BGH Urteil vom 06.05.2004 – I ZR 265/01
I. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk: ja BGHZ: BGHR:
nein ja
Verkündet am: 6. Mai 2004 Führinger Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Lebertrankapseln
UWG § 1; HWG § 11 Abs. 1 Nr. 10
a) Ein Verstoß gegen § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG liegt nur dann vor, wenn die Werbung zumindest zu einer mittelbaren Gesundheitsgefährdung führen kann.
b) Eine mittelbare Gesundheitsgefährdung ist gegeben, wenn die Werbung die nicht nur als geringfügig einzustufende Gefahr begründet, daß ihre Adressa- ten von einem Arztbesuch absehen, den sie ohne die Werbung gemacht hätten. Die Werbung muß geeignet sein, das generell bestehende Risiko zu erhöhen, von einem erforderlichen ärztlichen Rat abzusehen.
BGH, Urt. v. 6. Mai 2004 - I ZR 265/01 - OLG Schleswig
LG Itzehoe
Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhand-
lung vom 6. Mai 2004 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Ullmann und die
Richter Pokrant, Dr. Büscher, Dr. Schaffert und Dr. Bergmann
für Recht erkannt:
Die Revision gegen das Urteil des 6. Zivilsenats des Schleswig-
Holsteinischen Oberlandesgerichts in Schleswig vom 25. Septem-
ber 2001 wird auf Kosten der Klägerin zurückgewiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die Beklagte, ein Pharmaunternehmen, gibt die Broschüre "F. "
heraus, die über Apotheken an Verbraucher verteilt wird. In der Broschüre ist
- neben Kreuzworträtseln und einem Kochrezept - der nachstehend wiederge-
gebene Artikel abgedruckt, in dem die Symptome und der Verlauf der allgemei-
nen Arterienverkalkung geschildert werden und zu deren Bekämpfung die Ein-
nahme des Produkts der Beklagten "Lebertrankapseln P. ®" empfohlen wird:
Die Klägerin, die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs,
sieht in dieser Werbung eine gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG unzulässige und
damit gemäß § 1 UWG wettbewerbswidrige Anleitung zur Selbstmedikation. Sie
hat die Beklagte deshalb auf Unterlassung in Anspruch genommen.
Das Landgericht hat der Klage unter Bezugnahme auf die Gründe der
vom Berufungsgericht im Verfahren der einstweiligen Verfügung erlassenen
Entscheidung (OLG Schleswig WRP 2001, 1108) stattgegeben.
Die Berufung der Beklagten hat zur Klageabweisung geführt (OLG
Schleswig PharmR 2003, 13).
Mit ihrer Revision, deren Zurückweisung die Beklagte beantragt, begehrt
die Klägerin die Wiederherstellung des landgerichtlichen Urteils.
Entscheidungsgründe
I. Das Berufungsgericht hat den von der Klägerin geltend gemachten
Verstoß gegen § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG verneint. Hierzu hat es ausgeführt:
Die Bestimmung des § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG sei im Streitfall zwar, wie
der Berufungssenat bereits in seinem im Verfügungsverfahren ergangenen Ur-
teil im einzelnen ausgeführt habe, anwendbar und grundsätzlich auch einschlä-
gig, im Hinblick auf die Richtlinie 92/28/EWG des Rates vom 31. März 1992
über die Werbung mit Arzneimitteln aber restriktiv auszulegen. Allerdings be-
stünden zwischen ihr und dem mit ihr korrespondierenden Art. 5 lit. i der Richtli-
nie keine substantiellen Abweichungen. Die Richtlinie verlange aber eine aus-
führliche Beschreibung oder Darstellung der Anamnese, zu der auch die Dar-
stellung von Symptomen der beschriebenen Krankheit gehöre. Sie sehe daher
strengere Voraussetzungen vor als die Regelung des § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG,
der Schriften verlange, die den Leser zur Selbsterkenntnis bestimmter Krank-
heiten anzuleiten geeignet seien, wobei es sich regelmäßig um die Schilderung
von Symptomen handele, die einer in der Schrift genannten Krankheit zuzuord-
nen seien. Die Vorschrift des § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG sei insoweit an die Richt-
linie 92/28/EWG anzupassen, die nach ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Sy-
stematik und ihrem Sinn und Zweck nicht nur Mindeststandards, sondern auch
Höchststandards vorgebe. Die gebotene richtlinienkonforme Auslegung des
§ 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG führe daher dazu, daß nur eine ausführliche Beschrei-
bung der mit der Krankheit einhergehenden Symptome den gesetzlichen Tat-
bestand erfülle. Das Verbot der streitgegenständlichen Werbung lasse sich
auch nicht darauf stützen, daß § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG immerhin mit der in
Art. 5 lit. a der Richtlinie 92/28/EWG getroffenen Regelung übereinstimme.
