BGH Urteil vom 06.12.2001 – IX ZR 124/00
IX. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
Verkündet am: 6. Dezember 2001 Bürk Justizhauptsekretärin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
BGB §§ 249 Bb, 675
Die Frage des Ursachenzusammenhangs zwischen einer anwaltlichen Pflicht-
verletzung und dem Schaden des Mandanten beantwortet sich nicht danach,
ob der Mandant dem pflichtwidrigen Rat des Anwalts gefolgt ist oder aus ei-
genem Antrieb gehandelt hat, sondern danach, wie er sich verhalten hätte,
wenn er richtig beraten worden wäre.
BGH, Urteil vom 6. Dezember 2001 - IX ZR 124/00 - OLG Brandenburg
LG Frankfurt (Oder)
Der IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 6. Dezember 2001 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Kreft und die
Richter Stodolkowitz, Dr. Ganter, Raebel und Kayser
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Beklagten wird das Urteil des 11. Zivilsenats
des Brandenburgischen Oberlandesgerichts vom 7. März 2000
aufgehoben.
Die Sache wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung,
auch über die Kosten des Revisionsverfahrens, an das Beru-
fungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Der Kläger ist Opernsänger und war seit 1971 beim K.-Theater der Stadt
F. angestellt. In dem letzten, auf unbefristete Zeit geschlossenen Dienstvertrag
vom 1. Juli 1991 war ausdrücklich festgehalten, daß für den Kläger Kündi-
gungsschutz bestehe. Mit Schreiben vom 1. Juli 1997 teilte der Intendant des
K.-Theaters dem Kläger mit, daß dessen Arbeitsvertrag über die Spielzeit
1997/98 hinaus nicht verlängert werde, weil der Arbeitsplatz infolge Schließung
der Sparte "Musiktheater" gemäß Beschluß der Stadtverordnetenversammlung
wegfalle. Unter Bezugnahme auf den "Tarifvertrag über die Mitteilungspflicht",
der für Bühnenpersonal vor Beendigung eines befristeten Arbeitsvertrags be-
sondere Schutzbestimmungen enthält, wurde dem Kläger angeboten, ihn ab
1. August 1998 am B. Theater weiterzubeschäftigen. Dem Schreiben war ein
von der Leitung dieses Theaters unterschriebener Entwurf eines Dienstvertrags
beigefügt, der eine Anstellung des Klägers für die Zeit vom 1. August 1998 bis
zum 31. Dezember 1999 vorsah. In einer Anlage dazu hieß es, daß de r Vertrag
gültig werde, "wenn die 100 %ige Finanzierung für den Vertragszeitraum ...
vom M. P. übernommen wird", und daß das Kleist-Theater den Kläger zu den
früheren Bedingungen ab 1. Januar 2000 wieder übernehme, "wenn nichts an-
deres vereinbart wurde". Ferner enthielt jene Anlage die Bemerkung, daß das
Vertragsangebot vom Rechtsamt der Stadt F. geprüft werde. Als Alternative zur
Weiterbeschäftigung am B. Theater erhielt der Kläger von seinem Arbeitgeber
das Angebot, das Dienstverhältnis durch eine Abfindungsvereinbarung zu be-
enden.
Der Kläger wandte sich an den verklagten Rechtsanwalt mit der Bitte um
Beratung. Dieser schrieb ihm am 17. Juli 1997, der "zugrundeliegende Tarif-
vertrag" lasse die Nichtverlängerungsmitteilung zu. Falls der Kläger von der
Möglichkeit, am B. Theater weiterzuarbeiten, keinen Gebrauch machen wolle,
"müßte schnellstens der 'Abfindungslösung' näher getreten werden, da es einer
zusätzlichen Kündigung des Arbeitsverhältnisses nicht" bedürfe. Nachdem der
Beklagte sich im Auftrag des Klägers beim Arbeitsamt über etwaige Sperrfri-
sten im Fall einer einverständlichen Aufhebung des Arbeitsverhältnisses er-
kundigt hatte, teilte er dem Kläger im November 1997 mit, es sei voraussicht-
lich mit einem Ruhen der Arbeitslosenbezüge für sieben bis acht Monate zu
rechnen. Gleichzeitig riet er dem Kläger, den Arbeitgeber um Einräumung einer
weiteren Überlegungsfrist zu bitten. Der Kläger hatte jedoch bereits am
28. Oktober 1997 mit der Stadt F. eine schriftliche Vereinbarung geschlossen,
die unter Beendigung des Arbeitsverhältnisses zum 31. Juli 1998 "aus be-
triebsbedingten Gründen" eine Abfindung von 150.000 DM brutto vorsah. Diese
Abfindung hat der Kläger erhalten.
