BGH Urteil vom 18.04.2005 – II ZR 195/04
II. Zivilsenat
BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
in dem Rechtsstreit
Verkündet am: 18. April 2005 Vondrasek Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Der II. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Ver-
handlung vom 18. April 2005 durch die Richter Prof. Dr. Goette, Dr. Kurzwelly,
Kraemer, Prof. Dr. Gehrlein und Dr. Strohn
für Recht erkannt:
Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des 3. Zivilsenats des
Oberlandesgerichts Braunschweig vom 14. Juli 2004 im Kosten-
punkt und insoweit aufgehoben, als die Klage abgewiesen worden
ist.
Die Sache wird im Umfang der Aufhebung zur neuen Verhandlung
und Entscheidung, auch über die Kosten des Revisionsverfahrens,
an das Berufungsgericht zurückverwiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand
Die zu 1. beklagte Aktiengesellschaft (im folgenden: Beklagte) be-
schäftigt sich - ebenso wie es ihre Rechtsvorgängerin G. Vermögensanlagen
AG getan hatte - u.a. mit dem Erwerb, der Verwaltung und der Verwertung von
Immobilien, Wertpapieren und Unternehmensbeteiligungen. Der Kläger beteilig-
te sich mit Erklärung vom 3. März 1995 als stiller Gesellschafter an der
G. Vermögensanlagen AG. Seine Einlage hatte er in monatlichen Raten zu je
735,00 DM über 10 Jahre zu zahlen. Am Ende der Laufzeit sollte das Ausein-
andersetzungsguthaben über einen Zeitraum von 10 Jahren in monatlichen
Raten ausgezahlt werden. Aufgrund einer Vollmacht des Klägers schloß die
G. Vermögensanlagen AG
in seinem Namen mit der Beklagten unter
dem 1. Januar 1998 einen weiteren stillen Gesellschaftsvertrag, wonach der
Kläger die monatlichen Raten für noch 86 Monate an die Beklagte - bezogen
auf deren Unternehmenssegment VII - zu zahlen hatte bei sonst gleichen Be-
dingungen wie in dem ersten Vertrag.
Mit Anwaltsschreiben vom 26. März 2001 erklärte der Kläger die Anfech-
tung des Vertrages vom 1. Januar 1998 und verlangte von der Beklagten die
Rückzahlung seiner auf alle Verträge geleisteten Einlagen. Unter dem 29. Mai
2001 erklärte er die Kündigung wegen Fehlens einer bankrechtlichen Erlaubnis
nach § 32 KWG und wegen mangelhafter Aufklärung über die Risiken der Anla-
ge. Am 19. November 2002 schließlich ließ er durch seinen Anwalt hinsichtlich
aller Verträge seine Vertragserklärungen wegen Mängeln bei der Genehmigung
der Verträge durch die Hauptversammlung der Beklagten und bei der Eintra-
gung der Verträge in das Handelsregister widerrufen und verlangte erneut
Rückerstattung aller Einlagezahlungen.
Mit der Klage begehrt er die Verurteilung der Beklagten - die Klage ge-
gen den zu 2. mitverklagten Anlagevermittler ist zurückgenommen worden - zur
Rückzahlung der an sie bzw. ihre Rechtsvorgängerin gezahlten Einlagen in der
zuletzt behaupteten Höhe von 19.165,77 € sowie - im z weiten Rechtszug - die
Feststellung, daß er nicht verpflichtet ist, auf die Gesellschaftsverträge weitere
Zahlungen vorzunehmen. Die Beklagte hat den Feststellungsantrag insoweit
anerkannt, als davon Einlagezahlungen betroffen sind. Mit diesem Inhalt hat
das Berufungsgericht der Klage stattgegeben. Im übrigen ist die Klage in beiden
Vorinstanzen erfolglos geblieben. Dagegen richtet sich die von dem Berufungs-
gericht zugelassene Revision des Klägers.
Entscheidungsgründe
Die Revision ist begründet und führt zur Aufhebung des angefochtenen
Urteils und zur Zurückverweisung der Sache an das Berufungsgericht.
