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BGH Beschluss vom 14.12.2000 – I ZB 44/98

I. Zivilsenat

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

in der Rechtsbeschwerdesache

betreffend die IR-Marke Nr. 640 854

Verkündet am: 14. Dezember 2000 Führinger Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Ver-

handlung vom 2. November 2000 durch den Vorsitzenden Richter Prof.

Dr. Erdmann und die Richter Dr. v. Ungern-Sternberg, Starck, Pokrant und

Dr. Büscher

beschlossen:

Auf die Rechtsbeschwerde der Markeninhaberin wird der Beschluß

des 29. Senats (Marken-Beschwerdesenats) des Bundespatentge-

richts vom 13. Mai 1998 aufgehoben.

Die Sache wird zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung

an das Bundespatentgericht zurückverwiesen.

Der Gegenstandswert der Rechtsbeschwerde wird auf 50.000 DM

festgesetzt.

Gründe

I. Die Markeninhaberin begehrt für ihre nachstehend abgebildete dreidi-

mensionale IR-Marke Nr. 640 854 Schutz in der Bundesrepublik Deutschland

für die Waren

"Montres" (Armbanduhren):

Die zuständige Markenstelle des Deutschen Patentamts hat der IR-Mar-

ke wegen fehlender Unterscheidungskraft und wegen Vorliegens eines Frei-

haltebedürfnisses den Schutz verweigert.

Die hiergegen gerichtete Beschwerde der Markeninhaberin ist erfolglos

geblieben.

Mit der (zugelassenen) Rechtsbeschwerde verfolgt die Markeninhaberin

ihr Schutzbegehren weiter.

II. Das Bundespatentgericht hat das Schutzhindernis gemäß § 8 Abs. 2

Nr. 1 i.V. mit §§ 107, 113, 37 MarkenG für gegeben erachtet und dazu ausge-

führt:

Es sei davon auszugehen, daß Gegenstand des Schutzerstreckungsge-

suchs die konkrete dreidimensionale Form eines Uhrgehäuses ohne Zifferblatt

und Zeiger, jedoch mit Befestigungsvorrichtungen für das Armband sei und

nicht eine Art Blanko-Schutz für einzelne Merkmale der Warenform von Uhren

beansprucht werde, die ansonsten unterschiedlich gestaltet seien.

Bei diesem Verständnis des Schutzerstreckungsgesuchs bestünden kei-

ne Bedenken gegen die abstrakte Unterscheidungskraft der IR-Marke nach § 3

Abs. 1 MarkenG. Ein Schutzausschließungsgrund nach § 3 Abs. 2 MarkenG sei

ebenfalls nicht ersichtlich.

Die IR-Marke sei jedoch wegen fehlender Unterscheidungskraft nach § 8

Abs. 2 Nr. 1 MarkenG schutzunfähig. Der dreidimensionalen Darstellung des

Uhrgehäuses ohne Zifferblatt und Zeiger mit vier Befestigungselementen für

das Armband, die in der Markendarstellung nur einseitig sichtbar seien, fehle in

der konkreten Ausgestaltung die notwendige Unterscheidungskraft.

Die Schutzfähigkeit könne nur durch eine auf die Herkunft hinweisende

originelle Gestaltung begründet werden, durch die das an der "Grundform" der

Ware bestehende Freihaltebedürfnis und ihr Mangel an Unterscheidungskraft

überwunden werden könne. Bei der Begründung der Originalität der Ware oder

ihrer Teile müsse ein eher strenger Maßstab angelegt werden, weil die Ware

und ihre Teile das wichtigste Mittel zu ihrer Beschreibung selbst seien und ihre

Monopolisierung die Gefahr einer Behinderung der Wettbewerber in der Ge-

staltung ihrer Produkte mit sich bringe und ein Freihaltebedürfnis zumindest

naheliegend sei. Dabei hänge der Grad der für eine Markeneintragung erfor-

derlichen Originalität auch von den besonderen Verhältnissen auf dem jeweili-

gen Warengebiet ab.

Auf dem Markt für Armbanduhren sei eine außerordentliche Vielfalt von

Formen und Gestaltungen gebräuchlich. Dieses Warengebiet müsse deshalb

in ganz besonderem Maße von einem die Gestaltungsfreiheit über Gebühr ein-

schränkenden Markenschutz freigehalten werden, damit es den Mitbewerbern

künftig noch möglich sei, den vorhandenen Formenschatz in beliebigen neuen

Kombinationen auszuschöpfen. Die vorliegende IR-Marke zeige überwiegend

gängige oder in ähnlicher Form belegte Gestaltungselemente.

