, Urt. v. 19.1.1995
- I ZR 209/92, GRUR 1995, 419, 421 = WRP 1995, 386 - Knoblauchkapseln).
Seine Ansicht, daß dem Kläger ein solcher Anspruch zustehe, weil "B. " ein
Arzneimittel sei, das nicht ohne Zulassung in den Verkehr gebracht und be-
worben werden dürfe, beruht jedoch auf unzureichenden Feststellungen.
1. Nach dem Klageantrag soll die Beklagte verurteilt werden, es zu un-
terlassen, im geschäftlichen Verkehr zu Wettbewerbszwecken für das Mittel
"B. " mit einer Tagesdosis von 500 mg L-Carnitin zu werben und/oder die-
ses Mittel zu vertreiben, solange es nicht als Arzneimittel zugelassen ist. Wie
das Berufungsgericht im Ausgangspunkt zutreffend entschieden hat, ist Ge-
genstand des Klageantrags nur der Vertrieb des Präparats "B. " in Verpak-
kungen, wie sie der Kläger vorgelegt hat, d.h. in Faltschachteln, die Blister-
streifen für 20 bzw. 50 Capsetten mit jeweils 500 mg L-Carnitin enthalten. Be-
reits nach dem Wortlaut des Antrags, aber auch nach der Klagebegründung ist
die mit dem Antrag angegriffene konkrete Verletzungsform nicht durch weitere
Umstände wie einen bestimmten Inhalt des Beipackzettels oder eine bestimmte
Produktwerbung der Beklagten gekennzeichnet. Der Kläger hat es vielmehr
ausdrücklich abgelehnt, seinen Klageantrag auch auf einzelne Werbeaussa-
gen der Beklagten zu stützen. Der Klageantrag wäre auch nicht hinreichend
bestimmt i.S. des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO, wenn zur Umschreibung der ange-
griffenen konkreten Verletzungsform allgemein auf die Werbung der Beklagten
für ihr Präparat abzustellen wäre, ohne daß die zu beurteilenden Werbeaussa-
gen konkret benannt würden. Das Berufungsgericht hat deshalb zutreffend zu
Beginn seiner Entscheidungsgründe darauf hingewiesen, daß es für die Ent-
scheidung ohne Bedeutung ist, daß die Beklagte im Laufe des Rechtsstreits
die Angaben im Beipackzettel geändert hat und das Präparat nunmehr auch
mit anderen Aussagen bewirbt.
Diese Bestimmung des Gegenstands des Klageantrags wird bestätigt
durch den Hilfsantrag, nach dem ein Verbot, wie es mit dem Hauptantrag be-
gehrt wird, von der zusätzlichen Voraussetzung abhängen soll, daß in der
Werbung oder beim Vertrieb bestimmte Angaben über das Präparat einzeln
oder in Kombination gemacht werden.
2. Die vom Berufungsgericht getroffenen Feststellungen tragen seine
Beurteilung nicht, daß "B. " kein Lebensmittel, sondern ein Arzneimittel ist.
a) Nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 AMG sind Arzneimittel u.a. Stoffe, die dazu be-
stimmt sind, durch Anwendung im menschlichen Körper Leiden, Körperschäden
oder krankhafte Beschwerden zu heilen, zu lindern oder zu verhüten. Darüber
hinaus fallen gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 5 AMG auch Stoffe und Zubereitungen aus
Stoffen unter den Arzneimittelbegriff, die die Beschaffenheit, den Zustand oder
die Funktionen des Körpers beeinflussen. Allerdings wird der Arzneimittelbe-
griff durch § 2 Abs. 3 Nr. 1 AMG dahin eingeschränkt, daß Lebensmittel i.S.
des § 1 LMBG keine Arzneimittel sind. Derselbe Stoff kann danach nicht
gleichzeitig Lebensmittel und Arzneimittel sein.
Nach § 1 Abs. 1 LMBG sind Lebensmittel Stoffe, die dazu bestimmt sind,
in unverändertem, zubereitetem oder verarbeitetem Zustand von Menschen
verzehrt zu werden; ausgenommen sind Stoffe, die überwiegend dazu bestimmt
sind, zu anderen Zwecken als zur Ernährung oder zum Genuß verzehrt zu
werden.