I. Das Berufungsgericht hat zur Begründung der Klageabweisung ausge-
führt: Entgegen der Auffassung des Klägers komme es nicht darauf an, ob die
Zustimmungsbeschlüsse der Hauptversammlung der Beklagten und die Han-
delsregistereintragungen wirksam seien, ob mit den eingescannten Unterschrif-
ten unter dem Folgevertrag die erforderliche Schriftform gewahrt sei und ob der
Kläger im Zusammenhang mit dem ersten Vertragsschluß fehlerhaft beraten
worden sei. Jedenfalls seien die Verträge nach den Regeln über die fehlerhafte
Gesellschaft als wirksam zu behandeln. Der Ursprungsvertrag sei durch Unter-
zeichnung des Klägers und Gegenzeichnung der Mitarbeiterin Gr. der
G. Vermögensanlagen AG zustande gekommen. Frau Gr. habe jedenfalls
mit Duldungsvollmacht gehandelt, im übrigen sei ihr Handeln von den Vor-
standsmitgliedern durch Vorlage der Verträge zur Abstimmung in der Haupt-
versammlung konkludent genehmigt worden. Damit könne der Kläger
allenfalls - was er nicht tue - Zahlung der Auseinandersetzungsguthaben ver-
langen, nicht aber Rückzahlung seiner Einlagen.
II. Dagegen wendet sich die Revision mit Erfolg.
1. Im Ergebnis zutreffend hat das Berufungsgericht allerdings angenom-
men, daß die Gesellschaftsverträge wirksam sind, so daß dem Kläger keine
Ansprüche aus § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB auf Rückzahlung seiner Einla-
gen zustehen.
a) Auf eine stille Gesellschaft sind die Grundsätze über die fehlerhafte
Gesellschaft anwendbar. Danach ist ein fehlerhafter Gesellschaftsvertrag
grundsätzlich als wirksam zu behandeln, wenn er in Vollzug gesetzt worden ist.
Lediglich für die Zukunft können sich die Vertragspartner von dem Vertrag
lösen. Bei einem - wie hier - als Teilgewinnabführungsvertrag i.S. des § 292
Abs. 1 Nr. 2 AktG zu wertenden stillen Gesellschaftsvertrag mit einer Aktienge-
sellschaft bedarf es für die Invollzugsetzung nicht der Zustimmung der Haupt-
versammlung und der Eintragung des Vertrages in das Handelsregister. Es ge-
nügt, daß der stille Gesellschafter Einlagezahlungen leistet (ständige Recht-
sprechung des Senats, zuletzt Urteile vom 21. März 2005 - II ZR 140/03 und
II ZR 310/03, z.V.b.).
Diese Voraussetzungen sind hier erfüllt. Die Parteien haben die Verträge
als wirksam behandelt. Der Kläger hat zunächst die Einlageraten vertragsge-
mäß bezahlt. Damit kommt es nicht darauf an, ob die Mitarbeiterin Gr. bei
der Annahme des Vertragsangebots des Klägers eine Vollmacht der G.
Vermögensanlagen AG hatte - woran im übrigen aber auch keine ernsthaften
Zweifel bestehen.
b) Entgegen der Auffassung der Revision besteht kein Anlaß, die Grund-
sätze der fehlerhaften Gesellschaft im vorliegenden Fall nicht anzuwenden.
Diese Grundsätze kommen nur dann nicht zur Anwendung, wenn ausnahms-
weise die rechtliche Anerkennung des von den Parteien gewollten und tatsäch-
lich vorhandenen Zustands aus gewichtigen Belangen der Allgemeinheit oder
bestimmter besonders schutzwürdiger Personen unvertretbar ist. Die Voraus-
setzungen eines solchen Ausnahmefalls hat das Berufungsgericht zu Recht als
nicht erfüllt angesehen. Insbesondere reichen dafür etwaige Mängel bei der
Einhaltung der nach § 293 Abs. 3 AktG erforderlichen Schriftform, bei der Zu-
stimmung der Hauptversammlung nach § 293 Abs. 1 AktG und bei der Eintra-
gung der Verträge in das Handelsregister nach § 294 AktG nicht aus. Ebenso-
wenig kommt es darauf an, ob die Vollmacht zum Abschluß der Folgeverträge
nach § 134 BGB i.V.m. Art. 1 § 1 RBerG nichtig ist. Das alles hat der Senat be-
reits in den Urteilen vom 21. März 2005 (aaO) ausgeführt.