II. Die gegen diese Beurteilung gerichtete Revision der Klägerin hat kei-
nen Erfolg. Das Berufungsgericht ist im Ergebnis zu Recht davon ausgegangen,
daß der von der Klägerin geltend gemachte Unterlassungsanspruch gemäß § 1
UWG i.V. mit § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG nicht besteht.
Die Unbegründetheit der Klage ergibt sich bereits aus der verfassungs-
konformen und damit namentlich dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit
Rechnung tragenden Auslegung des § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG. Nicht zu ent-
scheiden ist daher die vom Berufungsgericht bejahte Frage, ob diese Vorschrift
im Blick auf die früher in Art. 5 lit. i der Richtlinie 92/28/EWG (ABl. Nr. L 113 v.
30.4.1992, S. 13) und inzwischen in Art. 90 lit. i der Richtlinie 2001/83/EG des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 6. November 2001 zur Schaffung
eines Gemeinschaftskodexes
für Humanarzneimittel (ABl. Nr. L 311 v.
28.11.2001, S. 67) enthaltene Bestimmung, wonach Öffentlichkeitswerbung für
ein Arzneimittel keine Elemente enthalten darf, die durch eine ausführliche Be-
schreibung oder Darstellung der Anamnese zu einer falschen Selbstdiagnose
verleiten könnten, ebenfalls nur für Veröffentlichungen gilt, die eine solche aus-
führliche Beschreibung oder Darstellung der Symptome enthalten. Dasselbe gilt
für die zwischen den Parteien des weiteren streitige Frage, ob eine mittelbare
Gesundheitsgefährdung im Rahmen des § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG außer Be-
tracht bleiben muß, weil Art. 90 lit. i der Richtlinie 2001/83/EG im Unterschied
zu deren Art. 90 lit. a, der an die Stelle des damit inhaltsgleichen Art. 5 lit. a der
Richtlinie 92/28/EWG getreten ist, diesen Gesichtspunkt nicht anspricht. Damit
scheidet auch eine Aussetzung des Rechtsstreits und Vorlage der Sache an
den Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften zur Auslegung des Art. 90
lit. i und lit. a der Richtlinie 2001/83/EG aus.
1. Das Berufungsgericht ist zu Unrecht davon ausgegangen, im Streitfall
wäre, wenn es die Richtlinie 92/28/EWG nicht gäbe, ein Verstoß gegen § 11
Abs. 1 Nr. 10 HWG zu bejahen.
a) Die genannte Bestimmung verbietet es, außerhalb der Fachkreise für
Arzneimittel, Verfahren, Behandlungen, Gegenstände oder andere Mittel mit
Veröffentlichungen oder entsprechenden Anleitungen in audiovisuellen Medien
zu werben, die dazu anleiten, bestimmte Krankheiten, Leiden, Körperschäden
oder krankhafte Beschwerden beim Menschen selbst zu erkennen und mit den
in der Werbung bezeichneten Arzneimitteln, Gegenständen, Verfahren, Be-
handlungen oder anderen Mitteln zu behandeln. Da sie damit die Möglichkeiten
der Publikumswerbung und dementsprechend die Freiheit der Berufsausübung
einschränkt, greift sie nur dann ein, wenn eine Werbemaßnahme zu einer un-
mittelbaren oder zumindest zu einer mittelbaren Gesundheitsgefährdung führen
kann (vgl. - zu § 1 Abs. 2 HeilpraktikerG - BVerfG, Beschl. v. 17.7.2000
- 1 BvR 254/99, NJW 2000, 2736).