Die Berufung der Markeninhaberin auf den "telle-quelle-Schutz" gemäß Art. 6quinquies PVÜ führe zu keinem anderen Ergebnis. Die Schutzversagungs-

gründe des § 8 Abs. 2 MarkenG richteten sich nach den Grenzen des Art. 6quinquies PVÜ.

III. Die zulässige Rechtsbeschwerde hat in der Sache Erfolg.

Die Beurteilung des Bundespatentgerichts, die IR-Marke sei nicht unter-

scheidungskräftig, hält auf der Grundlage der bisher vom Bundespatentgericht

getroffenen Feststellungen der rechtlichen Nachprüfung nicht stand.

Mit der wirksamen Inanspruchnahme des "telle-quelle-Schutzes", von

der auch das Bundespatentgericht ausgegangen ist, ist die Schutzerstreckung gemäß §§ 107, 113, 37 MarkenG nach Art. 5 Abs. 1 MMA i.V. mit Art. 6quinquies

Abschn. B Nr. 2 PVÜ zu prüfen (BGHZ 130, 187, 192 - Füllkörper; BGH,

Beschl. v. 25.3.1999 - I ZB 22/96, GRUR 1999, 728, 729 = WRP 1999, 858

- Premiere II; Ingerl/Rohnke, Markengesetz, § 113 Rdn. 1). Der gegen eine unmittelbare Heranziehung von Art. 5 Abs. 1 MMA i.V. mit Art. 6quinquies

Abschn. B Nr. 2 PVÜ gerichteten Kritik im Schrifttum (vgl. Fezer, Markenrecht,

2. Aufl., § 113 Rdn. 1; Althammer/Ströbele/Klaka, Markengesetz, 6. Aufl., § 113

Rdn. 4), das die Rechtsgrundlagen einer Schutzausschließung in §§ 3, 8

MarkenG sieht, braucht nicht nachgegangen zu werden. Die Vorschriften der

§§ 3, 8 Abs. 2 MarkenG, durch die Art. 2 und Art. 3 der MarkenRL umgesetzt worden sind, halten sich in den Grenzen des Art. 6quinquies Abschn. B PVÜ. Denn

diese Bestimmungen des Markengesetzes sind richtlinienkonform auszulegen

und nach dem 12. Erwägungsgrund zur Markenrechtsrichtlinie ist es erforder-

lich, daß sich diese in vollständiger Übereinstimmung mit der Pariser Ver-

bandsübereinkunft befindet. Im Ergebnis führt die Beurteilung nach den Vor-

schriften des Markengesetzes daher, wie das Bundespatentgericht zu Recht festgestellt hat, zu keinem anderen Ergebnis als die Prüfung nach Art. 6quinquies

Abschn. B PVÜ (vgl. Fezer aaO § 113 Rdn. 1; Althammer/Ströbele/Klaka aaO

§ 113 Rdn. 4).

Nach Art. 5 Abs. 1 MMA i.V. mit Art. 6quinquies Abschn. B Nr. 2 PVÜ kann

Marken der Schutz verweigert werden, die jeder Unterscheidungskraft entbeh-

ren.

1. Zu Recht ist das Bundespatentgericht davon ausgegangen, daß die

IR-Marke die allgemeinen Anforderungen an die Markenfähigkeit erfüllt, d.h.,

daß sie abstrakt unterscheidungskräftig i.S. von § 3 Abs. 1 MarkenG ist (vgl. für

die konturlose Farbmarke BGHZ 140, 193, 197 - Farbmarke gelb/schwarz; für

eine Warenverpackung BGH, Beschl. v. 13.4.2000 - I ZB 6/98, WRP 2000,

1290, 1291 - Likörflasche; Beschl. v. 23.11.2000 - I ZB 15/98, Umdr. S. 6 f.

- Gabelstapler; Fezer aaO § 3 Rdn. 203; Ingerl/Rohnke aaO § 3 Rdn. 16; Kur,

Festschrift 100 Jahre Markenamt, S. 175, 183; Ströbele, GRUR 1999, 1041).

Zutreffend hat das Bundespatentgericht auch ein Schutzhindernis nach § 3

Abs. 2 MarkenG verneint. Diese für sie günstige Beurteilung greift die Rechts-

beschwerde nicht an.