Entscheidend für die Einordnung eines Produkts als Arzneimittel oder
Lebensmittel ist seine an objektive Merkmale anknüpfende überwiegende
Zweckbestimmung, wie sie sich für einen durchschnittlich informierten, auf-
merksamen und verständigen Durchschnittsverbraucher darstellt. Die Ver-
kehrsanschauung knüpft regelmäßig an eine schon bestehende Auffassung
über den Zweck vergleichbarer Mittel und ihre Anwendung an, die wiederum
davon abhängt, welche Verwendungsmöglichkeiten solche Mittel ihrer Art nach
haben. Die Vorstellung der Verbraucher von der Zweckbestimmung eines Pro-
dukts kann weiter durch die Auffassung der pharmazeutischen oder medizini-
schen Wissenschaft beeinflußt sein, ebenso durch die dem Mittel beigefügten
oder in Werbeprospekten enthaltenen Indikationshinweise und Gebrauchsan-
weisungen sowie die Aufmachung, in der das Mittel dem Verbraucher allge-
mein entgegentritt (vgl. BGH GRUR 1995, 419, 420 - Knoblauchkapseln; BGH,
Urt. v. 3.12.1997 - 2 StR 270/97, NJW 1998, 836, 837; BVerwGE 97, 132,
135 f.; VGH München NJW 1998, 845).
b) Das Berufungsgericht hat zu Unrecht keine Feststellungen dazu ge-
troffen, ob das Präparat "B. " mit dem in ihm enthaltenen Stoff L-Carnitin,
gerade auch in der Dosierung von 500 mg pro Tag, wie sie Gegenstand des
Klageantrags ist, aus der Sicht der Verbraucher die objektive Zweckbestim-
mung eines Arzneimittels hat. Denn ein verständiger Durchschnittsverbraucher
wird im allgemeinen nicht annehmen, daß ein als Nahrungsergänzungsmittel
angebotenes Präparat tatsächlich ein Arzneimittel ist, wenn es in der empfoh-
lenen Dosierung keine pharmakologischen Wirkungen hat.
Das Berufungsgericht hat selbst gesehen, daß die Auskunft des Bun-
desinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte vom 14. Januar 1997 die Arz-
neimitteleigenschaft von "B. " lediglich behauptet, aber nicht begründet, und
daß auch die sonstigen vorgelegten behördlichen Stellungnahmen keine hin-
reichende Grundlage für die Beurteilung bilden, ob ein Präparat mit dem Stoff
L-Carnitin in der Dosierung von 500 mg pro Capsette nach seiner objektiven
Zweckbestimmung als Arzneimittel anzusehen ist. Die Allgemeinverfügung des
Bundesministeriums für Gesundheit vom 26. Januar 1994 enthält lediglich die -
nicht begründete - Entscheidung, daß L-Carnitin enthaltende Nahrungsergän-
zungsmittel, die in einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaft oder
einem Vertragsstaat des Europäischen Wirtschaftsraumes rechtmäßig in Ver-
kehr gebracht worden sind, im Inland vertrieben werden dürfen, wenn auf dem
Etikett deutlich darauf hingewiesen wird, daß pro Tag nicht mehr als 200 mg L-
Carnitin verzehrt werden sollen. Die Monographie "L-Carnitin" des Bundesge-
sundheitsamts behandelt bei der Frage der medizinischen Verwendung von L-
Carnitin nur den Einsatz dieses Stoffes in Dosierungen, die bei weitem die Do-
sierung von 500 mg pro Tag übersteigen. Das Berufungsgericht hat dement-
sprechend in den Entscheidungsgründen ausdrücklich davon abgesehen, eine
Feststellung dazu zu treffen, ob das Präparat "B. " nach wissenschaftlicher
Beurteilung in der Dosierung von 500 mg pro Tag pharmakologische Wirkun-
gen hat. Entgegen der Ansicht der Revisionserwiderung ergibt sich dazu auch
nichts aus der Darstellung des unstreitigen Sachverhalts im Tatbestand der
angegriffenen Entscheidung. Ohne Feststellungen zu den pharmakologischen
Wirkungen von "B. ", die nicht ohne die beantragte Einholung eines Sach-
verständigengutachtens möglich sein werden, kann jedoch nicht beurteilt wer-
den, ob das Präparat mit seinem Inhaltsstoff L-Carnitin in der vorgeschlagenen
Dosierung nicht lediglich ein Nahrungsergänzungsmittel ist, das einen - sich
bei besonderer sportlicher Betätigung ergebenden - Mangel an gewöhnlich mit
der allgemeinen Nahrung aufgenommenen Nährstoffen ausgleichen soll.
Auf die Frage, ob L-Carnitin in Dosierungen, die weit über der Einnahme
von 500 mg pro Tag liegen, pharmakologische Wirkungen hat, kommt es nach
dem Sachvorbringen der Parteien nicht an. Denn es ist nicht vorgetragen wor-
den, daß die angesprochenen Verkehrskreise in erheblichem Umfang das Prä-
parat "B. " auch bei einer Verzehrempfehlung von nur 500 mg pro Tag in der
Annahme besonderer arzneilicher Wirkungen in weit höheren Dosierungen zu
sich nehmen könnten.
c) Die Feststellungen des Berufungsgerichts zum Erscheinungsbild des
Präparats "B. " genügen nicht als Grundlage für seine Annahme, es handele
sich um ein Arzneimittel. Auf die Frage, ob ein Präparat, das keine pharmako-
logischen Wirkungen besitzt, allein wegen der Art und Weise seiner Präsen-
tation im Vertrieb als Arzneimittel zu behandeln sein könnte, kommt es daher
hier nicht an.