Der Kläger wirft dem Beklagten vor, daß dieser ihn nicht auf die Mög-
lichkeit einer Kündigungsschutzklage hingewiesen habe. Bei richtiger Beratung
hätte er, so hat er behauptet, den Abfindungsvertrag nicht geschlossen. Dann
hätte sein Dienstvertrag bis zur Vollendung seines 65. Lebensjahres fortbe-
standen, und er hätte sich insgesamt um rd. 158.000 DM besser gestanden.
Diesen Betrag hat er vom Beklagten als Schadensersatz verlangt. Das Landge-
richt hat die Klage abgewiesen. Auf die Berufung, mit der der Kläger nur noch
Feststellung der Ersatzpflicht des Beklagten beantragt hat, hat das Oberlan-
desgericht diesem Klagebegehren entsprochen. Mit der Revision verfolgt der
Beklagte seinen Klageabweisungsantrag weiter.
Entscheidungsgründe
Die Revision führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur
Zurückverweisung der Sache an das Berufungsgericht.
I.
Das Berufungsgericht hat die Berufung entgegen der vom Beklagten
geäußerten Ansicht trotz der Beschränkung des Klagebegehrens auf einen
Feststellungsantrag für zulässig gehalten, weil der Kläger damit nicht etwas
anderes, sondern lediglich weniger verlange als im ersten Rechtszug. Die Re-
vision meint demgegenüber, der Kläger habe sich mit seinem Berufungsantrag
nicht gegen die im landgerichtlichen Urteil liegende Beschwer gewandt; denn
er habe es trotz eines Hinweises des Landgerichts in der ersten Instanz abge-
lehnt, einen Feststellungsantrag zu stellen.
Diesem Revisionsangriff liegt zugrunde, daß nach der Rechtsprechung
des Bundesgerichtshofs eine Berufung unzulässig ist, wenn mit ihr der im er-
sten Rechtszug geltend gemachte Klageanspruch nicht wenigstens teilweise
weiterverfolgt, sondern im Wege der Klageänderung ausschließlich ein neuer
Anspruch erhoben wird (BGH, Urt. v. 6. Mai 1999 - IX ZR 250/98, WM 1999,
1689, 1690 m.w.N.). Das ist, wie offenbar auch die Revision sieht, nicht der
Fall, wenn der Kläger die zunächst erhobene Feststellungsklage in der Beru-
fungsinstanz mit einer Leistungsklage weiterverfolgt (BGH, Urt. v. 8. Juni 1994
- VIII ZR 178/93, WM 1994, 1996, 1997 f) oder, wie hier, die erstinstanzliche
Leistungsklage im Berufungsrechtszug auf eine Feststellungsklage beschränkt;
denn er macht damit aus demselben Lebenssachverhalt jeweils nur unter-
schiedlich weit gehende Rechtsfolgen geltend. Die Rechtsprechung läßt es aus
diesem Grund zu, die Verurteilung im Interesse des Klägers auch dann auf ei-
nen Feststellungsanspruch zu beschränken, wenn dieser einen solchen Antrag
nicht ausdrücklich wenigstens hilfsweise gestellt hat (BGHZ 118, 70, 81 f
m.w.N.). Die Revision meint aber, die Umstellung zusammen mit der Beru-
fungseinlegung sei dann unzulässig, wenn der Kläger sich in der ersten Instanz
ausdrücklich geweigert habe, seinen Leistungsantrag in einen darin enthalte-
nen Feststellungsantrag umdeuten zu lassen; in einem solchen Fall verlange
er, wenn er in der nächsten Instanz zur Feststellungsklage übergehe, nicht le-
diglich weniger, sondern etwas anderes. Diese Erwägungen befassen sich in-
dessen mit einem hier nicht zu entscheidenden Sachverhalt. Das Landgericht
hat zwar den Kläger durch prozeßleitende Verfügung darauf hingewiesen, daß
sein Antrag "nicht nachvollziehbar (sei), da es sich um eine Klage auf zukünfti-
ge monatliche Leistung handeln dürfte", und in seinem Urteil heißt es dazu,