2. Das Bundespatentgericht hat die angemeldete Marke für nicht (kon-

kret) unterscheidungskräftig i.S. von § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG gehalten.

a) Unterscheidungskraft im Sinne der in Frage stehenden Vorschrift ist

die einer Marke innewohnende (konkrete) Eignung, vom Verkehr als Unter-

scheidungsmittel für die von der Marke erfaßten Waren oder Dienstleistungen

eines Unternehmens gegenüber solchen anderer Unternehmen aufgefaßt zu

werden (vgl. BGH, Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 25/97, GRUR 2000, 502, 503 =

WRP 2000, 520 - St. Pauli Girl; Beschl. v. 10.2.2000 - I ZB 37/97, GRUR 2000,

720, 721 = WRP 2000, 739 - Unter Uns). Denn Hauptfunktion der Marke ist es,

die Ursprungsidentität der gekennzeichneten Waren oder Dienstleistungen zu

gewährleisten (vgl. EuGH, Urt. v. 29.9.1998 - Rs. C 39/97, Slg. 1998, I-5507 =

GRUR 1998, 922, 924 Tz. 28 - Canon; BGH, Beschl. v. 8.10.1998 - I ZB 35/95,

GRUR 1999, 245, 246 = WRP 1999, 196 - LIBERO; Beschl. v. 17.2.2000

- I ZB 33/97, GRUR 2000, 882 = WRP 2000, 1140 - Bücher für eine bessere

Welt). Dabei ist grundsätzlich von einem großzügigen Maßstab auszugehen,

d.h. jede auch noch so geringe Unterscheidungskraft reicht aus, um das

Schutzhindernis zu überwinden.

aa) Das Bundespatentgericht hat in der angefochtenen Entscheidung

und in weiteren Entscheidungen (BPatGE 39, 219, 223 = BPatG GRUR 1999,

56 - Taschenlampen; BPatG GRUR 1998, 706, 709 und 710 - Montre I und II)

an die Unterscheidungskraft der dreidimensionalen Marke, die die Form der

Ware oder eines Teils davon darstellt, einen strengeren Prüfungsmaßstab an-

gelegt, als bei anderen Markenformen. Dies entspricht auch der Entschei-

dungspraxis der Beschwerdekammern des Harmonisierungsamtes für den Bin-

nenmarkt zu der Art. 3 Abs. 1 lit. b MarkenRL wörtlich entsprechenden Vor-

schrift des Art. 7 Abs. 1 lit. b GMV (Entscheidung v. 21.9.1999 - R 73/1999-3,

GRUR Int. 2000, 360 - TABS [rund, rot/weiß]; Entscheidung v. 28.10.1999

- R 104/1999-3, GRUR Int. 2000, 363 - Strahlregler).

bb) Der Bundesgerichtshof sieht dagegen keinen Anlaß, bei dreidimen-

sionalen Marken, die die Form der Ware selbst oder eines Teils davon dar-

stellen, gegenüber herkömmlichen Markenformen strengere Anforderungen an

die Unterscheidungskraft i.S. von § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG zu stellen (vgl. nä-

her BGH, Beschl. v. 23.11.2000 - I ZB 15/98, Umdr. S. 11 f. - Gabelstapler;

Beschl. v. 23.11.2000 - I ZB 18/98, Umdr. S. 11 f. - Stabtaschenlampen;

Beschl. v. 23.11.2000 - I ZB 46/98, Umdr. S.11 f. - Rado-Uhr; vgl. hierzu auch

Eichmann, GRUR 1995, 184, 188; ders. FS Vieregge, S. 125, 162; Kie-

the/Groeschke, WRP 1998, 541, 546; Althammer/Ströbele/Klaka aaO § 8

Rdn. 38; Tewes, Der Schutz der dreidimensionalen Marke nach dem Marken-

gesetz, S. 150; gegen einen unterschiedlichen Prüfungsmaßstab vgl. Court of

Appeal, Urt. v. 5.5.1999, GRUR Int. 2000, 444 - Philips Electronics NV v. Re-

mington Consumer Products Ltd.). Wie bei jeder anderen Markenform, sollte

auch bei der dreidimensionalen, die Ware selbst darstellenden Formmarke al-

lein maßgebend sein, daß der angesprochene Verkehr - aus welchen Gründen

auch immer - in dem angemeldeten Zeichen einen Herkunftshinweis erblickt.

Der Senat hat deshalb die Frage nach den Anforderungen an die Unterschei-

dungskraft dem Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften zur Vorabent-

scheidung vorgelegt

(vgl. BGH, Beschl. v. 23.11.2000

- I ZB 15/98

- Gabelstapler; Beschl. v. 23.11.2000 - I ZB 18/98 - Stabtaschenlampen;

Beschl. v. 23.11.2000 - I ZB 46/98 - Rado-Uhr).

b) Im vorliegenden Fall hat der Senat von einer Vorlage an den Ge-

richtshof der Europäischen Gemeinschaften abgesehen, da es sinnvoll er-

scheint, zunächst weitere tatrichterliche Feststellungen zu der Frage zu treffen,

ob die Unterscheidungskraft vorliegend auf der Grundlage der vom Senat für

geboten erachteten geringeren Anforderungen - wie sie in den angeführten

Vorlagebeschlüssen zum Ausdruck kommen - überhaupt zu bejahen wäre (vgl.