b) Eine unmittelbare Gesundheitsgefährdung in dem Sinne, daß derjeni-
ge, der aufgrund der beanstandeten Werbung zur Einnahme des Präparats der
Beklagten veranlaßt wird, hierdurch einen Schaden an seiner Gesundheit er-
leiden könnte, ist nicht ersichtlich und auch von der Klägerin nicht geltend ge-
macht worden.
c) Eine des weiteren noch in Betracht zu ziehende mittelbare Gesund-
heitsgefährdung ist im Streitfall ebenfalls zu verneinen. Eine solche Gefährdung
wäre gegeben, wenn die Werbung der Beklagten die nicht nur als geringfügig
einzustufende Gefahr begründete, daß ihre Adressaten glauben, sie könnten
ein auch bei ihnen vorliegendes, sich in Form von Vergeßlichkeit und/oder
ständiger Erschöpfung zeigendes Leiden durch die Einnahme des beworbenen
Lebertran-Präparats der Beklagten heilen, und daher von einem Arztbesuch
absehen, den sie ohne die Werbung gemacht hätten und der zum noch recht-
zeitigen Erkennen anderer, ernster Leiden geführt hätte (vgl. BGH, Urt. v.
21.6.2001 - I ZR 197/00, GRUR 2001, 1170, 1171 = WRP 2001, 1166 - Opto-
metrische Leistungen II, m.w.N.). Davon kann nach den im Streitfall getroffenen
Feststellungen nicht ausgegangen werden.
aa) Bei der insoweit gebotenen Beurteilung ist zu berücksichtigen, daß
dem Publikum nach der Lebenserfahrung bekannt ist, daß die in der Werbung
als Symptome
für Arterienverkalkung angeführten Erscheinungen der
Vergeßlichkeit und der dauernden Erschöpfung ganz unterschiedliche
Ursachen haben können und daß diese in unterschiedlichem Umfang be-
handlungsbedürftig und behandelbar sind. Dem in dieser Hinsicht beim
durchschnittlichen Werbeadressaten vorhandenen medizinischen Grundwissen
arbeitet die streitgegenständliche Werbung nicht in einer Weise entgegen, daß
ihr Verbot unter dem Gesichtspunkt einer gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG nicht
sichtspunkt einer gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 10 HWG nicht hinzunehmenden mit-
telbaren Gesundheitsgefährdung gerechtfertigt wäre. In diesem Zusammen-
hang ist insbesondere zu berücksichtigen, daß eine zulässige Publikumswer-
bung nach § 4 Abs. 1 Nr. 4 HWG die Mitteilung enthalten muß, für welche An-
wendungsgebiete die Therapieempfehlung ausgesprochen wird. Wenn die An-
wendungsgebiete Krankheiten erfassen, deren Symptome dem durchschnittli-
chen Werbeadressaten ohne weiteres geläufig sind, ist es mit § 11 Abs. 1
Nr. 10 HWG grundsätzlich vereinbar, daß die Symptome in der Werbung zur
Verdeutlichung nochmals genannt werden. Denn die Angabe der Symptome
leitet unter dieser Voraussetzung grundsätzlich nicht zur Selbsterkennung der
Krankheiten an. Eine unzulässige Diagnoseanleitung liegt in solchen Fällen da-
her regelmäßig nur dann vor, wenn beim Publikum zumindest eine Unsicherheit
darüber besteht, worin sich die mit dem beworbenen Arzneimittel zu therapie-
rende Krankheit äußert, und die Werbung in dieser Hinsicht durch Schilderung
der typischen Symptome zusätzliche Hinweise enthält (vgl. OLG Frankfurt
PharmR 2003, 211, 212 = OLG-Rep 2003, 402).