weder dies noch "entsprechende Hinweise" in der Klageerwiderung - dort ist
ausgeführt, die Schadensberechnung des Klägers beziehe sich auf keinen
konkreten, sondern auf einen abstrakten zukünftigen Schaden - hätten den
Kläger bewogen, "seinen Klageantrag zu modifizieren". Daraus ergibt sich aber
nicht, daß der Kläger es abgelehnt hätte, zumindest hilfsweise einen Feststel-
lungsantrag zu stellen, der grundsätzlich als ein "Weniger" in jedem Leistungs-
antrag enthalten ist. Schon aus diesem Grund trifft es nicht zu, daß der Kläger
in der Berufungsinstanz etwas verlangt hätte, was er im ersten Rechtszug nicht
zugesprochen haben wollte.
II.
Auf der Grundlage der bisher getroffenen tatsächlichen Feststellungen
läßt sich der mit der Feststellungsklage geltend gemachte Anspruch entgegen
der Ansicht des Berufungsgerichts nicht bejahen.
1. Der Beklagte hat allerdings, wie das Berufungsgericht zutreffend dar-
gelegt hat, seine anwaltlichen Pflichten schuldhaft verletzt. Er hätte erkennen
und den Kläger darauf hinweisen müssen, daß die "Nichtverlängerungsmittei-
lung" vom 1. Juli 1997 in dem vom Theaterintendanten genannten Tarifvertrag
keine Grundlage hatte, weil das Arbeitsverhältnis des Klägers nicht befristet
war. Dieses konnte entgegen der Auskunft des Beklagten nur durch eine - als
solche bis dahin nicht ausgesprochene - Kündigung beendet werden, deren
Wirksamkeit nach den Bestimmungen des Kündigungsschutzgesetzes zu be-
urteilen gewesen wäre. Der Beklagte hat dem Kläger somit eine unzutreffende
Auskunft erteilt. Die Revision greift deshalb das Berufungsurteil in diesem
Punkt zu Recht nicht an.
2. Das Berufungsgericht hat angenommen, die unzutreffende Darstel-
lung der Rechtslage durch den Beklagten sei nach dem Grundsatz, daß ein
beratungsgemäßes Verhalten zu vermuten sei, für die Entscheidung des Klä-
gers, sich auf eine Abfindungsvereinbarung einzulassen, ursächlich gewesen.
Ob das Arbeitsverhältnis wirksam hätte gekündigt werden können, sei uner-
heblich, weil eine Kündigung nicht ausgesprochen worden sei. Diese Beurtei-
lung des Geschehens ist, wie die Revision zu Recht rügt, rechtlich unzutref-
fend.
Die Auskunft des Beklagten war nicht schon deswegen für die Vereinba-
rung vom 28. Oktober 1997 ursächlich, weil der Kläger den Vertrag nach Be-
ratung durch den Beklagten abgeschlossen hat. Es kommt nicht darauf an, ob
er dem pflichtwidrigen Rat des Beklagten gefolgt ist oder aus eigenem Antrieb
gehandelt hat. Zu fragen ist vielmehr, ob der Kläger sich ebenso verhalten
hätte, wenn der Beklagte ihn nicht falsch, sondern richtig beraten hätte. Das
Berufungsgericht hat den Grundsatz, es sei von einem "beratungsgemäßen
Verhalten" auszugehen, mißverstanden. Dieser Grundsatz bezieht sich nicht
auf das, was der Mandant nach Beratung durch den Rechtsanwalt tatsächlich
getan hat. Es geht dabei vielmehr um die für den Ursachenzusammenhang
entscheidende Frage, was der Mandant getan hätte, wenn er richtig beraten
worden wäre. Insoweit kann ihm die ihm obliegende Beweisführung nach den
Grundsätzen des Anscheinsbeweises erleichtert werden, freilich nur dann,
wenn ein bestimmter Rat geschuldet war und es in der gegebenen Situation
unvernünftig gewesen wäre, einen solchen Rat nicht zu befolgen (BGHZ 123,
311, 314 ff; BGH, Urt. v. 22. Februar 2001 - IX ZR 293/99, WM 2001, 741, 743
zur Steuerberaterhaftung).