(1) Das Berufungsgericht hat allerdings zutreffend angenommen, daß
die Bezeichnung von "B. " als diätetisches Lebensmittel auf der Verpackung
für sich genommen noch nicht bewirkt, daß es als Lebensmittel einzustufen ist
(vgl. BVerwGE 97, 132, 135). Wie das Berufungsgericht dargelegt hat, stehen
dem auch die Werbeangabe auf der Verpackung "Biocarrier für die Ausdauer-
leistung" und die Bezeichnung des Präparats "B. " entgegen, die - wenn
auch in recht unbestimmter Form - nicht auf Ernährungszwecke, sondern auf
irgendeine Transportfunktion des Präparats hinweisen.
(2) Umgekehrt sind - wie das Berufungsgericht nicht verkannt hat - die
Darreichungsform (Capsetten) und die Verpackung (Blisterstreifen in einer
Faltschachtel) sowie der Vertrieb über Apotheken kein ausreichender Hinweis
auf ein Arzneimittel. Es ist üblich geworden, daß Nahrungsergänzungsmittel,
die der Ergänzung der Nahrung durch die gezielte Zufuhr von bestimmten
Stoffen wie z.B. Vitaminen, Mineralstoffen, essentiellen Fettsäuren oder be-
stimmten Eiweißstoffen oder Kohlehydraten dienen (vgl. Amtliche Begründung
zu § 1 Abs. 3 Nährwert-Kennzeichnungsverordnung [NKV], BR-Drucks. 796/94
S. 20), wie Arzneimittel in Tabletten-, Kapsel- oder Pulverform angeboten wer-
den. Solche Darreichungsformen sind bedarfsgerecht und schließen als solche
nicht aus, daß die Stoffe oder Zubereitungen als Nahrungsergänzungsmittel
angesehen werden (vgl. Amtliche Begründung zu § 1 Abs. 3 NKV aaO S. 20).
Dementsprechend kann der Anwendungshinweis auf der Verpackung ("Im all-
gemeinen täglich 1 Capsette lutschen oder kauen"), der in dieser Art auch bei
einem Arzneimittel gegeben werden könnte, für die Einordnung von "B. " als
Arzneimittel oder Lebensmittel nicht ausschlaggebend sein. Auch bei einem
Nahrungsergänzungsmittel kann ein Bedürfnis des Verkehrs nach einem Hin-
weis darauf bestehen, welche Mengen pro Tag sinnvollerweise eingenommen
werden sollten (vgl. OVG Berlin Pharma Recht 1995, 263, 270; VGH München
NJW 1998, 845, 846).
Ebenso ist der ausschließliche Vertrieb über Apotheken kein sicheres
Indiz für eine Zweckbestimmung als Arzneimittel. Nahrungsergänzungsmittel,
die - wie dargelegt - vielfach wie Arzneimittel verpackt werden, gehören zu den
apothekenüblichen Waren (§ 25 Nr. 6 ApBetrO). Aus dem Vertrieb über Apo-
theken kann deshalb nicht auf ein Arzneimittel geschlossen werden (vgl. OVG
Berlin Pharma Recht 1995, 263, 270 und 1995, 403, 410; Köhler, ZLR 1999,
599, 606 f., m.w.N.).
(3) Bei der Einordnung des Präparats "B. " als Arzneimittel hat das
Berufungsgericht letztlich entscheidend darauf abgestellt, wie die Beklagte das
Produkt früher in ihrer Werbung und im Beipackzettel gekennzeichnet hat. Dem
kann nicht zugestimmt werden. Das Berufungsgericht hat bei dieser Beurtei-
lung seine eigene - zutreffende - Ausgangsüberlegung nicht mehr beachtet,
daß Gegenstand des Klageantrags nur der Vertrieb des Präparats "B. " als
solcher ist, so wie es sich dem Verbraucher in den vorgelegten Verpackungen
darstellt. Auf Werbeangaben, die nicht auf den Faltschachteln selbst zu finden
sind, kann deshalb bei der Entscheidung über den als Hauptantrag gestellten
Klageantrag nicht abgestellt werden.
III. Auf die Revision der Beklagten war danach das Berufungsurteil auf-
zuheben und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung, auch
über die Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückzuverweisen.
Erdmann
v. Ungern-Sternberg
Starck
Pokrant
Büscher