bb) Eine abweichende Beurteilung ist allerdings dann geboten, wenn die
bekannten Symptome einer bekannten Krankheit auch auf eine andere, nicht in
diesem Maße bekannte Erkrankung hinweisen können. In einem solchen Fall ist
eine relevante mittelbare Gesundheitsgefährdung zu bejahen, wenn die Wer-
bung geeignet ist, beim durchschnittlichen Adressaten den Eindruck zu erwek-
ken, daß die dort geschilderten Symptome allein auf die Krankheit hinweisen,
deren Bekämpfung das beworbene Arzneimittel dient.
Einen solchen Eindruck vermittelt die streitgegenständliche Werbung je-
doch nicht. Sie enthält zwar keinen ausdrücklichen Hinweis, daß Vergeßlichkeit
und ständige Erschöpfung auch Anzeichen für andere krankhafte Zustände und
darunter solche sein können, die gefährlich sind und eine umgehende ärztliche
Behandlung erfordern. Die Werbung ist aber auch nicht so gestaltet, daß der
durchschnittliche Werbeadressat glauben könnte, die Einnahme des beworbe-
nen Mittels stelle quasi das "Patentrezept" dar, um jede sich in diesen Sympto-
men zeigende Krankheit zu überwinden oder immerhin einzudämmen. Schon
aus diesem Grund ist die Wahrscheinlichkeit eher als gering einzustufen, daß
Personen, die die entsprechenden Symptome bei sich wahrgenommen haben,
durch die streitgegenständliche Werbung von einem Arztbesuch abgehalten
werden, den sie ohne diese gemacht hätten. Es kommt im Streitfall hinzu, daß
in der Werbung darauf hingewiesen wird, daß Vergeßlichkeit und ständige Er-
schöpfung Symptome eines Leidens sind, das behandelbar ist. Die Werbung ist
damit nicht nur geeignet, ihre Adressaten womöglich vom Gang zum Arzt abzu-
halten, sondern durchaus auch umgekehrt geeignet, sie zu einem ansonsten
unterbliebenen notwendigen Arztbesuch zu veranlassen. Sie ist jedenfalls nicht
darauf ausgerichtet, daß ihre Adressaten von einem Arztbesuch absehen, den
sie ohne die Werbung gemacht hätten.
2. Soweit die Klägerin mit der Revision unter Hinweis auf § 3 Nr. 2 lit. c
HWG erstmals geltend macht, durch die als redaktioneller Beitrag aufgemachte
Werbung trete in den Hintergrund, daß der Artikel von einem pharmazeutischen
Unternehmen verfaßt worden sei, das ein erhebliches wirtschaftliches Eigenin-
teresse an dem Verkauf des beworbenen Präparats habe, führt sie einen neuen
Streitgegenstand in den Rechtsstreit ein (vgl. BGHZ 154, 342, 347 ff. - Reini-
gungsarbeiten, m.w.N.). Hierin liegt eine nachträgliche Klageerweiterung, die in
der Revisionsinstanz grundsätzlich nicht möglich ist (§ 561 Abs. 1 ZPO a.F.;
vgl. BGHZ 26, 31, 37; BGH, Urt. v. 25.6.1999 - V ZR 190/98, NJW 1999, 3115,
3117 m.w.N.). Die Voraussetzungen, unter denen eine solche Klageerweiterung
dort ausnahmsweise zulässig ist (vgl. dazu MünchKomm.ZPO/Wenzel, 2. Aufl.,
Aktualisierungsband, § 559 Rdn. 20), liegen im Streitfall nicht vor.
III. Danach war die Revision der Klägerin mit der Kostenfolge aus § 97
Abs. 1 ZPO zurückzuweisen.
Ullmann
Pokrant
Büscher
Schaffert
Bergmann