Auf dieser rechtlichen Grundlage hätte das Berufungsgericht Feststel-
lungen dazu treffen müssen, was der Kläger getan hätte, wenn der Beklagte
ihm der Rechtslage entsprechend gesagt hätte, daß sein Arbeitsverhältnis zwar
nicht durch eine "Nichtverlängerungsmitteilung", wohl aber möglicherweise
durch eine ordentliche Kündigung aufgelöst werden könne. Nach der im
Schreiben des Intendanten vom 1. Juli 1997 enthaltenen Mitteilung sollte, an-
scheinend allerdings nur vorübergehend, die Sparte "Musiktheater" geschlos-
sen werden. Wenn das zutraf - der Beklagte hat sich darauf im weiteren Ver-
lauf des Rechtsstreits berufen, der Kläger hat es bestritten -, waren möglicher-
weise die Voraussetzungen einer betriebsbedingten Kündigung i.S.d. § 1
Abs. 2 Satz 1 KSchG gegeben. Sollte das der Fall gewesen sein, dann war es
jedenfalls nicht ohne weiteres richtig, dem Kläger zu raten, den ihm angebote-
nen Abfindungsvertrag nicht zu schließen. Keinesfalls läßt sich dann auf der
Grundlage eines Erfahrungssatzes davon ausgehen, daß der Kläger es auf
eine Kündigung hätte ankommen lassen.
3. Auch wenn festzustellen sein sollte, daß der Kläger bei richtiger Be-
lehrung den Abfindungsvertrag nicht geschlossen hätte, ließe sich, wie die Re-
vision ebenfalls zu Recht geltend macht, die Frage, ob ihm mit der für den Er-
laß eines Feststellungsurteils erforderlichen Wahrscheinlichkeit ein Schaden
entstanden ist (vgl. dazu BGH, Urt. v. 15. Oktober 1992 - IX ZR 43/92, WM
1993, 251, 259 f), nur beantworten, wenn - nach dem Maßstab des § 287
ZPO - geklärt ist, ob eine Kündigung des Arbeitsverhältnisses zu erwarten war
und wirksam gewesen wäre.
III.
Die Sache ist an das Berufungsgericht zurückzuverweisen, damit die zur
Kausalität und - gegebenenfalls - zum Eintritt eines Schadens erforderlichen
tatsächlichen Feststellungen getroffen werden können. Der Senat weist darauf
hin, daß unbeschadet der in der Frage des Ursachenzusammenhangs grund-
sätzlich dem Kläger obliegenden Beweisführung die Beweislast in der Frage,
ob die tatsächlichen Voraussetzungen für eine betriebsbedingte Kündigung
vorlagen, gemäß § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG beim Beklagten liegt. Die in dieser
Bestimmung enthaltene Beweislastregelung gilt auch für den Regreßprozeß
(vgl. BGHZ 133, 110, 115 f; BGH, Urt. v. 3. Mai 2001 - IX ZR 46/00, ZIP 2001,
1099, 1101). Freilich müßte angesichts des Schreibens des Theaterintendan-
ten vom 1. Juli 1997 zunächst der Kläger seine Behauptung, von einer Schlie-
ßung der Musiktheaterabteilung sei nicht auszugehen gewesen und sie habe
auch nicht stattgefunden, erläutern.
Kreft
Stodolkowitz
Ganter
Raebel
Kayser