BGH, Urt. v. 3.2.1994 - I ZR 282/91, GRUR 1994, 519, 521 = WRP 1994, 533

- Grand Marnier; Urt. v. 11.5.1995 - I ZR 111/93, GRUR 1995, 808, 809 - P3-

plastoclin; Urt. v. 20.10.1999 - I ZR 86/97, GRUR 2000, 727, 729 = WRP 2000,

628 - Lorch Premium). Die Sache war daher zur erneuten Verhandlung und

Entscheidung an das Bundespatentgericht zurückzuverweisen.

Das Bundespatentgericht wird bei der erneuten Prüfung zu entscheiden

haben, ob nicht auch bei Anlegung eines großzügigen Maßstabes und unge-

achtet der zum Freihaltebedürfnis angestellten Erwägungen der IR-Marke we-

gen fehlender Unterscheidungskraft der Schutz zu versagen ist. Dabei wird das

Bundespatentgericht auf die besonderen Verhältnisse auf dem in Rede ste-

henden Warengebiet abzustellen haben, wie es dies bereits bei der Prüfung

unter Zugrundelegung der strengen Anforderungen an die Unterscheidungs-

kraft in der angefochtenen Entscheidung getan hat. Denn der Vergleich der

tatsächlich vorhandenen Gestaltungsformen läßt einen Schluß darauf zu, ob

der Verkehr der Marke einen Hinweis auf die betriebliche Herkunft beilegt (vgl.

für eine Bildmarke: BGH, Beschl. v. 10.4.1997 - I ZB 1/95, GRUR 1997, 527,

529 = WRP 1997, 755 - Autofelge; zu einer dreidimensionalen Marke vgl. BGH

WRP 2000, 1290, 1292 f. - Likörflasche). Das Bundespatentgericht hat festge-

stellt, daß sich die nach Darstellung der Markeninhaberin charakteristischen

Elemente der IR-Marke, die in den jeweils vier Befestigungselementen für das

Armband und in der geschwungenen Gehäuseform bestehen, in identischer

oder jedenfalls angenäherter Form auch bei anderen Uhren finden. Nicht ent-

scheidend ist in diesem Zusammenhang, daß das Bundespatentgericht eine

Kombination aller Gestaltungselemente der IR-Marke bei anderen Uhren nicht

festgestellt hat. Zwar nimmt der Verkehr ein als Marke verwendetes Zeichen in

aller Regel so auf, wie es ihm entgegentritt, ohne es einer analysierenden Be-

trachtungsweise zu unterziehen (vgl. BGH, Beschl. v. 8.12.1999 - I ZB 21/97,

GRUR 2000, 323, 324 = WRP 2000, 300 - Partner with the Best; Beschl. v.

11.5.2000 - I ZB 22/98, Umdr. S. 6 - RATIONAL SOFTWARE CORPORA-

TION). Auf dem Sektor der Armbanduhren, auf dem der Verkehr nach den nicht

zu beanstandenden Feststellungen des Bundespatentgerichts eine nahezu

unübersehbare Vielfalt von Gestaltungen kennt, vermag die beliebige Kombi-

nation üblicher Gestaltungselemente, so wie sie sich aufgrund der Eintragung

der Marke darstellt, jedoch in ihrer Gesamtheit für den Verkehr in der Regel

keinen Hinweis auf die betriebliche Herkunft zu begründen.

Sollte das Bundespatentgericht daher bei der erneuten Prüfung zu dem

Ergebnis kommen, daß die IR-Marke auch bei Anlegung eines großzügigen

Maßstabs die Anforderungen an die Unterscheidungskraft nicht erfüllt, ist eine

Schutzverweigerung nach Art. 5 Abs. 1 MMA i.V. mit Art. 6quinquies Abschn. B

Nr. 2 PVÜ geboten, ohne daß es auf die in den Vorabentscheidungsersuchen

des Senats zu dreidimensionalen Formmarken dem Gerichtshof der Europäi-

schen Gemeinschaften vorgelegten Fragen ankommt.

Erdmann

v. Ungern-Sternberg

Starck

Pokrant

Büscher