2. Das Berufungsgericht hat aber verkannt, daß ein Schadensersatzan-
spruch des Klägers gegen die Beklagte zu einem Erfolg der auf die Rückzah-
lung der Einlagen und auf - ergänzende - Feststellung, nicht zu Zahlungen an
die Beklagte verpflichtet zu sein, gerichteten Klage führen würde.
a) Wie der Senat in seinen nach Erlaß des angefochtenen Urteils ver-
kündeten Entscheidungen vom 19. Juli 2004, 29. November 2004 und 21. März
2005 (II ZR 354/02, ZIP 2004, 1706, II ZR 6/03, ZIP 2005, 254, 256 und
II ZR 140/03 sowie II ZR 310/03, z.V.b.) ausgeführt hat, stehen die Grundsätze
der fehlerhaften Gesellschaft einem Anspruch auf Rückgewähr der Einlage
dann nicht entgegen, wenn der Vertragspartner des stillen Gesellschafters - der
Inhaber des Handelsgeschäfts i.S. des § 230 HGB - verpflichtet ist, den stillen
Gesellschafter im Wege des Schadensersatzes so zu stellen, als hätte er den
Gesellschaftsvertrag nicht abgeschlossen und seine Einlage nicht geleistet.
b) Danach kommt es für die Entscheidung des Rechtsstreits darauf an,
ob der Beklagten oder ihrer Rechtsvorgängerin eine Verletzung von Aufklä-
rungspflichten vorzuwerfen ist. Dann würde sie dem Kläger wegen Verschul-
dens bei Vertragsschluß (jetzt § 280 Abs. 1, 3, § 282, § 241 Abs. 2, § 311
Abs. 2 Nr. 1 BGB n.F.) zum Schadensersatz verpflichtet sein, wobei sie ggf. für
ein Fehlverhalten des Vermittlers F. - früherer Beklagter zu 2 - nach § 278
BGB einstehen müßte. In Betracht kommt auch eine Haftung nach § 826 BGB
und § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. §§ 263, 264 a StGB.
Nach der ständigen Rechtsprechung des Senats muß einem Anleger für
seine Beitrittsentscheidung ein zutreffendes Bild über das Beteiligungsobjekt
vermittelt werden, d.h. er muß über alle Umstände, die für seine Anlageent-
scheidung von wesentlicher Bedeutung sind oder sein können, insbesondere
über die mit der angebotenen speziellen Beteiligungsform verbundenen
Nachteile und Risiken zutreffend, verständlich und vollständig aufgeklärt wer-
den (zuletzt Urteile vom 21. März 2005 - II ZR 140/03 und II ZR 310/03, z.V.b.).
Dazu hat der Kläger bereits im ersten Rechtszug unter Beweisantritt vorgetra-
gen: Er habe als selbständiger Gastwirt im Alter von 58 Jahren den Vertrag ab-
geschlossen, um sich eine zusätzliche Altersversorgung zu schaffen. Auf Risi-
ken der Anlage, insbesondere auf die Gefahr eines Totalverlusts der Einlage
und auf die Möglichkeit einer Nachschußpflicht, sei er bei dem Vertragsanbah-
nungsgespräch nicht hingewiesen worden. Ihm sei vielmehr gesagt worden, es
handele sich um eine äußerst sichere Anlage. Ihm sei eine monatliche Rente
i.H.v. 800,00 DM versprochen worden. Nur deshalb habe er das gesamte Geld,
das er habe beiseite legen können, bei der Beklagten und ihrer Rechtsvorgän-
gerin angelegt. Seine Altersrente betrage lediglich 576,48 €.
Das Berufungsgericht ist diesem substantiierten Vortrag nicht nachge-
gangen, obwohl der Kläger in der mündlichen Verhandlung ausdrücklich erklärt
hat, er halte den Vortrag auch nach der Rücknahme der Klage gegen den Be-
klagten zu 2 aufrecht, und das Berufungsgericht von der Anwendung der allein
in Betracht kommenden Verspätungsvorschriften abgesehen hat. Für das Revi-
sionsverfahren ist damit dieser zu berücksichtigende Vortrag als richtig zu un-
terstellen. Dann aber besteht kein Zweifel, daß der Kläger - ungeachtet des
Textes des Zeichnungsscheins - über die Risiken der Anlage nicht ordnungs-
gemäß aufgeklärt worden ist.
3. Der Rechtsstreit ist an das Berufungsgericht zurückzuverweisen, damit
die erforderlichen Feststellungen getroffen werden können.
Goette
Kurzwelly
Kraemer
Gehrlein
Strohn